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Der Israelit · 1921-12-08 · Heft 49 (8.12.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 49 (8.12.1921)
Date
1921-12-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 49 Seite 9 8. Dezember 1921. m Ludendorff noch „Misch" schrieb. in \u in be «/ n. i //!s t: :r Mitte September 1914 rückten die deutschen und österreichischen Truppen in Polen ein, wo sie mit den polnischen Juden rechnen mufflen. Die deutsche und österreichisch-ungarische Heeresleitung ließ nun überall in Polen einen Ausruf, der unter anderm von Ludendorss unterzeichnet war, verbreiten, der in hebräischer Sprache und im „jiddischen" Deutsch, der Umgangssprache der Juden in Polen, abgesatzt war. Zu die Jiden in Paulerl. Die heldische Armees von die grausten mittel' europäische Regierungen Teitschland und Esierretch^ Ungarn, seinen in Paulen. Der mechtiger Marsch von unfern Armees hat gezwungen die despotische russische Regierung zu entlaufen. Unsre Föhnen brengen eich Recht und Freiheit: gleiche Bürgerrechte, Freiheit vom Glauben, Freiheit zu arbeiten ungestiert in alle Zweigen von ekonomtschen und kulturellen Leben in eter Geist! Zu lang hot ihr sich geplagt unter dem eisernen moskooitischen Joch. Wie Freind kummen mir zu eich, die barbarische remde Regierung ts aus! Die gleiche Rechte vor Jiden soll werden gebaut auf festen Fundamenten. Loht eich nicht wie atz ach mol friher, obnarren durch chanufedige Versprechungen! Zu Hot nischt auch in 1905 der Zar gesogt, die gleiche Recht von Jiden. un zu hat er nicht darauf ge geben den besten Manifest! , Wie hat man eich obgezohlt dem dösigen Chauw, was man Hot auf sich genummen vorder ganzen Welt? Gedenkt das Araustreiben, woS man treibt togteglich die jidische Massen vun feiere eingesessene Mekaumaus! Gedenkt Kischinew, Hömel, Bialystok, Siedletz und viel hunderter andre blutige Progromes! Gedenkt dem Beilis-Prozeh un die Arbeit vun die barbarische Regierung, zu verbreiten dem schrecklichen Ligen von Blutgebrauch bei hie Jiden! Asau hat der Zar gehalten sein monarchisch Wort, woS er hat gegeben, elendig in die Klemm! Er iS jetzt wieder in»die Klemm! — Ot, doS iS die Siboh vun seiner Versprechungen. Eter heiliger Chauw is ajetzt, zusammen zu nehmen alle Kreften, mitzuarbeiten bet die Befreiung. Alle Volkskrefien: eier junger Daür, eiere Kehtllaus, eter Chewraus muffen sich schlellen wie ein Mann mitzuhelfen zu die heilige Sach'. Mir erwarten, as ihr wet beweisen durch Fakten einer Verschtand un eier Uebergebenheit. Wendet sich mit dem grehten Bitochaun zu die Kommandanten vun unsre Militär in die Oerter, wos seinen nohent zu eich. Alle Sorten Lieferungen wellen bald un gut bezohlt. Bahnt den Weg zu bezwingen in ganzen dem Ssaune un zu brengen dem Nizochaun von Freiheit un Gerechtigkeit! Die obere Leitung vun die verbindete deitsche un österreichisch-ungarische Armees. Also Ludendorff im September 1914 „zu die Jiden in Paulen". Alle Alldeutschen werden sich behakenkreuzigen... Ainderecke. Sabbats Abschied. Von Heinrich Einstädter. Der Mincha-Gottesdienst ist vorüber. Ernster gestimmt als vorher, begeben sich die Angehörigen der Gemeinde nach Hause. Was ist die Veranlassung dieses Umschwungs? Hat die Dämmerung, die der sinkende Wintertag in der Synagoge verbreitet, die Wehmut erzeugt oder die eigentümliche Melodie, in der die Gebete vorgetrogen worden sind? _»er JSraelit. _ Keinesfalls steht der Stimmungswechsel mit dem Inhalt des Gebetes in Verbindung. In diesem danken wir dem Allgüttgen, der uns einen Tag völliger Ruhe geschenkt hat, einen heiligen Tag, den schon die frommen Väter mit Jubel, Jauchzen und Frohlocken begangen haben. Wir aber sind weit davon entfernt, in dieser Stunde zu jubeln. Ja, zu Beginn des Sabbats, da rusin wir aus vollem Herzen: „Kommt, laßt uns dem Ewigen zusubeln, uns freuen des Felsen unseres Heils!". Aber jetzt? Wehmut beschleicht uns. Sorgen, die der Sabbat verscheucht, machen sich wieder bemerkbar. Schmerzliche Gefühle, deren wir vergessen, treten ins Bewußtsein zurück. Die Sabbat-Seele rüstet sich zum Abschied. Halb unbewußt vermeiden wir das Alleinsein. Es würde uns auf schwere Gedanken kommen lassen. In Gesellschaft hingegen können wir uns nicht schwermütigen Träumen hingeben. Gleich scheuen Küchlein drücken sich die Kinder in die Nähe der Erwachsenen. Aus dem Halbdunkel des Zimmers leuchtet noch das Gold der Sabbatlampe. Ein trübes Licht dringt durch die Scheiben des Zimmers, dessen Hintergrund völlig im Dunkel liegt. Dies ist die Stunde, in der die Vergangenheit am lebendigsten vor das innere Auge tritt, in der sich der sonst schweigende Mund öffnet, um zu erzählen, was einst gewesen, und die Seele der Lauschenden sich am empfänglichsten darbtetet. Es ist die Stunde, in der der innige Zusammenhang der Gegenwart mit der Vergangenheit fühlbar wird und daraus der Wunsch entsteht, von den Erfahrungen der Alten, von ihren Erlebnissen und ihren Lehren zu hören und damit^die eigene mangelhafte Erkenntnis zu ergänzen. Der Winter vereinigt seinen Zauber mit dem des Sabbats. Die rauhe Luft, die Feuchtigkeit und Kälte mochen den Aufenthalt im Freien unangenehm. Desto behaglicher und gemütlicher wirkt die warme Stube, in der der Duft der Sabbatspeise und der Schmuck der Decken, die alles Werktägliche verhüllen, in jedem Augenblicke spricht: „Hier ist Schabbos." Und in dieser feierlichen, stimmungsreichen Umgebung wollen wir nun lauschen, was das Alter uns erzählt. — Die Greisin. Wir waren zehn Geschwister und ich die Aelteste. Das bedeutete, daß mir die meisten Pflichten oufgeladen wurden. Ich mußte am frühesten aufstehen, den Kaffee kochen, im Winter den Ofen heizen und den Kleinen beim Anziehen helfen, so daß ich erst in der letzten Minute zur Schule eilen konnte. Und war diese aus, so gab es erst recht viel für mich im Haushalte zu tun. An Werktagen fand ich niemals Zeit, ein Stündchen mit einer Kameradin zu verplaudern. Wann wirklich in der Küche alles fertig gespült und gescheuert war, so mußte ich einen Strickstrumpf zur Hand nehmen und beim Stricken die kleine Bertha wiegen. Diese Beschäftigung galt schon fast als ein Ausruhen. Ich war aber auch noch ein Kind und begriff nicht, warum gerade ich stets arbeiten sollte. Maiers Eoa spielte Klavier, Klara durfte feine Handarbeiten lernen, Franks und Beils hatten ein Lesekränzchen, Emilie fehlte bet keiner fröhlichen Gelegenheit, nur ich hatte niemals Zeit. Und hätte doch auch so gern manches mitgemacht, wie zum Beispiel eine Schl'ltenpartie oder damals Cousine Gertruds Hochzeit, zu drr ich eingeladen worden war. Aber jedesmal hieß es: „Es muß jemand daheim bei Bertha bleiben", und dieser „Jemand" war natürlich ich. Das galt als ganz -selbstverständlich. Zuweilen empfand ich natürlich einen Haß gegen das Kind, und ich bildete mir in meiner Unvernunft ein,! es allein hätte Schuld an meinem Lose. Mein Hauptvergnügen war stets das Lesen. Ich kam aber nur am Freitagabend dazu. Nun hatte ich einmal von einer Freundtr ein Buch geliehen erhalten, das gar zu spannend war. Es schien mir unmöglich, mit der Fortsetzung bis zum nächsten Freitagabend zu warten. Als ich wieder Bertha wiegen mußte, legte ich das Buch neben mich auf den Nähtisch, nahm mein Strickzeug in die Hand und las, strickte und wiegte, alles gleichzeitig. Das ging zuerst ganz gut. Das Stricken konnte ich auswendig, — an Uebung fehlte es mir wahrlich nicht — und das Wiegen besorgte ich mit dem Fuße. Aber schon nach kurzer Zeit begann das Kind zu weinen. Es war gewohnt, daß ich beim Wiegen sang, und das vertrug sich mit dem Lesen doch wirklich nicht. So suchte ich denn zunächst die. Schreierin durch begütigende Zurufe zu beruhigen, dann durch stärkere Bewegungen, und schließlich schleuderte ich in meinem Aerger über den Plagegeist einmal die Wiege so heftig, daß das Kind herausfiel. Ich höre heute noch den Plumps. Vor Schrecken stellten sich mir die Haare zu Berg. Das Strickzeug entfiel meinen Händen. Ich konnte kaum die paar Schritte bis zu dem Kinde hin gehen, das ganz entsetzlich schrie. Ich fürchtete mich, es anzufassen, denn ich dachte nicht anders, als daß ihm Arm und Bein gebrochen wären. Die Eltern waren nicht im Hause, sonst hätte ich sie gerufen trotz der Angst vor der Strafe, die mein gewartet hätte. Endlich nahm ich die Kleine auf den Arm. Ich legte ein Kissen auf den Tisch und sie darauf und befreite sie mit zitternden Händen von ihren Hüllen, bebend vor der Furcht, welcher Anblick sich mir zeigen werde. Aber ich sah nichts Auffallendes. Ich bewegte die Glieder in ihren Gelenken. Bertha schrie zwar, aber nicht ärger als vorher. „Gewiß hat sie innere Schäden davongetragen", dachte ich, und die Tränen stürzten mir gleich Quellen aus den Augen. Ich preßte das Kind an mich, trug es durchs Zimmer, sang, so gut ich in dieser Stimmung es konnte, Lied auf Lied, und endlich beruhigte es sich. ' Ich aber beruhigte mich noch lange nicht. Nicht als die Mutter zurückkehrte und mich lobte, weil ich das Kind so gut unterhielt. Ich war sicher, daß sich bald eine Gehirnerschütterung zeigen werde. Nicht, als es wieder lachte und tollte. Ich fürchtete ja doch, daß es infolge innerer Verletzungen ein Krüppel werden würde. Nicht, als es die ersten Gehversuche machte. Nach meiner Meinung würden sie ja doch niemais gelingen. Mit doppelter Sorgfalt wandte ich mich der Pflege des Kindes zu, an dem ich mich nach meiner Meinung schwer versündigt hatte. Und als endlich nach Jahren all meine Befürchtungen sich zum Glück als grundlos heraus gestellt hatten, da war ich die Rosa geworden, von der man im ganzen Orte sagte, eine so aufopfernde, liebevolle Kinderpflegen» gebe es weit und breit nicht. Meine Eltern, Gott Hab' sie selig, erfüllten mir daher jeden Wunsch, den sie mir von den Augen ablesen konnten. Von. der Kinderpflege ging ich dann mit den Jahren zur Krankenpflege über und fand in ihr die höchste Befriedigung. Ich hatte das Glück, meiner guten Mutter Zeiten schweren Leidens erleichtern zu können. Ich pflegte Leute, die mit ihren letzten Worten mich noch segneten. Ueberall, wo Not war, rief man mich, und ich ging gerne, auch dann noch, als ich selbst verheiratet war und Familie hatte. Mein größtes Vergnügen blieb, wenn ich mir sagen konnte: Du hast andern geholfen, Du hast deine Pflicht getan. Jetzt aber bin ich alt. Wer braucht mich jetzt noch? „Wir alle, du Gute, bis zu hundertundzwanziz Jahren." (Fortsetzung folgt.-)'

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