Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1921)
- Date
- 1921-07-07
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Tausende zählte, vertrieben. In vielen, Städten wurde der Pogrom sofort eingestellt, als es hieß: „Der Selbstschutz kommt"! Auf das Städtchen Horoditsche wurden wiederholt Angriffe von den Banden Golowas versucht, jedesmal ohne Erfolg. Bei dem letzten Angriff beteiligte sich Sowjet-Militär an der Abwehr. Immerhin gab es diesmal nach Abzug der Roten Garde 134 jüdische Opfer. Einem jüdischen Selbstschutzmann, der mit einem Panzerauto in die Horden htneinfuhr, gelang es, den Rest der jüdischen Häuser und Bewohner zu retten. Als Golowas Banden sich dem Städtchen Stephansie näherten, konnte der jüdische Selbstschutz aus Bogislaw und Ta reichte noch rechtzeitig alarmiert werden, bei dessen Anrücken 100 bewaffnete Banditen und etwa 600 Bauern, unter Zurücklassung von Toten und Verwundeten, die Flucht ergriffen. Zuweilen pflegte es vorzukommen, daß in jüdischen Städten Banden gegen schweres Geld angeworben werden zum Berteidigungskampf gegen andere Banden. Daß diese „Helfer" nicht sehr zuverlässig sind, braucht nicht erst gesagt zu werden. In einem Städtchen hatte die Rote Armee bei ihren Räumungsarbeiten einige Geiseln aus der christlichen Bevölkerung etngezogen. Als die Roten fortgezogen waren, fand man die Geiseln als Leichen da. Kurzerhand „beschloß" Hetmann Griesla, daß die Juden den Geiselmord begangen dätten und zog mit seiner ganzen Heeresmacht nach der jüdischen Stadt Spole. Dieser Rachezug mißlang aber. Da aber die Kosaken einmal unterwegs waren, wurden sie nach Malaja Kalinok geführt, wo 49 Juden getöret, 25 schwer verletzt und 225 Häuser ausgeplündert worden. Die große Synagoge mit ihren 36 Thorarollen ging in Flammen auf. Hier wurde nur mit Axt und Messer gearbeitet und kein Schuß abgegeben. Das Pulver wollten sich die Helden für einen gefährlicheren Feind aufheben .... In der Bogtslawer Gegend arbeitete zur gleichen Zeit mit ähnlichen Methoden eine Bande, die aus 4000 Köpfen bestand. Man nannte sie die „Melwiedowski". Den stärksten jüdischen Selbstschutz besitzt die Stadt Bogislaw. Er zählt dort etwa 600 Mann und ist gut ausgerüstet. Aus diesem Grunde wurde Bogislaw die Zufluchtbstatte aller bedrohten Juden autz der ganzen Umgegend. Der Abwehrkampf des Bogtslawer Selbstschutzes gegen die Banden, die immer und immer wieder ihre Angriffe erneuerten, zog sich bis zum Dezember des letzten Jahres. Da bekam der Selbstschutz Hilfe und Unterstützung der Sowjettruppen. Seitdem scheint die Gefahr von Bogislaw fürs erste abgewendet zu sein. Jntereffant ist die Feststellung, daß Petliura, dieser große Judenschlächter, in den letzten Wochen seinen Banden in Podolten die Parole ausgegeben hat: „Schonet die Juden, dann wird die Ukraine unser". Die Horden befolgen diesen Befehl und konzentrieren ihren Kampf mehr gegen die Rote Armee. Es braucht nicht erst betont zu werden, daß die kleinen Selbstwehrorganisationen an den größeren Plätzen an der Katastrophe in der Ukraine leider nicht viel zu ändern vermögen. Besonders auf dem flachen Lande sind die Juden, sofern dort noch welche am Leben sind, den Banden als Freiwild schutzlos preisgegeben. Auch in den Städten verkommen die jüdischen Ueberreste in tötlicher Angst wirtschaftlichem Elend, in der Sorge um den kommenden Tag. inderecke. Am die Ehre der Thora. Als Rabbi Schirneon ben Gamaltel Nassi und Letter des Lehrhauses war, hatte Rabbt Meir das Amt des Chacham inne, Rabbi Nathan war Vorsitzender des Gerichtes. Beide Männer überragten alle Anderen an Weisheit und Gelehrsamkeit. Der Nassi sah es nicht gern, daß die ganze Gemeinde bet deren Erscheinen genau so ehrerbietig aufstand, wie vor ihm selbst, so wurden von ihm folgende Regeln aufgestellt: Beim Erscheinen des Nassi erhebt sich die ganze Versammlung und setzt sich nicht eher, als bis der Nassi seinen Platz eingenommen hat. Kommt der Gertchtsvorsitzende, so stellen sich zwei Reihen zu beiden Setten auf und beim Erscheinen des Chacham erhebt sich nur eine Reihe im Lehrhause: Rabbt Meir und Rabbt Nathan waren nicht zugegen, als dte neue Verordnung getroffen wurde, und, obwohl nicht ehrgeizig von Natur, staunten sie nicht wenig, als sie am zweiten Morgen bet ihrem Erscheinen im Lehrhause die Aenderung wahrnahmen. In der Meinung, daß der Nassi us persönlichen Gründen die Verordnung getroffen hätte, beschlossen sie, ihm ihre Überlegenheit zu zeigen. Sie wählten sich ein Gebiet aus dem Traktate „Ukzin", (betrifft die Frage, ob und inwieweit die Stiele mit den Früchten unrein werden) mit dem der Nassi nicht vertraut war und glaubten ihn so vor allem Volke beschämen zu können. Ein Schüler, namens Jacob, war unfreiwilliger Zeuge dieser Verabredung und er beschloß, den Nassi zu warnen und ihn vor der Beschämung zu bewahren. Er wollte aber nicht den Angeber spielen, da er alle Zwischenträgerei haßte, so ging er nach Mitternachr an das Haus des Nassi, setzte sich an das Fenster des Gemaches, wo er den Nassi wußte, und fing halblaut an, aus dem Traklak „Ukzin" zu lernen. Einmal und nocheinmal, Nacht für Nacht, bis daß der Nassi aufmerksam wurde und sich sagte, es sei etwas im Spiele gegen ihn. Er nahm sich sofort den betreffenden Abschnitt vor und vertiefte sich so sehr darin, daß er am zweiten Tage, als im Lehrhause diese Materie gewünscht wurde, sich ganz auf dem Lausenden zeigte. Rabbt Schümeon verwies die beiden Gelehrten zur Strafe aus dem Lehrhause. Sie ließen sich aber nicht ganz abwetsen und warfen von außen andauernd Zettel ins Lehrhaus, auf denen sie ihre Einwände gegen dte Entscheidungen Gamaliels schrieben und Fragen stellten, dte dem Nassi viel zu schaffen machten. Zuweilen pflegten sie, wenn das Lehrhaus die Fragen nicht beantworten konnte, dte Antworten selbst auf schriftlichem Wege oem Lehrhause zuzustellen. Da sagte eines Tages Rabbi Jose: „Es. geht doch nicht an, daß wir drinnen sitzen und die Thora draußen lassen". Rabbi Schimeon, dem es gewiß nicht um seine persönliche Macht, sondern um die Disziplin uno Ordnung zutun war, erlaubte endlich, daß die beiden Ausgewtesenen wieder ins Lehrhaus gelassen wurden, jedoch durften die Halachoth nicht in ihrem Namen weitergegeben werden. Rabbt Meir wurde seitdem nur „Acherim" (dte Anderen) genannt. Rabbt Nathan wurde unter: „Andere sagen" zitiert. Rabbt Nathan leistete aber später dem Nassi Abbitte und führte dadurch eine volle Versöhnung wieder herbei. „Me brillanten". Von Hermann Seckbach. Wieder rückte die Zeit der Schulferien heran, und wieder freute sich Max Langer aus die Ferien, die er bei Outet und Tante auf dem Lande verbringen durfte. War das schön: Der Onkel bewohnte ein kleines Häuschen, von wo aus mau einen jo herrlichen Blick ins Gebirge hatte, und dann war der prachtvolle Wald, in dem man sich nach Herzenslust tummeln konnte ganz in der Nähe. Mit welchem Behagen kletterte Max in Gesellschaft von gteichalterigen Jungen an den Abhängen herum, und wie gut schmeckten dann die seinen Walderdbeeren, die da zu finden waren. Mit roten Wangen und frisch gestärkt kehrte er dann nach Hause zurück und konnte nicht genug erzählen von de" gehabten Freuden. Dieses Mal sollte die Mutter, die ihn sonst nur hinbegleitete, 'auch vier Wochen dort bleiben. Schweres war über die Familie hereingebrochen. Ter Vater, der vor dem Kriege eiir gutes Auskommen hate, wurdet später -eingezogen, und das Geschäft konnte — so viel Mühe sich die Mutter auch gab — nicht in erforderlicher Weise weiter geführt werden. Das einstmals ansehnliche Vermögen schwand zusehends dahin. Als der Krieg vorüber war, und der Mann heimkam, war es mit der Gesundheit der Mutter leider schlecht bestellt. Tie vielen seelischen Aufregungen und die großen Sorgen hatten der armen Frau sehr geschadet. Langer konnte ans- Mangel an Mtteln die jetzt so teure Ware utf nicht zulegen, und war um seine Familie zu erhalten, gezwungen, eine mäßig bezahlte Stelle anzunehmen. Bei alldem waren Langers, wie man zu sagen pflegt, so diskret, daß niemand — auch die nächsten Verwandten nicht — Einblick in die traurigen Verhältnisse erhielten. Nur daß Frau Langer leidend war, wußte man, und so erging seitens ihres wohlhabenden Bruders auch an sre die Einladung, diesmal die Ferien gemeinsam mit dem Jungen bei ihm zu verbringen. Mt großer Herzlichkeit wurden beide au der etwas entfernt liegenden Bahnstation mit Pferd und Wagen abgeholt, und nun ging's flugs ins Städtchen hinein. Max, der ans dem Bock saß, durste die Zügel in die Hand nehmen. Hei, wie das Pferdchen lief! Das war schon eine rechte Vorfreude für ihn •, . . . Tie Tage gingen schnell dahin, der Junge war beglückt, und Frau Langer erholte sich zn>ehends. Eines Tages — draußen regnete es in Strömen — beschäftigte sich Max mit seinen Schularbeiten. Sein: Mutter saß bei ihm unb las die soeben eingegangene Post. Tie Tante war im Hause beschäftigt und hatte gerade die Absicht, ins Zimmer zu kommen. Ta hörte sie scholl aus dem Weg lautes Schluchzen And ihren Namen nennen. Wie unter einem Banne blieb sie stehen. „ ... . Tu bist ruhig, Maxchen, und sagst mir nichts der Tante!" „Aber doch, Mutti, sie kann und wird helfen, denn sie hat mehr als drei Brillantringe am Finger, und ein so großer ist darunter. Ta braucht doch Vater nicht den einen nerzugeben". „Aber Kilid, das verstehst du nicht. Siehe, Tante ist reich und hat viel Geld. Ta ist nun das Geld in Form vor: Schmncksachon oder Brillantringen gut aufgehoben. Wir aber, mein Liebling, sind, wie der Vater eben schreibt, in großer Geldsorge. Tie Firma, bei der er beschäftigt war, kündigte ihm, weil das Geschäft jetzt sehr schlecht geht. Nun will Vater aus dem Erlös seines voll dem Großvater ererbten Ringes sich Waren anlegen und dann seine frühere Kundschaft wieder aussucheu. Wenn der Himmel uns seinen Segeil gibt, haben wir Glück." «schluchzend kamen die Worte aus dem Munde der Frau. „Nun sei aber vernünftig, mein Jituge, und laß nichts merken. Wir sind hier Gäste und müssen froh sein, daß Oilkel und Tante so gut zu uns sind." Schreckensbleich staud die unfreiwillige Lauscherin vor der Tür, und nur mühsam schleppte sie sich in ihr Schlafzimmer, wo sie aasschluchzend zusammenbrach. Uild als später ihr Mann nach Hause kam und er aufs höchste beunruhigt, das blasse Antlitz seiner Frau sah, da erzählte sie ihm, was sie heute'an der Türe vernommen. „Siehe, mein geliebter Mann, was der kleine Max über meine Brillantriuge gesagt hat, damit hat er recht, tausendmal recht, und' ich darf mich nicht frei voic Schuld sprechen, denn ich habe nrich zu sehr dem Reize des glitzernden Keilers hingegeben. Hier sieh her, da ist der unauffällige, vornehme kleine Brillant, den du inir anläßlich unserer Verlobung geschenkt hast. Diesen will ich behalten. Aber alle anderen, besonders den großen hier, den unser Max so sehr beanstandet, gebe ich Tir. Wir jammern alle leider gar oft, daß wir nicht lstlfen können, wie wir wollen: Tie großen Ausgaben, die schwierige Geschäftslage, und was sonst als Grund gelten muß! Welch reicher Segen aber verbreitet werden kann, wenn sich nur ein kleiner Finger rührt, das habe ich heute erst erfahren; Huben mich doch die Morte des Jnngen tief in die secke getroffen. Und ich bitte dich, hilf Langers ans hrer Not." Ter letzte Schabbos von Langers Aufenthalt bei Lmkel lind Tante war herangekommen. Als Max mit seinem Onkel nach ^Hause kam, leuch tetm ihiri wie immer feierlich die (sabbathlichter entgegen, und doch kormte der arme Junge sich nicht so wie sonst der Freude hingcben. Das Leid der Mutter bedrutcke ihn sehr, und nur das ihr gegebene Versprechen hielt ihn zurück, sich zu verraten. Doch, was war das! Die Matter, an die er eben iiocb mit Sorge gedacht, kam vergnügt und freudestrahlend zur Türe herein und bat ihn, einen Augenblick zu ihr zu kommen. Und in ihrem Zimmer angelangt, erzählte sie, daß kurz vor Schabbos vom Vater ein Brief einge-- trofsen sei, worin er die freudige Mitteilung mache, daß durch Gottes Fügung ihm geholfen wurde. Ein früherer Geschäftsfreund habe ihm ein Warenlager ohne jede Sicherstellung zur Verfügung gestellt. Woher dieses plötzliche Gluck komme, wisse «r nicht, aber mm sei die Grundlage für eine sorgenfreie Zukunft Vorhand, n. Vater hofft, daß wir nun vergnügten Schabbos haben. „Bensch mir de» Jungen", schreibt er noch. Ta t'mfiirgeii zwei .Kinderhände aas abgehärmte Gesicht der Mutter iu inniger Umarmung. . . . Noch nie erklang durch die Räume des Hauses der Scholaum alechem-Gesang so feccrUch wie an diesen, Freitagabend. Es lvar, als ob die Engel des Friedens sichtbar in diesem Hanse sich herniederließen zur göttlichen Sabbathruhe.