Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 27 (7.7.1921)
- Date
- 1921-07-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 27 Wer dem Baume unbefugter Weise Blätter und Früchte entnimmt, ist ein Dieb, aber er hat dem Stamm nichts getanselbst wer Aeste und Zweige bricht, geht dem Baume nicht ans Lebensmark, wer aber die Axt an die Wurzel legt, unterstehe sich nicht, für diese Vandalenarbeit Pflegelohn zu beanspruchen. — Muß dieser Weisheitssatz erst in alter Erde auf einem Tontäfelchen gefunden und von Delitzsch nach eigenem Schlüssel entziffert werden, um wahr zu sein? . . . Delitzsch steht an der Pforte seines zweiten Täuschungsbuches und schreit: „Ich bin kein Antisemit!" Drinnen wird aber solch ein Hexentanz gegen Juden und Judentum und alles, was bis jetzt der Kulturwelt als Grundlagen der Religion galt, ausgefübrt, daß es jedem positiv denkenden, an gewisse Traditionen und Pietätsrücksichten seelisch gebundenen — wir sprechen nicht erst vom gläubigen — Menschen ganz wirr um die Sinne werden muß. Es beginnt mit einer Abschlachtung der jüdischen Massoreten, die den alttestamentlichen Text falsch und fehlerhaft überliefert hätten. Dabet wird nach bekannten Mustern verfahren: jede noch so fadenscheinige btbelkrttische Hypothese gilt als Axiom, feste Grundlage, ist Voraussetzung, alles, was uns Ueberlieferung durch die Zeiten erhalten hat, ist Mache, Tendenz, vornehmlich der Propaganda für den „hebräischen Nationalgott" dienend. Hier hat Delitzsch glücklich sein altes Steckenpferd wieder, auf dem er durch volle fünfzehn Oktavseiten einen wilden Reitertanz aufführt, eine Attacke gegen den Namen, den wir nicht einmal in der gegebenen Schreibweise auszusprechen w rgen und gegen alles, was sich hinter diesem heiligen Namen für uns und die Welt verbirgt. Auf diesem Steckenpferde rast er im Sturm über alles hinweg, was in der Schrift von einem Weltenschöpfer und Weltenlenker zeugt und macht nur halt, wo ihm aus dem Gesträuche verworrener und verschlungener Deutungen und Verdrehungen der Schein eines „Nationalgottes" — auf dessen Fang hat es D. besonders abgesehen — entgegenleuchtet. Die „Nebitm", die „keine Propheten wären, sondern nur Redner", hätten diesen beschränkten Gottesbegriff gepredigt und die Psalmtsten ihn, nur ihn besungen. Ueberhaupt hat D. mit den Propheten noch eine ältere Rechnung auszugleichen: Sie haben manches harte Wort gegen Babel gesagt, das in keinem Einklang mit den profefforalen Entdeckungen Delitzsch" steht. Das ist zumindest eineschwere Beleidigung der deutschenBibelforschung—vonfetten der jüdischen Propheten, und die Anklageschrift gegen sie umfaßt über ein Dutzend Seiten . . . Es werden ihnen „unerfüllte Weissagungen", Der Morgen kommt. Von Rabbiner Dr. M. Lew!« in Hamburg. Eine Kette von Irrungen und Wirrungen bietet uns die Erzählung von Israels Wüstenwanderung. Der Sünde der Kundschafter folgt die Empörung Korachs und seines Anhangs. Bon neuem werden die Leidenschaften des Volkes wie des Meeres Wogen bis ins Tiefste in Bewegung gesetzt und eS bedarf des vollen Mannesmutes Moses und seiner beispiellosen Selbstverleugnu g, um den Sturm, wie er entfesselt ist, schließlich zu beschwichtigen. Das ist das Licht mitten in der Nacht der Geschehnisse, die uns berichtet werden, daß wir immer wieder Moses engelhafte Größe bewundern können, seine Geduld und Selbstüberwindung, seine unbegrenzte Hingabe an die Gesamtheit und sein nicht zu erschütterndes Gottvertrauen. Das find wunderbare Worte, die Ewigkeitswert besitzen und selber eine Tat bedeuten, mit denen er in den verschiedenen kritischen Augenblicken der Lage Herr zu werden sucht und das Volk zu zügeln weiß. Sein? Liebe zu Israel und sein Vertrauen auf den Sieg des Guten, richten Der JSraelit. „falsche Bewertung des Bilderdienstes" und andere Delikte zur Last gelegt. Auch wird das bekannte Lamento über den freiwilligen Verzicht des „vaterlandslosen, internattonalen Volkes", auf das Heimatland aus dem ersten Teil nochmals in höheren Akkorden geblasen. Und worauf läuft das Ganze hinaus? Der Stifter sei nicht jüdischen Blutes, das Christentum sei keine höhere Entwicklungsform des Judentums, wie es die Apostel, die die Heilslehre verjudeten, haben wollten, sondern selbständige Religion und — als letzte Folgerung und Forderung — das alte Testament müsse aus Kirche und Schule hinaus. Man fragt sich: Muß man erst mit Kanonen und Panzerautos den Himmel stürmen und alle Waffen gegen Gott erheben, um zu diesen mageren Resultaten und dieser Mtntmalforderung zu gelangen? Die jüdische Abstammung des Stifters, ja überhaupt seine Existenz, haben auch schon Andere vor Delitzsch zu bezweifeln gewagt, ohne mit Garibaldigebärden in die Pose des geistigen Weltbefreiers zu verfallen. Auch ist die Frage, ob und in welchem Maße das alte Testament im christlichen Religionsunterricht Verwendung finde, nicht mehr neu, seitdem der Antisemitismus Bielen Religion geworden ist ... Das sind interne Fragen der christlichen Conftssion, in die wir uns nicht einmtschen dürfen. Aber muß denn D. erst mit d^r Axt in der Hand sich im Eden der heiligsten Menschenwerte und Menschentdeale die Bahn zu jener antichristlichen Auffassung und radikal-antisemitischen Forderung frei machen? Unser Ton wird von manchen nicht für würdig und fachlich genug befunden werden. Allein die angeführten Proben zeigen, daß sachliche Würdigung durch Eingehen auf Einzelnes hier — zumal für einen Juden — schlechthin unmöglich ist. Wer uns Sein und Seele abspricht, dem beweisen wir nicht, sondern wir lachen ihm einfach ins Gesicht. Und zeigen durch dieses Lachen, daß wir leben und im Vollbesitze der uns abgesprochenen Seele sind. Nur an zwei Stellen tut uns Delitzsch wirklich weh, da wo er sich — mit Recht oder Unrecht — auf Juden beruft und sie als Kronzeugen anführt. Im Vorwort erwähnt er „zahlreiche zuftimmende Zuschriften jüdischer Männer, Lehrer, sogar Rabbiner", und an einer anderen Stelle im Texte zittert er Jacob From er, der an Hand von Beispielen beweist, wie es mit der Nächstenliebe der Juden im Osten den Andersgläubigen gegenüber bestellt ist. Die „Lehrer und Rabbiner" müssen wir Delitzsch „glauben." Aber mit dem Zitate aus Fromer hat es leider seine Nichtigkeit. Es ist ihn immer wieder auf, auch wenn er einmal zagt und schwankt. Dem Stürmen und Drängen Korachs wirft Moses das inhaltsvolle liefbedeuisame Wort entgegen: JH'l 1,22 'fi. „Morgen wird kundtun der Herr, wer sein ist". Es ist ganz gewiß nicht nur, um Zeit zu gewinnen, daß er die Aufrührer auf die Zukunft vertröstet. Biel mehr erhofft er davon, wenn er sie nur für den Augenblick beruhigen kann. Er setzt wohl voraus, daß die Empörer, wenn erst die nächsten Stunden verstrichen, zur Besinnung und zur befferen Einsicht kommen und die Betörten wieder der Wahrheit und denen, die sie vertreten, zugänglich sein würden. Viel mehr liegt aber in diesem Worte Moses. Er baut seinem Widersacher eine goldene Brücke zur Um- und Einkehr. „Ihr befindet euch wobl in einer augenblicklichen Erregung", so verhandelt Moses mit ihnen nach unseren Alten nntPöl 728,2 2*1 *]inö «DP. „Ihr habt wohl eben allzusehr dem Irdischen euch hingegeben und damit ist euch der klare Blick gar zu sehr getrübt. Morgen — wenn erst die Einsamkeit und Stille der Nacht euch amaerüttelt hat, dann findet ihr den Weg zu Gott und seiner Ordnung zurück.721LM 'ipy *p p2l ’p p2. Vielleicht bringt die Nacht auch die Erkenntnis pbn Jii^i2J, iv*?ip2 n"2pn, daß Er, der heilige Schöpfer, überall in seiner Welt Grenzen gezogen, geschieden und gesondert hat. Könnt ihr Tag und Nacht ineinander vermischen, daß sie eins seien, ungeschieden und nicht gesondert? Ihr sagt selber — ihr Korachitäer — die ganze Gemeinde ist heilig und gesteht damit zu, daß der Herr ausgesondert hat aus der Reihe der Völker Israel. Dann müßt ihr es aber auch begreifen, daß auch inmitten des Priestervolkes es Berufene gibt, von Gott erwählte und geheiligte Diener, die der Gesamtheit ihre Weihe, ihre Bestimmung und Aufgabe zu Bewußtsein bringen sollen" .... ___7. Juli 1921. schmerzlich, aber schon immer so gewesen. Jakob Pfefferkorn hat nur einen Namen — seinen Nachnamen — gewechselt. . . Man bedenke: Was Moses und Propheten gelehrt, ist für Delitzsch tendenziöse Mache, was die Psalmiften gesungen, eitel Schall, was die Mafforeten überlieferten,Trug,' selbftbieEvangelten sind von den Judenaposteln gar zu verfälscht. Nur was Jacob Fromer sagt, ist wahr und authentisch und absolut bezeichnend für den Geist der Juden, ihrer Bibel, ihres Gottesglaubens und ihrer Nächstenliebe. Ist dies . nicht" sehr merkwürdig?! Und am Eingang zu diesem Tollhäuse voller Zerrspiegel steht sein Besitzer Friedrich Delitzsch und schreit mit voller Lungenkraft: „Ich bin kein Antisemit!" . . . Wochemuirdschau. Das Ende -es „Sundes. Mit der Auflösung der jüdischen Arbeiterorganisation in Rußland, genannt „Bund", geht ein bedeutsames Stück jüdisch-sozialer Geschichte der letzten zehn Jahrzehnte zu Ende. Der „Bund" wurde 1897 als jüdische Arbeiterpartei für das ganze damalige endlose russische Reich gegründet. Er war anfänglich nur als soziales, oder richtiger sozialistisches Gebilde gedacht, das in nationalen und religiösen Fragen neutral bleiben wollte. Sein Nationalismus war in der Tat in der ganzen Zeit seines Bestehens nicht weit her, zumeist führte er sogar einen regelrechten Kampf gegen den Zionismus, der ihm zu kapitalistisch dünkte. Er beschränkte seine nationalen Forderungen auf eine kulturelle Autonomie, unter der er vornehmlich die Anerkennung der jiddischen Sprache verstand. Religiös war die Partei so radikal, daß auch kein Minimum für ein positives Programm nach der Richtung hin übrig blieb. Die „Bundisten" waren tts facto ausgesprochene Feinde des alten Judentumshatten sie es doch darauf abgesehen, sich ihre Rekruten aus den Bet- und Lehrhäusern zu holen. Mancher junge Arbeiter, der früher seine Mußestunden im Bes Hamtdrasch zubrachte, hatte jetzt seinen Sammelpunkt im Bundisten- Klub, wo er mit Marx und Laffalle und den anderen Koryphäen der „neuen Ordnung" bekannt wurde. Im ganzen hatte der „Bund" bald den Anschluß an alle anderen revolutionären Parteien gefunden, mit denen er Schulter an Schulter unter dem Damoklesschwerte des Zarismus gegen die Reaktion kämpfte. Es war die einzige straffe Organisation, die das östliche Diese Worte hätten, wenn überhaupt Korach und sein Anhang der Belehrung fähig gewesen wären, ihre Wirkung erzielen müffen. Daß sie alle ergebnislos geblieben, ist der deutlichste Beweis dafür — daß es nicht die Sache gewesen, für die sich jene einsetzten, sondern nur ihre eigene Persönlichkeit, dte sie in den Vordergrund rücken zu müffen glaubten. Wer für eine Sache kämpft, gibt sie auf, wenn der Kampf als ein ungerechter oder unwürdiger erkannt ist. Wen aber Ehrgeiz treibt, wer den Streit nur sucht aus unreinen Motiven, nur um sich selbst auf den Schild zu heben, hält am Kampfe fest, zäh und halsstarrig, bis er schließlich seiner Ehrsucht zum Opfer fällt. Das lehrt die Geschichte dieser Empörung gar zu deutlich. Man sollte meinen, mit einer Deutlichkeit, daß alle Zeiten und Geschlechter aus dieser Geschichte lernen müßten. Dem ist aber leider nicht so. Die Geschichte weiß immer wieder von Demagogen zu berichten, die sich in das Gewand der Volksbeglücker zu hüllen verstanden haben und darum auch viele Parteigänger für ihre selbstischen Pläne und Interessen gefunden. Es wäre darum wunderbar, wenn nicht noch in unserer unendlich bewegten Zeit mit all ihren Kämpfen und Nöten sich Personen gesunden hätten, die aus den aufgepeitschten Leidenschaften der Menge für sich Gewinn und Vorteil zu erringen suchten. Das Gute bricht sich aber Bahn, wie der Morgen schließlich die Nacht ablöst. Was in Wahrheit heilsam ist, das ringt sich durch, bis die krankhaften Keime der Vernichtung anheimgefallen sind. Diese Hoffnung hält uns aufrecht und bleibt uns dte Gewähr, daß auch für Israel am Ende der Morgen anbrechen wird. np2 rmx rb'b aai. Der Morgen kommt, mag auch noch so tiefe Nacht herrschen. Ein Gleichnis wenden die Alten an. Eine Matrone, deren Gatte in dte Ferne gezogen, hat eine Magd.