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Der Israelit · 1921-09-22 · Heft 38 (22.9.1921) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 38 (22.9.1921)
Date
1921-09-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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Gin Druckfehler. Humoristische Novelle aus der guten alten Zeit von H. B. Isidor Löb war ein fleißiger Mann. Die Nachbarn, die Freunde und Bekannten, die er hatte, sahen in ihm ein Muster des Fleißes, der Pünklichkeit und gewissenhaften Pflichterfüllung. Er hatte einen Laden, in welchem seine Frau Kolonial-, er selbst jedoch Schnittwaren verkaufte. Die Haushaltung wurde von Rosa, der erwachsenen Tochter" des Ehepaares versehet.. Am Sonntag, wenn es im „Manufakturengeschäft" viel zu tun gab, half Röschen dem Vater, während die Mutter um keinen Preis der Welt in dem Departement ihres Mannes tätig gewesen wäre. „Jeder für sein Geschäft", war ihre Parole. „Ich verkaufe Zucker und Reis, mein Mann Tuch und Bukskln: ich für mein Geschäft, mein Mann für das seinige". Selbst wenn der kleine Laden voller Kunden war, kam sie nicht herbei, um zu verkaufen, sondern sie unterhielt sich mit den Kunden und verkürzte ihnen die Zeit des Wartens. Ein solcher Fleiß wurde belohnt. Das Geschäft hatte sich vergrößert, Isidor Löb hatte schon sein „Kontor", ein hinter dem Laden liegendes kleines Kämmerchen zu dem Laden genommen, hatte den Platz, den das Kolonialwarengeschäft beanspruchte, schon auf ein Minimum reduzieren müssen, und er sah die Zeit kommen, wo er — er war doch nur ein Mensch und wurde immer älter — und sein Röschen die Arbeit nicht mehr allein bewältigen konnten. So saß das Ehepaar eines Abends, nachdem um zehn Uhr das Geschäft geschlossen war, plaudernd beisammen. Isidor klagte über die Last der Arbeit und machte seiner Frau den Vorschlag, sie solle eine Magd engagieren, damit Röschen von den Arbeiten des Haushaltes entlastet werde und ihm im Geschäfte beistehen könne. Mit offenem Munde sah ihn sein biederes Weib an, dann kam es langsam über ihre Lippen. „Ei, ei, mein Isidor, bist du ein Srore geworden, daß du nicht weißt, wohin mit deinem Geld! Weißt du auch, was eine Magd kostet? Einhundert Mark das Jahrdochzum wenigsten,ohneEssen undTrinken. Hast du Lust so viel Geld auszugeben, so gib mirs, ich trags auf die Sparkasse für die Nedunje unserer Tochter". „Und dann", fuhr sie weiter, ohne ihres Mannes Erwiderung abzuwarten, „hast du auch überlegt, was das im Jahr kostet, was so eine Magd zerbricht und trefe macht und wie sie einem den ganzen Haushalt „chorew" machen kann, ohne daß man etwas davon weiß? Nein, mein Mann, so lang ich gesund bin und schaffen kann, kommt mir keine Magd ins Haus". „Aber", warf Isidor ein, „du wirst doch auch mal alt". „So Gott will, ja, und recht »ehr alt, aber noch bin ich es nicht, noch fühle ich mich jung". „Eine schöne junge Frau, mit einem weißen Kopf und einer heiratsfähigen Tochter", spottete Isidor. „Bin ich dir nicht mehr jung genug, so suche dir eine andere", eiferte die nun beleidigte Frau, „ich bin in Ehren weiß geworden". „So war es ja nickt gemeint", besänftigte Isidor die Zornige- „warum sollst du mir nicht mehr recht sein, bist du mir doch seit dreißig Jahren recht gewesen. Es war nur ein Gedanke, eine Idee von mir". „So ist auch der Gedanke und so ist die Idee, als ob sie von dir kämen. Seit wann gibst du dich mit Gedanken und Ideen ab? An denen ist nichts zu verdienen, die kann man nicht verkaufen". „Ist doch schon mancher durch eine Idee zum reichen Mann geworden, warum soll ich nicht auch mal eine Idee haben!" „Es ist ein Glück, .daß du nicht oft Ideen hast, sonst wärst du bald ein armer Mann, denn deine Ideen kosten Geld". Isidor wagte nicht, seiner Frau zu widersprechen. Er schwieg stille und fuhr sich mit den Fingern über das spärliche Haar. Endlich sagte er: „Nun gut, wenn du keine Magd haben willst, so nehme ich eine Verkäuferin, denn allein kann ich unmöglich fertig werden. Oben im Stübchen mag sie schlafen —" „Isidor! Ich glaube sicher, — Frau Rose sprach es nicht aus, was sie glaubte — Eine Verkäuferin willst du ins Haus nehmen! Die kostet ja noch mehr. Unter dreißig Mark und freier Station wirst du keine bekommen und das sind im Jahre — zehn mal dreißig ist dreihundert, zwei mal dreißig ist sechzig — das sind dreihundertundsechzig Mark im Jahr ohne Essen und Trinken. Das ist eine halbe Nedunje. Und dann, Isidor, hast selbst eine heiratsfähige Tochter und willst dir noch ein junges Mädchen ins Haus nehmen, deinem eigenem Kinde Konkurrenz machen, wenn ein Freier kommt, denn eine mieße Person darf mir nicht ins Haus, die vertreibt die Kunden und eine schöne kann ich erst recht nicht brauchen". „So laß uns eine christliche Verkäuferin nehmen". „Gewiß, die am Schabbos faulenzt und am Sonntag nichts tut und hast du auch schon überlegt, daß du, wenn du eine fremde Person ins Geschäft nimmst, leicht bestohlen werden kannst?" „Es gibt auch ehrliche Mädchen". „Gewiß, aber die großartigen Posten wie Magd und Verkäuferin gefallen mir nicht. Wir haben es seither allein fertig gebracht, es wird auch weiter so gehen". Isidor gab sich seufzend zufrieden. Er wußte, daß, wenn seine Frau etwas nicht wolle, keine noch so einleuchtenden Gründe sie umftimmen würden und er erhob sich deshalb und ging ärgerlich zu Bette. Zum ersten Male in ihrer Ehe sprach keines ein Wort zum anderen und auch das „gut Nacht" und „schlaf wohl" wurde kaum gehört. (Fortsetzung folgt.) (Die Entwicklung des jüdischen Theaters.) Der Schntzverbnnd deutscher Schriftsteller, oer sich u. a. auch Mc Ausgabe gestellt hat, „verborgene Kunst" ins Licht der Oeffentlichkeit zu rücke», veranstaltete vor Kurzem im Brüdervereiushaus in Berlin einen Vortrag: „Tie Entwicklung des jüdischen Theaters." Der eiste Vorsteynde des Schutzverbandes, Bernhard Kellermann, sprach die einleitenden Worte, worin er im besonderen auf Eulenb g, Zweig uito Ploehn als auf die Quelle des jüdis../en Geistes (?) hinwies, und gab fovann zu dem eigentlichen Thema dem Referenten des Abends, Herrn Rechtsanwalt Tr. Gronemann, das Wort. In feinen interessanten Aussiihrnugeu nannte-dieser die Inden das theaterwütigste Volk der Welt, bei dem die Liebe znm Theater manchmal direkt groteske Formen armehme. Einige humoristische Schilderungen einiger Erlebnisse ans dem Wilnaer und Bialostoker Milien, wo das ganze ostjüdische .Ghetto iich im Theater wie zu Hans fühlt und die Mütter ihre Säuglinge mit ins Theater nehmen, erweckte beim Publikum stürmische Heiterkeit. Schon ans dem Jahre 1607 liegt eine Kritik vor über jüdische und Stegreifschauspieler. Redner las die Kritit vor und schilderte das Entstehen des jüdischest Theaters aus den Jnstnachtspielen des Purim festes. Abraham Goldfaden, Jakob Gordin, Perez Hirschbein nrld der berühmte Moralist I. L. Perez stellen die kulturellen Entwicklungsstufen dar. In einigen Mitgliedern der Wilnaer Schauspieltruppe, die den Vortrag des Tr. Gronemann dnrcb draniatische Szenen und Einzelspiele ergänzten, lernte inan schauspielerische Volksuatnren kennen, die durch die Glut ihrer Worte verbliissten'nnd durch die unmittelbare Tiefe der Etnpsindnng wie eine künstlerische Offenbarung wirkten. Sinderecke- Sine Lehre zur rechten Zeit. Von Heinrich Einstädter. Bankier Hamm genießt mit seiner Familie die schönen Augusttage in einem Badeort. Da keiner seiner Angehörigen krank und kurbedürsttg ist, sind sie in der Lage, fast ihre volle Zeit zum Aufenthalt im Freien zu verwenden. An einem Nachmittage wandern sie nach einem der vielen reizvollen Ausflugsorte, die das Bad umgeben. Hamm, der während des ganzen Jahres von seinem Geschäft so in Anspruch genommen wird, daß er sich seiner Familie nur recht wenig widmen kann, benutzt die Wochen der Erholung gern dazu, im engen Verkehr mit seinen Kindern das nachzuholen, was er nur ungern versäumt hat. Er plaudert munter mit ihnen, beteiligt sich an manchem ihrer fröhlichen Spiele, beantwortet ohne Ungeduld ihre zahlreichen Fragen und freut sich, Gelegenheit zu haben, ihre Eigenarten, ihre Wünsche und ihre Fähigkeiten kennen zu lernen. Aber manches, was er an ihnen beobachtet, muß er bemängeln. Seine Kinder sprechen viel zu oft vom lieben Gott! Von ihm glauben sie, daß er ihnen alles Gute schickt. Ihm vertrauen sie, daß er sie und alle braven Menschen in seinen Schutz nimmt. Alle ihre kindlichen Hoffnungen und Befürchtungen bringen sie in Verbindung mit Gott. „Das haben sie sicher von der Mutter und t c Schule", denkt Hamm, und er nimmt sich vor, bei er ersten Gelegenheit dem Einhalt zu tun. Er erinnert sich noch der Armut, unter der er in sein Jugend gelitten, und wie er sich mit Fleiß und zäher Ausdauer aus ihr emporgerungen har. „Was ich bin, das bin ich durch mich selbst geworden", spricht er, „und meine Kinder sollen auch lernen, sich nur aus ihre eigene Kraft zu verlassen." In diesem Sinne spricht Hamm mit seiner Frau und dem Kinderfräulein, als sie an einem Nachmittag im Garten einer feiner Wirtschaft am Kaffeetische sitzen. Der Garten liegt auf einer Anhöhe. Man überblickt von ihm aus einen hübschen Wiesengrund, den die Eisenbahn durchzieht, und über diesem hinweg sanft aufsteigende Höhen, die von schattigen Waldungen bekleidet und von einem stolzen Schlosse gekrönt werden. Die Kinder ergötzen sich an der Schaukel, die nebst einigen Turngeräten in einer Ecke des weitläufigen Gartens angebracht ist, indes die Erwachsenen an einem t r Tische ernste Aussprache pflegen. Frau Hamm ist unangenehm berührt von dem, was ihr Gatte äußert. Sie gehört ja nicht zu jenen Menschen, die am liebsten müßig in den Tag leben nnd Gott alles überlasten wollen. Nein, sie selbst nimmt ihre Pflichten sehr ernst und besitze auch große .Achtung vor der geschäftlichen Tüchtigkeit und dem unermüdlichen Fletße ihres Mannes. „Ich weiß", spricht sie langsam, „daß man sich auf Wunder nicht verlassen darf. Aber ich bin davon überzeugt, daß täglich welche geschehen. Nicht auf natürliche Weise können wir uns erhalten und mannigfachen Gefahren entgehen, die unser Leben stets bedrohen. Das habe ich schon so oft erfahrrn. Man scheut sich, darüber zu sprechen. Aber meinen Kindern möchte ich gern das Gottvertrauen wettergeben, das ich daraus geschöpft habe." Hamm hat aufmerksam seiner Gattin zugehört. Seine Tätigkeit hat ihm bisher noch Zeit gelassen, die Vorkommnisse des Lebens nach dieser Seite hi« zu prüfen. Ernst und sinnend schickt er seinen Blick in die Weite. Doch plötzlich springt er empor. Seine Augen scheinen aus ihren Höhlen treten zu wollen. Ein Zittern läuft durch seinen ganzen Körper. Erschreckt folgen die andern seinem Blicke. Ein Schrei entflieht ihrem Munde. Dort unten jagt ihr kleiner Paul einem Schmetterling nach und will ihm über das Bahngeleise folgen, ohne zu bemerken, daß soeben der Etsenbahnzug naht. Er achtet nicht der Ruse oder hört sie nicht. Nur ein paar Meter trennen ihn noch von den Schienen. Doch sieh! Ein Stein liegt ihm im Wege. Er schaut nur aus den Schmetterling und füllt. Bevor er sich wieder erhoben hat, ist der Zug an ihm vorbeigebraust. Weinend kehrt er zurück. Seine Eltern kommen ihm schon entgegen und umarmen ihn unter Tränen. Siaunend schaut das Kind, das die Gefahr gar nicht begriffen hat, von einem zum anderen, und sagt endlich: „Nein, so weh hat's gar nicht getan." „Aber hast du denn nicht gesehen, daß du fast überfahren worden wärest? Wir haben Todesangst ausgestauden!" Da lächelt der Knabe: „Habt ihr denn gar nicht an den lieben Gott gedacht?"

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