Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 26 (30.6.1921)
- Date
- 1921-06-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450163--69039-2526199- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 2 Nr. 26 Der Israelit. Tamit hat Taaore, wie kein zweiter unserem materialistischen Zeitalter gezeigt, wo die Wunde unseres heutigen politffcken Lebens blutet, den Rechenfehler aufqedeckt, aus dem sich das Kultur- Defizit des heutigen Europa ergibt, und junge Völker und Nationen, die sich anschicken, auf eigenem oder früherem Väterboden dos eigene nationale Haus wieder zu errichten, sind genügend gewarnt. Für uns Juden klingen diese Gedanken wie ein Echo uralter göttlicher Offenbarung. Die jüdische Nation hatte einen Abraham als Erzvater, der aus der Verworrenheit seiner Zeit den W^g zu Gott fand und wies, und dem Nimrodhchen Imperialismus ein kleines Gottesreich der Liebe, in dem sich die Besten fanden, entgegenstellte. Sie hat ihren Sinai und ihien Moses, der die Grundbedingungen ihrer nationalen Existenz für alle Zeiten sestlegte. Sie, dis jüdische Nation, hat einen Jesarjas besessen, der in einer Vision alle Instrumente der Macht und Gewalt sich in solche der friedlichen, ruhigen Arbeit verwandeln sie jt und der organisierten Kraft der große ■ weltbehrrrschenden Völker den Untergang voraussagt. Sie hat einen Secharja gehört, der an der Schwelle des neuen Lebens, bei der Neurestanrierung des Judenstoates auf Grund des Cyrus-Mandates, den ersten Pionieren der Ausbau-Arbeit zun'ef: „Nicht durch Kraft und Macbt, sondein durch meinen Geist!" d. h. nur durch den Geist, dir Euch als Ganzes zusammenhielt, nacht em euer Staatswesen in Trümmern lag, kann es geschehen! Die jüdische Nat ou hat in zwei Jahrtausenden der Z-rstreuung bew eien, wie gemeinsame Ideale die Seelen und Geister verbinden und eine über Länder und Meere führende Brücke bilden, die stärker und tragbarer ist, als all' die Brücken, die heute die Nationen sich nennenden Zwickverbindungen zwischen Mensch und Mensch, Volk nnd Volk bauen. Und dennoch darf heute auch im jüdischen Kreise im beißen Streben nach Volksrecht und nationaler Selbständigkeit nicht überhört werden, was Tagore von den Eigenexistenz und dem Naturrecht eines jeden Volkes sagt: Wir können Leben nickt nachahmen, Kraft nicht lange heucheln, ja bloßes Nachahmen tötet die Kraft, die da ist, denn es fesselt unsere wahre Natur und hemmt uns überall. Es ist, als ob wir über unsere Knochen die Haut eines anderen Menschen zögen und so zwischen beiden einen ewigen Kampf schüfen. Wissenschaft gehört nicht zur Natur des Menschen, sie ist nur etwas Erlerntes und durch Schulung Erworbenes. Wissen kann man von anderen borgen, aber nicht Gaben des Geistes und Gemütes. Es gilt aber, zwischen Wesentlicbem und Unwesentlichem, zwischen Geborgtem und Eigenem zu unterscheiden. Man muß nicht immer fürchten, etwas Wertvolles oder Wirksames zurückzulaffen, wenn man nicht die Schale mit dem Kern verschluckt. Gewiß bedürfen wir zu unserer Neubildung auch etwas von der neuen Art, wie des frischen Brodes zu unserer Ernährung. Allein der lebendige Organismus wächst nicht in seine Nahrung hinein. Das Volk kann seine Nahrung von anderswo einführen, aber nicht seine Lebensorgane. Es darf nicht ganz in der wiffknsltaftlichkn Ausstaffierung, die es von auswärts bekommt, nntertauchen und zu einer bloßen übernommenen Maschine werden. Es hat seine eigene Seele, die sich vor allen anderen Bedürfnissen gellend machen muß. Was hier von England, Japan und Indien gesagt ist, gilt auch für andere, gilt auch für uns. Vielleicht lassen sich diejenigen, die sich den Lehren und E>sah'ungen d r eigenen Valksgesch'chte beharrlich verschlossm, von dem Weltweisen aus Indien ein wenig belehren und beraten. Wochenmndschau. Aach Lhurchills Erllärungen. Win haben vorige Woche die bedeutsamen Erklärungen, die Churchill zun Paläsiinafrage abgegeben har, im Wortlaut veröffentlicht. Zunächst muß ausgesprochen werden, daß der Gesamteindruck der Rede siimmungsmäßig weit gü stiger ist als derjenige, den man von Herbert Samuils Kundgebung empfing. Die geschickte Regie, die dem jüdischen Statthalter und „arckent zionist" die Abkühlung der Juden nnd dem Londoner Koloruulmmister diejenige der Araber zuwies, hat also gekloppt. Jedenfalls hat Churchill mit energischen Worten den arabischen Terror zurückgewiesen und es geradezu als eine Schande für England erklärt, wollte sich dieses durch eire Rotte von Mördern und Plünderern einschüchtern und von der Einlösung seines verpfändeten Wortes zurückhalten lassen. Sachlich allerdings unterscheidet sich Churchills Interpretation der Balfour-Erklärung nur um eine schwache Nuance von derjenigen Samuels. Dieser wollte überhaupt nur davon wissen, daß „einige" also nach dem Sinn des englischen Wortes, jedenfalls nur ganz geringe Mengen von Juden nach Palästina kommen, um dort wirtschaftlich tätig zu fein. Church'll hat diesen kalten Wasserstrahl'lauwarm abgedämpft, indem er bei Einrichtung der Selb st verwaltungskörper eine ausdrückliche Verständigung mit den Arabern über den Nm'ang der jüdischen Ein wände¬ Die Sünde der Kundschafter. Von Rabbiner Dr. M. Lewin in Hamburg. Das Kapitel von der Sendung der Kundschafter bringen die Midraschlehrer mit der voraufgehenden Erzählung von der Bestrafung der Miriam in Zusammenhang. „Warum", fragen sine, „folgen diese beiden Erzählungen aufeinander"? Ihre Antwort lautet nun: „Sie, die Lendbolen, die doch des Volkes Führer und Fürsten waren, hatten es eben erfahren, wohin die Bösrede führt und doch wurde die Ahndung dieser Sünde ihnen nicht zur Mahnung und Warnung". Der Kundschafter Vergehen würde nach dieser Auf fassung sich nicht von der Sünde Mirjams unterscheiden. Vergleichen wir das Schriftwort, so sehen wir auch, daß wiederholt von den Kundschaftern ausgesaat wird: „Sie brachten ein übles Gerücht von dem Lande aus". War dies aber ein solch fluchwürdiges Verbrechen, daß zu seiner Ahndung nicht nur, die es begangen, sofort, sondern auch alle Israeliten im reifen Alter, in der Wüste ihr Grab finden sollten? Die Botschaft, die die zehn Volksvertreter von dem, was sie erschaut oder zu 1 schauen sich eingebildet, verbreiteten, rotu nur der : Ausfluß der eigentlichen inneren Gesinnung, die sie j beseelte. Es war nicht nur eine üble Rede über das Land, das sie auskundschafte,en, sondern auch über den Boden, auf den Israel durch seine Berufung zum Prikstervolk gestellt wurde — ein offener Verrat an den heiligsten Gütern des Volkes, eine Verleugnung dessen, was sie gesehen und erlebt, seitdem des Herrn Liebe Jsrnel au« Mizraim erlöst, eine Verleugnung der Allmacht und Güte Gottes. Das erklärt uns die schwere Strafe, die die Kundschafter traf, aber auch die Berechtigung des göttlichen Zornes gegen ganz Israel. Dieses halte eben seine völlige Schwäche, seinen Kleinmut, aber auch seine Unreife für die Durchführung der göttlichen Pläne, sein mangelndes Gottvertrauen dargetan. Im Besitze des Gesetzes mußte es noch zur sorgfältigen Beobachtung desselben, zur treuen Hingabe an Gott und seine Bestimmung erzogen werden. Es war von vornherein schon verfehlt, daß das Volk verlangte: Wir wollen Männer vor uns her senden und nur, um nicht an das Geschenk, das der «chöpser und Meister berWklt, dem Menschen gegeben, an die Willensfteiheit zu rühren, sprach Gott: "]S nStP „Sende dir" — d. h "Tun'?, wenn du willst, schicke Boten — den Kundschaftern wa>d auch deutlich ihre Ausgabe umschrieben: xyi ~B pxn ns on\s"rt, „Sehet das Land wie es ist'. Zieht aus dem, was ihr sehet, (aber nicht nur mit einem physischen Auge sehet, sondern auch mit eurem geistigen Auge, mit Herz und Gefühl müßt ihr sehen), den rechten Schluß für die herrlichen Aussichten, die der Besttz des Landes im Verein mit dem Besitz der Thora bietet. Die Volks, boten und mit ihnen die Gesamtheit, haben diese Aufforderung nicht verstanden, offenbar deshalb nicht, weil; sie Ihn, den Herrn, der den Vätern vereits das heilige 30. Juni 1931. rung für erforderlich und unter dieser Voraussetzung mit Hülfe jüdischen Kapitals eine stetige, mäßige Einwanderung von Juden nach Paläftinu für möglich und nützlich, erklärt. Hier liegt nun die eigentliche Schwierigkeit. Was soll geschehen, wenn diele arabisch-englischjüdische „Verständigung" über den jährlichen jüdischen Einwanderungs-Koesficienten nicht gelingt? Wenn der arabische Nationalismus, ermuntert durch Englands Nachgiebigkeit, aufgestachelt durch den Gedanken des großarabischen Reiches (Mesopotamten-Arabien-Transjordanien- Palästina!), die Pforten Erez Jisroels für die Juden praktisch schließt und die Balfour-Erklärung zu einem Stück Papier erniedrigt? Dann hätten die „lauten Erklärungen des Zionismus durch die ganze Welt", von denen Churchill sprach, tragischer Weise eine Situation geschaffen, deren furchtbare Konsequenzen heute auszumalen noch nicht an der Zeit ist. Der Leidtragende ist das jüdische Volk, dem durch den Uebergang Palästinas in die Hand der englischen Weltmacht, wenn auch nicht die Erlösung, so doch eine neue, segenverheißende Epoche seines Golus-Daseins gewinkt hatte, und dem nun durch die blindlings an den politischen Idealen der Völker orientierte zionistische Politik — so gut sie gemeint war — nur neues Leid und neue schwere Prüfung bereitet worden ist. „Der deutschfeindliche jüdische Kirchensürst'. Man muß schon, um mit Heinrich Heine zu reden, dem Kerker der Vernunft entsprungen sein, um obige Synthese aufzustellen. Der „Münchener (jetzt „Völkische") Beobachter" tat es, indem er unterm 26. November 1919 in einem Artikel über „die iandesverräterischen Bestrebungen des Ordens „8ns 8ris8" von einem Kardinal-Erzbischof Netto' in Lissabon schrieb: „Dieser Erzbischof war, als er in Bergheim (Kreis Rappoldswetler, Elsaß) noch in Fellen und alten Kleidern machte, ein bekannter Bruder der jüdischen Hetzloge Bne Brith, welche zusammen mit der internationalen anglo-französischen Weltloge bekanntlich in erster Linie den gegen uns von langer Hand vorbereiteten Ausrotrungskrieg auf dem schmutzigen Gewissen hat!" D>e Loge verstand diesmal keinen Spaß und klagte. Der damalige Schriftleiter des „Beobachters", Hans G. Müller, „bewies" nun vor Gericht mit allerlei Behauptungen, u. a. auch mit folgender: Im November 1916 hätten die jüdischen Bne Briss Logen Deutschlands in Köln in einem für ihre Zwecke gemieteten Saal bei fest verschlossenen Türen eine Versammlung der angesehensten führenden Bne Bri88 Logen abaehalten, der Versammlung haben Redakteure Land verheißen, nicht sahen. Ihn nicht vor Augen hatten. Das ist's wohl auch, was di- Mafforeten andeuten wollen, wenn sie mit diesem Worte ns arvxn pN*n den Vers am Ende unserer Stdra im Kapitel von den Schaufäden zusammenstellen. :r>rr vv'xii. Und ihr sollt ihn sehen (d. h. ganz gewiß nicht nur den Zipfel an den wL'8, sondern Ihn, den Ordner und Gesetzgeber unseres Lebens.) Was folgt aus diesen Er wägungen für das Israel unserer Tage? Nichts anderes: Das heilige Land ist solange nicht unser, als es nicht die Stätte unserer Thora, der Nährboden unserer jüdischen Bestimmuna ist, wird und werden kann. Für alle Zeiten und für alle Verhältnisse bleibt in seiner vollen Bedeutung das Wort, das Josua und Kaleb gesprochen: „Wenn Gefallen hat Gott an uns, wird er uns bringen in dieses Land und es uns gebe:/'. Kleines Jeuilleton. Von den Vorfahren Offenbachs. Als vor einiger Zeit der 100. Geburtstag des einst so gefeierten Komponisten Jacques Offenbach begangen wurde, wies man in betetltaien Kreisen auf seinen Ursprung hin. In einem jüdischen Kantorenhause zu Mainz stand seine Wiege. Es ist aber fast garnicht bekannt, daß Offenbacks Großvater vor den Toren Frankfurts amtierte — in Heddernheim. Bon dort richtet Schmul Oppenheim an seinen Landesherrn in Mainz nachstehende Bitte: