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Der Israelit · 1921-08-25 · Heft 34 (25.8.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 34 (25.8.1921)
Date
1921-08-25
Page
– (sequence 9)
Language
German
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25. August 1921. Der JSraeltt. als set hier groß Reunion angesagt, und eine Millionenschaar von Schnaken nimmt von uns völlig besitz — vom Scheitel bis zur Sohle. Man ist umsummt, umsungen, umkost, daß eseine wahre Lust ist. . . Das ist die dritte, natursrohe Art. Man kann es aber auch auf die vierte Art machen und jenem griechischen Philosophen gleich tun, der am hellichten Tage mit einer Laterne Menschen suchte. Und hätte er sie in der Hochsaison in Kissingen gesucht, er hätte sie auch gefunden . . . Wer seine Kurzeit auf vier Wochen bemessen hat, kann all diese vier Arten ausprobieren. Man interessiert sich eine Woche lang ausschließlich fürs Essen, für die mannigfachen Leiden der Mitgäste und die Familienangelegenheiten der — nicht anwesenden — lieben Mitmenschen. Hat man dann den gehörigen Ekel vor der „Umwelt" beisammen, flüchtet man sich in die rauschende Einsamkeit und bunte Weltverlorenheit des Kurgartens. Stellt sich aber wieder die Weltsehnsucht ein, trägt man sie in den Wald zu der plätschernden Saale,, den rauschenden Bäumen, singenden Vögeln und stechenden Schnaken und hat damit auch die Verbindung wieder mit dem Tale unten, wo das Leben doch noch schöner und die Menschen besser und interessanter sind als man ahnt. Man muß sie nur zu finden wissen . . . (Fortsetzung folgt.) AM Aeues unter der Sonne. Von L. Hortvitz in Kassel. Wie oft begegnet man heute der Klage über den Luxus, der in allen Kreisen sich geltend macht! Berufene Führer des Volkes wenden ja die ganze Kraft an., um zur Einfachheit zu mahnen. Wer aber ein feines Auge hat, weiß, wie gering der Erfolg ist.. So war er auch schon in früheren Zeiten. Man ftutn. aus der Kulturgeschichte aller Jahrhunderte nachlveisen daß es in der sogenannten „guten alten Zeit" nicht besser war. Besitzen wir doch aus deutschen Staaten Verordnungen der Landesherren an die christliche Bevölkerung Maß in Kleidung, Essen und Lrink^n 311 halten. Wie sollten nun die Juden besser wie ihre Umgebung sein? Allerdings fehlte es auch bei uns nicht an warnenden Stimmen, von denen die Beschlüsse der hessischen Judenlandtage von"1738 und 1741 am bekanntesten sina. Zur Lehr und Wehr für die Umgegend Frankfurts fei nachstehende Verordnung mitgeteilt denn auch sie ist und bleibt ein interessantes Dokument behördlicher Fürsorge für die getreuen jüdischen Untertanen: „Wir zur Kurfürstlich-Mainzischen Regierung verordneten Hofrats-Präsident, Großhofmeister, Hotkanzlar Kanzleh-Tirektor, geheime, Hof-- und Regierungs- Räte fügen hiermit zu wissen: Unter den Gegenständen, welche Sr. kurfürstlichen Gnaden, zum Besten dero getreuen Unterthanen, stets lvachende Aufmerksamkeit an sich gezogen haben, findet sich auch jene verderbliche Kleiderpracht, welche unter der eingesessenen und besonders der dahiesigen Judenschaft seit einigen Jahren so sehr eingerissen, daß daraus für die mehresten die Zerrüttung und der Umsturz ihrer Nahrungs-Umständen zu befahren ist. Tiefe üblen Folgen mogten selbst von dem einsichtlichen Theile der Judenschaft nicht mehr mißkannt werden, und eben daher haben Seine kurfürstliche Gnaden sich gnädigst bewogen gesehen, auf ihr unterthänigstes Ansuchen folgende Kleider-Berordnung für die Judenschaft e gehen zu lassen: Erstens. Sollen die Schutz-Juden männlichen Geschlechts, sie sehn verheiratet.udex Ledigen Standes, oder sich dahier aufhaltende jüdische Kostgänger oder Studioh, auf das Künftige keine Gattung mit Gold oder Silber bordirte Kleider, keine reiche Westen, leine Knöpfe von Gold oder Silber gesponnenen Fäden keine sammete oder seidene Kleider, noch seidene Fütterung und Steinschnallen tragen. Zweitens. Ten jüdischen Weibspersonen ist künftighin nicht erlaubt, die Haare srssiren mrd nnfsetzen zu lassen, desgleichen ausgesteckte und gethürmte Hauben- Flügelhauben mit oder ohne Spitzen, Blonden Entoilage und dergleichen neumodische Trachten, lvenn sie auch von dem geringsten Werthe wären, Blumen auf den Köpfen, Sultane, zweh- oder mehrfarbige Bänder zu tragen. Dahingegen sollen ihnen erlaubt U'hil die sogenannte bayerische oder sonstige Hauben dou weichem oder anderem Stofft mit einer höchst zlueh Finger breiten gold- oder silbernen Spitze. Kowllenfpitze oder Borden einfach besetzt, wie nicht weniger die weissen Judenhauben. Die Judenwerber aber mögen die kleinen krausen Hauben um ihre Haare zu decken ebenfalls zwar tragen, jedoch sollen bieie höch- Zkns -kWWeihen? hoch sehn, und die reichen Weiber vor den armen darinm'keinen Vorzug haben. Drittens. Sind denselben künftighin zu tragen verboten alle Gattungen Juwelen überhaupt, Und ä'gnr von falschen Steinen verfaßte Geschmnrk gute oder falsche Perlen, Granaten oder sonstige Haarnadeln Ringe und Schurzhaken, von guten »der falschen Steinen, und Halsbänder von weiß- oder schwarzen Spitzen, dochhingegen werden ihnen zum HalSputze, und zwar nur auf ihren Festtagen, Granaten, welche jedoch den Werth von 15 Fl. nicht überstelgen, auf den Werktagen aber nur Korallen, schwarz Sammetband und Kortel gestattet. Viertens. Sollen selbige in Zukunft nicht mehr tragen, einige mit Gold oder Silber, weißen Spitzen Blonden Entoilage und mit gewirkten seidenere Blumen garnirte Kleider, desgleichen sogenannte Trainanten oder lange Kleider, Amazonenkleider, Reifröcke. seidene SalopWäntel und Respektuescn, wie auch doppelte Mastchekteck T a für aber sollen sie sich begnügen, mit sogenannteil halben Kvntuschen ohne Kapuzen, uno Röcke ohne Garnierung, Frisur oder Falblen, mit Saloppen von Cotton oder Zitz, gleichfalls ohne alel Garnirung und Kapuzen, mit Halstüchern von Seide oder Nesseltuch ohne Spitzen und Brodure, mit Krügen von schwarzem Samwet, oder Seide ohne Gold und Silberspitzeir, und mit einfachen Manchetten von Battist oder Nesseltuch, ohne Spitzen, Brodure und unausgebogen. Fünftens. Sollen selbige weder goldene noch sonstige Uhren anhängen. Sechstens. Keine seidenen Strümpfe, seidene oder zwillchene Schuhe und Pantoffeln, und keine Steinschnallen, lwohl aber wollene und leinene schwarze Schuhe und Pantoffeln ohne die rniildeste Stlckereh oder Frisur von Bändern tragen. Siebent e s. Aus Werktägen überhaupt keine seidene Kleider anthun, es sehe dann, daß eine auf eine Hochzeit oder zur Gevatterschaft geböten werde, sonsten haben selbige auf Werktagen lediglich tu Cotton oder Zitz, und niemals ohne Schurz, welcher auch nicht garniret oder mit Spitzen besetzt sehn solle, zu erscheinen. Achtens. Zu Befolgung dieser Verordnung und bannt ein jeder unter der Jugenschaft sich mit den dieser gnädigsten Vorschrift gemäßen Kleidern versehen könne, wird von dem heutigen Dato an, eine 3 Monatliche Frist bestimmt, naach deren Ablauf diejenigen, so derselben nicht in allen Stücken empfindlichen Strafen angesehen werden sollen. Hiernach haben sich also sämtliche eingesessenen Juden undterthänigst zu achten. und in tiefschuldigster Dankbarkeit Sr. kurfürstlichen Gnaden preiswürdigste Sorgfalt zu erkennen.. Signariuin unter hierbehgedrücktefn kurfürstlichen Regierungs^Kanzlei--Jnsiegel, Mainz) den 15. Juli 1773. G. A. M. v. Strauß, L. S. I. M. Hauck, Regie r ungs-Sekretarius." Auch diese Epistel war sicherlich ein Schlag ins Wasser, denu menschliche Schwächen lassen sich ja durch Befehle nicht ansrotten. knderecke. Alles zum Men. Von Heinrich Einstädter. Ja, ihr Kinder, die Schulzeit ist schön. Ihr meint allerdings, die Ferien seien schöner. Ich aber setze hinzu: Die Wochen vor Beginn der Ferien sind noch am schönsten! Die Vorfreude strahlt da aus aller Augen. Mit Begeisterung erzählen sich Knaben und Mädchen von der bevorstehenden Reise. Beglückt beobachten ste die Vorbereitungen, die die Eltern treffen. Kaum vermögen sie die Stunde zu erwarten, in der die Wohnung verlassen wird. So ging es den Kindern meines Nachbarn. Ihre Eltern hatten ihnen aber auch herrliche Fertenwochen in Aussicht gestellt. Sie wollten mit ihnen nach dem Schwarzwald reisen. In einem prachtvoll gelegenen Dörfchen hatten sie einige Zimmer gemietet. Dort sollten sie sich einer Freiheit erfreuen, die ihnen die Stadt nicht bieten konnte. Gärten, Wiesen und Wälder umgaben das Dorf in nächster Nähe. Dort durfte man sich tummeln nach Herzenslust, und es fehlte auch nicht an solchen Speisen und Getränken, die in den Städten' sehr selten geworden waren. Am letzten Schultage, einem Freitag, wurde der Unterricht schon frühzeitig geschloss.'n, und Gustav, der Primaner, hatte gefunden, daß man mit dem Schnellzuge noch rechtzeitig vor Beginn des Schabbos das Ziel der allgemeinen Sehnsucht erreichen konnte. So wurde denn eine Droschke bestellt, die die ganze Familie an den Bahnhof bringen sollte. Das Mittagessen wurde diesmal in aller Eile eingenommen, ähnlich wie das Pessachmahl in Aegypten. Alle waren zur Abreise vollkommen gerüstet. Die Mutter hatte schon die Teppiche I ___Sette 9 Nr. 34 und Polstermöbel eingekampfert, die Koffer standen wohlverpackt im Flur und das jüngste Mädchen wich kaum vom Fenster, um rechtzeitig die Ankunft der Droschke melden zu können. Aber Viertelstunde um Viertelstunde verging, und — der Wagen kam nicht, und als man sich endlich entschloß, einen anderen zu holen, da war es zu spät. Der Zug war nicht mehr zu erreichen. Die Enttäuschung war allgemein, besonders die Kinder waren unglücklich. Zuerst gab es Tränen und Borwürfe. Doch half das nicht, man mußte eben bis Sonntag warten. Mit anderen Gefühlen als sonst, wurde der Sabbat empfangen. Die Umstände hatten es mit sich gebracht, daß der Aufenthalt in der Wohnung nicht mehr so angenehm und die Folge der Speisen nicht besonders abwechselungsreich war. Eine anregende Unterhaltung kam nicht in Fluß. Langsam schlichen die Stunden dahin, und jeder war froh, als endlich am Sonntag die Reise angetreten werden konnte. Es war ein herrlicher Julimorgen. Ein Gewitter, das in der Nacht niedergegangen war, hatte die Luft gereinigt. In Morgensonne gebadet, lachten alle Gegenstände, ob Hauswände oder Etsenbahnschuppen, Wagen oder Gepäckstücke, besonders aber die vielen Bäume, Büsche und Gräser, an welchen der Zug vorbeifuhr. Der tiefblaue Himmel, der gleich einer weiten Glocke sich über die Landschaft stülpte, rückte stetig weiter und enthüllte so immer neue Herrlichkeiten den Blicken der entzückten Kinder. Sie schauten auf die Dörfer hinab, die sich unten im Tal malerisch um kleine Weiher oder schattigeDorflinden gruppierten, beobachteten vom Wagenfenster aus die zierlichen Rehe, die auf des Waldes Lichtung friedlich ästen, und jubelten laut, wenn ein Tunnel nach dem anderen den Zug aufnahm und so dm Tag zur Nacht machte,' um einige Sekunden darauf wieder die Reisende in eine andere prächtig besonnte Gegend zu versetzen. Das Leben und Treiben auf den Haltestellen, die muntere Unterhaltung der Leute, die in das Abteil kamen, die zahlreichen Gelegenheiten zu interessanten Beobachtungen beschäftigten die Kinder anhaltend, und nur zu schnell brachte sie der Zug an den Ort chrer Bestimmung. Hier bot sich ihren Augen wieder viel Anziehendes. Als sie aus dem kleinen Bahnhof traten, sahen sie vor sich ein enges, von dichten Bergwäldern umgebenes Wiesentai. In ihm und in seinen nach allen Richtungen strahlenden Ausläufern waren die Häuser eines Dorfes malerisch zerstreut. An den Hängen der Berge aber klebten niedliche Landhäuser, die dem Fremdenverkehr dienten. Der Vater zeigte auf eine Villa, die von einem mit einer Zinne gekrönten Ecktürmchen überragt wurde. „So sieht unser Häu-chen aus", sprach er zu den Kindern, „und in den beiden Turmz'mmern werdet ihr wohnen". Wie freuten sich da die Kinder! Sie folgten schnell den Eltern, die schon öfters zur Erholung hier gewesen waren und den Weg kannten. m Nach einer Viertelstunde sehen sie das Haus. Doch was war dies? Das Ecktürmchen fehlte und ein Schutthaufen versperrte fast den Eingang. Die Besitzerin hatte ihre Mieter schon bemerkt und kam ihnen entgegen, um sie zu begrüßen. „Nicht wahr, Ste staunen über diesen Anblick? Denken Sie sich: Der Blitz ist in der letzten Nacht in unser Türmchen eingeschlagen! Ich danke Gott, daß wenigstens die Turmzimmer gerade nicht bewohnt warei."-— Stumm standen die Ankömmlinge und blickten schaudernd auf die Zerstörung, die der Blitz in einem Augenblick angerichtet hatte, bis endlich sich den Lippen des Vaters die ersten Worte entrangen. Es war ein tiefgefühlter Dank für den Lenker aller Geschicke. Aber auch die Kinder empfanden, wie wunderbar der Allgütige sie vor dem Untergange bewahrt hatte, und sie na hmen sich vor, künftig nicht mehr zu murren, wenn ihnen etwas nicht ganz nach ihrem Wunsche gehen würde.

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