Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 63 (1922)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1922)
- Date
- 1922-01-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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,|,j '-1% .M #■■ Rabbi Leib, der MM. (Schluß). ' Zur damaligen Zeit hatte das „Jerusalem Litau ens" auch das kleine Heiligtum, das Lern - ztmmer des Gaon. Alle sahen nach ihm aus und warteten auf eine glückliche Minute, es betreten zu dürfen. Aber nur Wenige, die Besten und Reinsten, wurden dieses Glückes für würdig befunden. Es soll sogar, wie man erzählte, kein Geringerer, als Rabbi Senior Salman einmal an die Türe dieses Heiligtums geklopft haben, ohne Antwort und Einlaß erhalten zu haben... Und einmal schlich.sich einer von den neuen „Berlinern" hinein und gab an, er sei von einem bekannten Rabbi geschickt, um 73halachlsche Fragen dem Gaon vorzülegen. Nur einen Blick warf der Gaon auf den jungm Mann, dann senkte er die Augen und ohne ihn anzu sehen, sagte er kurz, indem er die 73 Fragen auswendig und wörtlich wiederholte: „Es sind hier keine 73, sondern nur 15 Fragen, die alle anderen schon in sich enthalten. Und auf diese Fragen findet ihr die Antwort in den und den Büchern . . . Sprachs und verließ das Zimmer. Der „Berliner" ging und wußte, daß er erkannt war . . . Rabbi Leib hatte aber mit den „Berlinern" nichts zu tun. Auch war er kein Anhänger der Messeritzer. Er galt wohl als Chassid, aber ein Chassid anderer Art und so stand ihm das Studierzimmer des Gaon alle Zeit offen. Zwei Lichter, ein großes und kleineres trafen zusammen. Rabbi Leib senkte das Auge und hielt den Blick Rabbi Elses nicht ans. Es war ihm, als würde er immer kleiner und kleiner und müßte bis zu einem Nichts zusammenschrumpfen. Der Gaon stand aber groß und gewaltig da, so groß und so hoch, daß man ihn mit dem bloßen Auge bald nicht mehr erfassen konnte.. . Rabbi Leib war nicht zufrieden mit sich. Nicht etwa, daß er Neid empfunden hatte. Neid war das Schlimmste und Häßlichste von allen Dingen, die unsere Seele verunzieren . . . Aber er spürte in der Nähe des ganz Großen auf einmal noch Reste von Ecdenschwere, von Körperlichkeit... „Mehr fasten, mehr lernen, mehr beten und noch mehr alle Erdenlast abwrrfen", nahm sich Rabbi Leib in seinem Innern vor: „Setzt Euch, Rabbt Leib — Ihr seid mir dem Namen nach längst bekannt", lud ihn der Gaon ein. - Und bei diesen Worten spürte Rabbi Leib, wie es ihm leicht und licht ums Herz wurde. Kleinigkeit!, der Gaon kannte schon seinen Namen, ja „längst", sagte er sogar. Er faßte jetzt Mut und konnte sogar dem Gaon ins Gesicht schauen. Wohl fehlte ihm noch Vieles bis zur Größe Rabbi Eljes, aber so klein wie früher kam er sich doch nicht mehr vor. Die beiden Gelehrten gerieten sofort in eine Thoraunterhaltung. Der Gaon brachte einige Neuheiten, glättete mannigfache Schwierigkeiten und nebenbei wie von ungefähr auch die rätselhafte Stelle, an der Rabbi Leib sich solange abmühte, all dies glatt, einfach und spielend. Ja zu einfach und zu glatt. Rabbi Leib hätte vom Gaon mehr Schärfe, mehr Geistesfunken erwartet. Und in seine Bewunderung mischte sich einige Enttäuschung. Dann fing Rabbis Leib selber an auf den dunklen Grund eines Satzes zu bauen. Schnürchen reihte sich an Schnürchen, Perle an Perle, haardünne Fädchen woben sich zu einem Stücke zusammen, hundert Knoten gingen ineinander. Kein Anfang und kein Ende! Und nun ein Zug und die Knoten lösten sich, alles war klar und glatt. „Das ist", schloß Rabbi Leib, der „Sinn des I 1; Das war nicht mehr gut zu machen, aber von nun ab mußte' es anders werden. Und zwar gleich. Denn je länger er hier weilte, umsomehr häuften sich die Unterlassungssünden in seinem Hause, in seinem Kreise ... Er verabschiedete sich vom Gaon und ließ gleich anspannen. Satzes: Die hohen Berge, das sind die Zaddikim,' die Hügel, die kleinen Anhöhen: die Frevler." Ein Lächeln huschte über das scharfgeschnittene Gesicht des Gaon und er schlug sofort in den Ton seines Gastes ein. Auch er baute und band und. wob und knüpfte Faden an Faden, Härchen an. Härchen, Höhen zustrebend und Tiefen aufdeckend, mit einer Schärfe und Tiefe, wie sie Rabbi Leibs Ohren noch nie vernommen hatten. Er hörte und seine Seele schwelgte im Glück. Jedes Wort ein Meer, ohne Ufer, ohne Ende, übermenschlich! Und plötzlich stand Rabbi Leib verwirrt da, er traute seinen eigenen Ohren nicht. „Und dies der Sinn des Satzes", schloß der Gaon: „Die Berge, die hohen, die großen Berge, das jinb die Frevler, die himmelan stürmen, die kleinen Hügel aber, das sind die Zaddikim, die in Liebe und Demut verharren Eine unbeschreibliche Angst überkam Rabbt Leib. Wie wäre das möglich, daß mit soviel Geist genau das Gegenteil bewiesen werde? Der Gaon merkte die Verwirrung Rabbi Leibs und lächelte. „Seht Ihr, Red Leib" flüsterte er ihm ins Ohr, wie man einem kranken Kinde etwas zuraunt, „das kommt davon, wenn mit zweischneidigen Messern spielt. Man kann so und auch so beweisen, alles und auch gar nichts, wenn man den Schwingen des Geistes hemmungslos den Flug nach oven frei läßt . . . Auf dem Wege des Ptlpul unternahm es der große Rabbt Akiba, ein unreines Kriechtier mit „hundertundfünfzrg Argumenten" als rein zu erklären, mittels des Püpul ist es auch ein leichtes, einen „Zaddik" in einen „Roscho" zu verwandeln, darum Vorsicht! Und immer auf der breiten Straße des Peschat!. . ." Rabbi Leib wurde wieder ganz klein. Jedes Wort, jeder Buchstabe aus dem Munde des Gaon, jede Bewegung seiner Lippen göttliche Wahrheiten. Und er, Leib, hatte noch so vieles, so vieles zu lernen. Aber der Gaon wurde sehr freundlich gestimmt. „Fastet Ihr heute, Rabbi Leib"? „Stein", antwortete der Gast traurig. „Dann seid Ihr heute mein Gast, denn auch ich habe heute keinen Fasttag". Nur einmal im Leben kann einem Sterblichen solches Glück zuteil werden. Er saß beim Gaon, tauschte mit ihm Thoraworte aus und nun durfte er auch mit ihm an seinem Tische speisen. Das Essen hielt nicht lange auf. Was achten Männer von dieser Art auf die äußeren Dinge? Kaum daß sie angesangen hatten, waren sie auch schon beim Tischgebet. Mit Inbrunst kam jedes Wort des Gebetes aus dem Munde der großen Männer. Und plötzlich horchte der Gast aufmerksam auf. Eine neue Offenbarung. Nach „Al jechasrenu"' sagte der Gaon „Omen"! . . . Rabbt Leib kam in Verwirrung. Was sollte das „Omen" an dieser Stelle? Das Omen ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Ein Rabbi Elje, der Gaon aus Wilna, irrt sich nicht und sagte nicht.leichtfertig ein überflüssiges „Omen". Wenn er hier „Omen" sagt, so wird es schon damit seine Richtigkeit haben! . . . Und er, Leib, hatte es nie gewußt! Eine Angst überkam ihn. Wieviel Omen wird er wohl bereits ausgelassen haben! In seinem Gehirn wob sich das Rechenexempel, wievielmal er seit seinem dreizehnten Lebensjahr gegessen und gebenscht hatte und wieviel „Omen" ihm dabet verloren gingen . .. Nach langer beschwerlicher Reise kehrte Rabbt Leib matt und zerbrochen am ganzen Körper nach Hause zurück. Seine Frau sah ihm fragend ins Gesicht. Er sprach nichts, aber die befriedigten Blicke aus dem glückstrahlenden Antlitze sagten ihr alles. „Nun", mahnte die Frau in höchster Unruhe. „Decke den Tisch, du wirst schon gleich alles erfahren". Und, fügte er hinzu, „hole so viele Gäste als du draußen auftretben kannst." Frau und Tochter waren glücklich. Der Vater wollte scheinbar alle teilhaben lassen an der Freude der Familie. Welche Ueberraschung, wenn er bei Tisch dann haarklein von dem jungen Manne und der bevorstehenden Verlobung er» zählen würde .... Höchst angeregt erzählte Rabbi Leib beim Essen vom Gaon, seiner Art, seiner Lebensweist. Alle hörten aufmerksam zu, nur die Frau gerU t immer mehr in Ungeduld. Sie hätte schon gern von der Hauptsache was gehört. „Und die Hauptsache kommt jetzt", nahm Rabbi Leib feierlich das Wort. Alles lauschte gespannt. „Ich bin nicht umsonst nach Wilna gereist. Wichtige Kunde bringe ich mit . . ." Die Augen der Frau erstrahlten in glücklicher Erwartung. „Und ich konnte keinen Augenblick in Wilna länger bleiben, da es mir schwere Sünde schien, die wichtige Kunde euch noch länger vorzuenthalten . . „Also", drängte die Frau, „spanne uns doch nicht länger auf die Folter". „Ich tue euch kund und zu wissen", rückte endlich Rabbt Leib heraus, „daß ihr von heute ab im Tischgebet nach „Al jeschasrenu" Omen zu sagen habt! Das habe ich beim Gaon gelernt." trat eine Stille ein. Dann stürzte aber die Frau hervor. „Das alles"? „Was denn sonst", fragte Rabbi Leib verwundert. „Und der junge Mann, der Choson"? „O weh"!, Rabbi Leib griff sich an den Kopf, „das habe ich in Wilna gänzlich vergessen ..." Zum Glück hatte es aber Leiser, der Schadchen, nicht vergessen. Und so kam das glückliche Paar nach einigen Wochen zusammen auch ohne Mithilfe von Rabbt Leib und dem Wllnaer Gaon. Der Schulbelrieb im alten Aegypten. Daß T o n s ch e r b e n im Altertum als Stimmzettel bei Volksabstimmungen vei wendet wurden, ist allgemein bekannt. Erst in neuerer Zeit haben die altägyptischen Funde gelehrt, daß die Verwendung von Tonscherben zu Aufzeichnungen im Altertum etwas Alltägliches war. In Aegypten wenigstens scheint die Benutzung von Tonscherben neben dem Papyrus aus Sparsauikeitsrückstchten weit verbreitet gewesen zu sein. Ans altägyptlschen Funden geht hervor, dah Tonscherben nicht nur im häuslichen, privaten Leben zu allerlei Aufzeichnungen verwendet wurden, bei denen es auf die Form und die Eleganz nicht ankam, daß vielmehr auch die Behörden sich ihrer bedienten, um Papterunkosten zu sparen, z. B. zur Ausstellung von Steuerqutttungen, wie sie massenhaft aufgesunden wurden. Für private Aufzeichnungen, Konzepte oder kleine Billetts, Kontobücher des Hausherrn oder Arbeiter- und Lohnlisten des GutsinspektorS, waren Tonscherbe^ ►