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Der Israelit · 1922-01-12 · Heft 2 (12.1.1922) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
63 (1922)
Issue
Heft 2 (12.1.1922)
Date
1922-01-12
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite S Nr. 2 Der ISraelit. Reichtümer ins Land gebracht und dem polnischen Arbeiter eine kaum zu überwältigende Arbeitsfüllr und guten Lohn gegeben haben. Allein durch ihre üble Gewohnheit, durch reiche Kleidung, lautes Nussisch-sprechen auf offener Straße und in den Restaurants, wo sie, nach russischer kaufmännischer Sitte, bei einem Glas Tee oder einer Flasche Schnaps alle Geschäfte abschließen, haben sie sich auffallend gemacht und eben dadurch gaben sie den antisemitischen Skriblern Veranlassung zur Verdächtigung, als ob sie die böswillige Absicht hätten, Polen oder, mindestens die polnisches Juden zu russisizieren. Wie sinnlos eine solche Verdächtigung gegen diejenigen auch sein mochte, die aus dem Herzen Rußlands unlängst mit unsäglicher Grausamkeit ertriebeu wurden, diese Verdächtigung hat doch in der großen dunkeln Masse Glauben gefunden, der Haß kennt ja keine Logik. Und wo hat je die Judenfeindlichkeit um Wahrheit und Einsicht sich bekümmert? Jedenfalls, die Anklage war da und hatte den Schein der Wahrscheinlichkeit für sich in der taktlosen Haltung derjenigen, gegen welche sie hauptsächlich gerichtet war. Und als dieselben, meist noch junge Flüchtlinge, für ihre Pflicht hielten, die aus ihrer früheren Heimat hierher mitgebrachten national.jüdischen Bestrebungen zu betätigen und in Wort und Schrift den polnischen Patriotismus der einheimischen Juden, den sie als „Majofispatriotismus" bezeichnetcu, derb und rücksichtslos verspotteten, da ging der Teufel von Antisemitismus los mit aller Wut und Niederträchtigkeit, und es war nicht schwer das Schlimmste vorauszusehen. Vergebens habe ich damals in diesen Spalten und in der „Jüdischen Presse", wie auch in einer besonderen hebräischen Schrift vor den zu erwartenden grausamen Folgen gewarnt. Aber'die heißblütigen Nationalisten, welche damals die Wortführer in Warschau, Lodz und anderen jüdischen Zentren Polens waren, haben unbekämpft ihr fluchwürdiges Werk, als Dmowskys unfreiwillige Handlanger, fortgesetzt. Zu welchen fürchterlichen Resultaten es geführt hat, ist leider nun aller Welt nur zu gut bekannt. Dasselbe wiederholt sich nun in Litauen. Die aus Sowjetrußland nach unsäglichen Strapazen hetmgekehrten jungen jüdischen Kaufleute scheinen ihre alte Hetmat vollständig zu verkennen. Es macht den Eindruck, als ob sie glauben, sich im zarischen Litauen zu befinden, wo man mit dem Russischen Parade machen könnte, während hier das Russisch-sprechen gegenwärtig tief verhaßt ist. Hat ja Litauen vom zarischen Regime nicht weniger gelitten als Polen. Zudem in Sowjetrußland durch langes Darben und Entbehren, durch langes abenteuerliches Wagen und Riskieren zu einigen Geldmitteln gelangt, scheinen sie das Versäumte an Putz- und Genußsucht in aller Eile einholen zu wollen. Auf der Promenade reich gekleidet mit lautem russischem Geschwätz in aller Augen sich werfend, machen sie sich in den vornehmen Casäs und Restaurants durch sinnloses Verprassen auffallend, werden sie hier wie dort von unfern antisemitischen Gönnern scharf beobachtet. Schon jetzt wird von der örtlichen antisemitischen Presse den Juden der lächerliche Vorwurf der böswilligen Russifikation und der Bereicherung durch Ausbeutung der örtlichen Bevölkerung auf dem Wege der Schieberei und Spekulation gemacht. Wohl nirgends dürfte die antisemitische Agitation solchen fruchtbaren Boden finden, wie mitten in einer bäuerlichen Bevölkerung, die soeben in ein selbständiges politisches Leben getreten ist, wo jede politische Jntrigue ihr noch ganz neu und fremd ist. Die antisemitische Gefahr ist hier um so größer und bedenklicher, als unsere politisierende Jugend noch unbesonnen und unerfahren genug ist, um mit der quasi „jüdischen Autonomie", mit dem quasi „jüdischen Ministerium" und quasi „jüdischen Narionalrat", taktlos sich zu brüsten, welche uns bis jetzt faktisch nichts als Verstärkung des Antisemitismus, nichts als die Mißgunst der litauischen Bevölkerung und die Beschuldigung, als ob die Juden gerade in Litauen einen Staat im Staate bilden wollen, und, was vielleicht noch weit schlimmer ist: nichts als die Schwächung und die systematische Untergrabung der gesetzestreuen Judenhett gebracht haben. Gegen diese in Steben-Meilen-Stiefeln heranschreitende riesige Gefahr, deren schwere Folgen nicht abzusehen sind und zwar für keinen andern, als für die Juden in Litauen selbst, muß ganz Ernstes unternommen werden. Es muß zu diesem Zwecke, je früher, desto besser, eine große Beratung ernster in öffentlichen Angelegenheiten, vielerfahrener Vertrauensmänner einberufen werden, auf welche ich bereits in meiner vorigen Besprechung hingewiesen habe. Daß ich über einen so hochwichtigen Gegenstand gerade in einem ausländischen Blatt spreche zur Zeit, wo wir in Litauen selbst 3 jüdische Blatter haben, ist ausschließlich dadurch zu erklären, daß alle diese 3 inländischen Blätter abhängige, partei-politische sind, für welche die Politik ihrer Partei über alles geht, daher jeder in ihnen erscheinende Artikel vom lesenden Publikum als ein Parteiartikel des betreffenden Organs betrachtet wird und je nachdem ihm eine entsprechende Bedeutung zuerkannt wird, ohne auf sein Grundwesen näher einzugehen und seine sachlichen Motive objektiv in Erwägung zu '_13. Januar 1822, ziehen. Em ganz anderes Schicksal hoffe ich^ dürfte ein Artikel erfahren, welcher in einem ht währt jüdischen ausländischen Organ erscheint, welches fern von allen örtlichen politischen Parteien und Zänkereien der litauischen Judenheit, keine Parteipolitik treibt und ausschließlich das Wohl und das Weh der Judenheit an sich im Auge hat. Auch nur ein solches Organ ist geeignet über die hier im Lande umstrittene Frage vom Wert und Unwert, Nutzen und Schaden einer noch nie und nirgends bis . jetzt in der Diaspora dagewesenen jüdischen Autonomie eine richtige Meinung sich zu bilden. (Forts, folgt). Wochenmndschau. Nemesis. Die „Liberale Vereinigung" mit ihren theologischen Führern und ihren Jugendvereiuen hielt in Breslau, Abraham Geigers Haupt- und Residenzstadt, ihre Heeresschau zum Jahrbeginn ab. Es liegt uns zur Stunde ein Bericht über den Verlauf der Tagung noch nicht vorman braucht aber darauf auch nicht allzusehr gespannt zu sein. Denn andere Gedanken und Gesichtspunkte wie man sie seit der denkwürdigen Kodisizierung der liberalen Anschauungen durch die berüchtigten „Richtlinien" in der liberalen Literatur und neuerdings in der zur Tagung erschienenen Festnummer der Breslauer „Jüdisch-liberalen Zeitung" niedergelegt findet, wird wohl auch die Versammlung selber kaum zutage fördern. Von den wenig geschmackvollen „Zehngeboten" des religiösen Liberalismus an, die diese Nummer einleiten, bis zu den an sich formvollendeten und teilweise geistvollen Betrachtungen des Essener Reformrabbiners, Dr. Samuel, zeigt die Nummer, daß der Liberalismus nichts gelernt und nichts vergessen hat. Noch immer die komische Entrüstung über die Be'behaltunng orthodoxer „Normen und Gebräuche" in öffentlichen GemetndLanstaltkn, Waisen- und Altersheimen, noch immer der Kampf der liberalen Laten um die Gewissensfreiheit ihrer „Rabbin r", denen das blinde Volk vielfach verwehren will, ihre geistige Unabhängigkeit durch die brennende Sabbat- Cigarre oder ein Lunch im Ratskeller zu bekundennoch immer auch — man sollte es kaum glauben — die ganz nach evangelischer Theologie schmeckende lächerliche Behauptung, dem orthodoxen Juden bildeten die Sabbatgesetze, diese Höhepunkte jüdischen Erdenglücks, eine „drückende Last", die ihnen (wörtlich so) „die simcha schel mizwah völlig illusorisch mache"! Aber zuweilen verrät doch ein ehrliches, bewußt oder unbewußt, gestammeltes Bekenntnis, in wie Kurze Velrachiungen zum Wochenabschmtt. Von Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Jakob ließ seinen Sohn Josef schwören, daß er ihm erweisen werde ncxi "cn, Dazu bemerkt der Midrasch (vergl. auch Raschi z. St.): Jeder Liebesdienst, den man einem Toten erweist, ist ein nrrn hw non. Die Anfangsbuchstaben des Wortes nex ergeben die Worte ntcö pix: Jeder Liebesdienst, den man einem Verstorbenen erweist, muß sich auf die genannten drei Gegenstände (nöx) in erster Reihe erstrecken. „Als die B'üder Josefs sahen, daß ihr Vater gestorben sei, sprachen sie: Vielleicht wird uns Joses anseinden und uns vergelten all das Böse, das wir ihm angetan". Aus der verstärkten Ausdrucksweise 2'L" schließt der Midrasch, daß nicht nur Josef, sondern daß auch — Esau an ihnen Vergeltung nehmen werde, was scheinbar sehr auffallend ist. Denn wie sollte Esau plötzlich dazu kommen, Josef zu rächen und an seinen Brüdern Vergeltung zu nehmen? (Ppi' nt 2L>.ii itry m 2'L"). Allein, die Midraschweisen waren gute Psychologen, und sie kannten die Tragweite eines Bruderzwistes zur Genüge. Zuerst wird Josef an seinen Brüdern Vergeltung nehmen wollen, bald daraus wird auch Esau sich in diesen Bruderstreit mengen und scheinbar für einen Teil der Streitenden Partei ergreifen. Aus dem Vruderhaß mirunversehens ein Judenhaß werden, ein Hassen aller Streitenden ohne Unterschied. Und diesen Hatz Esaus fürchteten die B-üder Josefs am meisten und — nicht mit Unrecht. Die Erfahrung lehrt, daß aus jedem Bruderhatz und Bruderstreit mindestens ein atyn ‘jtfm entsteht, und dies wollten die Brüder Josefs verhüten. Die Brüder fürchteten die Vergeltung ihres Bruders Josef, wie der apy» Vip zur Stelle bemerkt nicht mit Unrecht, denn ein bekannter Ausspruch des Talmud lautet "121 r»M2 apu uw rV'n ^2. Mithin wäre Josef gewissermaßen berechtigt gewesen, an seinen Brüdern Vergeltung zu nehmen. Da aber der viel zitierte talmudische Ausspruch vielfach mißverstanden wird, mag folgende originelle Erklärung, die im ms p»/ (8. Teil, S. 2) enthalten ist, h er angeführt werden. Der Talmud (Joma 22 b) rechnet es dem König Saul als Fehler an, daß er in seiner Bescheidenheit allzuweit ging und auf hie Schmähungen seiner Widersacher nicht reagierte. Als Beleg führt der Talmud den Ueöerfall des Königs Nachasch aus Amon an (’iioyn vn2). Daran schließt sich der Ausspruch N. Jochanans an vom n"n, der nicht ein “rtöin Dp« ist wie wro. Unter twu ist aber nicht eine Schlange, sondern der König rr».^ aus Amon gemeint, von dem kurz vorher die Rede ist. Der König Nachasch aus Amon, so bemerken unsere Weisen an anderer Stelle, fühlte sich als Amoniter verletzt, daß die Thora die Amoniter aus der Gemeinschaft Israels auSschlietze und er strebte die Ausmerzung dieses Verbotes der Thora an (.... pb' py min “fflD D7>. Auch der Gelehrte muß darauf bestehen ein ihm zugefügtes Unrecht oder einen gegen ihn mit Unrecht erhobenen Vorwurf zu beseitigen und zu entkräften — gleich Nachasch, dem Amoniter, der auf der Beseitigung des Verbotes der Thora bestand, durch welches er sich verletzt fühlte. Tut er es nicht dann ist er eben kein n"n. Der pi27 ms schlägt noch folgende kleine Korrektur vor: anstatt swi sollte es M3 heißen. Mit beginnt demnach ein neuer Absatz und daran knüpft sich der Ausspruch R. Jochanans an, der es deshalb unterließ ausdrücklich zu vms ba$ Wort \noyn zuzufügen, weil von ihm gerade die Rede ist. Aber auch ohne diese Korrektur scheint obige Erklärung sehr viel für sich zu haben. Die Schönheit der palästinensischen Landschaft. In der konservativen New Aorker »Eventng Post" schreibt Raskin, der kürzlich von einer Palästinaretse zurückgekehrt ist, über die Schönheiten der Landschaft in Erez Jisroel: Man sagt, daß eine Landschaft vornehmlich durch ihre Lichter und Schatten und weit weniger durch ihre Form auf das menschliche Gemüt einwirke. Biele behaupten sogar, daß nicht der Witterungs-, sondern der

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