Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1921)
- Date
- 1921-09-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450172--69197-2526366- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 24. Seite 3. 1. September 192JL. den dortigen Agudafreunden, unter denen der Bojaner Großrabbiner an erster Stelle zu nennen ist, Besprechungen abzuhalten und Sonntag vormittags vor dem Vorstand der Aguda in Czernowitz einen ausführlichen Bericht zu erstatten. Kifchruetv. Die AgudaS Jisroel. ln unser»! Laude ist in stetigem Aufschwung begriffen. Die Landesverhältnisse machen eine Aufwärtsentwicklung des qeietzestrauen Judentums nicht leicht. Die Wandlung, durch die unser Land im letzten Jahre hindurchgeganaen ist. bUeb nicht ohne Einfluß auf die Geister und Gemüter. Es bedarf sehr schwerer, zielbewußter Arbeit und unbeugsamer Beharrlichkeit, um mit den Grundsätzen der Aguda durchzudringen. Unser ehrwürdiger Herr Oberrabbiner Z i r e l s v h n, der gleichzeitig Schöpfer und Präsident der Landesorganisativn ijt, ist jedock nicht der Mann, den vorübergehende Zeitürömungen an dem Gelingen seiner einmal ins Auge gefaßten Unternehmungen verzweifeln taffen. Er hat die Landeszcntrale gegründet und führt leckher die Aguda mit sicheren Schritten vorwärts, vorwärts durch alle Hindernisse, die feinen Weg verlegen. Vorn 15. Schewat 5680 bis zum heutigen Tage sind 22 Ortsgruppe n gegründet und an sechs Orten Vertrauensmänner eingesekt worden. Eine größere Anzahl neuerer Ortsgruppen sind iin Gründen begriffen. Tie Ausgaben für Propaganda, Reisen und praktische lokale ^Arbeiten namentlich auf dem Gebiete des Unterrichtswesens für Kinder im schulpflichtigen Aller und für die schulentwachsene Jugend im Betrage von 125 Tausend Lei wurden ausschließlich ans eigenen Mit- '.eln des Zentralbüros bestritten. Der Einfluß all' dieser Unternehmungen zeigt sich auch bereits deutlich ans allen Gebieten des öffentlichen jüdischen Lebens. Mitglieder der Aguda haben in fast allen wichtigeren lokalen und politischen Kommissionen und Komitees ibren Siü und vertreten kraftvoll und mit steigendem Erfolge die Interessen des orthodoxen Judentums. Auf Initiative unseres Präsidenten, des Herrn Oberrabbiners Zirelsohn wurde das Komitee für die ukrainischen Flüchtlinge geschaffen. Was dieses Komitee leistet und mit Hilfe der Aguda in anderen Ländern noch zu leisten im Begriffe ist, wird von vielen Tausenden dieser Aermsten und Bedrängten anerkannt. Rabbi Moses H i r n s p o r z, Vizepräsident der Aguda, ist Präsident der Enngratwns- Kvmmifsion. Rabbi Leb Alexandrawski ist.ordentliches Mitglied in der juristischen Kommission. Herr Esra im L e b e r t o w ist Präsident der Mazzvth- Kommifsion. T-urch diese Kommission wurden 15000 Flüchtlinge mit Mazzoth und Lebensmmein für das PessachM versorgt. An der Spitze des Aktionskomitees steht Rabbi Pension Spira. Für den „Keren Erez Jisroel" der Agudas Jisroel wird eine rege Tätigkeit entfaltet. Unter Leitung der Herren Zadok Rosenfeld und Zewi Scheinbe r g ist eine besondere Kommission für diesen Zweck gegründet worden. Bis heute sind bereits 125000 Lei bei uns eingeflossen. Auf dem Gebiete des Erziehnngswesens wurde neuerdings ein Abendkursus für Knaben und desgleichen für Mädchen eingerichtet. Unsere neugegründete orthodoxe Mittelschule erfreut sich großer Beliebtheit und wird hoffentlich ein Markstein in der Geschichte des orthodoxen Judentums von Besfarabicn sein. An dem Vorbereitungskurfns nehmen 120 Schüler teil. Auf reUgiöfem Gebiete wurde erst letzthin einem großen Mißstande gesteuert. Selbstverständlich hat unsere Organisation alle Maßnahmen eingeleitet, um der bessarabischeu Aguda durch Teilnahme an allen Unternehmungen auch in der GesarMagada jenen Platz zu sichern, der ikr zukoniml. Kurz, wir arbeiten energisch und hoffen bald von weiteren Erfolgen berichten zu können. Die Frage der Kriegswesen. Im Anschluß an die verschiedenen Artikel» die sich Nlit dieser Frage befassen, möchte ich mir erlauben, einiges zu bemerke». — In der Tat, die Versorgung der Kriegs Waisen ist eine dec wichtigsten. Aufgaben der Gegenwart, aber auch zugleich eines der schwierigsten Probleme. Bereits seit fünf Jahren hat die Agudas Jisroeeine große Tätigkeit uns dem Gebiete der Errichtung von Kriegswaisenhäusern entfaltet, und es ist ihr UegUickt, etwa zehn Waisenhäuser ins Leven zu rufen. Ein schöner Erfolg, auf den Agudas Jisroee stolz, sein kann. Stellen wir aber die &der Waisen der Zahl derer gegenüber, dis in den wh-Waifenhäufern untergebracht werden können, so"müssen wir unbedingt zu der vebrrzeugung kommen, daß die Lösung des Waiseu-Problems durch die Errichtung von Waisenhäusern allein nicht erfolgen Schätzen wir hoch, so können ourch die Neugründungen etwa 2000 Mnbev untergebracht werden. In Polen, in Littauen, in der Ukraine und in den anderen Ländern des Ostens aber zählen die Waisen nicht nach Tausenden, sondern nach Zehn- und HunderMausenden. Tiefe armen, hilflosen Kinder unterzubringen, ihnen eine menschliche und jüdische Erziehung angedeihen zu lassen, ist, so schwierig es sein mag, von eminenter Wichtigkeit, nicht nur aus dem rein sozialen Gefühl heraus, das uns ge- __ .Blätter."_ bietet, diesen Aermsten unseres Volkes za helfen. Nein, greifen wir hier nicht tatkräftig ein, so entsteht eine ungeheure Gefahr für das Judentum und speziell für das gesetzestreue Judentum. Denn diese Kinder, die ihre Eltern in ganz frühem Alter durch die grausame Politik der Zudenhasser verloren haben, sie stehen plötzlich verwaist, ohne jeden Ernährer, ohne je^en Erzieher. Sollen sie nicht gleich dem Hungertods anheimfallen, so sind die kleinen, unschuldigen Kinder gezwungen, auf unredliche Weise ihren Hunger zu stillen, und wie leicht kommen sie da, jeder Führung beraubt, auf Unrechte Wege. Diese Kinder, in>r keiner Schuld bewußt, ein solches Leben beginnen, keine Tauroh lernen und von ihr nichts erfahren, werden späterhin unsere schärfsten Gegner werden. Diese ungeheure Gefahr, daß uns der Osten, der uns bis jetzt die Besten gebracht hat, zu einem großen Teile verloren geht, ja sogar uns als Gegner außerordentlich verderblich werden kann, gepaart mit der jüdisch-jozralen Pflicht, unseren bedrängten Brü-, dern beizuspringen, zwingen uns, die Fürsorge für die Waisen in andere Bahnen zu lenken, wie dies bisher geschehen ist. Es soll damit keineswegs gesagt werden, daß die bisherige Tätigkeit etwa eine unnütze gewesen wäre, im Gegenteil, wie bereits oben ausgeführt, Agudas Jisroel kann mit voller Genugtuung auf ihr Hilfswerk zurückblicken. Wollten wir ,aber die sämtlichen Waisenkinder in Waisenhäusern unterbringen, Tausende von Asylen wären erforderlich, Millionen und Abermillionen Geldmittel wären notwendig. Um zur die Waisenkinder eine durchgreifei,de Hilfe zu schassen, mir einen großen Teil unserer Jugend vor dem Tod eoes Verhungerns zu bewahren, um schließlich unsere Jugend des Ostens vor dein Abfall von der Tauroh zu schützen, sehe ich nur ein Mittel: Die Unterbring n ng von Kindern in einzelnen Familien. Tieser Weg fordert von uns allen Hingabe der eigenen Persönlichkeit. Nicht ist es danrit getan, daß man Geld gibt, daß man durch Spenden sucht, die Not zu lindern. Jeder einzelne muß einen Teil seines Lebens opfern. Hier muß es sich zeigen, ob dev echte, altjüdische Idealismus auch die heutige Generation beseelt, ob wir wüvdig sind, das Am seguioh zu sein. Das Einsetzen einer sofortigen, regen Aktion ist am Platze. Nicht nur, daß ein Weckruf von den führenden Persönlichkeiten der gefeyestreuen Judenheit der gesamten Diaspora allüberallhin ergehen sollte, noch mehr, Männer von Ruf müßten durch persönliche Fühlungnahme und durch Propaganda- Vorträge die Ueberzeugung von der Notwendigkeit des Hilfswerks wachrufen. Diese Propaganda müßte sich in erster Linie auf kinderlose Ehepaare erstrecken, die in dem angenommenen Kinde einen Ersatz für das ihnen versagte Eheglück finden können, wenn sie es zu einein tüchtigen, brauchbaren, jüdischen dischen Menschen heranbilden. Gewiß, gibt es Leute, die gerne auch dcu Jammer und das Elend lindern möchten, die aber, sei cs wegen des Alters, sei es infolge sonstiger Umstünde sich zur Erziehung von Kindern nicht für geeignet erachten. Diesen Leuten soll in dem Kriegswarsenfonds der Agudas Jisroel die Gelegenheit geschaffen werden, durch monatliche Spenden es Lehrern zu ermöglichen, Kinder bei sich aufzunehmen. Daß gerade die Unterbringung der Kinder bei Lehrern das Vorteilhafteste wäre, ist klar. Hier finden die Kleinen ein echt jüdisches Mlicu, wo sie sich im Jüdischen und auch in profanen Fächern ausbilden können. Gelingt es uns gar, die Waisen bei Lehrern auf dem Land erziehen zu lassen, so sind noch weitere, nicht unbedeutende Vorteile damit verknüpft. Es braucht wohl nicht betont gu werden, daß die Lehrer, veseelt von der Genugtuung, wenigstens ein Kind vollkornmen jüdisch und pädagogisch beeinflussen zu können, sich diesem in erhöhtem Maßstabe zuwenden werden, und die Liebe zu dem Kinde wird zweifellos auf dessen Genrüt einen heilsamen, dauernden Einfluß gewinnen. Noch mehr! Auf dem Land wird die Liebe des Kindes zur Natur geweckt, wird es vielleicht Landarbeit und Viehzucht erlernen und hat dadurch für fernen ferneren. Levensberuf ausgesvrgt, was bei der heute so "sehr erschwerten Beschaffung von Erwerbsmöglichkerten von eminenter Wichtigkeit ist. Auf dem Lande, wo das jüdische Leben starke Einbuße erlitten hat, dürften die Waisen sicherlich dazu beitragen, daß die Landgemeinden nicht aussterben, day vielmehr wieder jüdisches Blut dort pulsiert. Aber auch den Lehrern, deren Einkommen in keiner Weise mit den sozialen Umgestaltungen Schritt gehalten hat, und die selbst heute noch 'zum größten Teil in geringsten Verhältnissen, die mit der Bedeutung ihres Berufes nicht in Einklang zu bringen sind, leben müssen, ihnen wird eine ftnanziele Stütze durch die Zttwersung von Kindern erwachsen. Wenn wir, von diesen Gesichtspunkten ausgehend, eine rege Tätigkeit zum Woble der armen, kleinen Kinder entfalten, wenn wir alle uns bewußt werden, daß wir Verpflichtet sind, unter ideellen und materiellen Opfern arme, unschuldige Kinder, die ohne Vater, ohne Mutter Ijevinnittett, zu retten, wenn wir erkennen, daß wir damit eine ungeheure Gefahr für das Judentum abwenden helfen, dann werden wir mit Erfolg an der Verwirklichung dieser Idee arbeiten können. I. Koton. A«s der Vevesung. Frankfurt a. M., 17. August. Herr Rabbiner Dr. V. Schönfeld-Jerusalem schreibt uns unter dem 2. August: „In Nr. 20 der Agudah-Blätter — Beilage zum „Israelit" dom 8. Tamns — bringen Sie eine Nachricht aus London, wonach ich „meiner Arbeit als Misrachi-Sekretär in Palästina müde geworden sei und mich nach meinem Wirkungskreis in London zurücksehne." — Ich bitte Sie, in Ihrer nächsten Nummer festznstellen daß diese Nachricht jeder Grundlage entbehrt, Ich habe niemandem gegenüber derlei Aeußerungen getan und es ist nicht nötig zu sagen, daß sie den Tatsachen gar nicht entsprechen. Gleichzeitig bitte ich festznstellen, daß ich nicht Sekretär des Misrachi, sondern Leiter des unter dem orthodoxen „Waad Hamfakeah" organisierten Erziehungswesens in Palästina bin. Frankfurt a. M., 30. August. In den Räumen der Frankfurter Jugendgruppe hielt Herr Rabbiner Dr. Bondi-Mainz in den 3 Wochen einen Vortrags-Zhklus über den Untergang des jüdischen Reiches. In packender Weise verstand es der Redner den Zuhörern die Blütezeit und den Verfall des jüdischen Staates vor Augen zu führen. Besonders dankenswertwar es, daß der Redner viele Begebenheiten der damaligen Zeit, sie nach den Forschungen des bekannten Gelehrten Halevy beleuchtend, in ein ganz neues Licht rückt. Wir hoffen gern, daß wir noch recht oft das Vergnügen haben werden, Herrn Rabbiner Dr. Bondi als Redner bei uns begrüßen zu können. Jerusalem, 3. Juli. In einer gutbesuchten Versammlung der Jerusalemer Jugend wurde die Gründung einer „Agudas Jisroel-Jugendgruppe" in Jerusalem beschlossen und ein sechsgliedriger Ausschuß zur Durchführung des Beschlusses gewählt. In der Versammlung wurde mit starken Morten gegen die unqualisizierbaren Verdächtigungen protestiert, die der Misrachistenführer Fifchmann in der Londoner ,,Zeit" gegen die allverehrten Leiter der palästinensischen Aguda gerichtet hat. New Isork. In einer gemeinsamen Sitzung des Zentral-Relief--Comitees und der Agudadelegation hat dcks Zentral-Relief--Cornitee erfreulicherweise auf Anreugng der Aguda-Delegation zunächst einen genauen Bericht über den Stand der Thoralehranstalten in Europa entgegengenommen, und auf Grund dessen nach Polen, Deutschland und Tschechoslowakei, Litauen, Wien. Ruffokarpatien größere Summen für Jeschiwos und Talmud Thoras zur Verfügung gestellt. Warschau, 15. Juli. Eine Delegation der Szlome Emune Jisroel mit Abg. Rabb. Perlmutter an der Spitze hat beim neuernannten Innenminister Raczkiewicz wegen der in letzter Zeit lvieder zunehmenden Ueberfällen auf Juden interveniert und ihm ein Memorandum überreicht. Der Minister erklärte daß er nach Einvernehmen mit dem Kriegs- Minister zur Unterdrückung der Exzesse bereits entsprechende Verordnungen erlassen habe. Wien, im Juli. Es ist der Wiener Abteilung des Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel endlich gelungen, fein erstes Kriegswarsenhaus in Baden bei Wien zu eröffnen. Damit ist die mühevolle, unverdrossene Arbeit von mehr als drei Jahren mit einem schönen Erfolge gekrönt. Die ersten protokollarischen Aufzeichnungen der beginnenden Arbeitswilligke.it besitzt der Verein vom November 1917, da eme Gruppe von Mitgliedern der Agudas Jisroel, erfüllt von der Liebe zum jüdischen Volke und gequält von dem Schmerze der Kriegsopfer sich zufanlmengefunden hat in der Wohnung des Bezirksrabbiners Venzion Katz um vorläufig ein provisorisches Komitee eines Kriegswaisenfonds der Agudas Jisroel zu gründen. Anwesend bei dieser Beratung waren die Herren: Rabbiner Benzion Katz, I. I. Thumim, Joses Schönblum. Sammler, Türkt, Jakob Varbach, Isaak Brückenstein, Margulies und Herr I. Moses Sobel. Es wurde gleich beschlossen, mit der Tätigkeit sofort ernzusetzen und zu diesem Vehuse ein provisorisches Komitee eingesetzt. Das provisorische Komitee hatte in sich Sektionen gebildet und nun sofort eine eifrige Werbetätigkeit entfäliei, Statuten ausgearbeitet, sodaß am 20. März 1918 nach behördlicher Genehmigung der Statuten die konstituierende Generalversammlung des Kriegswaisensonds der Agudas Jisroel abgehalten werden konnte. Nach der endgiltigen Konstituierung hat die Leitung verschiedene Verhandlungen eingeleitet, um in Galizien Waisenhäuser einzurichten. Tie langwierigen, unter kolossalen Schwierigkeiten nach verschiedenen Richtungen hin geführten Verhandlungen haben keine Realisierung gesunden. Es fit dies den verschiedenen Wechselfällen und Wendungen des Kriegsglückes zuzuschreiben, die in Ostgalizien das oft mit so schwerer Mühe Aufgebaute rasch wieder über den Haufen warfen. Das einzig Bleibende war die unter günstigen Bedingungen erfolgte Erwerbung einer komplettten Einrichtung für eur Waisenhaus mit einem Fassnngsraume für 100 Kinder. Als die Kriegsereignisse jene Wendung genommen haben, welche dem Bestände der Monarchie ein Ende gemacht har, als jede Möglichkeit eines Verkehrs mit Galizien vorläufig genommen war, mußte der Plan endgiltig ausgegeben werden, von Wien aus in