Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1922)
- Date
- 1922-01-05
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. i Seite 10 Der Israelit. ebenso gut genug, wie heute noch zuweilen die Rückseite eines Kalenderblatts oder Briefumschlages. Das galt im alten Aegypten auch für den Schulde trieb, in dem das Ostrakon vom Schüler wie vom Lehrer gewissermatzen an Stelle unserer Wandtafel benutzt wurde. Die Wertlosigkeit des Materials, das sich schließlich aus jedem Kehrichthaufen ersetzen ließ, machte es gleichgültig, datz dieselbe Tonscherbe nicht öfter benutzt werden konnte, wie etwa die abwaschbare Holztafel oder die Wachstafel, die wieder geglättet wurde. In der Papyrussammlvng des Berliner Museums befindet sich ein sehr interessantes Ostrakon, das aus einer altägyplischen Schule stammt und das Dr. E. Kühn im Juni - Juliheft der „Berliner Museen" beschreibt. Dieses Ostrakon ist eine fünfeckige, schwachgewölbte Scheibe aus hellrotem, gebranntem Ton, augenscheinlich die Scherbe eines großen Kruges. Seine drei Bruchstücke sind leicht zusammenzusetzen und tragen 23Zeilen griechischer Schrift aus der frühptolemäischen Zeit von schreibgewandter Hand. Der Scherben wurde bei einer deutschen Grabung in Philadelphia in Fajum gefunden und zeigt grvhe Ähnlichkeit mit einem bereits früher von Wtlamowitz veröffentlichten Ostrakon, auf dem eine Anzahl von Sentenzen in jambischen Trimetern ausgezeichnet ist, wohl die kalligraphische Uebung eines Schülers. Das legt nahe, auch in unsere Ostrakon ein Stück aus der Schule zu sehen, was auch der Inhalt nahe legt. In deutscher Uebersetzung lautet der auf diesem Ostrakon ausgezeichnete Text: „Zuvörderst, datz der Mensch in überragender Stellung, je höher er steht, um so umgänglicher fein soll und um so besorgter für seine Verwandten und Freunde, wenn es ganz unansehnliche und geringe Leute voll Verständnis dafür, datz das schön und erst-. enswert ist, wenn um seinetwillen Eltern und Geschwister und die übrigrn Verwandten alle und vertrauten Freunde zu Ansehen gelangen. Denu verborgen bleiben kann es doch ouch so nicht, welcher Leute Kind er ist, noch wie er gelebt hat, noch mit was für Leuten er umgeht, da viele sind, die es aufspüren. Und gleichzeitig pflegen ja die guten und die schlechten Seiten mit den glücklichen Tagen wachsend heroorzutreten, so daß sie allen offenbar werden. Wenn er sie (die oben Genannten) aber gebührend in Ehren hält, dann wird er sich natürlicherweise einen tugendhaften Ruf erwerben. Ueberdies erscheint mir engherzig auch stets das andere, was manche tun, wenn sie ihre natürlichen Eltern wie Unwürdige verheimlichen und abschütteln, sobald sie im Glücke leben. Denn man sollte selbst ein Führer zum Adel sein, und das ist gewtssermahen schöner als einen schon vorhandenen nur von anderen zu überkommen; wo aber nicht, soll man doch die schuldige Zuneigung auf Grund seiner natürlichen Abstammung nicht vorenihalten." Dr. Kühn knüpft an die Beschreibung des Ostrakon folgende interessante Angaben über den Schul - betrieb im ptolemäisch-römischen Aegypten, wo es einen staatlichen Schulzwang nicht gob und der Unterricht Hauslehrern oder Privatschulen überlassen blieb. Der Gang der Schulbildung scheint den von Theoretikern, wie Quintitian, ausgestellten Grundsätzen entsprochen zu haben. Die einzelnen Stufen des Unterrichts laffen sich an Hand der auf uns gekommenen Papyri, Holztafeln und Ostraka gut verfolgen. Vom ersten Elementarunterricht, dessen Ziel Lesen und Schreiben ist, führen Proben im Buchstoben-, Silben-, Wort- und Satzschreibrn allmählich aufwärts; an orthographische Hebungen reihen sich grammatische und stilistische und letten allmählich zu einem höheren Unterricht über. In der Theorie war dieser dem Rhetor, jener vo.bereitende dem Grammatiker Vorbehalten. In der Praxis war freilich die Grenze zwischen beiden Stufen fließend. Mochte auch in großen Städten die Scheidung bestehen und der Junge regelrecht erst zum Grammatiker, dann zum Rhetor in die Schule geschickt werden, auf dem . platten Land hat wohl derselbe Lehrer die ganze Ausbildung geleitet. Die höhere Ausbildung bestand neben der Klassikerlektüre in stilistischer Schulung. Ihr dienten schriftliche Ausarbeitungen, Aufsätze, in denen sowohl Nacherzählungen geliefert, wie freie Themata behandelt wurden. Die Stoffe wurden gern aus Homer gewählt, der im Mittelpunkt der Schullektüre stand. Erörterungen über die Tugenden fehlten natürlich nicht, da der Schulunterricht zugleich auf die Gewöhnung zu guter Sitte zielte. Datz die Auszeichnung aus unserm Ostrakon ein Schriftstück aus einer Schule sind, ist höchstwahrscheinlich. Ob wir hier die Aufzeichnung eines Schülers, eine von einem Lehrer stammende Vorlage, oder ein Diktat vor uns haben, bleibt freilich dahingestellt. Sinderecke. Sabbat- Abschied. Von Heinrich Einstädter. Die Mutter geärgert! Heute umdrängen die Kinder ihre Tante. „Du Gute, Liebe! Willst du uns in einem ganz besonderen Falle zu willen sein? Sag' doch: Ja!" „Das werde ich hübsch bleiben laffen'. Man unterschreibt niemals, was man nicht zuvor gelesen hat." „Ach, Tante! Bet uns brauchtest du nicht so vorsichtig zu sein. Aber so höre! Wir haben uns heute einmal über unsere Eltern unterhalten. Die müssen Musterktnder gewesen sein. Sie erzählen von ihren guten Zeugnissen, von ihren tüchtigen Leistungen, von ihrem Fleiße, ihrer Folgsamkeit, aber nie — von Fehlern, die sie gehabt haben. Da wollten wir dich fragen, ob sie nicht als Kinder ihre „Mucken" gehabt haben, und dich bitten, uns einmal ganz offen davon zu erzählen." Die Tante lächelt. „Eure Eltern haben gewiß auch ihre kindlichen Fehler und Schwächen gehabt, doch wäre es nicht hübsch von mir, euch die heute zu verraten. Ihr habt alle Ursache, ihnen nachzustreben, um so zu werden, wie sie heute sind. Dagegen will ich euch mit voller Offenheit aus meiner Jugend erzählen." Die Kinder sind dankbar für diese Bereitschaft und setzen sich im Kreise um die gute Tante. Diese schaut erst eine Minute still zu dem großen Frauenbild hin, das ihr gegenüber an der Wand hängt, und beginnt dann: „Meine Mutter, deren Gedenken uns allen zum Segen gereichen möge, war eine gar kluge Frau. Sie hatte eine gute Schulbildung genossen und besaß eine schnelle Auffassungsgabe. Das Leben führte sie mit gebildeten Menschen zusammen und brachte ihr eine reiche Erfahrung. Mit Stolz konnten wir Kinder beobachten, wie geschätzt und beliebt unsere Mutter war, denn zu den Gaben des Geistes gesellten sich bei ihr noch die Tuoenden eines guten Herzens. Daß sie, die jedem Fremden gegenüber sich hilfsbereit und opferfähig zeigte, uns selbst eine tiefe, innige Liebe entgegenbrachte, bedarf kaum der Erwähnung. Ich verehrte meine Mutter, ich schwärmte für sie. Das ist wohl nicht das Gefühl, das man im allgemeinen von dem leiblicken Kinde erwähnt; aber ich war zu der Zeit, von der ich erzählen will, ein junges Mädchen, das gerade, die Schule verlassen hatte, und in diesem Alter bewegt man sich nicht iinmer auf der geraden Linie. Ich war damals von einem Menschen entweder ganz entzückt, oder ich verurteilte ihn. Eine Sache erschien mir entweder wunderbar oder scheußlich, ein Konzert herrlich oder schrecklich, eine Erzählung entweder reizend oder abscheulich. Es gibt kaum einen Frauenberuf, den ich nicht einmal begehrt und ein anderes Mal verworfen hätte. Aber eigensinnig war ich nicht. Ich ließ mich belehren und beeinflussen. So sah ich ein, daß es für mich wichtig war, nach dem Verlassen der Schule den Haushalt zu erlernen, und da gerade um diese Zeit meine ältere Schwester sich verheiratete, freute ich mich „königlich" darauf, nun immer als Haustöchterchen tu 0er Umgebung der geliebten Mutter bleiben und von ihr lernen zu dürfen. Meine Mutter war eine sehr tüchtige Hausfrau. Obwohl sie geistig hochstehend war, widmete sie sich den einfachsten Verrichtungen mit der größten SLrgsalt. Nichts galt ihr als nebensächlich, was zuL , Führung des Haushaltes gehörte, und geradehin der Art, wie sie scheinbar unwichtige und unbedeutende häusliche Geschäfte; behandelte, zeigte sich ihre Klugheit und Gründe; lichkeit. An ihr fand ich eine hingebende, aber auch eine strenge Lehrmeisterin. Sie verlangte von mir nicht zu viel; aber ich sollte alles denkend und mit Sorgfalt machen und selbst sehen, wo Hand anzulegen war. Ich mußte mit dem Einfachsten beginnen, und erst allmählich wurde ich zu schwierigen oder wichtigeren Verrichtungen zugelassen. Dieses waren denn auch die Punkte, in denen ich öfters versagte,, Die „höhere Tochter" regte ich.zuweflen, in mLr^undLch.saud M unbefriedigend, wjj mich „immer mit Dingen/bMWgen ottte, ble jedes Dienstm8dchesi^mWn koflnte". Ich wollte gern schon nach wenigen Wochen kochen 5. Januar 1932. lernen! Wenn die Mutter mich wegen eines kleinen Versehens, einer unbedeutenden Versäumnis halber tadelte, so fand ich das manchmal in meinem Hrrzm als „kleinlich", und wenn sie mir das Koschrrmachen noch nicht anvertraute, so fühlte ich mich wohl auch zuweilen gekränkt. Diese Stimmungen fanden zwar in der Regel nicht ihren Ausdruck in Worten. Dennoch blieben sie meiner Mutter nicht verborgen und bildeten zu Zeiten für sie eine Quelle des Aergers und der Unzufriedenheit. Ich erinnere mich noch all dieser Vorkommnisse, und ihre Vergegenwärtigung hat mich noch nach Jahrzehnten vor Scham erröten und vor Reue Tränen vergießen lassen. Einmal hatte ich mich soweit vergessen, daß ich einen Ruf des Unmuts ausstteß, als ich meine Arbeit wiederholt unterbrechen mußte, um für die Wäscherin Gegenstände aus der Bodenkammer zu holen, und die Mutter noch beanstandete, daß ich mit leeren Händen hinaufgegangen war, anstatt etwas mitzunehmen. Meine Mutter war so ungehalten, daß sie einige Tage hindurch nicht die geringste Handreichung durch mich vollziehen ließ. Sie wollte lieber alles selbst tun. Ich sehe heute noch den Verdruß auf ihren Zügen, höre noch jetzt ihre Schritte wie sie zur Mansarde ging und mit dem Mehleimer zurückkehrt?, wie sie vom Keller das Obst heraufholte. Jeder Schritt traf mein Herz. Ihren Kummer fühlte ich als Unglück. Und dennoch! Obwohl ich mein Unrecht voll und ganz elnsah, erlaubte mir mein kindischer Trotz Hoch nicht, es sofort unumwunden zuzugeben. Erft nach einigen Stunden zeigte ich meine Reue, und als nach mehreren Tagen die Gute mir wieder ihr altes Gesicht zeigte, da fehlte nichts mehr an meinem Glücke. Aehnl che Vorgänge wiederholten sich, wenn ich mir auch immer fest vocgenommen hatte, meine Untugend zu bezwingen. Später nahm mich das Leben in die Lehre — mit weniger Liebe und Rücksicht — und gewöhnte mir eitlen Dünkel und kindischen Trotz gründlich ab. Und öfter, als ich gefehlt, habe ich in der Folge in Gedanken meine Mutter um Verzeihung gebeten für den Aerger, dessen Ursache ich gewesen bin." Stille haben die Kinder zugehört, und stille verlieren sie sich, eins nach dem anderen, aus dem Zimmer. Hat die Erzählung der Tante auch bei ihnen Erinnerungen geweckt? — Mfellösungen. Die Lösung des Rätsels in Nr. öl lautet: "x n»n "HX bxwtp Die Anfangsbuchstaben ergeben nwa. Die Lösung des Rätsels ln Nr. ö2 lautet; TP3 F» nxan Die Anfangsbuchstaben ergeben N2:n. Richtige Lösungen sandten ein: Jsak Kaufmann, Josef und Fanni Oppenheimer Menny Jsaac, Joseph und Samuel Vogel, Jakob Rotschild,Harry Weinberg, Bella Weinreich, alle in Frankfurt a. M.; Jehudo, Recha, Bertha und Hillel Mannes, Schwabach; Ludwig und Ruth Halberstadt, Halle a. d. Saale; Markus Neuberger, Berlin; MeniWolf, Jakob und Emil Landau, Gunzenhausen; Geschwister Flamm, Ist Goldberger, Nürnberg; Herbert Kahn, Cannstatt; Berthold Cahn, Düsseldorf: Lud. Samuel, Jreudenburg; Max Rennert jun., Mannheim: H. Gelonka, Siegfried Adler, Walter Althof, Naftali Emden, Karlsruhe; Rosa Stemmer, Ludwigshafen; Josef und Dawid Halberstadt Oberseemen; Mendel, Judith und Samuel Franck; Altona; Simon Eschwege, Fulda; Felix Glusktnos, BreSlau; Siegfried Gerstel, Wetzlar; Artur und Viktor Hammel, Rödelheim.