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Der Israelit · 1921-08-11 · Heft 32 (11.8.1921) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 32 (11.8.1921)
Date
1921-08-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Milleton-Veilaae za Ar. 32 des „MM". Das große Wunder. Eine traurige Rev olutionsgeschtchte. (Fortsetzung.) „Juden", sagte er endlich. „Ich bringe eine entsetzliche Botschaft. Boris Knack und Elt Kravetz, die zwei Jüngelchen, kommen übermorgen vor das Kriegsgericht. Es geht um Tod und Leben! . . ." Eisik sprach kein Wort mehr. In der Schul trat dumpfe Stille ein. Wortlos schlichen sich die Leute mit Scham und Schmerz im Herzen aus dem Raume. IV. Drei Tage und Nachte lebten die Eltern und das ganze Städtchen in der Hoffnung, daß das Kriegsgericht zu einem Freispruch gelangen würde. Es waren ja noch halb Kinder. Dummerjungenstretch! . . . Allein die Hoffnung trügte. Die beiden Jünglinge wurden als Revolutionäre, die den Staat und die Gesellschaftsordnung zu untergraben suchten, zum Tode durch den Strang verurteilt. Von diesem Momente an setzte die große Einigkeit unter den Juden im Städtchen ein. Alle zehntausend Köpfe beschäftigte der eine Gedanke und alle zehntausend Herzen beherrschte das eine Gefühl: es kann, es darf nicht sein, jüdische Kinder dürfen nicht an den Galgen! . . . Die Verurteilten waren auf einmal allen so nahe, so lieb, so teuer. Dumpfes, atembeengendes Erwarten lag in der Luft, das sich sogar auf die christlichen Nachbarn übertrug. Der Jspravnik selbst war höchlichst überrascht von diesem Ausgang der Sache. Und als er vom Urteil erfuhr, war er nicht weniger betroffen, wie alle anderen im Städtchen. Einen gewaltigen, erschütternden Eindruck machte das Urteil auf des Jspravniks einziges Töchterletn, das schöne, nervös-reizbare Fräulein Adelka. „Das wird doch nicht wahr sein, es wird doch nicht wirklich ausgeführt werden!" sprach sie einmal übers andere Mal mit flehenden Augen zum Vater. „Ich weiß es nicht, liebes Kind, ich kann es auch nicht verhindern", gab dieser zur Antwort. Und unzufrieden mit diesem Bescheide, lief das Mädchen von einem Platz zum anderen, schlug ein Buch auf, schloß es wieder, lief in den Garten hinaus und fand nirgends Ruhe. Und am Abend kam der Verwalter des Gefängnisses, B ar a n k o w, ein Mensch mit weichem Herzen und guten Manieren, und klagte dem Jspravnik, er würde es nicht überleben. „Der Befehl ist da. Morgen vor Tagesanbruch soll es im Gefängnishof vor meinen Augen geschehen", stotterte Barankow zitternd. „So, so!" brummte der Jspravnik, verlegen an den Ecken seines Schnurrbartes ziehend. „Nein", jammert der Verwalter. „Ihr könnt euch in meine Lage gar nicht versetzen. Die Fenster vom Ktnderzimmer gehen nach dem Hinterhofe zu . . . Meine Frau ist krank und äußerst erregt... Und überhaupt, ist das nicht schrecklich? Ich bin doch ganz unschuldig, Hab' mit der Sache nichts zu tun, ich Hab' nicht geklagt, noch gerichtet und beim Hängen soll ich dabei sein . . . Warum soll ich unschuldig büßen? Wäre ich nicht so arm, ich verließe heute noch meine Stelle . . ." „Hum!" brummte der Jspravnik nichtssagend. „Und noch etwas, sie brachten einen Henker von auswärts und verlangen von mir, daß ich ihm in meinem Hause ein Zimmer zum Nachtlager überlaffe. Wo soll ich ein Zimmer hernehmen? Ich fürchte, er kommt noch mit den Kindern in Berührung . . . Außerdem muß ich Klötze, Bretter, Stangen, Nägel, Strick haben. .. Das soll i ch alles besorgen. Kann man noch dabei leben? ..." Auf all' diese Klagen konnte Pan Kanowskt nur mitleidig den Kopf schütteln. Als Baronkow aus dem Amtsgebäude kam, sah er auf der zweiten Seite der Straße, Oscher Läufer, den Vermittler daherkommen. Oscher Läufer war der eifrigste und tätigste Mensch im ganzen Städtchen. Er vermittelte Häuser, verkaufte allerhand Waren, brachte Partien zustande und betätigte sich als Makler bei den Getreidehändlern, wie auf dem Pferdemarkt. Beständig sah man ihn im Lauftempo. Daher der Name Läufer. Immer hatte er alle Hände voll zun tun und den Kopf voller Pläne und Sorgen. Hätte nicht seine älteste Tochter, Channah, die fleißig Cigaretten fabrizierte, wacker mitgeholfen, er hätte bei all seinen vielseitigen Geschäften seine Familie nicht einmal notdürftig ernähren können. „Halt, Oscher!" hielt ihn Barankow an, „ich Hab für dich ein Geschäft. Uebrtgens kann mir deine Tochter wieder hundert Cigaretten bringen.. . Aber das ist Nebensache. Hauptsächlich wollte ich dich fragen, ob du mir einige Stangen und Bretter besorgen kannst?! . . ." „Bretter, Stangen? Warum denn nicht? Gewiß kann ich es besorgen. Wieviel braucht ihr?" Ich brauche im ganzen drei Bretter, etwa drei Meter in die Länge". „Und wie dick?" „So mittel, es kommt nicht sehr darauf an. Wenn sie nur fest und haltbar sind." „Das werde ich im Holzlager von Nach um Knack besorgen müssen." „Kannst du es nicht sonst irgendwo haben?" „Wo sonst? Außer Nachum Knack handelt hier keiner mit Holz. Wozu braucht ihr übrigens die Bretter und Stangen?" „Nichts von Bedeutung", stotterte der Andere verlegen. „Eine Reparatur im Hinterhofe des Gefängnisses. Ich meine, am Tore dort muß ich ein paar Stützen haben . . . Was kümmert es dich übrigens, wozu ich das brauche? Hier hast du einen Fünfrubelschein. Bezahl was es kostet und den Rest behalte für dich". Oscher riß den Mund auf. Es winkte ein Reingewinn von mindestens zwei Rubeln. So ein Glück trifft sich nicht jeden Tag. „Gott erhalte euch gesund", verabschiedete sich Oscher von dem Beamten. Auf dem Wege nach seiner Wohnung ging aber Oscher blitzschnell ein Gedanke auf . . . Wie, wenn die Stangen und Bretter . .. Nein, es war gar nicht auszudenken. Kaum war er in seinem Hause, da reichte er seiner Tochter Channah den Fünfrubelschein und sprach: „Geh' gleich zum Verwalter des Gefängnisses und bring ihm das Geld wieder. Sag' nur: der Vater tuts nicht, er will nicht, und fertig, aus . . ." Als das Mädchen mit dem Gelbe aus dem Hause ging, seufzte Oscher erleichtert auf. Die Eltern der Verurteilten blieben beisammen wie zufammengewachsen und konnten sich voneinander garnicht mehr trennen. Nachum Knack, ein großer, kerngesunder Mensch mit schönem, schwarzen Bart und klugen Augen, war gleich sehr niedergeschlagen. Seine Sinne verwirrten sich. Er sprach immerfort von seinem Sohne und bot jedem Geld an . . . „Nehmet alles, nur macht es . . ." Elts Vater, Leser Kravitz, ein stämmiger Mann von kleiner Statur und ganz deutsch gekleidet, behielt den Kopf hoch, „man darf sich nicht verlieren", sagte er, „man muß alles versuchen . . ." Das Unglück hatte die beiden Männer dermaßen aneinander gekettet, daß sie keine Minute mehr einander entbehren konnten. Zweimal fuhren sie zusammen zum Generalgouverneur. Sie wurden aber, trotzdem sie im Borraume gehörig schmierten, gar nicht vorgelaffen. Dann richteten sie eine Bittschrift nach Petersburg, an den Kaiser selbst. Mehr wie einmal flackerte in den letzten zwei Tage das schwache Hoffnungslichtlein auf und erlosch wieder. Dann verschwand alle Hoffnung und sie richteten hilfesuchend ihre tränenlosen Augen zum schwarzen Nachthimmel . . . V. In dieser Nacht schlief keiner im Städtchen. Die Leute kamen spät aus der Schul und sammelten sich in kleinen Gruppen auf den Straßen. Man sprach nur im Flüstertöne. Es herrschte Friedhofstimmung. Man wußte, daß heute Nacht das Urteil zur Vollstreckung gebracht wird. Man sah schon eine Abteilung Soldaten in Reih und Glied mit Trommeln und Pfeifen durch die Straßen ziehen, die dann das Gefängnisgebäude umringten. Die Menge auf der Straße wurde immer größer und bewegter. „Was soll geschehen?" fragte man. „Man kann doch nicht zusehen, wie jüdische Kinder .. „Nur ein Wunder, ein großes Wunder kann sie noch retten", ließ sich ein? Frau hören. „Ja, ja ein Wunder", kam das Echo von allen Seiten. Aus der Menge trat einer hervor und sprach: „Wenn ihr wollt, daß ein Wunder geschieht, so gehet zu unserem alten Rebben hin, Rabbi M o s ch e l e. Er allein kann bei Gott Wunder erwirken. So möge er mit uns an den Gesängnishof gehen und mit seinen Gebeten der Henkerhand Halt gebieten..." „Ja, zum Rabbi", trug sich der Ruf weiter. Der Glaube an das Wunder flammte als letztes Licht auf. (Schluß folgt.) ns=n Die Westmauer. Wach alten Midraschim. Als König Herodes daran ging den heiligen Tempel neu zu errichten, da verteilte er die verschiedenen Arbeiten an das Volk. Er erließ einen Aufruf an alle Stände und Schichten, ihren Reichtum und ihre Arbeit in den Dienst des heiligen Baues zu stellen. Zunächst kamen die Reichen und sprachen: „Wir haben soviel Gold und Silber, Sklaven und Mägde, Felder und Wälder, so können wir ganz allein von uns aus den Bau errichten." Aber die Armen und Besitzlosen protestierten: „Als der reichste und weiseste aller Könige, Salomon, den ersten Tempel baute, da fehlte es ihm nicht an Gold und Geld, an Cedern und Edelsteinen, an Knechten und Mägden, und der Tempel stand in unvergleichlicher strahlender Pracht da. Aber der Tempel ging in Trümmer, weil ihn nur einer gebaut hat. Gott der Herr aber, der seine Schechina in dem Hetligtume ruhen läßt, will, daß der Tempel Heiligtum aller sein soll, der Armen wie der Reichen, der Großen wie der Kleinen, darum wollen auch wir Teil haben am heiligen Werke." Da lachten die Stolzen und spotteten : Wählet euch eine Wand, an der ihr nach Herzenslust bauen dürft. Aber erst, wenn wir mit unserem Telle fertig sind." Die Reichen und Mächtigen bauten die Ost-

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