Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1921)
- Date
- 1921-06-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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euilleton-Veilage zu M. 26 des „Israelit". Von Lordowa nach Chasarien. L"yi,|Ti*l/‘ Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) XV. Alles um ihn sang und klang/ als Jzchak durch die Alleen des Gartens wandelte. Wie hatte er sich in öden, wilden Steppen, auf Bergen und Eisfeldern nach diesen Akazien, nach diesen Oel- und Mandelbäumen, nach der Myrtenlaube gesehnt, wie belebten sie seine Träume, wenn sie der Mond vor seinem harten Lager in Fremde und Gefangenschaft so zaubervoll emporblühen ließ . . . Nun schritt er leibhaftig und wachender Sinne durch die grünen, blühenden Alleen, und alles sang und klang und lachte. „Hadassa!!!" Der stille Wind trug den gedämpften Ruf und durch alle Wipfel rauschte es und aus allen Zweigen sang und klang es: „Hadassa!!!" Dann kam ein leises liebliches Singen aus der Laube, an deren Wänden die Sonnenstrahlen mit sen Blumen kosten, als hätten sich Sonne und Blumen zu einem Chore vereinigt. „Du bist mir mehr als Sonnenglanz. Du bist mir mehr als Blumenkranz. Der Sonne fehits an Strahlen nicht, Allein sie bietet nimmer Duft! Die Blumen würzen süß die Luft, Jedoch sie senden nimmer Licht. Nur du, Geliebter, nur du allein, Du spendest Duft und Hellen Schein, Und lebst als Sonne und als Blume. In meines Herzens Heiligtume . . ." Jzchak kannte das Lied, das ein spanischer Dichter in fteier Nachbildung der Sulamith des Hohenliedes in den Mund gelegt. Aber der Sang, die Melodie, der Schmelz der Stimme, es war alles Eigenwert einer in Liebe und Sehnsucht vergehenden jungen Seele. Er wußte nicht, wie es über ihn kam, als er ganz laut weiter sang: „Dein helles Sonnenantlitz spricht: „Es werde Licht! . . Und es klang nur wie Fortsetzung des Gesanges, als es jetzt aus der Laube leise und feierlich rief: „Äächak!" Aus allen Wipfeln und allen Zweigen fang und rief es: „Jzchak!!!" I Dann trat Hadassa aus der Laube, und vier feuchte Augen gruben sich stumm und tief in einander. Nun aber lachte Hadassa laut auf: „Ich wußte schon, daß du da bist." „Du wußtest? . . „Ich sah dich hinter der Bahre daher gehen nnd glaubte zuerst an eine Vision meines überhitzten Gehirns. Es ist aber Wirklichkeit..." Ihre Stimme zitterte. * „Du kamst noch recht, Jzchak?" fragte sie nach einer Pause weiter. „Ich kam ins Sterbezimmer noch gerade recht, um des Vaters Segen zu empfangen und die Sterbegebete mitzusprechen." „Und du kommst nicht mit leeren Händen, Jzchak?,, „Ich habe weit, wett und kräftig ausgeholt, i um nach der Myrte zu greifen. Kann sich der Traum nun ersüllen?" „Die Myrte rst unberührt und harret deiner.. Jzchak ergriff ihre Hand. „Hadassa! Ich habe es vollbracht. Der Brief des Königs Joseph ist in deines Vaters Händen. Er wird heute in öffentlicher Sitzung im Lehrhause verlesen, wo auchChasarlens Boten, als lebende Zeugen meines Erfolges,, sprechen werden. Ich werde vor allem Volke den Nässt um meinen Lohn angehen . . ." „Die Myrte harret deiner", wiederholte Hadassa. „Fürstensöhne bewerben sich um sie. Aber du hast eine Königs kröne mttgbracht und wirst sie alle schlagen. — Das Wort stammt von Menachem ben Saruk ..." „Menache»>? Wo ist der verehrte Lehrer? Ich sah ihn nicht bei der Beerdigung und mißte ihn auch m den Tagen der Trauer." „Er weilt in der Verbannung, um meinetwillen, um deinetwillen. Er stand mir treulich bei und wollte mir helfen und kam selber in Leid, ohne unser Geheimnis preiszugeben. Er hat hier auch Feinde . . ." Jzchak fragte nicht mehr, er verstand alles Weitere von selbst. Aber er sagte: „Meine Tat ist in den Augen des Nassi so groß, daß ich bet meiner Lohnforderung ruhig auch auf die Rechte unseres alten Freundes und Lehrers bedacht sein kann." XVI. Im vollbesetzten Lehr Hause wurden die beiden Chasaren, Obadjah und Josua, mit so viel Liebe und jüdischer Wärme begrüßt, daß den großen stämmigen Männern die Hellen Tränen das verwitterte Gesicht herunterrannen. Dann wurde unter weihevoller Stille des Hauses das Schreiben aus dem fernen Chasarenlande vom Nassi selber verlesen. Nach kurzer Einleitung und Begrüßung bestätigte der Chakan Joseph den Empfang des Huldigungsschretbens Chasdais aus der Hand des tapferen Jzchak, Sohn Nathans, und der anderen Gesandten. „Wie freuten wir uns, hieß es da, über diesen Gruß aus Bruderherzen und den Beweis euerer tiefen Weisheit und auch über die Lage der Juden in Spanien und das schöne Verhältnis des jüdischen Fürsten zum Kalif Abdul Rhaman zu hören". Auf die Bitte, über Land und Leute in Chasarien zu berichten, folgte eine weitgehende Abhandlung über Art, Wesen und Geschichte des Chasarenvolkes: „Wir tun euch zu wissen, daß wir von den Söhnen Japhet abstammen und Nachkommen seines dritten Sohnes Tu-- garma sind. Dieser Tugarma hatte zrhn Söhne. Der siebente hieß Chasar, der auch unser Stammvater ist. Chasar fing sein Reich mit geringer Zahl anMewchen und Kraft an, Gott aber gab ihm Kraft und Macht, sodaß er viele Völker überwand, sie vertrieb und sich dann bis zum Strome Rhuna ausbreiten konnte. Nach vielen Generationen entstand nun unseren Vätern ein gerechter König, namens Butan, dem es beschteden war, sein Volk an die Quellen der göttlichen Wahrheit zu führen." Der Brief erzählte dann von den Träumen und Eingebungen, die den Chakan Bulan auf den Weg der Wahrheit gezwungen haben, unter wiederholter Betonung des Wortes, das ihm andauernd in die Ohren klang: „Dein Wille ist gut, doch ist deine Tat schlecht!" Im Einzelnen winden die Ereignisse des Krieges mit den Arabern geschildert und die Eroberung der Festung Ardilan, die Bulan in den Besitz großer Güter und Reichtümer gebracht hatdiese habe er dazu verwendet, Gotteshäuser und heilige Etn- . Achtungen zur höheren Ehre Gottes im ganzen Lande zu schaffen. Auch von den Dtsputat'onen der Geistlichen, der verschiedenen Konfessionen wurde im Briefe erzählt, aus denen der König nur eines entnehmen konnte, nämlich, daß sie alle in der älteren Lehre Israels den gegebenen Boden anerkannten, auf dem sich ihre Lehren aufbauten. Nun kam die Geschichte des Uebertrittes und des großen nationalen Aufstieges, der diesem Uebertritte gefolgt ist: „Ein Enkel Butans hieß Ob ad ja, der, fromm und gerecht, das Reich auf den Grundlagen des jüdischen Gesetzes neu aufbaut. Hatte doch dieser fromme König Synagogen und L hrhäuser errichtet, viele Weffen Israels in feiner Hauptstadt gesammelt, die die Bücher der Schrift, der Mijchnah und des Talmuds lehrten, verbreiteren und öffentlich erklärten, auch das ganze Ritual für den Gottesdienst ordneten. Obadja, dem frommen Freund der Thora folgte auf dem Thron Chasariens dessen Sohn Chiskia. Dieser wurde später von seinem Sohne Menasse abgelöst. Die späteren Chasarenkönige hiesen der Reihe nach: Chanuka, Jtzchak, Sebulun, Menasse, Nisfi, Menachem, Binjanim, Aharon, als dessen Sohn ich, Joseph, zur Zeit den Tyron in Chasarien inne habe. Wir alle sind seit alters her Mitglieder der einen Dynastie, die seit Bulan vom Wege des göttlichen Gesetzes nicht gewichen ist." Dieser historischen Darstellung schloffen sich genaue Angaben an über Lage, Klima und die politischen Verhälniffes des Chasareniandes. „Rings um mein Land herum sind unzählige Gebiete, die mir . alle tributpflichtig sind. An der Südgrenze meines Landes allein find es fünfzehn mächtige N tionen, auf der Westseite dreizehn Völker, die mir alle willig den Zoll entrichten, wogegen ich ihnen mit meinen mächtigen Heeren Schutz vor den Angreifern biete. Mein Land besteht aus drei großen Provinzen, in denen von Ende bis Ende eitel Ruhe, Eintracht, Glück und Wohlergehen herrscht. Aus einer Fläche von 20 Meilen gibt es nichts, was den Frieden der Ackerbau treibenden Bevölkerung störte. Wenn ich zu Beginn des Nffsan-Monates von meiner Winterresidenz mit meinem Hofstaate nach dem anderen Ende meines Reiches zum Sommeraufenthalte ziehe, so werde ich allenthalben mit Jubel und Freude von meinem teueren Volke empfangen. Das Land ist nicht sehr regenreich, hat aber dagegen Ströme, Flüsse und Quellen in Menge und erfreut sich eines großen Fischretchtums. Der Boden ist gut und ergiebig, da die Felder und Weingärten aus den Flüssen reichlich W -ffer erhalten und die Bäume trugen die herrlichsten Früchte." Zum Schluffe ging der Brief auch auf die Frage Chasdais nach dem zu erwartenden Erlös ungstermtn ein: „Wir haben unsere Augen zu Gott, unserem Herrn gerichtet und zu den Weisen Israels, den Führern der Lehrhäuser in Jerusalem und Babel. Wir sind wett von Zion, allein, w:r hörten, daß auch dort infolge unserer Verfehlungen all die Berechnungen des „Kez" sich als trügeriich zeigten. Möge Gott nach seinem Gefallen und Wohlbefinden um seines großen Namens wegen mit uns verfahren und nicht gering achten die Zerstörung seines heiligen Hauses, die Unterbrechung seines heiligen Dienstes, und all' die Leiden und Mühsalen, die seit dieser Zerstörung über sein Volk ergangen