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Der Israelit · 1921-12-08 · Heft 49 (8.12.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 49 (8.12.1921)
Date
1921-12-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Fealllelon-Vellaae zu Ar. 49 des „Zsraelll". Glie pereyra. Wovetke aus der Zeit der großen Wevoknlion. Bon L. Jonas. (Fortsetzung.) „O, mein Sohn, mein geliebter Sohn", sprach der Vater, „alles sei dir vergeben, alles sei dir verziehen, nur bleibe bei mir. O, verlaß mich nicht. Wage dich nicht hinein in die Höhle des wütenden Larven". „Geh nicht fort von uns!" flehte die Mutter. „Rerse nrcht nach Paris, mein Bruder! O, nur jetzt dort nicht hüL" jammerte die Schwester. „Schreckt dich nicht das schaurige Niederfallen der Guillotine? Nicht die Ströme des unschuldigen Blutes?" Elie war tief gerührt. „Macht mir das Herz nicht schwer, ich bitte euch!" sagte er weich. „Ist es denn soweit nach der Hauptstadt? Wie bald bin ich wieder hier, und wir feiern ein fro'aes Wiedersehen. Doch dringt nicht weiter in mich; mich ruft die Freundschaftmich ruft mein gegebenes Wort." Alle weiteren Borfvllungen waren vergeblich und so rückte denn die Stunde der Abreise immer näher heran. Die vier Leute hatten in der Nacht kein Auge geschlossen. Die Uhr verkündete die achte Stunde des Morgens und schon blies der Postillon eine lustige Weise, die Passagiere zum Emsteigen mahnend. „Ich lasse dich nicht, ich lasse dich nicht aus meinen Armen", rief die Mutter, während sie ihren Sohn krampfhaft umarmte. „Brich mir das Herz nicht! Bleib! Bleib! mein geliebter Sohn". „Mutter", wollte er trösten. „Nein, nein!" schrie sie auf. Und wiederum hing sich die Schwester an seinen Hals. „Briffot, Freundschaft, steh' mir bei", rief Elie, löste sich sanft aus ihrer Umarmung und eilte hinaus. Lenardo und seine Tochter eilten ihm nachdie Mutter aber stürzte drinnen lautlos zu Boden. Elte hatte bereits den Postwagen bestiegen, er fand in demselben die Gefährten. Jetzt schwang der Postillon die Peitsche und der Wagen setzte sich in Bewegung. Lange noch gingen Vater und Tochter hinter dem Wagen her. Die schweren Zeiten seiner Jugend erschienen vor Lenardo's Auge. „Hamaloch", flüsterte er, „der Engel, der mich erlöst hat von allem Bösen, er segne auch diesen Knaben, und es möge genannt werden durch ihn mein Name". V. Der Postwagen rollte über die damals noch sehr unvollkommene Chaussee, die von Metz nach Paris führte. Die acht jungen Leute in ihm sprachen kein Wort. Ihnen allen war der Abschied von daheim traurig und schmerzlich gewesen, sie alle gingen einer gefährlichen und aufregenden Zukunft entgegen. Zu sehr war jeder von ihnen mit seinem Innern beschäftigt, als daß er an die Außenwelt hätte denken können. Betrachten wir uns nun die hervorragendsten Mitglieder dieser jüdischen Expedition, die Brlssots Agitatoren zu Metz geworden und die nun Elie Pereyra nach Paris fühlte. Neben Elte saß dessen treuer Freund Abraham Blum. Er war ein sehr gutmütiger Charakter, fromm, brav, fleißig und Elie treu ergeben. Gern hätte er für seinen Freund die größten Opfer gebrachtdavon hatte dieser Beweise. Ganz anders war Moses Bayle. Kühn, von durchdringendem Geiste und äußerst geschmeidig, wußte er sich in jede Lage zu schicken. Auch er war ein Freund Elies, jedoch was ihn nach Paris führte, war hauptsächlich sein Ehrgeiz, er wünschte in der Revolution eine hervorragende Rolle zu spielen. Die übrigen Insassen des Wagens sind sowohl für die Resolution als auch für die Vorgänge in unserer Geschichte von keiner Bedeutung. — Sobald der Wagen in Paris eingesahren, erkundigte sich Elie nach dem Schicksal seines Freundes. Was er da erfuhr, war nicht geeignet, ihn freudig zu stimmen. Die Girondisten standen eben vor den Schranken des Gerichtes und täglich wurden die heftigsten Debatten über sie geführt. Elle eilte mit seinen Genossen sofort in den Convent. Er dachte, nach Kenntnis der Sachlage, vielleicht hier zu Gunsten Brissots wirken zu können. Doch, was er hier sah und hörte, änderte seinen Entschluß vollständig. Beweise gegen seine Freunde wurden nicht vorgebracht. Ern alter Trunkenbold, Chabot genannt, war der Hauptbelastungszeuge. Seine vortrefflich deklamierten, von Robespierre verfaßten Reden beschränkten sich darauf, immer zu widerholen: „Die Girondisten sind Feinde der Republik- Blissot ist ein Verräter des Vaterlandes!" Die übrigen Zeugen, lauter Jakobiner, sprachen dasselbe oder ganz Aehnliches, und jede derartige Rede wurde von dem tauten Beifall der übrigen Jakobiner begleitet. Ja, man vermaß sich sogar, Briffot der Septembe: morde anzuklagen. Daß dieser die Bestrafung der Septembermörder ener gisch verlangt hatte, war der Hauptgrund, daß er sich mit Robespierre entzweite. Bet Werginaus, eines der Girondisten Rede, weinten die Richter heftig. Sie wollten den Unglücklichen, die sie ohne Grund zu verurteilen genötigt waren, wenigstens ihr Mitleid nicht versagen. Elie eilte aus dem Saale. Er sah, daß jede Bemühung auf diesem Wege umsonst sei. Nur ein Gewaltstretch konnte seine Freunde retten. Kurze Zeit beriet er sich mit seinen Genossen. Sein Entschluß war bald gefaßt. Es war mittags zwei Uhr. Auf dem Greveplatz wogte das Volk in dichtgedrängten Schaaren. Elie schwang sich auf eine Erhöhung. „Bürger!" schrie er mit donnernder Stimme. „Bürger! Ein schreckliches Verbrechen ist entdeckt. Man will uns alle verderben. Hilfe! Hilfe!" Durch diese Worte, so ganz im Sinne der Zeit, wandte sich alles dem Redner zu. Der beliebte Ausruf: „Die Bäcker sind ermordet! Brod!" wurde von allen Seiten gehört. „Ach, was nützt uns das Brod", schrie Elie, „wir sollen alle ermordet werden. Armes, unglückliches Volk, das du die Gefahr nicht siehst! Es gibt einen Menschen in der Hauptstadt, der sich mit den fremden Tyrannen verbündet, der alle guten Bürger töten und sich selbst zum König aufschwingen will". „O weh" I" scholl es aus der Menge, „Paris ist unterminirt, die Seine ist abgeleitet. Brot! Brot! Brot!" „Den ganzen Convent will man vernichten, die Freiheit ersticken, alle guten Patrioten auf die Guillotine schleppen. Hilfe!" „Hilfe! Hilfe!" hallte es von allen Setten zurück, „rette sich wer kann." Der Redner fuhr fort: „Er will, daß auch keine einzige Freistätte, kein einziger Zufluchtsort für die Freunde der Republik und der heiligen Freiheit mehr'übrig bleibe. Er will euch alle vernichten, ja alle, und noch heute, in wenigen Stunden." „Weh uns!" rief es aus dem Volke- „unsere armen Franen, unsere unschuldigen Kinder!" Einige Vernünftigere Wer ist es?!" jedoch schrieen: „Wer?! „Wer es ist", schrie Elte, „Maximilian i Robespierre ist es, der Tyrann! Nieder mir ihm!" „Nieder mit dem Tyrannen!" hallte es von sieben Seiten wieder, während andere, „Es lebe Robespierre!" schrieen. „Keinen will er übrig lassen", donnerte Elie, ,er hat es versprochen, er hat es geschworen. Zweitausend Bösewichter haben es mit geschworen, in dieser Nacht haben sie den furchtbaren Eid geleistet." Saint Just war mittlerweile auf dem Platz erschienen und schwang sich auf eine Tribüne. „Er lügt!" schrie er anhaltend. „Das ist Saint Just!" ries Elte, „der Vertraute des Tyrannen. Nieder mit ihm!" „Nieder mit ihm! Nieder mit dem Tyrannen!" schrieen sieben junge Leute und alles brüllte es nach. Straßenweit hörte man das Geheul: „Robespierre nieder, nieder! Zur Guillotine der Tyrann!" „Auf Bürger! zu seiner Wohnung l reißt ihn aus den Armen seiner Buhlertnnen^!^ schrie Moses Bayle. „Wir haben die Vorbereitungen der Mörder gesehen", fuhr Elte fort, „der Tyrann befahl seinen Liktoren . . Plötzlich fühlte sich Pereyra von hinten gefaßt. Er fiel nieder und rasch vergingen ihm die Sinne. Das vorher so bedrängte Volk verlief sich rasch, und still und leer war der Place de Greve. VI. Wütend eilte Robespierre in seinem Zimmeraus und ab. „Das mir", schrie er, „mit meinen eigenen Waffen mich schlagen zu wollen. Schändlich! Erbärmlich! Bei Gott! — Der Mensch ist klug. Sein Leben steht in meiner Handaber wie, wenn ich den armen Sünder begnadige? Ich würde mir einen treuen Diener und ein kluges Werkzeug erschaffen. Ob er wohl allein in seinem Kerker ist?" „Dupleix", ries er seinem Hauswirte zu, „meinen Hut. Ich gehe in die Conclergerie". Elte Pereyra saß trübsinnig in seinem Kerker. Soeben hatte man ihn aus dem gemeinschaftlichen Gefängnisse der Angeklagten in diese Etnzelzelle geführt. Er stützte das Haupt in die Hand und starrte vor sich hin. „Mein Leben ist verwirkt", sprach er vor sich hin, „es gibt keine Rettung mehr. Wie meine armen, unglücklichen Eltern diesen furchtbaren Schlag ertragen werden? O, ich darf dich nicht um Gnade anflehen, großer Gott, ich war zu schlecht. Seit Jahren habe ich nicht zu dir geoetet, deine Gebote habe ich verletzt, wo ich nur konnte. Aber meine Eltern waren dir treu! Tröste sie und lasse sie meinen Verlust nicht zu seisr schmerzen. Gib ihnen einen Schwiegersohn, der ganz nach ihrem Sinne, nach deinem Willen lebt, auf daß sie vergessen, das herbe Leid, das ich ihnen bereitet." Der Unglückliche war zur Erde gesunken. „Herr, mein Gotsi, sichte er, „lasse meinen schmählichenTod eine Sühne sein für aü' das Böse, das ich begangen. O nimm meine Seele gnädig auf zu deinem Reiche auf daß sie flehen kann zu deinem Throne für das Wohl derer, die mich so heiß lieben und die ich so schwer gekränkt habe. Stehe, ich siehe nicht für mein Leben, ich weiß, ich Hube den Tod verdient, viele, viele Mal. Ich habe meine Eltern gekränkt, ich habe den Sabbat entweiht, ich habe dich verleugnet. O, laß mich einst vereinigt werden in deinen Hohen, mit denen, die mir hier teuer waren. Verzeih mir, du Langmütiger". Cr fing heftig an zu weinen. Unter strömenden Tränen begann er mit dem Sündenbekenntnis. Da rasselte die Gefängnistüre und uut stolzem Schritte trat herein Maximilian Robesplerre. Ein triumphierendes Lächeln glitt über seine Züge, als er den Gefangenen in Tränen gebadet auf dem Boden liegen sah. (Schluß folgt.)

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