Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 50 (15.12.1921)
- Date
- 1921-12-15
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 50 -es „Zsraelit". Aus der Philosophie des „Ehofez Lhajim." „Es ist das Kriterium des Gern s, daß es nicht neue Erkenntnisse in uns schafft, sondern alte Wahrheiten aus unserem Unterbewußtsein weckt." Liest man die Schriften des Rabbi Israel aus Radin, oder hört man den Mann sprechen, so wundert man sich, daß man diese einfachen schlichten Dinge nicht schon immer gewußt hat, oder richtiger, man wird dessen inne, daß man sie schon immer g kannt hat, es bedurfte nur der geistigen Btstrahlnng des großen Werkmeisters, um sie ins klare Licht des Bewußtseins zu rücken. Und das Gmtale seiner Art besteht noch darin, daß er für jeden und jedes das richtige Wort hat. Was er spricht und schreibt, erscheint d<rn Größten nicht zu gering, dringt aber mit überwältigender Wucht auch in die Niederungen und bringt Ströme von Licht und Leben in die Herzen derer, die ärmer an Geist und Wlssen sind. Für alles und für jeden hrt er den richtigen Bibeisatz, das passende Talmudwort, das herrliche Gleichnis aus dem Leben des Tages, das mit keiner Weisheit der Welt widerlegt und umgeworfen werden kann. Ec spricht zu tun in Wilna versammelten Rabbinern, nur mit und zu ihnen, und wüst zwingend und unwiderleglich dar, daß sie, die Rabbiner, für alles, was morsch und faul in den jüdischen Gemeinden ist, verantwortlich sind, erzählt wie die Sür der sich vor dem Gottesthrone mit Berufung auf diejenigen rechtfertigen werden, die sie auf ihre Fehler und deren Folgen nicht genügend aufmerksam gemacht haben . . . Hunderte von Bibel- und Talmudsötzen, die der Rabbi auswendig zitiert, belegen es. Und damit nicht genug, kommt noch folgende G-schichte: In Rakow, einem russischen Städtchen, wurde zu Nikolaus Z iten ein Jude wegen Schmuggels und anderer unlauteren Manipulationen mit Gefängnis bestraft. Weinend kam der Bestrafte zum Rabbiner seiner Gemeinde und machte ihn» bittere Borwürfe, daß er nie in seinen Vorträgen seine Gemeinde auf das Unrecht und die bitteren Folgen solcher Verfehlungen hingewiesen hatte. Und glaubt Ihr etwa, euch damit zu verteidigen, daß nur wenige auf euere Worte hören und die Masse achtlos an ihnen vorübergeht? Ein Sch fftein ist gekentert und hundert Menschen ringen mit den Wellen. Ein Me'st rschwimmer steht am Ufer unb sieht das Unglück. Er kann gewiß nicht alle hundert Eririr-ke, de retten, aber er zögert keinen Aug^nbick, wirft Rock und Hut von sich und stürzt sich in die F'uten, um so viele zu retten, als er ebne kann. Und wenn es auch nur ein einziger wäre... Oder: Auf dem jüdischen Markte zu Wi'na, gleich vor dem Konserenzhause, steht eine Frau an ihrem ärmlichen Krarmisch und schreit sich die Kehle heiser: „Kaust Jud^n, gute Aepsel, kauft!" Sie weiß wohl, daß nicht alle Jude;' kaufen werden. Vielleicht bleibt einer von Zchn oder Zwanzig stehen. Aber die einfache Frau aus dem Volke tut ihre Pfl cht. Sie ru^t sie alle herbei und gibt sich zufrieden, wenn nur einer stehen bleibt . . . Die schwierigsten und verwickelten Probleme, alle Rätsel unseres bitteren Golus werden auf diese einfachste Weise gelöst. Warum mußte die Thora ihre litauische Heimat verlassen und ins Golus nach den russischen Städten hinaus wandern? Ganz einfach. Bis zum Kriege hatte die Thora ihren Hauptsitz im kleinen Litauenim russischen Jnnenland dagegen kam ihr Glanz immer mehr ins Verblüffen. Das Licht war beinahe im Ausgehen. Da mußten, strategisch im Bilde der Zeit gesprochen, einige Armee- Korps nach diesen exponierten verlaffsnen Festungen geworfen werden, Reserve-Truppen, die dort den Defensivkawps der Thora gegen Satan und seine gewaltige Heeresmacht zu führen hatten. Wir haben gesiegt. Wir haben nun auf einmal wieder Jeschiwaus in Jekaterinoelaw, Homel, Krementschuk, Pollava und in vielen anseren Städten, deren Namen man bisher im I rdenre hon nicht gekannt hat. Sogar in Moskau har sich eine große Thoral hranftalt eröffnet. Na also! ... Unsere Reservetruppen sind aber leider nicht allzu stark und zahlreich. Ist dort die Arbeit gitan und der S:eg errungen, so h?ißt es für uns: „Zurück!" Kein Rückzug, sondern wir überlassen die Auswertung des Sieges den dortigen Generälen und beziehen die alten Positionen wieder, um die Heimarfront zu stärken . . . So bin ich zurück nach L.tauen gekommen . . . Und hören wir, was der Rabbi über die Hilfsarbeit Amerikas für die Thora-Institutionen in Rußland zu sagen hat: Dieses Amerika, das Herz blutete mir, wenn ich an meine armen Brüder dort dachte, die, wie in Mizrajim, in der Fron der Arbeit von früh bis spät steckten und scheinbar allen Sinn, alles Gefühl, alles Interesse für das, was uns erhebt, uns zu Juden macht, verloren hatten. Da fügt es der liebe Gott, dessen Erbarmen sich ans sein Volk in a l l seinen Teilen erstreckt, daß die Thora in Europa in Not gerät, auf daß den Amerikanern Gelegenheit geboten wird, sich durch Hilfeieistung den ihnen zukommenden Anteil an der Thauro, am jüdischen Glück, an „Aulom habo" zu sichern. Es war höchste Zeit! . . . Werden die Amerikaner auch wissen, Gott sür diese Gnade zu danken? Aber Vorsicht vor Amerika! Amerika hat es an sich, alles im Großen zu betreiben und es scheint beinahe so, als hätten die Amerikaner schon mehr für sich in Anspruch genommen, als ihnen zukommt. Es darf keine „Vertrustung" der Thauro, der jüdischen Liebe geben! . . . Und wir dürfen nicht in die Bequemlichkeit und Sorglosigkeit von „Kostkmdern" verfallen . . . Vorsicht vor der amerikanischen Konkurrenz, der jetzt schon durch Selb starbett ein wenig entgegen betreten werden muß! . . . Und immer und immer wieder klingt aus den Worten des „Chofez Chajim" die Sehnsucht noch der Geuloh, die sich zur festen Erwartung verdichtet. Wie denn anders? Juden sind müde, zermürbt. Es muß bald ein Ende nehmen, es mutz und wird anders und b.sser werten. We und wann? Das erklärt er jedem auf seine ihm zugängliche Art. Und zu Hunderten kommt« sie zu ihm ohne Einladung, ohne Anmeldung, ohne Einhaltung einer Sprechstunde. Jeder wird empfangen und angehört. R chtiger, jeder bört ihn an. Noch nie hat er von irgend jemand eine Geldgabe angenommen. Auch nicht sür Wohlrätigkeitszwccke. Er haßt das Geld. Und wo eine gute Sache nur mit Hilfe dieses Mittels aus Satans Reiche zustande kommen kann, dann mögen es Andere machen. . . Er ist der Soldat, der auf seinem Posten ausharrtfür uns aber der General, der von seiner Höhenwarte dasGanze überblickt .... Mnderecke. Sabbats Abschied. Bon Heinrich Einstädter. Reich tum. Der war hier daheim. Ein weites, hohes Gemach. Dunkel getäfelte Wände. Kostbare Teppiche. Gemalte Fenster. Altertümliche, kunstvoll gearbeitete Einrichtmigsgegenstände. Im weich gepolsterten Lehnstuhl ruht eine ehrwürdige Greisin. Ihr Blick haftet an der Sabbatlampe, die ihr gegenüber hängt. Wie kosend streift er die glänzende Säge, die spitzen Behälter, die geschwungenen Rinnen und das unten hängende Auffange-Gefäß. Die elektrischen Birnen, die erst später angebracht worden sindbleiben im Halbdunkel unsichtbar. Unter fein lächelnden Augen öffnen sich die schmalen L'ppen der Großmutter: Nicht immer hiug die Lampe hier. Vierzig Jahre lang Hab' ich sie in unserer lieben, alten Stube entzündet, drüben in Mönchsdorf. G^ück und Unglück hat sie gesehen, Jubel und Jammer hat sie gehört. In jener Stube habe ich die wenigen Jahre meiner Ehe an der Seite des besten Mannes verlebt, und aus ihr hat mau ihn einst h nausgetragen, mich mit fünf kleinen Kindern zurücklassend. Da begann für mich eine schwere Z'it. Ich mußte Haus und Geschäft gleichzeitig besorgen. Manchmal war ich nahe daran, den Mut sinken zu lassen - aber ich vermied es doch immer wieder, fremde Hilfe in Anspruch zu nehmen. So kam einst ein Tag, an dem mir das Geld fehlte, Fleisch und M hl sür den Schabbos etnzukaufen. Sogar das Oel für die Schabboslampe hatte ich nicht. Da erinnerte ich mich daran, wie einmal mein seliger Vater, sein Andenken zum Segen, mit meinen Brüdern gelernt hatte: Mach deinen Sckaßbos lieber zum Alltag, als daß du dich an die Wohltätigkeit der Menschen wendest. Ich war damals noch jung gewesen, hatte mir aber die zufällig erlauschte Lehre wohl gemerkt. Ich handelte jetzt nach ihr. Am Freitagabend gab es Wassersuppe, Kartoffeln und Salat. Dieser war aber ohne Fett angemachtdenn den kleinen Rest des Salatöls ' hatte ich in die Schabboslampe gegossen. Ais ich die kleinen Flämmchen entzündete, meinte ich, das Herz wolle mir brechen. Die Kinder sahen meinen Kummer. Sie kannte« seine Ursache und vermieden jedes Wort darüber. Sie zwangen sich bei Tisch zur Munterkeit, um mich abzulenken. Meine Karoline fand die Suppe so kräftig, obwohl kein Auge auf ihr zu sehen war. Marianne ließ sich gar noch einen zweiten Teller voll geben, weil sie doch so gut schmeckte. Mein Gabriel begann dann sofort, die Scmiraus a^zustimmen, um so das Mahl künstlich auszudehnen, und Bernhard war Plötzlich „dick satt", als er sah, wie wenig Kartoffeln sonst auf meinen Teil gekommen wären. Euer guter Vater freute sich als Kind die ganze Woche auf den Freitagabend, an dem er bis z hn Uhr lesen konnte, und ich wußte, daß er sich für jenen Abend eigens ein Buch verschofft hatte. Aber kaum war das Tischgebet gesprochen, da sagte er zu seinen Geschwistern: „Ich will euch einen feinen Vorschlag machen. Wir gehen heute einmal sogleich zu Bettda sind wir morgen recht frisch und können miteinander nach der Synagoge aufs Bergschlößchen." Oh-^e Widerspruch, sogar mit freudiger Zustimmung brachen alle auf, umarmten und küßten mich und wünschten mir „gute Nacht." Sie zwangen sich dazu, fröhlich zu erscheinen, in manchen Augen habe ich aber doch Tränen glänzen sehen. Auch ich ging zu Bette, ohne sogleich schlafen zu können. Die Lichter knisterten. Bis in Schlafzimmer drang der Dampf, der sich beim Erlöschen entwickelte. — Später kamen andere Zetten. Euer Vater hat mich in die Stadt geholt und mir eine elegante Wohnung eingerichtet. Nichts fehlt, was zu meiner Bequemlichkeit dienen kann. Aber niemals habe ich mich reicher gefühlt als au jenem Abend. (Schluß folgt.)