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Der Israelit · 1921-12-22 · Heft 51 (22.12.1921) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 51 (22.12.1921)
Date
1921-12-22
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 51 des „Israelit". Lhanutta. Bon Heinrich Einstädter. In finstrer Nacht, von etj'gem Frost durchschauert, Steht hilflos, bleich und hoffnungsbar, allein, Ein armes Menschenkind auf stiller Straße. Es sieht gen rückwärts, doch da gähnt nur Dunkel. Es blickt nach vorn, kein Stern erhellt die Nacht. Es schaut gen innen- — da erst recht erlöschet In Finsternis sein Auge. Ein Atemzug. — Sieh da! Aus dichtem Düster Blitzt plötzlich auf ein kleines, helles Licht, Und eines zweiten Perle blinket stille. Da schmilzt auf einmal kalten Eises Rinde, Da weicht ganz plötzlich starre Grabesruh, Und Lichterglanz verscheucht mit einem Schlage Die trübe Dunkelheit. Die warmen Strahlen dringen durch den Panzer, Den Wintershauch um Menschenbrust gelegt, Und ein befreiend Atmen läßt sie schwellen. Mit neuen Kräften rollt des Blutes Kreislauf, Es rötet sich die Wang', das Auge glänzet, Und frei, ja stolz hebt sich das Haupt empor Aus Schwermut und Verzweiflung. Und stumme Lippen lernen feurig sprechen: O Israel, du Volk, bestrahlt vom Licht, Du brauchst nicht bangen, zagen und verzweifeln! Solange nicht erlischt das Licht der Thora, Solang du selbst entzündest seine Flammen, So lang bleibst unbesiegbar und unsterblich, Du Israel, ein Gotteskämpfer! Glie pereyra. Novelle aus der Zeit der großen Kevolnliorr. Von L. Jonas. (Schluß.) „Ei, ei", begann er spöttisch, „glaubte ich doch den Herrn ganz anders hier zu finden. Wie ist es, wollen wir noch einmal den Wettstreit versuchen? Das Volk ist Ihnen zugetan". Elte hatte sich rasch erhoben. Er maß den stolzen Eindringling mit erstaunten Blicken. „Sind sie Robesspierre?" fragte er. „Jawohl, mein Herr", entgegnete jener spöttisch, „habe die Ehre aufzuwarten". „Und Sie sind gekommen, sich an den Todesqualen Ihres Feindes zu weiden?" Robesspierre war wieder ernst geworden. „Nein, Bürger!" erwiderte er, „ich komme dich zu befreien". Elie würdigte ihn keiner Antwort. , Höre, Bürger Pereyra", sprach jener weiter, „nicht allein vom Tode will ich dich rettengroß und mächtig, mein Vertrauter sogar sollst du werden. Du gehst jetzt mit mir und bist frei. Morgen erscheinst du im Convent. Du bist von Metz, dort war Brissot längere Zeit, auch hat er, wie wir wissen, häufig Briefe dahin gesandt mit deiner Adresse. Du trittst nun auf mit einem solchen Briefe, legst ihn den Richtern vor, und beweisest, daß Brissot und seine Genossen die Republik vernichten, dem Ludwig Capet den Thron wieder zuwenden wollten". Robespierre wollte den Gefangenen umarmen. „Komm, mein Freund", rief er, „zu neuer Freude, zu neuer Lust". Elte konnte sich nicht mehr halten vor Zorn. „Und solche Worte", ries er, „wagen Sie zu mir zu reden. Wahrlich! man muß sehr schlecht sein, um einen Menschen für so schlecht halten zu können. Lernen Sie besser von den Menschen denken und gehen Sie jetzt. Ich erwarte ruhig den Tod, den ich verdient habe". Robespierre sah erstaunt auf. „Den ich verdient habe", fuhr Elie fort, „dadurch, daß ich von Gott abgewichen. Er, der Allgütige, wird die Meinen trösten". „So .jung noch und willst schon sterben", sprach Robespierre mit falschem Mttleide, „nun, ich mache dir einen anderen Vorschlag; du leistest mir den Eid der Treue und . . ." „Eid und Treue — Robespierre und Revolution", sagte Elie seufzend. Robespierre's Geduld war zu Ende. „Erkläre dich", fuhr er heftig auf. „Willst du gegen die Girondisten streiten oder sterben.?" „Sterben", wiederholte Elte fest. „Besinne dich noch ein wenig, ich werde noch ein wenig warten". „Gehen Sie", rief.Elle, „oder fürchten Sie diese Faust. Ich will keine Gnade von Ihnen. Ich bin frei. Freier wie Sie auf Ihrem Diktatorensitze. Mir kann kein Sterblicher etwas anhaben. Ich werde sterben zur Sühne meiner Vergehen". Schäumend vor Wut und Zorn eilte Robespiere hinaus. „Sterben soll er", rief er aus, „noch vor seinen elenden Freunden". Einige Tage darauf wurde Elie vor den Convent gestellt. In ferner Rede sprach er kein Wort zu seiner Verteidigung. Ec schilderte die Ruhe und das Glück unter Ludwigs Regierung und sprach die feste Ueberzeugung aus, daß jene goldenen Zeiten einst wiederkehren würden. In seiner Zelle angekommen, fiel er wieder zu Boden und schickte ein heißes, flehentliches Gebet zu dem Allmächtigen empor: „Herr, mein Gott! Ällgütiger Vater! O, laß sie meiner vergessen, durch das Glück und die Freude, die du ihnen geben wirst". VII. Elte Pereyra hatte den Wagen bestiegen, der ihn zur Richtstätte führen sollte. Die Sonne blickte lustig hernieder. „Wintersonne des Jahres 1793", sprach er seufzend, „welch' glückliche Szenen, wie viel glückliche Menschen wirst du bejcheinen. O Gott, sei mir armem Sünder gnädig! Wie verblendet war ich gewesen. Du allein, Ewiger, mein Gott, weißt, was ist zum Guten. Ich Wahnsinniger, der ich der Vorsehung in die Arme greifen wollte". Der Wagen hielt. Elte stieg mutig die Stufen zum Schaffot hinan. Einer der Henkersknechte wollte ihn entkleiden. „Laß, mein Freund, ich tue das selbst/- „Elie!^ flüsterte der Henkersknecht, „Elie! erkennst du mich nicht?" „Um Gott", rief Pereyra, „Abraham, Abraham, wie kommst du hierher. Allgewaltiger Vater! ach, so sehen wir uns wieder'." Die Freunde waren nach dem Falle Elies zu jener Stelle geeilt, hatten ihn jedoch nicht mehr gefunden. Sie hatten alles versucht, ihn zu retten, jed.w Plan war gescheitert. Da hatte sich Abraham Blum dem Henker vermietet, um dem Freunde in der letzten Stunde beizuftehen. „Abraham!" schluchzte Elie, „tröste meine Eltern, ersetze ihnen den Sohn!" „Gott wird sie trösten", erwiderte Abraham. „Doch sprich mir nach, mein teuerer Freund". Und Abraham begann die Schemaus, die Sterbegebeie der Juden, dem unglücklichen Freunde vorzusagen. Mit den Worten „Haschem hu elokim, der Ewige ist unser Gott", hauchte Elie Pereyra seine Seele aus. Es war der einzige Jude, den die französische Revolution als Opfer heischte. Zwei Tage später, am 31. Oktober 1793 fielen die Häupter der Girondisten unter dem Beile des Henkers. Nach dem Tode Äs Freundes kehrte Abraham Blum mit fünf seiner Genossen wieder nach Metz zurück. Moses Bayle blieb in Paris. Im Dezember 1793 sehen wir ihn im Nationalkonvent, immer bereit, gegen Robespierre aufzutreten. Von da ab fehlen weitere Nachrichten über ihn. VIII. Abraham Blum hatte dafür gesorgt, daß Elies Verhaftung nicht zu den Ohren der unglücklichen Eltern gekommen war, er selbst wollte ihnen das traurige Schicksal ihres einzigen Sohnes mit Schonung berichten. An dem Tage, an welchem Abraham in Metz ankam, duldete es den armen Vater morgens schon ganz früh nicht mehr in dem Hause. Abraham, von dem sie jeden Tag Bericht empfingen, hatte zu sonderbar geschrieben. Lenardo Pereyra eilte zur Post, um sich die Zeitung zu holen. Er kam nach Hause und fing an, sie zu lesen. Die Mutter Elies hatte sich damals nur langsam aus ihrer Ohnmacht erholt und mußte seitdem das Bett hüten. Plötzlich hörte sie einen Schrei, so markerschütternd schrecklich, daß sie an allen Gliedern zitterte. Sie hatte die Stimme ihres Gatten erkannt. Rasch sprang sie aus dem Bette und stürzte in das Zimmer ihres Mannes. Der lag laut stöhnend auf dem Fußboden, neben ihm eine Zeitung. Nichts Gutes ahnend, ergriff sie das Blatt. Da stand: Hingerichtet am 29. Oktober: Elie Pereyra aus Metz. Anhänger der Girondisten-. 19 Jahre. Drei Stunden mochten wohl vergangen sein, da trat Abraham Blum in die Wohnstube der Familie Pereyra. Lenardo und seine Frau saßen auf der Erde und hielten sich fest umschlungen, vor ihnen lag das unglückselige Zeitungsblatt. . Ein Blick überzeugte Abraham von dem, was vorgefallen war. Er setzte sich zu den Beiden, berichtete des Sterbenden letzte Grüße und erzählte von seiner Reue. Als er geendet, fiel Frau Pereyra ihrem Gatten wieder um den Hals. „Ach Gott!" schluchzte sie,„Allbarmherziger, wir sehen ihn niemals, niemals wieder". „O ja, mein geliebtes Weib", entgegnete der Angeredete sanft, „wir werden ihn wieder sehen." Lenardo Perryra zog von Metz fort, das so unglückliche Erinnerungen für ihn hatte, er zog in ein kleines, stilles Städtchen am Rhein. Abraham erfüllte treulich den Wunsch des Verstorbenen. Er war in jeder Weise bemüht, den Eltern ihren Sohn zu ersetzen. Einige Jahre noch ging er auf eine Jeschtwa. Dann kehrte er zurück und heiratete Oie Schwester des unglücklichen Freundes. Später nahm er eine Rabbinerstelle im Königreich Westfalen an. Lenardo Pereyra und. seine Frau folgten ihn: dorthin und erlebteuMch'viele Freude an Kindern und Enkeln/ I . ,1 (Wie der Schachmeister Lasker die Judenfrage löst). H. D. Nomberg erzählt im „Moment" in leinen „Karlibader Eindrücken" auch von einem Zusammentreffen mit dem Schachmeister Emanuel Lasker, welcher bekanntlich, nachdem er den Weltschachmeiffer Steinitz in einem Match geschlagen hatte, ein Viecteijahrhundert den Titel eines Weltmeisters unbestritten sührle, bis er Heuer, von Capabianea besiegt, den Weitmetsterschaststilel an diesen abgeben mutzte. Dr. Lasker, ein Jude aus dem Brandenburgischen, ist heute ein Fünfziger. Er ist Mathematiker und Philosoph und hat erst vor kurzem ein nicht uninteressantes philosophisches Werk: „Die Philosophie des UnvoUendbarelL, herausgegeben. Mit jüdischen L lugen hat sich Dr. Lasker wenig beschäftigt, doch hat er, der Mathematiker und geniale .Schachkombinator und ProbleMsiristlÄ? nüe' er NöÄibektz^mlsWesprWy^Äilteilte, vor Jahrew eisimal eirie^Llösüntz tlh JüTWMge ausgedacht, die wcchl bizarr aber-nkchtrUniMrssscwt ist. Dr. Lasker erzählt darüber: „Hätte man mir ge-

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