Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 32 (11.8.1921)
- Date
- 1921-08-11
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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11. August 1921. Der JSraelit. Sette 9 Nr. 32 wand und dann die Süd- und Nordmauer. Den armen Brüdern überließen sie die Westseite, die ganz verstellt und verdeckt war von Felsen und Bergen und ewigem Geröll. Als die drei Mauern aus dem Gelbe der Reichen gebaut wurden, da trugen viele Hunderte von Knechten Steine und Ziegel, fällten Cedern, hämmerten und klopften und schliffen Marmorsteine, die weiß wie Milch und blau wie der klare Abendhimmel waren. Tag und Nacht, ohne Rast und Ruh arbeiteten die Knechte und Mägde und seufzten und weinten. Und die Tränen und die Schweißtropfen der fremden, gedrückten und geknechteten Menschen stoffen in den Mörtel und wurden mit hineingeknetet in die Ziegel. Die Tränen näßten auch die Marmorstetne, die weiß waren wie Milch und leuchteten wie Himmelblau. Als die drei Mauern in blendender Pracht fertig dastanden, gaben die Mächtigen den Knechten den Befehl, diese mit Gold und Silberarabesken und allerlei Verzierungen zu schmücken. Damit aber die Knechte von dem kostbaren Metall nichts zu sich steckten, mußten sie die Arbeiten nackt verrichten. Sengend brannten die heißen Strahlen auf die nackten Leiber der Arbeiter, sodaß sie unter ihrer Last fast zusammenbrachen. Und ihr Schweiß und ihre Tränen rannen aus das funkelnde Gold, auf das leuchtende Silber- Indessen saßen die Herren des Herodesreiches in ihren schönen, schattigen Gemächern und taten sich gütlich an Speis und Trank und ergötzten sich am Harfenklang der Spieler und Gaukler. Nun kam auch die Reihe an die Armen und Besitzlosen, an den Bau der vierten Wand, der Westmauer, zu gehen. Sie hatten kein Geld und keine Knechte und kein eigenes Material. Abersie verließen alle ihre Felder und ihre Arbeit, Haus und Hof. Klein und Groß gingen sie hinaus, um mit eigener Hand die Arbeit zu verrichten. Sie zogen hinaus in die Berge und hackten mit eigenen Händen die Steine heraus, trugen sie auf ihren Schultern bis zur Baustätte, wo ihre Weiber und Kinder emsig Lehm und Mörtel kneteten. Und siehe, aus oem wilden Gestein sing mählich eine Mauer zu wachsen. Auch hier floß Schweiß in den Lehm. Aber Tränen, und Seufzer wurden nicht gehört, sondern eitel Sang und Klang,Jubel und Jauchzer. Alle strahlten vor Freude, alles frohlockte ob der getanenen und noch zu leistenden Arbeit. Und im lauten Singen verging die Müdigkeit und eifrig regte sich die Hand zu neuer Tat und freudig schlug die Brust zu neuem Leben. Die Westwand war fertig. Aber sie sah so rau und grau aus. Die wilden, unpolierten Steine hoben sich so gewaltig von dem vergoldeten Marmor der anderen Wände ab, daß sich die Armen furchtbar schämten. Und jetzt stoffen ihre ersten Tränen auf die wilden Steine der Westmauer. Da fing aber die Wand selber zu reden an: „Nicht weinen und nicht seufzen und nichts von Neid auf den Glanz und die Pracht anderer Wände. Sie sehen der Zerstörung entgegen, und ihr goldner Schmuck wird bald die heidnischen Tempel der Römer zieren. Die Marmorsteine zersplittern und die Cedern verbrennen. Euere Mauer aush wilden Steinen bleibt aber ewig bestehen. Wir, die mit Schweiß gebauten und mit Sang und Jubel aufgeschichteten wilden Steine, wir stehen unvergänglich da. „Und immer und immer wieder werdet ihr zu uns, den wilden grauen Steinen, kommen und uns euer Herz ausschütten. Wenn euch die ganze andere Welt versperrt ist, kommt ihr zu uns und werft euch hin, vor uns, den kalten Steinen. Und Sonne, Mond und Sterne weinen mit euch, und die Tränen bahnen sich einen Weg bis zum Throne Gottes. „Und von uns sollt ihr neuen Mut erhalten, neues Hoffen zu Gott, der euch bald, die ihr alle elend und hilflos seid, zum Bau aufruft!..." inderecke. Me der erste Tempel «nterging. Nach Targum Scheni. Nebukadnezar zögerte. Er sträubte sich dagegen, sein Schwert gegen Jerusalem zu erheben, da er die göttlichen Strafen fürchtete, die feine Vorgänger, welche sich an Israel vergriffen, betroffen hatten. Doch wurde er vom Himmel immer und immer mehr auf Jerusalem verwiesen, und wohin er auch seine Pfeile abschoß, sie flogen immer nach der Richtung Jerusalems. In Jerusalem saß aber der große Prophet Jirmijahu, der bei Tag mahnte und warnte, nachts aber unaufhörlich weinte und betete. Und solange der Prophet betete, konnte der Babyloner-König nicht in Jerusalem eindringen. Denn die Gebete stiegen zum Himmel hinauf, flogen wieder hinunter und stellten sich den Chaldäern in den Weg. Da kam ein Sturmwind und trug Jirmijahu ins Gebiet des Stammes Benjamin fort. Die Abwesenheit des Propheten benutzte nun Nebukadnezar, bis an die Mauern Jerusalems zu kommen. Die Mauer wollte sich nicht öffnen, und erst als sie durch Berührung mit einem Schweine verunreinigt wurde, gab sie nach. Drinnen stieß Nebukadnezar zunächst auf das siedende Blut des Propheten Secharta. Und dos Blut kam nicht eher zur Ruhe, als bis der Babylvner die Weisen und Priester und unzählige unschuldige Kinder hingeschlachtet und deren Blut auf das des Prophewn gegossen hatte. Dann drang er in den heiligen Tempel, dessen Tore auf eine Gottesslimme von oben nachgaben. Der Hohepriester aber bestieg das Dach des Heiligtums mit den Schlüsseln in der Hand und sprach: „Du hast mich, o Gott, zum Wahrer deiner heiligen Schlüssel berufen. Ich Hab' sie treu gehütet bis zu diesem Momente. Hier übergebe ich dir die Schlüffe! wieder". Sprach's und stürzte sich in die Flammen. Und wie es die anderen Priester sahen, taten sie cs ihm nach und stürzten sich in die Flammen des brennenden Temvels. Die Lewiten aber nahmen ihre Instrumente in die Hand, stimmten sie und fingen an, die heiligen Lieder zu spielen Und in diesem Zusammenklang von singenden Chören, schluchzenden Geigen, stürzenden Balken, lodernden Flammen, röchelnden Menschen, johlenden Kriegern, ging das Heiligtum in Asche, ging der jüdische Staat unter. Da kam Jirmijahu zurück. Und sein Schrei übertönte das ganze Gewühl und das ganze Gelärm der Verwüstung. „O Gott"! schrie er, „warum hast du mich fortgesührt. daß ich dieses Unglück nicht sehen, nicht aufhallen konnte" . . .! Dann ging er mit dem Zug der Vertriebenen. An Hebron vorbei, stürzte er sich auf die Gräber der Erzväter. Aber sie schliefen und sagten nichts. Bei Betlehem warf er sich auf das Grab der Mutter Rahe! und schrie sie um Hilfe an. Da stieg ein leises Weinen aus dem Grabe. »Eine Stimme wurde aus Rama hörbar, eine Stimme bitteren Weinens, Rahel weint um ihre Kinder". Jirmijahu rief auch die ersten Propheten, Moses und Samuel, an. Sie aber sagten: Gottes Wille geschehe. Weiter ging der Zug. Und wie sie in Bochim angelangt waren, da weinte Jirmijahu die zwei letzten Tränen. Daraus entstanden zwei Ströme, die noch bis auf den heutigen Tag zu sehen sind. Zu den überlebenden Lewiten sprach aber der Eroberer: „Singet mir die schönen Ztonsliedel". Sie aber sagten: „Hätten wir die ZionSlieder in Liebe und Treue gesunaen, wie hätte uns dann Gott in deine Hand gegeben? Heute aber wollen wir das Gotteslted nicht aus fremdem Boden ansttmmen". Und sie hingen ihre Harfen an die Weiden. Schon wollten sich die Babyloner mit Dolch und Schwert auf sie stürzen. Da trat aber einer der ihren an den König heran und sprach: „Großer König, traut der Besitzer seine Schafe dem Hirten an, wer wird wohl zur Rechenschaft gezogen, wenn die Schafe Schaden genommen haben"? „Der Hirte", antwortete der König. „Und du bist der Hirte", sprach der Mann weiter, „dem der König der Welt die Schafe anvertraut hat. Fürchtest du seinen Zorn nicht"? Und Nebukadnezar hörte dieses, nahm es sich zu Herzen und suchte von nun an das Los der Vertriebenen zu mildern. Tischoh-S'Aw. Von Hermann Schwab.*) Am Himmel oben stand der Mond. Er hatte die Form einer Sichel und war im Zunehmen, denn vor acht Tagen war Rausch Chaudesch gewesen. Es ist ein schöner, warmer Sommerabend im Monat Aw, und morgen wird Tischoh-b'Aw sein, der neunte Aw, der Trauertag, an dem vor bald zweitausend Jahren der heilige Tempel zu Jerusalem zerstört wurde. Der kleine Theodor liegt in seinem Bett, doch er kann nicht schlafen. Der Mond scheint ins Zimmer hinein, und es ist so hell, daß Theodor jeden Gegenstand erkennen kann. Im Nebenzimmer wird halblaut gesprochen. Theodor weiß, daß die Eltern und Geschwister bei einem kleinen Lichte auf Schemeln und niederen Stühlen sitzen, daß sie ihre Schuhe ausgezogen haben und trauern und fasten. Heute ist er noch zu klein — aber später wird er auch fasten wie die Großen, und er freut sich darauf. Aber schlafen kann er nicht, und als die Eltern nach einer kurzen Weile zu Bette gehen, wacht er immer noch. „Kannst du denn nicht schlafen?" fragt die Mutter, die sich wie an jedem Abend vor dem Schlafengehen nochmals über sein Bett beugt. „Nein, es geht nicht", sagte er, „es will nicht gehen, es ist zu hell hier, und die Augen gehen immer wieder auf." Da setzt sich die Mutter neben sein Bett, legt die Hand auf seine Stirne und sagt halblaut und beschwichtigend: „so — so — so — nun schlafe schön, mein guter Junge, schlafe schön und fest und träume etwas Schönes und wache gesund wieder auf". Dann küßt sie ihn, und schon ist er etngeschlafen. Der Mond aber oben am Himmel zog weiter, und wo er hinkam, ward es hell auf Erden, und die Menschen freuten sich seines Glanzes. Er zog über das wette Meer, über Wälder und Berge, und so kam er auch nach Jerusalem, der heiligen Stadt, und zu dem Berge, auf dem einst der Tempel stand. Hier hielt er an und sah auf die Mauer hinab, die letzte Tempelmauer, die nie vergehen wird. Und auch der Tempelberg ward hell wie am Tage. Und siehe da — aus der Mauer drangen langsam Tropfen, große Tropfen, die über die alte, graue Mauer stoffen und zu Boden fielen. Die Mauer weinte. Sie weinte in der Nacht des neunten Aw, sie weinte über den Unterganq des Tempels. Immer reichlicher stoffen die Tränen, und es war wie ein Wehklagen, das von der Mauer zum Himmel emporstieg. Da verhüllte der Mond sein lichtes Antlitz, denn der Schmerz der Mauer tat ihm zu wehe, und die Nacht ward dunkel auf der ganzen Erde. Als es im Zimmer des kleinen Theodor plötzlich dunkel ward, fuhr er aus dem Schlafe auf. Er hatte von Ttschoh b'Aw geträumt, und daß der Vater erzählt habe, wenn die Menschen alle gut seien, würde auch der Tempel wieder aufgebaut werden. Bei Hellem Mondenschein war er eingeschlafen — nun war es finstere Nacht, und er fürchtete sich. „Mutter!" rief er angstvoll, „wann wird der Tempel wieder erbaut?" „Im nächsten Jahre in Jerusalem", aut-. wortere die Mutter. Und der kleine Theodor schlief ruhig wieder ein. *) Mit Genehmigung des Verlages aus „Kinderträume", Märchenbuch für jüdische Kinder, von Hermann Schwab, L. Sänger Verlag, Frankfurt a. M. Das Buch ist jetzt auch — im gleichen Verlag — in einer herrlichen, vornehm auSgestatteten hebräischen Ausgabe mit angehängtem Wörterbuch erschienen und sollte in beiden Ausgaben fleißig gekauft werden.