Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 34 (25.8.1921)
- Date
- 1921-08-25
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 34 des „Maelii". Kissinger Vadebriefe. m. Kissingen, 29. Juli. „Wer von der Quelle der Wiloscha getrunken, kommt wieder!" sagt der Bulgare von seiner schönen Houprstadt Sofia. Ein Gleiches gilt auch von den Quellen des Rakoczy und der Prandur in Ktssingen. Wer einmal hier war, den zieht es doch, wenn die Tage der heißen Sonne gekommen und sich an allen Ecken des Organismus die Legitimationen für ein paar Wochen Erholung einstellen, wieder und immer wieder mit magnetischer Kraft nach den lieblichen Auen und herrlichen Brunnen an der unterfränktschen Saale hin. Da man zum Glücke nicht jeden Tag baden darf, nicht jeden Tag im Wartezimmer des Arztes sitzen muß und auch nicht jeden Tag von der Kriminalpolizei verhört wird, so gibt es doch Stunden, die ganz der ersten und obersten Pflicht dieser Tage gehören, dem süßen Nichtstun und Wohlleben. Ruhe, Sorglosigkeit und leichter Sinn sind ärztlich befohlen. Aller Gram, Kampf und Streben liegt weit hinten. Dazu sonniger Himmel und herrliche Verpflegung in einem wahrhaft gastlichen Hause, in dem bei aller modernen, sachgemäßen Aufmachung die Bewirtung noch etwas anderes als nur „Betrieb" ist . . . Unwillkürlich muß ich an den bekannten Bahnhofswirt in Göschenen denken, an Ernst Zahn. Für Feinschmecker, „die nicht allein vom Brode leben", hat dieser Hochsteiger - Wirt eine Aufwartung erlesener Art in xetto. Er führt sie im Abenddämmer da hinaus, wo die letzten roten Sonnenstrahlen zum Abschiede den Gletscher küssen und zeigt ihnen den Hintergrund seiner Bilder, den harten Granit, aus dem manch wuchtiges Kapitel seiner Romane gehauen ist, zeigt ihnen auch die stillen, gesunden, knorrigen Alpenmenschen, die ihm für seine Helden Modell gestanden ... Unser Wirt führt den „Feinschmecker" in die halbdunklen Gemächer hinunter, zu seiner reichen Büchersammlung, wo ihn kostbare Heldenwerke des jüdischen Geistes gefangen nehmen, und zeigt ihm mit besonderem Stolze die ältesten und wertwollsten Hoggodausausgaben der Welt ... Aber man ist ja nicht zum Studieren hier. Wer gut zu Fuß ist, nimmt den Weg links vom Hotel, an den vielen Kunstauslagen — gute und kitschige Landschaftsbtlder, Porträts, kostbares Porzellan — vorbei, zwischen schattigen Bäumen nördlich der Saale entlang, bis zur Saline, wo ein monumentaler Bismarck in Erz und Bronze auf das gewaltige Räder- und Walzengetriebe des großen Soolwasserwerkes hinschaut, als stände er gerade an der Schmiede der deutschen Reichseinheit . . . Hier kann man der guten Mutter Saline, die unermüdlich und unverdrossen tagein tagaus ihre heilbringende Nahrung den Töchtern, den Bädern in der Stadt, zuführt, in der sprühenden und perlenden naßsalzigen Luft der Holzgänge oder in schattiger Laube bet einer guten Tafle Kaffee seine Huldigung darbrtngen. Wer noch bester zu Fuß ist und nicht nur am Geldbeutel abnehmen will, gelangt über die Brücke in den etwas schüttern, aber von würziger Rhönluft durchtränkten Wald und steigt sanft hinauf bis Kloster-Wald oder Hausen, wo man bequem täglich einen Teil der Körper- und Börsenschwere — es sind dort gute Restaurants — lassen kann. Wem aber Ruhe erste ärztlich gebotene Bürgerpflicht ist, nimmt vom Hotel aus immer und immer wieder — auch nicht zur Trinkzeit — den Weg rechts nach dem Herzpunkte des Badelebens, dem Kurgarten. Wohl in keiner Badestadt der Welt dürfte der Kurgarten so zentral, so harmonisch und konzentriert in seiner strahlenden Schönheit sich strecken wie in Kissingen. Morgens, nachmittags und abends flutet es in den schattigen Alleen auf und nieder, von den Klängen der Musik begleitet. Durch das offenstehende Portal gelangt man bei kühlem oder regnerischem Wetter in die Wandel balle, die so groß ist wie ein Dom und seitlich der Quellenhalle mit ihrer messingblinkenden Zirkulattonsleitung in herrlichem Blumen- und Palmenschmucke prangend, in vornehmer Ruhe das ganze bewegte, farbenfrohe Getriebe in sich aufnimmt, als wollte sie mit Sonne, Allee und klarem Himmel draußen wetteifern. Im Süden sind die Tore geöffnet nach den langgestreckten, frischgrünen Wiesen, die sich, von der plätschernden Saale malerisch durchzogen, bis zum Luitpoldparke hindehnen, wo in schatt'gen Baumgruppen und umgeben von üppigen Blumenanlagen, geschätzte Ruheplätze des Ermüdeten harren. Ohne vom Regen berührt zu werden, zwischen Säulen und unter Schutzdach wandelnd, gelangt man in die Gesellschaftsräume des Kurhauses. In einem Festsaale sind auf Parkett und Gallerte über 1000 Sitzplätze verteilt. So viele sind es wohl, die alljährlich Herkommen, um Feste zu feiern . . . Weiter nördlich wird auf glattem Boden getanzt. Gott fei Dank, nicht jetzt, sondern erst abends, wenn ich in meiner stillen Bude diesen Bericht schreibe. Erfrischungs- und Speise räume schließen sich an, alles — auch die Preise — erstklassig und eines Weltbades würdig . . . Auch für geistige Erfrischung ist gut gesorgt. Zwei Lesesäle bieten fast jedem die ihm liebgewordene Heimatlektüre. Die geistige Massenspeisung in dielen Sälen interessierte mich ganz besonders. Die „Deutsche Tageszeitung" liegt auf, richtiger liegt nicht auf, weil sie stets vergriffen ist . . . „Reichsboten" und „Auf Vorposten" kann man auch haben, sofern sie nicht schon ein — jüdischer — Leser in Beschlag genommen hat . . . Der Parität wegen hängen auch ein paar große liberale Blätter an der Wand. Man liest sie nicht — man ist ja selber auf sie abonniert. Und am Eingänge der Gesellschaftsgebäude ist in großen Lettern zu lesen: „Nur Leuten in anständiger Gesellschaftskleidung ist der Eintritt gestattet." Ich freute mich ungemein über diese gerechte Forderung. „Anständige Gesellschaft skleidung!" Nie war die Mahnung zeitgemäßer als heule. Da kommt ja schon so eine Dame auf Stöckelschuhchen dahergetrippelt, deren Kleidung in der Hauptsache in dem besteht, was sie nicht an hat . . . Ich freue mich aufrichtig auf die praktische Anwendung der weisen Aufschrift. Aber siehe da: sie darf, vom Kurdiener unbehelligt, frei passieren. Ein Mann, schwarzbärttg und klaräugig, zugeknöpft bis zum Kinn und schwarzbedeckt bis zu den Fußspitzen, im übrigen sauber und vornehm, will ins Schreibzimmer. Der Diener versperrt ihm den Weg. Ob er nicht die Aufschrift gelesen hätte? Anständige Kleidung wird verlangt! . . . Da verstand ich erst den Sinn der Verordnung. Die Polen find doch in ihrer Ausdruckswetse weit präziser und ehrlicher. Sie schrieben ans Portal des „Sächsischen Gartens" in Warschau einfach und klardeutig: „Juden in Kaftan ist der Eintritt verboten!" . . . 8 K Inzwischen hat sich draußen der Himmel wieder aufgeheitert und die Kapelle, die auf drehbarer Bühne bereits dreimal abwechselnd nach der Halle und nach dem Garten Front genommen hat, spielt wieder ins Freie, nachdem sie vorher die Marseillaise von sich gegeben — in verschlungenen Varianten das „Deutschlandlied". Sie hat ihr Tagesprogramm heute mit „I/ ist meine Zuversicht" begonnen und als Schlußattraktion steht heute mittag noch auf dem Programm: „Kol ntdre" von Kaiser . . . Die Kunst — und die Tonkunst erst — ist doch immer noch neutral. Die Kapelle sitzt auch auf einer Schiebebühne und dreht sich nach dem Wetter ... IY. Kissingen» 1. August. Man kann auf vierfache Art die Tage der Muße in der Sommerfrische ausfüllen. Ich heiße diese vier Arten: 3. die banale, 2. die isolierte, I 3. die naturfrohe, 4. die beobachtende. Die banale — und entschieden gesündeste — Art ist, wenn man ein paar Wochen lang gänzlich vergißt, daß es Not und Steuern gibt, daß in Paris Männer über die Welitetlung befinden, daß sich in Oöerschlesien die Menschen zerfleischen, daß irgendwo im Osten fünfzig Millionen Menschen verhungern, daß anderswo . hunderttausend jüdische Kinder nach Vater und Mutter schreien, daß daheim . . . Nein daran denke man schon gar nicht . . . Man spreche nicht von Aguda und nicht von Zionismus, nicht von Mtsrachi und nicht von Palästina. Sondern man mische sich unter die alten und neuen Kurfreunde beiderlei Geschlechts und allen Alters, man unterhalte sich acht Stunden im Tage über das Essen, und in den restlichen vier Stunden über jeden, der gerade nicht dabei ist . . . ui>d lasse sich von jedem und jeder haarklem üver I ihre Leiden, die ärztlichen Befunde und die i Wirkungen des Rokoczy berichten. Das tut gut und verschafft Freunde... Im Mittelpunkt des Interesses steht die Speisekarte und aller Sorgen höchsteist: wo trinkt man am besten seinen Nachmittagskaff e . . . Will n an aber isoliert leben, so geht man in den Kur garten, läßt sich auf einer der I blendend weißen Bänke nieder, deren einzelnen | dunklen Punkt „Nur für Kurgäste" ausmacht, | und läßt das ganze bunte Badeleben, mit all | seiner Behendigkeit und Lässigkeit, mit all seiner 1 Wohlbeletbtheit und Halbnacktheit, mit all seinem I eitlen Glanz, seinem Brillantengeschtmmer uriö| Pelzengefltmmer, mit all seinem Geplapper und I Geplauder an sich vorüberziehen. Man schnappt I halbe Worte auf, auf die keiner hört, abgerissene I Witze, über die keiner lacht, abgehackte Fragen I über den Stand des Dollar, verwaiste Klänge I aus „Meistersinger" — und fühlt sich bei all | diesem bunten Gewoge und Getriebe so mutterj seelenallein und weltverlassen wie Robinson I Crusee auf seiner Insel ... I Wer aber Gesellschaft sucht, geht in den! Wald hinaus — wo er keinen Menschen an-1 trifft,- es sei denn solche, die hier nicht zählen:! Bauern mit Körben, grünberockte Forstbeamte I und jugendliche Touristen mit nackren braun- I gebrannten Beinen und riesigen Rucksäcken, in I denen sie ihr ganzes Kurhotel verstaut haben.» Dafür gibt es aber hier muntere Gesellschaft, I bester Art. Unten rauscht und raunt die Saalei und schäumt vor Wut, da von Zeit zu Zeit ein I Schifflein mit Gepfiffe und Gefauche eine I Kollektion Kisstnger Wohlbeletbtheit und Halbnackt-! heit über ihren glatten Spiegel der Saline zu hin- I schaukelt . . . Auf den Eichen und Buchen, durch! die sich mit scharfem Duft einzelne dunkle Tannen I durchsetzen, fingen, pfeifen und zwitschern gefiederte I Chöre ganze Symphonien, ohne Programm und I Hofrat als Kapellmeister . . . Buntfarbige I Schmetterlinge in großer luftiger Sommertotlette | und Hermelinärmeln hüpfen und tanzen im Kreise I