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Der Israelit · 1921-10-06 · Heft 40 (6.10.1921) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 40 (6.10.1921)
Date
1921-10-06
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 40 des „Maelit". Schabbos Schuwoh im Städtchen. Ein Idyll. i Ter Schuwoh-Sabbat nimmt eine ganz eigene Stellung im Seelenleben des einfachen Mannes im östlichen Städtchen ein. Es ist eine grüne Au zwisch 'n zwei ragenden Bergwesen oder ein klac und sanft fliehenderKanal, der zwei witdreitzendeStröme verbindet. Zwischen den Posaunenstösten des Noschhaschonoh und den stürmischen Gebeten und Bekenntnissen des Jomkippur, flüstert und raunt der Schuwoh-Sabbat Rast und Aufrichtung. Waffenstillstand, der Ruhe und Sammlung gewährt zwischen Ringen und Ringen, kurz vor dem großen Treffen .... Ankläger und Verteidiger schweigen und der Heilige, gelobt sei Er, ist vom Throne des Gerichtes herabgestiegen. Die Angeklagten schöpften Atem, suchen im Stillen, jeder für sich, neue Verbindungen, neue Wege nach oben .... «Kehre zurück Israel zu deinem Gotte! . . . /' Abschiedsstimmung liegt in der Lust. Die Sonnenstrahlen leuchten ohne den vollen Glanz. Die Blätter fallen von den Bäumen und verwelken, verwesen. Die letzten Blumen sind gelb und so saftlos, dutz die Bienen uud Käfer nur noch einzeln kommen .... Die Natur legt den leichten Sinn und die ausgelassenen Possen der Jugend ab und setzt ein ernstes sorgengraues Gesicht auf. „Schirhaschirim" ha» ausgesungen und „Koheleth" predigt von Sterben und Vergehen und des Lebens schaler Eitelkeit .... Da waren die goldenen Aehren haushoch — es kam der harte scharfe Stahl und fällte sie zu Haufen .... Ta bauten Bögeleln ihre Nester am Obersintse der „Schul" ein hestfger Wind riß sie mit dem Mörtel, daß das Nest zerbröckelte und die Küchlein zerschmetterten .... Am Gartenzaun reckien sich noch rote Sonnenblumen in die Höhe — ein Reif in Mitternacht fiel auf sie und tötete sie — mit kaitemHauche .... Zwei Welten ringen miteinander, Leben und Vergehen, Blühen und Altern und der Jude denkt: „Der Mensch — fein Grund ist aus Erde und sein Ende ist die Erde!...." Am Schuwoh-Sabbat sind alle Juden des Städtchens Denker, in sich gekehrte Philosophen. In gemessenen Schritten und ganz in beschaultcheGedvnken versanken,geht es von „Schul" nach Hause und vom Hause zur „Schul". Nach dem Minchohgebete besteigt der „Rom" — er tut es nur zweimal in, Jahre die Stufen des Oraun hakaudesch, küßt inbrünstig das Poraucheth und stellt sich an das zu diesem Zwecke hergeschaffte Oniud vor die Gemeinde (eine Kanzel hat die „Schul" nicht). Er spricht leise eine scharfgeistige talmudische Auseinandersetzung, lenkt aber bald in flacheres Gewässer ein. Nun versteht alles. Ohne Rückhalt, ohne Verblümnng, ohne Erbarmen, hält er der Gen etnde alle Bezahlungen, Ve säumnisse und Vergehen vor, gegen Gott und Menschen und mahnt in letzter Stunde zur Einkehr, zur Rückkehr. Er weint und die Gemeinde schluchzt laut mit .... Die tränenreiche Predigt dauert bis ku z vor Nacht. Scklaume, der Gabbe, hat noch gerade soviel Zeit, die Psalmen des „Aschre temime derech" anzustimmen. in die die Gemeinde begeistert vrrsweise einfällt. Es wird dunkel und immer dnnklor. Und tanggezogen und weinerlich ertönt von der Ostseite das „Wehn rachnm". Und jetzt geht hie und da ein Licht auf ... . Ailckkehr. Vou Heinrich Einstädter. Schon seit geraumer Zeit steht der juitge Warnt am Zensier uud schaut hinab aus die stille. Straße uud hinauf zum nächtlichen tiefblauen Himmel. Den schwarzen Gehrvck, in dem er den Gottesdienst besucht hatte, hat er mit einem beynemen Zlans brr lauscht. Seine Arme ruhen auf einem weichen Kissen, das das Gesims bedeckt, uud zuweilen wippt er ungeduldig mit dem Znße wie einer, der mit einem Entschlüsse ringt. Zu der Synagoge war es heiß gewesen. Der Ze'stgvttesdienst bei Eingang des Versöhnnngstages hatte eine große Menschenschar angezvgen. Die vielen elektrischen und Gasflammen hatten die Temperatur noch beträchtlich erhöht und im Dnnstgesüht erzeugt, das noch jetzt de» jungen Menschen peinigt. „Eigentlich eine Dummheit von mir/ zn fasten" deitkr er. „Das paßt doch gar nicht zu meiner sonstigen Lebenssnhrnng und zu meinen freien Grundsätzen." Doch er will gegen sich ehrlich sein. l\u seiner Lebenssnhrnng paßt allerdings das Insten t'aiiui; denn sje ist »»jüdisch, und sie zu ändern, — daran hat er nie gedacht und denkt er auch heute nicht. Aber von Grrnidsätzen lvill er doch lieber nicht reden. Grundsätze entspringen einer Ueberzeugnng, und sich eine religiöse Ueberzeugnng zn bilden, hat er sich noch njernals bemüht. In seinen Kinderjahren hat Berthold Be kn einen ganz guten religiöseit Uitterrieht erhalten. Aber seitdem sind manche tolle Jahre verflossen. „Arbeiten und das Lebe,! genießen" hat seine Paroie gelautet, und die Religlvn mußte die Kosten tragen. Heute Abend kann er wenigstens eininal ungestört an frühere Zeiten denken. Darin liegt auch ein Vorteil. Seine GedankenZvandern in die Heiinat; zu seinen Lieben, und seine Ltimmung wird weicher. Im Geiste durchlebt er glückliche Jngendjahre, und j ein tieferes Gefühl für Werte, die er bisher mißachtet hat, wird dabet in ihm wach. Schon erwägt er gar nicht mehr, ob er seinen Durst durch eine» Trunk stiller! soll. Weiter und weiter rückwärts dringt sein Denken. Es gleitet von den Lebenden zu den Toben, vom Erlebten zum Erlauschten. Erzählungen, die fast vergessen loaren, gewinnen Gestalt. Im Dunkel der Nacht sieht das geistige "Auge schärfer als am hellen Tage. Der Himmel hat sich indessen mit zahllosen Sternen besät. Immer neue tauchen ans, während andere erlöschen, geheimnisvoll, wie sie erstrahlt sind. Bein'saßt einen ^tern fester ins Auge. „Vor Wiebiel Jahren mag wohl von. ihm. das Licht ausgegangen sein, das mich jetzt erreicht?" So denkt er. und nach und nach verspinnen sich keine Gedanken zu einem einheitlichen Traum. Sie tragen ihn selbst aus jenes Gestirn. Er sieht dort an einem gewaltigen Zernrvhr und schallt zur Erde. Ganz deutlich erblickt er Vorgänge, die sich vor zwanzig Jahren ereignet haben: denn zwanzig Lichtjahre ist die Erde von ihm entfernt. Wie himmelhoch stehen die Einrichtungen und Erfindungen jener Sternenbewvhner über den urlsrigerl! Er kann nicht nuv die Gestalten im Zreien sehen, sondern auch durch dicke Mauern blicken. Er sieht sich selbst, wie er Zls kleiner snuiLn' am Ja um kipp nr den Vater in der Synagoge anssncht, nachdem er sich derr Nachn'ittilgSkllsfee hat wohlschmecken lassen. „C Papa, wie sein war der Zwetschenkuchen!" flüstert er ihm ,;» nach der Art lebhafter .minder, die das nicht leicht zu unterdrücken vermögen, was sie sehr beschäftigt. Der gute Vater lächelt und streicht ihm liebevoll über bas Haupt: „Er soll dir wohl bekommen. "Aber wenn ou bar mitzwv sein lvirst, danri sastesl du doch auch?" „Ei freilich", antwortet er wichtig. „Sonst hätte id) doch eine Sünde!" - Zufrieden nickt der Vater, der ihm heute in deni Sargeires besonders ehrwürdig erscheint, und vertieft sich wieder in das große Machsor, das vor ihm ans dem Pulte liegt. Und zu»! ersten Male kommt dem Knaben der Gedaltke: Meiic Pater wird eininal sterben. Sehen betrachtet er von der Seite das lveite lei neue Totenkleid. und ein Granen fühl! er, als er sich vorstellt, daß sein lieber, guter Pater vielleicht schon — - — Dvrli nein! Selbst der Erwachsene scheut sieh, das auszndenken. Er läßt sich lieber von seine!» Traum ans eine» anderen Himmelskörper, tragen, der gar sechzig Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Als er von ihm hinüberschaut zu dein kleinen Erdentale, sieht er einen Greis in der Laubhütte, über ein großes Buch gebeugt. Es ist dieselbe Lanbhntte. die seine Elter» vom Großvater ererbt haben. Die Schabbvslampe, die darin hängt, stammt von den Urgroßeltern, und in dem Talmudband hat er selbst als Kind des Großvaters eigenhändig geschriebene» Namen gelesen. Der Großvater ist etNZiroßer Gerehrter und ei» heiliger Warnt gewesen! soeben treter: mehrere Wciimcrin die Hütte. Sie grüßen ihn ehrfurchtsvoll, nehmen gleichfalls Taunuderemplare, und mm beginnt das „Lernen". Des Greifes Inge gewinnen sichtlich an Leben, wahrend er Gottes Lehre vortrügt, der er sich dienstbar gemacht Hai mit all seinen Kräften. — Das Gesichtsfeld wächst. Jüdische Häuser tind Hütten, Stätten des Gebetes und der Lehre ziehen langsam an dem im Traume sehend Gewordenen vorüber. Echt jüdische Männer und ,Tranen grüßen ihn. Ueberall zeigt sich, daß zmii Glück die Pflichterfüllung gehört, da nur sie innere Befriedigung erzeugt. Der Jüngling blickt stolz aus vergangene Geschlechter, er suhlt sich mit ihnen eins. -- Es ist spät in der Nacht, als sich Bein endlich mit einem Seufzer vom seinen Träumen losreißt, die ans ihn »nächtig eingewirkt haben. In diest'n Stunden ungestörten tiefen Nachdenkens hat er steh zn einer Ueberzeugnng hindnrchgertingen, zn einer Ueberzengnng, ans der mit der Zeit wirkliche Grundsätze entstehen. "Als wiederum ein Jahr dahingeschwnnden ist uub abermals der „große Tag" seinen Segeil über Israel ergießt, da sühit der Jüngling, daß seine Lcoenssührnng, stine Grundsätze und sein Verhalten jetzt znsan'menpassen. tlnd dieses beglückende Velvnßtsein ueedankl er jener Rückkehr am Janm Kippur. Der Sänger. Eine Peuienitengeschichle von Engen H o e s l i ch. Nahe bei Essrat Iissrael in Jernsatem ist ein Aenienitengnartier, dessen Bewohner mir freundlich waren, wenn ich zu ihnen kam und stets mit guten Worten meiner gedachten, tveit sie meiner Liebe sicher waren. Meine ganze Ehrfurcht aber galt ihrem Ehacham. einem uralten, weißen Manne. Nie ward die Zcjerlichteit der Lichter größer, als stoenii ich sie vor ihm brennen sah in der Stunde des Labbatausganges. Von diesem Eharham. der stets schwieg,stion desseti Lippen kein Wort kam^ weder in der Truhe des "Ansganges »och in der stunde des "Abends, in aller Zeit, da ich ihn kannte, es sei denn, daß in manchen stillen Stunden, da die sanfte Umnachtung, die ihlt umgab, sich löste und er ans den Namen der Mütter die'Zahlen suchte als Zeichen der Jnknnst, von diesem alten Manne, der der beste Gänger in allen Lumritm’H der Jemeniten von Saana bis Jerusalem gewesen war, wurde erzählt und ich hörte die Erzählung borden Häusern der Jemeniten, die leise und ehrfürchtig mir berichteten: Dieser Chacham, Ja'nb et wahdani, kam vor bieten Jahren hierher und die Stimnle seines Gesanges drang aus dem Bethanse jn die Stadt, daß die Beter in alten Bethünsern anfhurchlen ans den Sänger der Penikttiteii. Und die Gewalt seines Gesanges drang vor die Stufen des Thrones, gelobt fei der, deffert Namen er trägt, daß die Dienstengel eilfertig herabeilten, die Sünden der Kinder dieser Gemeinde von ihren Häupttern zu nehmen. Bis eines "Abends, der Tag der Versöhnung lvar angebrochen,, dieser große Sänger vor die Lade des Gesetzes trat uub ersticht gesammelt war znrn Dienst des Gebetes. Da verging die Gnade über seinem Haupte iind sein Gesang, der mächtig anhnb, luie immer, ging in falsche Bahnen und die Gemeinde wand sich in den Schmerzen ihrer Versündigung. Da verhüllte Ja'nb el wahdant sem "Antlitz und er floh in die blaue Jinsteriiis seiner Ltnbe, die ihn umfing and allmählich in Träume fjinüberleitete, ans denen plötzlich Elijah», der Prophet erwuchs und gewaltig vor dem stand, der falsch gesungen hatte i», Dienste des Königs: Weil du nngesammett borlratst aus der Gemeinde der Sünder, wandten die Töne deiner Kehle ihre Bahn! Und als Ja'nb sich des Nlvrgens erhob, siehe, da lag der Aelteste seines Samens. Jvsses, tot aus seinem Lager. Wir trugen ihn ztt Grabe, doch kanin hatte der 'Ostwind den Hügel getrocknet, warfen wir einen zweiten auf nild bargen Dalnd in ihm, Veit zweiten Sohn des Chachams. Und ehe drei Tage^ vergangen waren, ergriff Tieber den dritte» seiner Löhne und er rang mit dem Tode, bis er ihm verfiel am "Abend des fünften Tages. Sechs Söhne hatte dieser Mann und sechs begruben wir im Monat Elus .... Ja, v Herr, sechs Hügel ivarsei; wir ans und wir loaren bereit, den siebenten zu graben, für Ja'nb el lvahdani. Aber Ja'nb erfuhr nicht die Gnade des Sterbens. Schweigend saß ei’ in der Stille seiner Stube uito blickte vor sich hin, dunkel war seine Stirne und seine Augen schlossen sich dem Pfeile der Sonne. Eines "Nachts aber brach eilt Schrei aus seiner Brust, der uns ansschreckte voi: unseren Lagern und wir sahen den Ehachäm, voll toirrer Gebärden die Straße hiitabrennen, bis Jvf' farblose Dunkelheit sein rotes Kleid verschlang. Sechs Monde sah keiner den verstummten Sänger, bis er eines Nlvrgens wieder vor dem Bethanse saß. »»mm und starr. Nie erfuhr einer. >uo er die Zeit seiner "Ablvesenheit verbracht hatte. Selten spricht er eilt Wort, aber was er spricht, tritt ein, denn ans seiner Ztlnge liegt eilt Befehl Gottes. So erzählten die Pemeiiiten. Nie ine ehrfürchtige Liebe zn dem alten Manne aber wuchs von diesem Tage an ins Unermeßliche. Oft ging ich hin. ihm meine Ehrfurcht zn bezeugen, doch er sprach nicht, nur segnend hob er die Hand über meinen Eingang und über meinen "Ausgang. Um diese Zeit aber schoß die Not hoch ans in Jernsaieni. Mann .uud Weib vergingen an Hunger und die flächte waren erfüllt vom schreien der Sterbenden und von der Schritten der Männernd w huiter den Bahren gingen. "Vor dem Pethaus der Sephardim. aber, da der Thron Elijah» des Propheten steht, loeinten die Weiber, lveil die Lampe in der Kn nun er des Thrones zn verlöschen drohte.. Bringt keiner Oel, schrien sie, bringt keiner Oel für das heilige Licht? und sie schrie» und rasten die Mauern entlang in toller Oln'.macht der Verzweiflung, bis um die Mittagszeit eines Tages ein Mann ans der Kaminer trat und in die siebenfach ineinandergeschachtette Lynagvge ries: Das Licht ist verlöscht! Da ichwiegen die Weinende» und es lvar. als würde ein Enge! den Rani» verlassen, der nun a»gefüllt lvar bis ait die Decke mit den Sünden der Beter und mir ihrem tlngtanben. ")!» diesem Tage aber, da bas Licht i» der Kammer Eli'jahu des Propheten verlöschte, verlosch das Licht Ja'nbs, des Säugers, n»d er ging ein in die Barmherzigkeit Gottes.' getobt sei sein Name! In dieser flacht noch ward er begrabe» ans dem Oelberg bei den Vätern. Und in dieser Nacht, so berichten die cheiueniten, habe seine Ltimme in ihrem Bethans gesungen, so rein und so gewaltig, lvie nie in der -stik seines Lebens, lvie nie eine Stiinrne vor ibr. Dies ist die Geschichte des Sängers Ja'nb,et we.bdans von dem gesagt wird, daß er der größte Sänger aller Zeiten des Peinen war.

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