Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1921)
- Date
- 1921-12-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Gelte 2 Nr. 4S Inhaltsübersicht. 1. Leitartikel: Zum geistigen Wiederaufbau in Litauen. — 2. Homiletik: De. Felix Kanter: Zum Wochenabschntit rn^in. — y. Kleines Feuilleton: D:e wichtigsten Einzelarbeiten Prof. Dr. Hoffmanns buxi. — 4. Wo che nrun d schau: Die „Eiledigung" der O.uionsgesuche in Oesterreich - Das Martyrium der jüdischen Schüler. — ö. Aufsätze: De. T. Löwenstein: Mejsirnische Endzeit. — 0 Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. (Die deutschen Juden für die deuische Heimat). — Berlin, (Der Jüdische Frauenbund). — Würzburg, (Von, gesetzestreuen Gemeindebund in Bayern). — Warschau, (Der neue orthodoxe Deputierte). — Warschau, (Legalisierung des Nabblnerverbandes). — Budapest, (Die Pester Israelitische Religionsgemeinde an Amerika). — London, (Eine Sitzung des Board of Depuiisj. — Paris, (Der neue Einbruch in die Ukraine). — Berlin, (Neue Massenmo de in der Ukraine). — Berlin, (Arbeitslosigkeit in Kanada und Mexiko). — 7. Personalien.— ^.Vermischtes. — 9. Frankfurter Berichte 10. Feuilleton-Beilage: L. Jonas: Eiie Pereura Zum geistigen Mederausbsu in Litauen. Durch die ützie Entwicklung der Dinge haben wir jetzt zweierlei Litauen, das größere westlich mit der Hauptstadt Kowno und das kleinere Zentrallitauen um Wilna herum unter der Herrschaft eines Generals von Polens Gnaden. Von diesem letzeren Gebiete soll hier die Rede sein. Wr l n a, von altersher das Jerusalem Litauens, war in den letzten Jahren, wie kaum ein anderes jüdisches Zentrum, harten Geschicken aufgesetzt. Mit all feinen Schrecken raste der Krieg über Stadt und Umgegend, und als am Verföhnungstage 1915 mit den Neilah-Gesängen in den überfüllten Bethäusern die Siegeslieder der einziehenden Deutschen in den Straßen der Judenstadt ertönten, war damit das Schicksal der Stadt noch lange nicht besiegelt, deren Leidensgeschichte noch nicht abgeschlossen. Drei oder viermal wechselte sie seitdem den Herrn. Es kamen nach Aufhebung der Okkupation die eigentlichen rechtmäßigen Besitzer, die Litauer, um ihre historische Hauptstadt aus der Hand der Deutschen zu empfangen. Bald aberfolgten die Polen, und Wilna wurde der Zankapfel zwischen den beiden rivalisierenden Randstaaten. Wieder hißten die Litauer ihre nationale Fahne auf den Zinnen und Türmen der Stadt, die so lange wehten, als bis der polnische General Z eligowski, angeblich auf eigene Faust, in Wiina eindrang und dort das polnische Banner aufpflanzte. Daß all diese Wandlungen nicht spurlos an der jüdischen Be- Der Israelit. völkerung, am bislang blühenden jüdischen Gemeindeleben in der Stadt des Gaon vorübergegangen sind, kann man sich leicht denken. In wirtschaftlicher Beziehung mußte die Isolierung W lnas katastrophal wirken. Nach Norden von Sowjet-Rußland und nach Westen von Kowno und dem ganzen litauischen Njemengebtet abgeschnitten, wurde die vielgeprüfte Stadt allen natürlichen Quellen des Handels und Erwerbs entzogen. Aber nicht davon soll hier die Rede sein. In materieller Beziehung teilte Wilna eben das Schicksal tausend anderer Städte in Rußland, in der Ukraine, in Galizien und anderswo. Niederdrückender für das jüdische Bewußtsein der gesamten Diaspora war aber die Tatsache, daß dieses Reservoir des jüdischen Geistes, das die jüdische Welt jahrhundertelang geistig gespeist und auch mit heiligen Büchern und hebräischen Drucken versorgt hat, nun versiegen sollte. Es wird daher stärkend und ermutigend wirken, was man in den letzten Tagen vom Wiederaufleben des jüdischen Geistes in Wilna und Znttrallüauen zu hören bekommt. Die neue Phase knüpft sich an die Wiederkehr des bekannten Rabbi Israel Meier aus Radin, des Verfassir des „Chofez Chajim", aus der russischen Verbannung Diese Verbannung bildet ein erschütterndes und zugleich erhebendes Kapitel in der Geschichte des letzten Jahrzehntes im russischen Judentum. Die Lehrstätien Litauens uttb mit ihnen auch die große Jtschiwah zu Radin mitsamt ihrem Meister und Führer mußten nach Rußland auswandern. Was dieser Große in Israel im russischen Exl unter den schwierigsten, oft gefährlichsten Umständen für die Erhaltung der Thora, zur Aufrichtung der bedrückten Gemüter, zum Zusammenhalten der Ze>streuten und der neugebildeten jüdischen Zentren in öden Gegenden, wo man bis dahin das jüdische Wort nie gehört hatte, getan hat, klingt wie ein Heldengedicht aus ältesten Zeiten. Nur, daß hier geistiges Heldentum zu besingen ist, und Taten, die nicht iec Legende, sondern der lebendigen Wirklichkeit entnommen sind. Nun kehrte der Mann des flammenden Geistes und stimmenden Wortes, nachdem er in der Fremde seine Aufgabe als gelöst erachten durfte, in die Heimat zurück. Er kam, wie man sich leider überzeugen mußte, gebrochen an Körper, geschwächt an Hör- und Sehkraft, aber stark und jung an Geist. Und nun gilt es für ihn, die vor Jahren unterbrochene Arbeit wieder aufzunehmen, den großen geistigen Verlust unter der Wucht der Verhältnisse zu überschauen und der Unterbilanz rechr viele neue Aktiv-Bosten entgegenzustellen. So entstand die große Rabbiner-Konferenz in Wilna, einbernfen und geleitet von dem t Dezember 1931 „Chofez Chajim" und seinem Freund und beständigen Mitarbeiter. Rabbi Chajim Oser Grodsenski. Der Name des„ChofezChaj m" ist P r o g r a mm, sodaß sich eine weitere Tagesordnung erübrigte. Der Rabbi, dessen Leben ausschließlich der Thora geweiht ist, dessen Schriften der Hebung der Emunah, wie der Sittlichkeit, der jüdischen Reinheit dienen, und als Wegweiser nach oben sich schon zu Lebzeiten des Verfaffers eine Popularität und Beliebheit in der ganzen jüdischen Welt erworben haben, wie das sonst meistens nur von Schriften früherer Großen gilt, will auf der Konferenz nichts anderes, als den durch den Krieg jäh abgerissenen Faden wieder aufnehmen,- er will alle positiven Kräfte mobilisieren, daß die von ihm gelehrten Hochgedanken des Thorajudentums in lebendige Taten umgesetzt werden. Das große Unglück, das Wilna wie überhaupt die östliche Judenheit traf, soll nicht Niederdrücken, soll nicht verheeren, soll virlmehr wie Gewitterregen den Boden weich und urbar machen für neue Blüten und neue Früchte. Aus den Feuern des Krieges soll das Eisen des jüdischen Geistes neugeschmtedet werden. Wie ein bewährter Heilkünstlec, will er nicht den Schmerz lokal stillen, sondern die Quellen der Krankheit zustopfen. Und die Quelle allen Uebels ist: Yttin n« öSTtf 7>r- Man hat das Thora- Lernen im Stich gelassen und damit den lebendigen Puls im jüdischen Organismus zum Schweigen gebracht. Darum muß der Puls geweckt werden: durch N'uherrichtung der Chedarim und Jeschiwaus in Wilna, in Polen, in Litauen, im ganzen früheren Rußland, durch unentwegten Kamps, nicht nach außen, (öte äußeren Feinde konnten uns nie ernstlich was anhabea), sondern Kamps nach innen gegen das Amhaaretztum, aus dem alles Unheil und Unglück, Geringschätzung des Sabbat und der Familienreinheit, Mißachtung aller heiligen Traditionen resultieren. Und der Radiner Raw ist nicht der Mann, der es nur bei Worten bewenden läßt. Die etwa 50 in Wilna versammelten Rabbiner aus allen Städten Litauens, von dem ein W?g nach Wilna führt, haben Beschlüsse gefaßt und bereits Schritte unternommen*), die zu einer Regeneration des jüdischen Geistes in der alten Thoristadt Wilna sowohl wie in ganz Litauen, vielleicht auch im gesamten Osten führen werden. Denn der Geist des „Chofez Chatm" und seiner Vorarbeiter, der großen Litauer der verflossenen Jahrhunderte, des Wilnar Gaon, des Rabbi Jsroel Salanter und Rabbi Jzchok Elchonon 7ist es, von dem diese Arbeiten beseelt und geleitet werden. Wir werden über die Verhandlungen und Beschlüsse zusammenhängend berichten. Die Red. Stärke aufbringen werden, wie er selbst, als er zum Opfer ausersehen wurde? Aber noch gr öfter war seine Furcht, als er Esau erblick e, ihm Leckerbissen darreichend Wenn sich derselbe Esau einst so einschmeichelnd seinen Kindern nähern werde, wenn er, seine Taktik ändernd, ihnen scheinbar Geschenke darbringen wird — werden sie dann den Scharfblick besitzen, in E au — den Esau zu erkennen und vor ihm und seiner einschmeichelnden Liebenswürdigkeit auf der Hut sein! Vor Esau und seiner scheinbaren Güte und Liebenswürdigkeit fürchtete sich Isaak am meisten und — nicht mit Un.echt. rs 11 £ Dreimal kommt nach 8er Massora der Ausdruck ■ppia vor. Einmal in unserm Wochenabschnitt pLLM “per,e pan), ferner in p^O (-ptPio px) und dann '2 -pano “p£\ Darin ist eine beherzigenswerte Lehre enthalten. Es gibt zwei Momen'e, die den Menschen von seinem Glauben abbrlngen könnten: Glück oder Unglück, allzugroher Reichtum oder allzugrohe Arniut, Freuden oder Leiden. Dies deutet die anaesührte Massora leise an: Selbst wenn "pty:e pxn wenn es dir gut ergeht aus Erden und alle deine Wünsche erfüllt m.'lden oder “ptinö'ips’ '2 wenn du alles verloren hast und nichts mehr besitzest — stets muh px “pty‘D fest und unerschütterlich dein Standpunkt bleiben; dein Glaube an Gott darf weder von dem einen noch von dem andern Momente berührt und beeinl> ächligt werden. Das Ist dcss erste undchöchsix Postulat unserer heiligen Religion, oer höchste Glaubensgründsatz' eines wahren Jehudi,; ns3i Zum Wochenabschmtt rn5in. Kurze Betrachtungen zum Wocheuabschnitte. *) Von Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). sw ®’au_ verstand zu fangen" — dazu bemerkt Ralchr. Er verstand (durch seine heuchlerischen Fragen) seinen Vaur zu fangen und ihn zu hintergehen. So pflegte er ihn zu franen: Wie gibt man i^yv von Stroh und Salz (y2. -£cn rs ptswo "sX'.n). Diese Sraße war scheinbar garnicht dazu angetan,"Isaak zu " un° 3" himergehen. Denn die Frage, wie man „ivtaaffer von -salz und Stroh gibt", beantwortet sich V?tLLÜ!t heißt ja doch die Abgabe des „zehnten Teiles" d-s vorhandenen Vorrates. Wozu also die Frage Wirklichkeit. lautete die Frage Eiaus andeG H>flWe wieJoM „Wie? Mutz man aucy von Salz und Stroh „Maaßer" geben"'?, welche Frage auch trn Tarnküd vorkommr (und aller dings verrgit1t ttih'b) Durch dte' e F age glaubt" Isaak, daft V Nach Jalkut hadrusch, II. Teil. sein Sohn Eiau ein groher m:2,22 pipo sei und dadurch gelang es Esau, den Vater zu fangen und ihn zu hintergehen. Die Frage muh demnach so lauten:?':2i ,-tan nx ppyc? -xu. „Weil Abraham meiner Stimme gehorchte" .... (ycitrx zpv), dazu bemerken unsere Weisen (Jona 21): „Daraus ist ersichtlich dah unser Stammvater Abraham die ganze Thora erfüllte, selbst das Gebot von '2py p^'L>2v." Wieso ist aus diesem Verse ersichtlich, dah Abraham ausgerechnet das Gebot von npy erfüllte?. Deshalb schlägt R Elia Wilner (der Wilner Gaon y'Xt), die Lesart pc;nn ’rny vor. Dies ist im Worte 2py ba§ sonst „Schritt" heiht, schon angedeutet, weil es bei ’2py bekanntlich auf jeden Schritt (2py) ankommt. (Das Mißverständnis soll durch die Abkürzung ri'-y entstanden sein, das ebensogut ’sny als auch peinn ’zny lauten kann) „Und Isaak empfand einen sehr großen Schrecken", dazu bemerkt der Midrasch: „Isaak erschrak zweimal, das erstemal angesichts des Altares (wo er geopfert werden sollte) und das zweitemal, als Esau zu ihm kam. Welcher Schrecken war größer? Wohl der, den er beim Eintritt Esaus empfand". xmp nrxtyo •*2i TiSä “y). Isaak erschrak r iebt umsonst. Er oh im Geiste die Altäre, die einst für seine Kinder ausgerichtet werden, um sie zum Abfall von ihrem Glauben zu zwingen. Er sah die hell emporlodernden Scheiterhaufen, die säe seine Nachkommen werden errichtet werden, wenn sie ihrem Glauben die Treue bewahren und da eischrak er h-flig. Wer weift, nb sie angesichts der zu errichtenden Altäre die Kraft und 1