Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1921-08-04 · Heft 31 (4.8.1921) · page 22

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 31 (4.8.1921)
Date
1921-08-04
Page
– (sequence 22)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2450138-2450168--69132-2526297
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

4. Auaust 1921. Seite 2. Nr. 21._' 2. Für internationale Organisationsbedürfnisse zahlten wir der Ägndo-Leitung al vom 1. l. 14 bis 31. 12. 18 47.770,17 Ak, b) vom 1. 1. 19 bis 31. 3. 21 152.541,75 „ 200.311,92 Ak. und zwar a) aus Jahresbeiträgen vom 1. 1. 14 bis 31. 12. 18 46.049,98 Ak, vorn 1. 1. 19 bis 31. 3. 21 46.869,93 ,. b) aus Spenden vom 1. 1. 14 bis 31. 12. 18 1.720,10 „ vom 1. 1. 19 bis 31. 3. 21 105.671,82 „ 3. Für Erez Israel verausgabten wir a) vom 1. 1. 14 bis 31. 12. 18 13.821,89 Ak, b) vom 1. 1. 19 bis 31. 3. 21 139.603,70 „ 153.425,59 Ak und zwar ans Geschenken für diesen besonderen Zweck. 4. Für Auswanderer, Pogromopser und Flüchtlinge ans dem Osten Europas verausgabten wir ch» vom 1. 1. 14 bis 31. 12. 18 106.410,74 Ak, b) vom 1. 1. 19 bis 31. 3. 21 155.086,17 „ 261.496,91 Ak und zwar ganz ans Sondersaminlungen für diesen Zweck. IV. Zu gemeinsamer Hilfsaktion hat sich der Gruppenverband mit dem Bund gesetzestreuer jüdischer Gemeinden Deutschlands zugunsten leistungsschwacher Gemeinden beteiligt. Es wurden dabei vom 1. 1. 19. bis 31. 3. 21 544.325,65 Ak aufgebracht. V. Der Kriegswaisenfond der Agndas Jisroel für Deutschland vereinnahmte a) bis zum 31. 12. 18 rund 600.000,- Ak, b) vom 1. b. 19 bis 31. 3. 21 ebenfalls rund 600.000,— ,, 1.200.000,— Jk Sei Den jüdischen Kriegswaisen. Ein neues H e i nr f ü r v e r l a s s e n e u u d v e r w a i ft e K i n d e r. Tief eingebettet im Grün der Germerstraße in Baden ein rosennbersponnenes Haus. Große, helle Räume, luftige Terrassen, ein Garten voll von Obstbäumen, ein sich weithin dehnender Spielplatz — das Ganze so recht ein Ort zürn Aufenthalt für Kinder. Es ist noch nicht lange her, da diente dieses Gebäude mit seinen prü-chtigen Gartenanlagen als Pensionat für Knaben reicher Eltern. Seit kurzer Zeit erst hat es eine andere Bestimmung. Vom Kriegswaisenfonds der Wiener „Agndas Jisroel", des über die ganze Welt verbreiteten „Jüdischen Bundes", wurde es angekauft und für die Aufnahme von fünfzig jüdischen Kriegswaisen eingerichtet. Die gehässige Oeffentlichkeit, geblendet von parteipolitischen Interessen, hat sich daran gewöhnt, in den Juden des Krieges nur Drückeberger und Schieber zu sehen. Aber die überlauten Schreier dieser Anklagen können die schwachen Kinderftimmen nicht übertötien, die, noch immer schüchtern und verängstigt, mit bescheidenen und doch von ungeheurer Tragik erfüllten Worten die Schicksale mehr andenten als erzählen, durch die sie' elternlos wurden. Denn das ist die besondere Tragödie dieser kleinen, blassen Jungen, daß ihnen der Krieg Vater und Mutter nahm. Soll man diese .Kinder fragen, was sie erlebt, bevor sie Unterkunft und Schule in den stillen Mauern fanden, an denen die roten Buschrosen so dicht emporranken, als wollten sie liebkosend alle Trauer, alles Leid für die armen, kleinen Wm-- _ „Glätte t."_ und zwar a) aus Jahresbeiträgen rund 30.000 Jk, b) aus Spenden rund 1.170.000 „ Er hat bis zum 1. 1. 19 folgende Waisenhäuser gegründet: a) Kali sch (Polen) 1 Knabcn-Waisenhaus, 1 Mädchen-Waisenhaus mit zusammen 80 Insassen, b) Warschau: 1 Mädchen-Waisenhaus mit 25 Zöglingen, c) Bialystok: 1 Kn ab en-W aisenh aus, 1 Mädcheu - Waisenhaus mit insgesamt 100 Kindern. Das bereits seit längeren Jahren bestehende Waisenhaus in Kowno wird seit 5 Jahren vom Kriegswaisenfond mit namhaften Beiträgen subventioniert. Der Kriegswaiieufonds hat 50.000 Kr. nach Gliniany (Galizien! im Jahre 1920, 10.000 Jk nach Wilna im Jahre 1919, 5000 Jk und) Zduuska Wola im Jahre 1919, 5000 Ak an das Gertrud Marx-Waisenhaus in Wilna /Altes für Waisenhilfe) bezahlt. Außerdem leistete der Kriegswaisenfond vielerlei Kleinarbeit durch Unterstützung von einzelnen Waisen, Unterbringung von einzelnen Waisenkindern in Deutschland. Notiz: In den Summen ad 1 bis 4 sind nicht enthalten die großen Beträge, die von den Spendern direkt an das Frankfurter Provisorische Komitee gezahlt worden sind. Znm -Delegiertentag der deutschen Ortsgruppen. Die deutschen Ortsgruppen rüsten sich zur Abhaltung ihres Delegiertentages am (22. Äug..) 18. Aw 5681. Innerlich und äußerlich hat die Gesamt-Aguda seit dein letzten Delegiertentag wesentliche Fortschritte gernacht. Die Gründung des Zentralrates, die Gründung der deutschen Palästinazentrale, die Beschlüsse der Wiener Konferenz sind Wegzeichen, nach welchen sich auch die deutsche Landesorganisatiou zu richten haben wird. Gewiß ist „Agüdas Jisroel" zunächst eine Organisation aller gesetzestreuen Juden, aber der Organisationsgedanke kann zum mindesten in Deutschland, welches ja schon seine Freie Vereinigung hatte, allein nicht bie Tätigkeit der Gruppen erschöpfen. .Ja auch der Gedanke der Selbständigkeit der Orthodoxie mag wohl im Osten erst durch die Aguda-Jdee zum Ausdruck gekommen sein. Hierzulande ist er seit der gottgesegneten Tätigkeit von Samson Raphael Hirsch, Hildesheimer, Lehmann u. a. kein Novum. Das neue, was die „Aguda" uns vor allem brachte, war die organisatorische Ausdrucksform unseres Klall-Bewußtseins. Dieses Kläll-Bewußtsein nicht als bloßes Mitleiden, sondern als' inniges Zusammengehörigkeitsgefühl zu empfinden, ist auch heute noch eine der wesentlichen Aufgaben der Aguda in Deutschland. Jede Gruppe hat ihren Mitgliedern das Bewußtsein einzuprägen, daß es Millionen von Inden gibt, die keine Heimat haben, die in einer Hölle wohnen, die ihrer und ihrer Kinder Leben nicht eines Augenblickes sicher sind und deren Weh und Leid uns das Recht raubt, uns selbst solange wohlzufühlen, solange wir nicht das Unsrige für die Anderen getan. Nach dieser Richtung hin hat Agndas Jisroel durch die Einrichtung ihres Emigrationsarntes, durch ihren Kriegswaisenfond, durch ihre Pogromhilfe zwar unverhältnismäßig viel geleistet, aber es bedarf der planmäßigen Verteilung dieser Arbeiten an die einzelnen Ortsgruppen. Es wird daher Aufgabe des 'Delegiertentages sein, in jeder Ortsgruppe ein Instrument zu schaffen, welches im Sinne der Wiener Beschlüsse soziale Arbeit zu leisten hat. An Details nennen wir außer der Sammlung von Geldern die Einrichtung von Beratungsstellen für Emigranten, Arbeitsnachweis, Einrichtung von Kursen zum Erwerb der primitivsten Kenntnisse, welche den nach Westeuropa verschlagenen Flüchtlingen ein Fortkommen ermöglichen. Es wird auf diesem Gebiete sehr leicht möglich sein, gemeinsam mit anderen Organisationen zu arbeiten, wie dieses Erfahrungen der jüngsten. Zeit beweisen, doch vor allem ist das Interesse an einer planmäßigen Arbeit unbedingt erforderlich, daß die einzelnen Gruppen Hand in Hand miteinander arbeiten; im Gegensatz zu der bisherigen Praxis, wo Hamburg, Köln, Berlin, Frankfurt, Breslau ufw. unabhängig voneinander sich in den Dienst der sozialen Fürsorge stellten, wo aber die verbindende Zentrale fehlte. sen überdecken und die ganze Welt in purpurne Schönheit tauchen? Da berichtet schon einer: zögernd, stockend, in halben, abgebrochenen Sätzen: „Die Russen sind gekommen. Geht voraus, hat der Vater gesagt, wartet im nächsten Torf, ich komm nach. Wir haben gewartet, er ist nicht gekommen. Er hat den Keller zumauern wollen und war noch nicht fertig damit, wie die Russen gekommen find, da haben sie ihn erschlagen. So haben die anderen dann gesagt." Das erzählt ein Kind von kaum zehn Jahren, ein kleiner Mensch, der vom Leben noch nichts anderes wissen sollte, als daß der Himmel blau ist und die Menschen gut. Aber eine Kindheit wurde durch Krieg und Pogrom in den Haß gesthleift. Jahre, Jahrzehnte können unmöglich die Erinnerung an die Stunden tilgen, in Venen eine Mutter mit ihren kleinen Kindern in einem nur mehr für kurze Zeit sicheren Versteck voll Angst und Schrecken aus den Vater wartete. Wartete, wartete, bis sie endlich erkennen mußte, daß dieses Warten vergeblich sein würde, und sie mit ihren Kindern weiterhastete, ihrem eigenen unausweichlichen Geschick entgegen. Wer hätte den Mut, diesen kleinen Jungen noch um das Los der Mutter zu fragen? Wahrscheinlich ist auch sie auf der Flucht das Opfer eines Pogroms geworden, im Sterben noch von dem Gedanken gefoltert, was aus ihren Kindern würde, wenn diese nun schutzlos und verlassen zurückblieben. Jedes der Kinder, die schon in dem neuen Heim eilte Zuflucht gefunden haben und die anderen, die noch aus Galizien und der Ukraine unterwegs sind, haben ein solches oder ähnliches Schicksal hinter sich. Der Vater mußte entweder einrücken und seine Familie schutzlos zurücklassen und ist dann im Schützengraben geblieben oder er wurde zum Opfer eines Pogroms; die Mütter wurden geschändet und erschlagen. Die Kinder aber sollen nun trotz der grauenhaften Erfahrungen ihrer ersten Jugend zu guten Menschen, fern von allen Empfindungen glühenden Hasses im Sinne ihrer frommen und strenggläubigen Eltern herangebildet werden. An die Stelle oer Erinnerungen voll Blut und Schrecken sollen freundliche Bilder treten und liebreiche Menschen versuchen, diesen tausendfach bedauernswerten Waisen das Leben ruhigen Glückes zu gestalten. Sie hüben ihnen das wunderschöne Hans gekauft, in das der Atem der Außenwelt nur dann dringen wird, wenn neue kleine Märtyrer des Lebens von draußen kommen — denn das Heim enthält auch eine Abteilung für verwahrloste, auf der Straße aufgegrisfene Kinder, die nach vorübergehendem Aufenthalte vielleicht wieder in Privatpflege abgegeben werden können — sie haben es reizend mit Weißen Betten und roten Steppdecken ausgestattet, ein Badezimmer mit versenkter Kachelwanne vorbereitet, für eine große, schöne, reine Küche und eine tüchtige Köchin gesorgt und verständnisvolle Pädagogen gewonnen, welche den Kindern den Mut zum Leben zurückgeben sollen. Eine ganz eigenartige Gesellschaft fand sich am Einweihungstage in dem neuen Heim, von dem einer der vier anwesenden Großrabbiner (Wien-Schissergasse, Baden, Jerusalem und Brody) sagte, es sei wie eine Wiederausrichtung des zerstörten Heiligtums von Zion, geheiligt durch die Liebe, mit der es gestiftet, und geheiligt durch den Zweck, dem es nun dient. Da waren em Vertreter des StaMMtes für soziale

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.