Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1921)
- Date
- 1921-06-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite iO Nr. 26 fiuO. Mö.^e sich au uns die Weis,agung seiner Propheten erfüllen. Was wir wissen ist nicht mehr, als die Weissagung Daniels. Möge der Gott Israels die Erlösung beschleunigen und unsere Zerstreuten sammeln, noch zu unseren und zu deinen Lebzeiten, zu Lebzeiten der Frommen unseres Zeitalters, Die in Liebe feinem Warnen huldigen. Auch erwähnst du in deinem Briefe, wie sehr du dich danach sehnest, mich von Angesicht zu Angesicht zu begrüßen. Auch ich bin von der heißen Sehnsucht erfüllt, dein Antlitz zu schauen und in deiner Nähe die Fülle deiner Weisheit bewundern zu können. Gebe Gott, daß beider Wünsche baldigst in Erfüllung gehen und du mir, wie ein Vater seinem Sohne, mit weisem Rate zur Seite stehen kannst und nach deinem Ausspruche mein ganzes Volk geleitet werde und ich selbst nach deinem klugen Worte und Rate verfahre. In dieser Hoffnung entbietet dir und deiner Gemeinde den Frieden, Joseph, Sohn Aharons, König von Chasarien." (Fortsetzung folgt.) Die Men fit England. (Bericht eines deutschen Juden.) Vor einigen Monaten kam ich zum ersten Male nach dem Kriege nach England. In jüdischen Kreisen — und nur von jüdischen Dingen will ich hier reden — sand ich dieselbe Atmosphäre wie sie vor 1914 geherickt hat. Aber innerhalb diesei Atmosphäre hatte sich manches geändert. Mancher junge Mann, nach dem ich fragte, ist nimmer heimgekehrt In der flandrischen Ebene, an den Felsenriffen Gallipolis und in« nordafrikanischen Wüstensand sind sie geblieben. Viele von ihnen, die heim.,ekehrt sind, gehören heute in die Reihe der Arbeitslosen oder arbeiten nur einige Tage in der Woche; um verstanden zu werden, muh ich hier etwas weiter ausholen. Zwischen der deutschen und der englischen Judenschaft ist ein grundlegender Unterschied. Der deutsche Jude lebt seit vielen Jahrhunderten in Deutschland, ist verwachsen mit der Scholle, hineingewoben in das deutsche Äulturnewebe. Ganz anders d'e große Mehrzahl der englischen Juden. Ich war aus einem jüdischen Friedhof einer großen nordenglischen Gemeinde, die etwa 40 000 Seelen stark ist. Kein Grab, das ich sah, war älter als 70 Jahre. Mit anderen Worten, die Mehrzahl der englischen Juden sind Immigranten aus dem Osten. Ich habe eine Reihe von Männern und Frauen gesprochen, die ihre Jugend noch in den östlichen Ländern verbracht haben. Schon die zweite Generation hat in -spräche und Gesittung einen hohen Grad der Assiwilaiion erreicht und Mischehrn gehören durchaus nicht zu den großen Seltenheiten. Und mancher Sohn eines polnischen Vaters hat es schon soweit in der westeuropäischen Kultur gebracht, daß er den „polnischen Juden" zur Zielscheibe seines billigen Hohnes und Spottes macht. Es ist erklär sich, daß bei einer solchen Maffeneinwanderung die Immigranten nicht Unterkunft finden konnten in den ihnen kongenialen Beschäsligungen des Handels/ des Handwerks und des Ackerbaues. Ein großer Teil mußte um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, in die Fabriken gehen. So haben wir heute in den großen Kleiderfabriken und Schneiderwerksiälten des englischen Nordens eine große jüdische Arbeiterschaft. Not und Elend herrscht dort infolge des Stillstands und der langen Arbeitszeit vieler Fabriken. Es ist lächerlich und offenkundig verlogen, wenn englische Antisemiten die Juden als Kriegsgewinnler hinstellen. Gewiß, es gibt auch in England unter den Juden Vertreter dieses abscheulichen Menschenschlags, den noch jeder Krieg unseltgerweise heroorgebracht hat, aber im Vergleich zu dem Elend und der Not vieler jüdischen Familien, die ich mit eigenen Augen gesehen habe zerstieben die paar hassenswerien Vampyre zu nichts. Damit wären wir beim leidigen Kapitel des Antisemitismus angelangt. Dieses Pflänzchen blüht auch jenseits der Nordsee: freilich häufig latent, nur dem geschulten Auge sichtbar, aber ich habe den bestimmten Eindruck, daß der Judenhaß in England unttr einer ihm günstigen Konstellation, recht häßliche Formen annehmen kann. Die Ernennung eines Juden, Lord Reading, zum Vizeköniq von Indien, die Freundschaft Lloyd Georges mit einigen Juden, die Anwesenheit einiger südlicher Minister im Kabinett, gibt der „Morntng Post" »spricht etwa d-r „Deutschen Ztg.") und deren Kreisen, immer wieder Gelegenheit zu gehässigen Ausfällen. Es braucht wohl kaum erst erwähnt zu werden, daß für diesen Schlag Leute die Juden die Anstifter aller Streiks, aller Unruhen in Irland und selbstverständlich des russischen döbacle sind. Das kennen wir ja. Eigenartig dagegen wird es manchem deutschen Leser erscheinen, daß man in am __ Her JSratzltt. diesen Kreisen rüoyd George unfeitchet, weil er „unter dem Einfluß jüdischer Finanziers, Deutschland zu gut wegkommen läßt". Bet uns hat das Liedchen, das desselben Geistes Kind ist, einen anderen Refrain: bei uns sind es die bösen jüdischen Finanziers, die Deutschland ins Verderben stürzen wollen. Wer guten Willens ist, denke darüber nach, jd) will dieses Thema hier abbrechen. Mit aller Deutlichkeit möchte ich hier nur noch sagen, daß drüben wie hier alle, die einen großen Glauben an die Zukunft in sich tragen, alle, die aus der Stickluft des gegenwärtigen Europa heraus wollen, diesen Hexensabbat der verschrobenen Engherzigkeit von Zmergseelen nicht mttmachen. Sie wissen, daß eine innerlich reinere und freiere Menschheit sieghaft dieses Stück Mittelaller abstreifen wird. Diese kurze Skizze wäre unvollständig, wenn ich nicht ein paar Worte über das religiöse jüdische Leben sagen würde. Mein Eindruck war der, daß die Zeit des Aufenthalts in England und die Abnahme der Religiosität bei den meisten Eingewanderten im direkten Verhältnis steht. Daß die große Mehrzahl der (wenigen) eingeseffenen, vielfach adligen und der Hochfinanz angehörigen Familien nicht orthodox sind, liegt auf der Hand. Unter der erstgenannten Klaffe gibt es natürlich viele Ansnahmen. Es sind immerhin eine Reihe Geschäfte am Samstag geschloffen (sie dürfen dann am Sonntag offen halten) und die große Mehrzahl der Mittelstandshaushaltungen sind rituell, wenn auch nicht im strengen Sinne. Das jüdische Gefühl ist meistens stark ausgeprägt; nur hat man sich — in den meisten Fällen aus schierer Bequemlichkeit, die sich einer lahmen Sophisttk bedient — vom formalen orthodoxen Leben abgewandt. Ein großer Teil der englischen Juden sieht die Synagoge nur am Jom Kippur, Roschhaschono und Peffach. Diese drei Feste werden tm allgemeinen strikt gehalten,- Ausnahmen gibt es auch hier. Die größte geistige Bewegung in der englischen Judenheit ist zweifellos der Zionismus. Der Gedanke des Zionismus wird in England von der „inleilsAentia" gepflegt und hat in weiten Kreisen eifrige — wenn auch platonische — Anhänger. Dadurch, daß die Ziele des Zionismus und die des britischen Jmperismutz gegenwärtig parallel laufen, hat der englische Zionist eine starke Stellung. Eine Welle von Unwillen und Enttäuschung lief durch die zionistischen Kreise, als die Bluttaten von Jaffa bekannt wurden. Interessieren wird noch die Stellung des englischen Juden Deutschland gegenüber. Sie ist genau so wie die aller Engländer, das heißt, bedingt durch die politische Orientierung und die Individualität des Einzelnen. Ein Teil des englischen Volkes steht noch unter dem Einfluß der narkotisierenden Hetzpreffe, ein anander^r (kleinerer) ringt sich langsam zur Wahrheit durch und erkennt die Wirklichkeit. Auf die beiden Lager sind auch die englischen Juden verteilt. > <u.« Minderecke. Aus der talmudifchen Agada. „Hasse die Herrschaft" Rabban Gamaliel und Rabbi Josua fuhren auf einem Schiff. Rabbi Josua, erfahren und reisekundig, hatte als Reisezehrung Brot und auch Mehl bei sich, für den Fall, daß sich die Seereise verlängern sollte. Gamaliel hatte nur Brot. D>e Winde waren ungünstig und das Schiff verlangsamte die Fahrt. Bald war Gamaltels Brotsack geleert und er.mußte von den Mehlvorräten Rabbi Josuas leben. Rabbi Josua erklärte feinem Genossen den Grund für die Verzögerung der Fahrt. Ein Stern am Himmel, der dem Steuermann die Richtung zeigt, habe, wie es einmal in siebenzig Jahren immer geschehen muß, seinen Gang geändert und damit die Schiffer irregeführt. Rabban Gamaliel sagte: „Du bist so klug und in allen Wissenschaften bewandert und mußt dennoch über Land und Meer hinaussahren und deine Nahrung suchen?" Er bot ihm eine hohe Stellung an, die ihn aller Sorgen entheben sollte. Aber Rabbi Josua wies es zurück mit dem Bemerken: wer Ehren und Aemter annimmt, hat sich Knechtschaft aufgeladen. __30. Juni 1h21. Man ]uu Utchr üoerrr etv en. Man soll ffch kein Gebot schwerer machen, als uns vorgeschrieben ist, denn dieses führt zuweilen zur Verletzung desselben. Gott hatte dem ersten Menschenpaar nur den Genuß des Baumes im Garten Eden verboten, die Schlange aber sprach davon, daß sie den Baum auch nicht berühren dürften. Eva berührte ihn und, nachdem nichts geschehen war, biß sie auch in den Apfel und reichte ihn Adam. Warum die Tafeln zerbrochen wurden. Als Moses mit den Bundestafeln in der Hand htnabstieg und die furchtbare Verirrung des um das goldene Kalb tanzenden Volkes sah, sprach er zu sich selber: „Wie kann ich ihnen ein Gesetz geben, das schweres Unglück über sie bringt? Heißt es doch im Gesetz, man darf nicht Götzen dienen, und sie haben sich nun einen Abgott gemacht. So ist es wohl besser, das Gesetz bleibt ungegeben." Moses wollte jetzt zum Himmel zurück, um die Bundestafeln wieder in die Hand Gottes zu legen. Das erblickten die siebzig Alten und eilten ihm nach, um die heiligen Tafeln für Israel zu retten. Es enstand ein kleines Ringen um die heiligen Steine. Jetzt merkte MoseS auf einmal, daß die Schrift von den Tafeln geschwunden war. Es waren nur noch glatte -Steine ohne Inhalt. Da warf er sie mit aller Wucht zu Boden, sodaß sie in Scherben gingen. Wohltat ist mehr als Opfer. Rabbi Jochanan, Solu Sakais, erging sich eines Tages in Begleitung von Rabbi Josua in der Umgegend von Jerusalem. Als sie an der Trümmerstätte des heiligen Tempels vorbeigingen, stieß Rabbi Josua einen tiefen Seufzer aus und klagte: „Wie schmerzlich, den Ort, wo Israels Sünden Sühne fanden, als Trümmerhaufen zu sehen!" „Wir wollen nicht klagen, mein Sohn," erwiderte Rabbi Jochanan. „Was hier in Trümmern liegt, das sind Holzbalken und Steine, das heiligste Heiligtum kann nns keine Feindeshand nehmen und zerstören. Es liegt in uns, in unserem Herzen. Und wenn wir dieses zu Gott erheben, und zu frommen Handlungen und Wohltaten uns auftun, da haben wir einen Altar errichtet, auf dem wir Opfer bringen und Sühne finden. Sagt doch Gott selbst, Liebe überwtegt Opfer." fluflöfung des Rätfels in Hr- 21: a1»« mrrft rr»a JWRI 2"N8 ma* drj -ja D’ Lklv L'v niain rv>n na ran a^a^ DTQ ira* nam Richtige Lösungen sandten ein: Isidor Weinreb jun., Ludwigshafen,- Leo Knöbil, Wien- Markus Neuberger, Berlin; Paula Lowtnger, Wilhelmsburg- Jakob und Hanna Rothschild: Joseph Sam. Vogel, Frankfurt a. M.; Max Remmerl, jun., Mannheim; Moses Askenazt, Basel.