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Der Israelit · 1921-08-04 · Heft 31 (4.8.1921) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 31 (4.8.1921)
Date
1921-08-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 3 Nr. 31 4. August 1931. r Der JSraelit. aber nur 22 im gleichen Alter. Da nun für die militärische Einberufung nicht die Greise in Betracht kommen, sondern nur die lebensstärksten Altersklassen, so muß sich natürlich der Prozentsatz an Kriegstrilnehmern einer Konfession an sich umso niedriger stellen, ein je größeres Uebergewichr die älteren Iahresklassen gegenüber den jüngeren besitzen. In der gleichen Richtung wirken zwei weitere Moment-, die noch wuchtiger allerdings bei der Beurteilung des Prozentsatzes der Frontsoldaten in die Wagfchale fallen: der Charakter der Juden als Stadtbevölkerung und ihre durch Jahrhunderte lang währende, einseitige Geistesbeschäftigung bedingte physische Schwäche. Beide Momente wirken geradezu enorm auf die Wehrfähigkeit ein, sodaß man zusammenfasiend sagen kann: Wenn 17,30% der deutschen Juden gegenüber 18,73% der Gesamtbevölkerung Kriegsteilnehmer waren, so sind die Juden bei weitem stärker und mit geringerer Nachsicht in die Kasernen gesteckt worden, als dies durchschnittlich im allgemeinen her Fall war. Bon ganz besonderem Interesse ist natürlich die Frage, wie viele von den hunderttausend jüdischen Kriegsteilnehmern an der Front verwendet worden sind. Man hat ent'prechrnde Fragen an die jüdischen Gemeinden gerichtet, ohne auf diese Weise restlose Klarheit zu erhalten. Die Gemeinden haben vorsichtigerweise nur dann in.positivem Sinne geantwortet, wenn sie ganz sicher waren, daß der betreffende Kriegsteilnehmer in der Tat Frontdienst geleistet hat. So kommt es, daß bet 4,73% Fragebogen die Frage unbeantwortet geblieben ist. Trotzdem ist das Endergebnis der Rundfrage in diesem Punkte, daß 77%°/°, also nahezu vier Fünftel aller jüdischen Kriegsteilnehmer an die Front geschickt worden sind. Der Prozentsatz dürfte demjenigen für das Gesamt- Heer ungefähr gleichkommen, wenn man annimmt, daß von den 12% Millionen Mann, 10 Millionen an der Front waren. Auch hier muß man sich, wenn man zu gerechter Beurteilung gelangen will, eine ganze Reihe von besonderen Momenten vergegenwärtigen, die an sich den Prozentsatz der jüdischen Frontsoldaten hätten herabdrücken müssen. Dahin gehört in erster Reihe die körperliche Tauglichkeit, die mit den oben erwähnten historischen Faktoren und mit dem Charakter der Juden als Stadtbevölkerung zusammenhängt, zweitens die Altersgliederung und drittens die Tatsache, daß die Gedienten zahlreicher und schneller an die Front kommen mußten als die Ungedienten. Endlich aber ein Umstand, den die Segall'sche Schrift, weil sie es nicht nötig bat, in diesem Zusammenhang gar nicht erwähnt, der aber doch als Grundlage künftiger Besprechung unbedingt sellgehalten werden muß. Die jüdische Bevölkerung ist nun einmal nach dem Wurf der Geschichte und ihrer Tradition mehr nach der geistigen, als nach der physischen Seite hin entwickelt. Wer aber wollte behaupten, daß die Summe der geistigen Kraft, die von jüdischer Seite in den Dienst des Vaterlandes außerhalb des Schützengrabens und innerhalb der Armee hinter der Front gestellt worden ist, geringer angeschlagen werden dürfte und für die Möglichkeit des Sieges von geringerer Bedeutung war, als die Muskelkraft und der Wagemut des Frontsoldaten! Gerade die Gestaltung der modernen Kriegsführung hat geistige Tüchtigkeit und Gewandhett, Organisationstalent, Sprachkenl.tnisse und Anpassungsfähigkeit als durchaus gleichwertige Faktoren zur Erringung des Sieges neben der physischen Kraft und der physischen Ausdauer zu Anerkennung gebracht. Wenn für die Maßnahmen der obersten Heeresleitung keinerlei Rücksichten auf judenfeindliche Volksströmungen, sondern vielm-hr nur die sachliche Rücksicht auf höchstmöglich e, indtviduelleAusnützung aller verfügbaren Kräfte für die Erringung des S eges, maßgebend waren, so mußte eigentlich der Prozentsatz der jüdischen Frontsoldaten hinter der Normalziffer Zurückbleiben, denn es unterliegt keinem Zweifel, daß ihn in Beruf, ihrer Vorbildung und ihrer Anlage nach ein größerer Prozentsatz der jüdischen Heeresteilnehmer hinter der Front dem Vaterlande mehr leisten konnte als unmittelbar in der Feuerlinie. Wenn trotzdem der Prozentsatz der jüdischen Frontsoldaten genau der gleiche war, wie im allgemeinen Durchschnitt, so braucht man sich doch darüber nicht weiter zu verwundern, daß die 12000 jüdischen Gefallenen und Vermißten um etwa IpCt. hinter der allgemeinen Durchschnkttsziffer zurückbleiben. Man brauchte eben vielfach die jüdischen Soldaten für organisatorische Zwecke in vielen Fällen so dringend, daß man sie aus der Front in die Schreibstube zurückholen mußte, weil sie dort infolge ihrer Kenntnisse und ihrer Gewandtheit unentbehrlich waren. Man muß ferner daran denkm, daß die jüngeren Mannschaften mehr gefährdet waren, als die älteren, und daß hier wiederum der Altersaufbau der jüdischen Bevölkerung mitspricht. Das letzte Kapitel der Segall'schen Schrift tellt fest, daß etwa 35000 Juden Auszeichnnngen empfangen haben, 23000 befördert worden sind, darunter etwa 2000 zu Offizieren. So unerquicklich es für jeden feiner empfindenden Menschen ist, nach der furchtbaren Katastrophe, die über Deutschland hereingebrochen Zum Wochenabschnitt. VonDistrikisrabb. Dr. Michalski in Burgpreppach. ,,Der wandernde Jude", das ist der Beiname, den das jüdische Volk erhallen, in dem seine Geschichte geborgen liegt. Bet den Stammvätern schon beginnt e.s: „Wandere aus deinem Lande, aus deinem Geburtsort, aus deinem Vaterhaus", so ergeht der Gottesbesehl an Abraham. „Geh' fort von uns, denn du bist uns zu mächtig geworden", herrscht Abtmelech den Jizchok an, Jakob zieht aus aus Berseba, vor dem Hatz seines Bruders Esau. Zum Volk geworden, aus Aegypten befreit, zieht das Volk der Freiheit entgegen, doch die Wüste umfängt es, in der es 40 Jahre wunderte. Nicht grundlos, nicht zwecklos ist die Wützenwanderung, Israels Läuterung hat sie zum Ziel. Unve> gessen soll sie uns bleiben, ausgezeichnet im Buche der Lehre. „Einem König gleicht es, so meint des Midraschs bilderreiche, Sprache, der feinen kranken Sohn an einen andern Ort limBn1? zur Heilung führt; als sie geheilt heimkehren, zählt der Barer die einzelnen Lagerplätze auf und spricht zum Sohn: sieh' Kind, hier haben wir geruht, hier bar uns kühlender Hauch umweht, hier har dein Haupt dich geschmerzt; so hat auch Gott aufzeichnen lassen die einzelnen Wanderungen auf dem Weg zur Heilung, auf datz sie gegenwärtig bleiben noch den später» Enkeln und diese noch ihrer gedenken." Die WüstenwanderUng endet am ersehnten Ziel, das verheihene Land wird des Volkes Besitz, hier haben wir geruht auf heimatlicher Flur und kühlender Hauch hat uns umfächelt; dort wiederum hat das Haupt nns geschmerzt, da unserem Haupt, unserem Gott, wir Schmerzen bereitet. Das Matz der Sünden ist übervoll, das Heiligtum wird ein Raub der Flammen und todesmüde greift Israel aufs neue zum Wanderstab, zu jener nicht enden wollenden Wanderung durch die Wüste der Völker, durch die Nacht der Jahrtausende, verfolgt und -gejagt von Land zu Land, von Volk zu Volk, Wege zur Läuterung und zur Heilung, zur Sühne der Sünden. Zell wellig und vereinzelt nur findet der wandernde Futz einen gastlichen Ort, dann haben wir ruhen dürfen, da kühlender Hauch uns umsäuielt, doch jedekmal schmerzt uns dann wieder das Haupt, wenn Gott es vergessen und den himmlischen Vater erzürnte. Auf diesen Wanderungen sendet das wundgehetzle Volk den tränenfeuchten Blick zum heiligen Lan^e sehnsuchtsvoll zurück und die Erbschaft des 6. Aw wird zum schmerzerfüllien Seufzer, den das wandernde Volk htnauehauche. Haben diese Wanderungen ihr Ende erreicht, weit in Jerusalems Toren unter einem jüdischen Fürsten, aus den Ruinen neues Leben blüht? Ausseuszend gibt die Ukraine die Antwort, die Tausende jeglichen Alters, Waisenkinder, die kaum den Futz zu setzen gelernt, htnaus'chtckt aus den blutbrünstigen Gräueln entmenschter Horden auf die endlose Wandeist, nachträglich über den Anteil der einzelnen Gruppen des Volkes an den entsetzlichen Opfern des vierjährigen Blutbades tiefsinnige Spekulationen anzustellen, so muß man doch sagen, daß die Arbeit des Ausschusses für Kriegsstatisttk und seiner kundigen wissenschaftlichen Mitarbeiter auf Dank und Anerkennung nicht nur von Seiten der deutschen Judenheit Anspruch erheben darf. Es ist vielmehr die Wahrheit und Gerechtigkeit, die über allen Erfolg oder Mißerfolg menschlicher Machtpolitik hinaus Sieger im Kampfe der Weltgeschichte bleiben wird, und in deren Dienst auch - diese kleine Schrift steht, die für die Ehre der deutschen Juden als treue Söhne ihres Vaterlandes für alle Zeiten lautes Zeugnis ablegt. sin Ruf in die Wüste? Mit diesem pessimistischen Untertitel -—ohne Fragezeichen — versieht Dr. Pinchas Kohn emen Aufsatz, den er in der Wiener „Jüdischen Presse" unter der Überschrift „Entwurzelung und Einwurzelung" veröffentlicht. Im Hinblick auf ein Wort von Trietsch, der dem Zionismus das Verdienst zumißt, die „innere Entwurzelung" der jüdischen Massen in den Golusländern vorbereitet und gefördert zu haben, warnt Dr. Kohn vor den ungeheuren Gefahren, die dieser Entwurzelungsprozeß für die Existenz des aufs äußerste gefährdeten jüdischen Volkes in sich birgt und stellt ihm das von der Orthodoxie vom Zeitalter der Emanzipation an konsequent verfolgte Ideal entgegen: Einwurzelung des Individuums in der Golus-Heimat, der tiefste Llebe und /Tre^e, nicht olys staatsbürgerliche Korrektheit, entgegen gebracht wird, und dessenungeachtet opfermuttgstes und trotziges Festhalten an einem religiösenVolljudentum, das vor jedweder Assimilation unbedingten Schutz gewährt. Praktisch folgt daraus: Ablehnung aller jüdisch-nationalistischen Forderungen im Golus, Kampf für die restlose individuelle Emanzipation und für diejenigen Gruppen rechte, die zur Erhaltung des religiösen Gemeinschaftslebens notwendig sind. Man sieht, Dr. Kohns Gedankengang berührt sich einerseits mit Zollschan, kann'sich andrerseits auf Klatzktn stützen, der ehrlich eingestanden und nachgewiesen hat, daß der Nationalismus im Golus eine den äußersten Heroismus erfordernde, zu ewigem Kampf auf Tod und Leben verurteilende Existenzform rung und sie pochen lätzt an die Pforten der Bruderherzen, die kühlender Hauch umfächelt. Wann ist sie beendet, die Wanderung des wandcrnden Juden? Wann der Weg zur Heilung sein Ziel erreicht, wann Israel von den Sünden geheilt, von den Fehlern geläutert ist, )b ab'V rvc^n (Habakuk 3, 6), wann die ewigen Wanderungen, die von Ihm gefügt — zu Ihm geführt haben! Von den Töchtern Zeloschods. „Da wurden Machlo, Tirzo, Choglo, Milko und Nauo, die Töch'er Zelofchods, den Söhnen ihrer Vettern zu Frauen". (4. B. M. 36, 11). Die fünf Töchter Zeloschods, deren Klugheit und Taktgefühl uns-re Weisen nicht genug zu rühmen wissen, werden an drei Stellen der Wochenabfchnitte Pinchos und Müsset aufgezählt. Zuerst im Geschlechtsregister Kap. 26, Vers 33: „Und Zelofchod, der Lohn Chesers Hane keine Löhne, sondern nur Töchter und der Na>.>e der Töchter Zeloschods war: Machlo, Nauo, Choglo, Milko und Tirzo. Im 27. Kapitel wird dann von dem Auftreten dieser Töchter Zeloschods und ihrem Kampfe um das Erbrecht der Töchter erzählt, wobei sie wiederum in der gleichen Reihenfolge wie im vorhergehenden Kapitel aufgezählt werden: „Und diese sind die Namen seiner Töchter Machlo, Nauo. Choglo, Milko und Tirzo". Dagegen heitzt es in dem an der Spitze dieser kleinen Betrachtung stehenden Verse des lausenden Wochenabschnittes: Machlo,Tirzo, Choglo, Milko und Nauo. Die letzte ist also an die zweite Stelle gerückt, während Nauo am Schluffe steht. Zu diesem Verse bemerkt nun Nascht: „Hier zählt die Thora sie nach ihrem Alter auf, sie hei-

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