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Der Israelit · 1921-06-23 · Heft 25 (23.6.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 25 (23.6.1921)
Date
1921-06-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 25 Sette 9 23. Juni 1921. Der Israelit fett gedünstete und mit Fleisch vermengte Reisspeise L.c(jC _ ist eines der beliebtesten Nahrungsmittel. Daneben wird auch Schasliy — auf einem Sprcß gebratenes Hammelfleisch — voll alt und jung mit Vorliebe gegessen. Fische, eingemachte Früchte lurd Wern f.'ftlcn selten bei einer Mahlzeit. Unser Brot kennen sie nicht. Sie backen Kuchen und Lebjoschkns, eine Art dicker Mazzoth. Tie Frauen speisen abgeso.'.bert von den Männern. Kommt ein Gast, so werden ihm diese vorgestellt. Das Schlafzimmer unterscheidet sich nur wenig vom Speisezimmer. Wieder verblüffend schöne Teppiche, nur daß in einer Ecke des Zimmers eure grössere Anzahl von Stepp- und Wolldecken aufgestapelt ist. Das Gotteshaus sieht äußerlich emec kleinen Moschee ähnlich. Im Innern fällt uns sofort das Fehlen voll Leuchtern auf. Ringsum .tu ieu Wanden sind kaum 30 Zentimeter hohe Bänke angebracht. In der Mitte,, befindet sich der Almemor. ^ie Lade mit der Thora ist an der Westwand angebracht. Die Ostwand des Bethauses fehlt gewöhnlich. Ties bedingt das heiße, Klima, das in einem geschlossenen Raume das Zusammensein einer größeren Volksmenge unmöglich macht. Man betet mit dem Gesicht nach Westen gewandt, weil Jerusalem iur Westen von Turkeftan liegt. Ein kleines, sinsteres Kämmerchen schließt sich an den Betsaal an, wo die Frauen an den hohen Festtagen beten. Beim Betreten des Gotteshauses werden die Sandalen,^die rnnn wie Galoschen anzieht, abgelegt. Diese Sitte ist von den Muselmanen entlehnt, bei denen es verpönt in, Staub iils Haus, respektive Gotteshaus zu tragen. Tie Gebetbücher entbehren aller jener Kapitel, die sich auf die Leiden der Juden in Europa beziehen, flu den religösen Togmen weichen die Bucharen nur wenig von den europäischen Inden ab, nur daß sie am Rüst tag zum Opferfest ein Lamm schlachten. Ter Arme ,ncht sich einen Gesellschafter aus und schlachtet, zu stveit, zuweilen auch zu dritt, das Opfer. Tie besten Stücke bekommt der Chacham. Tos Edikt des Rabbenu Gcrson anerkennen^ sie uicht und dürfen die Polygamie betreiben. Das Weib :vird »och zuweilen gekauft. Die buchariiche«: Juden führen ein patriarchalisches Leben. Ta der^ Kinderlegen sehr groß ist, so finde«: wir Familien vor, deren Zahl an die 28 bis 30 Personen heranveicht. Tas Oberhaupt ist stets der greise Pater Familios. Ihr geistiges Oberhaupt ist der Ehacham, der gewöhnlich 'seine Studien in Jerusalem absolviert. Ebenso wird der Schochet in der Heiligen Stadt ausgebilder und ist schon init vierzehn Jahren berechtigt, den Beruf auszuüben. Für gewöhnlich foimnt ihm auch die Funktion des Lehrers zu. Tie bucharischen Juden repräsentieren den remen semitischen Typus. Sie sind von hohem Wuchs und kräftigenr Körperbau. Sie haben große, schwarze, lebhafte Augen, schwarzes Haar, dunkle Gesichtsfarbe mb eine typisch semitische Nase. Tie reine jüdische Rasse scheint sich hier unter den günstigen klimatischen Verhältnissen am besten erhalten zu haben. Der inrcharische Jude ist ein Städtebewohner und steht kulturell höher als der kaukasische Bergjude, der Ackerbau und Viehzucht betreibt. Voll außerordentlicher Schönheit sind die bucharischen Jüdinnen. Sie sind schlank gewachsen, schwächlich gebaut, haben schön ausgeprägte Formen, schwarzes, langes Haar, in zahlreiche dünne Zäpfchen geflochten, ein kohlschwarzes, großes, helleuchtendes Auge und einen feinen, rosig angehauchten Teinr. Tie Mädchen werden früh reis und heirateil schon im vierzehnteir Lebensjahre. Tie Sprache der bucharischen Intelligenz ist im Hanse und iin Geschäftsleben nur Hebräisch, ebenso die des Mittelstandes. Tie ärmeren Volksschichten sprechen den sogenannten pyarsischen Jargon, ein Gemisch von pharsischen, armenischen und türkischen Idiomen. Bis heute haben wir noch keine genaue Statistik über die bncharischen Juden, deren Zahl man auf 15 000 bis 20000 Familien schätzt, ebensowenig über die persischen, abghanischen, kaukasischen und kurdischen Juden. Letztere leben fast noch in einem wilden Instand und führen eine den Kurden ähnliche Lebensweise. Turch die hebräische Sprache kann man sich mit all diesen Juden sehr gut verständigen. In Turkeftan geben die bncharischen Juden eine Zeitung in hebräischer und kleine Flugschriften in pharsisckwr Sprache heraus. Im übrigen abonnieren sie alle großen hebräischen Zeitungen: In Teheran erscheint die hebräische Zeitung „Schaloni", welche van der Aliancc Jsraelite Universelle subventioniert >>vird. Auch besitzen sie einige Schulen vom bekannten Alliancesystem. Tie große jüdischnationale Bewegung ist auH an den bucharijchen Juden nicht spurlos vorübergegangen. Tie jüdische Moderne riß auch sie init. Ter zionistische Gedanke ist ihnen lheute nicht mehr fremd. iVele bucharische Juden- Mder werden 'sogar ins Jaffaer und Jerusalemer heblnische Gyinnasium geschickt. In Palästina haben chie ihre eigene Kolonie. In der Stadt Buchara haben Ji'.' in ihrem Stadtviertel die Gassen nach den Namen M'e bedeutendsten Kolonien bernrnnt. So gibt es -eine Rechlwoth-, Rischon--le-Zion, eine SichronJakob-Gassc. Tie bncharischen Juden bilde«: einen gesunden Menschenschlag. , Leider wurden sie von der Bolschewikenherrschaft Mt mitgenommen. Schon im Jahre 1918 wurde die Buchara von den aus Persien heim kehrenden Kokken in einen Trümmerhaufen verwandelt. In der ^tadt Kogand überfielen die Sarten das jüdische Viertel, verbrannten die Häuser und raubten dis ge sanitv Bevölkerung aus. Alle ihre Besitzungen wurden konfisziert. Einen Teil ihres Barvermvgens retteten sie über Abghanistan und hatten es in Indien deponiert. Heute befindet sich nur die ärmere Bevölkernngsschichte noch in Turkeftan. Die Wohlhabende«! wnnderten teils nach Indien, teils nach China aus. Jedenfalls aber warte«: alle bncharischen Jude«: ans die Stunde der Erlösung, auf die Rückkehr nach Erez Israel. linderecke. Kaddisch. Von Heinrich Einstädter. Nicht gern erzähle ich von unangenehmen oder gar traurigen Vorkommnissen. Das Leben teilt jedem auch davon genug zu, so daß man froh ist, wenn man sich nicht gezwungen sieht, seine Gedanken darauf zu richten. Aber manchmal ist es doch recht nützlich, wenn man auch solche Dinge betrachtet und aus ihnen Schlüsse und Lehren zieht. Da kam ich einst auf den Friedbof und traf in der Halle eine stattliche Trauerversammlung. Mehr denn hundert Herren in schwarzen Anzügen, mit glänzenden Cyltnderhüten und dunklen Lederhandschuhen hatten ihre vom tiefen Ernst dieser Stunde zeugenden Gesichter gegen Osten gewandt, und vor ihnen stand der Leidtragende, um seinem soeben zur Ruhe gebetteten teuren Mütterchen das Kaddisch nachzurufen. Er war nicht fromm, ach nein, sogar recht weit davon entfernt. Aber das Kaddisch zu sprechen, wollte er nicht unterlassen. Das war ihm so selbstverständlich wie so vielen anderen, die gleich ihm nur in Ausnahmefällen zur Synagoge gehen, aber nie versäumen, am Jahrzettstage zum Kaddisch anzutreten. Allein — er konnte nicht mehr hebräisch lesen. Wundert Ihr Euch darüber? Wenn Ihr dreißig Jahre lang kaum einmal ein Gebetbuch zur Hand nehmen würdet, ginge es Euch ebenso. Doch in der Stadt gehören derlei Fälle leider nicht mehr zu den Seltenheiten, und man hat ihnen Rechnung getragen, indem man eine Tafel mitdemKaddisch in lateinischerSchriftbedrucken ließ. Eine solche Tafel hielt auch Herr Feinmann in der Hand. Aber die ihm gänzlich unbekannten Worte, die sowohl nach dem Laut als nach der Bedeutung ihm so fremd waren wie etwa griechische oder indische, gingen ihm r cht schwer über die Lippen. Stotternd, und stolpernd mühte er sich mit ihnen ab, und ein Friedhofsbeamter mußte helfelnd etngreifen, damit er nur einigermaßen zurechtkam. Nicht einmal ein Gelehrter würde den Sinn dessen begriffen haben, was er sprach. Ich kenne Herrn Feinmann ganz gut. Er ist ein angesehener Kaufmann, ein feiner und gebildeter Mensch nach dem Urteile seiner vielen Bekannten. Seine Kleidung entspricht stets der Mode. Herr Frelmann würde niemals einen breitrandigen Hut tragen, wenn man jetzt schmalrandtge hätte. Er würde sich schämen. Seine Manieren entsprechen den Anforderungen der „besseren" Gesellschaft. Müßte er annehmen, daß an einer seiner Bewegungen, einerVerbeugung, einer Redewendung, einer Umgangsform das geringste auszusetzen wäre, er wü:de sich schämen. Seine Einrichtung ist tadellos. Antike Möbel, kostbare Teppiche, Gemälde von Meisterhand zieren seine Wohnung. Nicht der gewiegteste Kunstkenner darf die Achsel zuckm, weil er diesen oder jenen Gegenstand für minderwertig oder nicht ins'' Ganze passend erachtet. Herr Feinmann würde sich sonst schämen. Selbstverständlich ist er auch, was Politik und allgemein Wissenschaftliches betrifft, vollkommen auf dem Laufenden. Es darf ihm niemand nachsagen, daß er den Namen eines fremden Staatsmannes oder ein gebräuchliches Fremdwort falsch ausspricht. Er würde sich ja schämen. Glaubt Ihr, Herr Fetnmann hätte zur Beerdigung einen Anzug benutzt, an dem nur der geringste Makel gewesen wäre, einen Hut ohne den üblichen breiten Trauerflor, einen Wagen, dessen Bespannung nicht vollkommen schwarz gewesen? Er würde das als eine Verletzung seiner Ehre und noch mehr als Vernachlässigung der Pflicht gegen seine teure Verstorbene erachtet und sich dessen tief geschämt haben. Daß er aber öffentlich vor versammeltem Trauergefolge anstatt eines Gebetes, dummes, sinnloses Zeug gestottert hat, dessen hat er sich nicht geschämt. Denn gewiß war er schon dabei, als es anderen ebenso ging wie jetzt ihm und hat doch keine Lehre daraus gezogen. Das kommt vom gedankenlosen Nachahmen. Auf Aeußerlichkeiten wird geachtet, während der innere Gehalt verloren geht. Der Getreidehalm. Auf einem Acker stand unter vielen Kameraden ein Getreidehalm. Er war noch jung, war stolz auf dte hübschen, grünblauen Bänder, die ihn schmückten, und trug darum den Kopf ein bischen hoch. Oft lispelte er, gar wichtig tuend, mit seinen Gefährten und freute sich der blauen Kornblumen und der roten Klatschrosen, die in seiner Nähe leuchteten. Wenn er hungrig war, holten seine zahlreichen Würzelchen kräftigen Saft aus dem Boden, und durch dte gute Kost gedieh er und wuchs bald über seine Altersgenossen hinaus. Als es aber heißer wurde, da trocknete der Boden aus, und die Wurzeln konnten keine Säfte finden, so tief sie auch in die Erde eindrangen. Da litt unser Halm gar sehr, und flehend schaute er nach oben zu dem, der ihm das Leben geschenkt hatte. Und. der gute G«tt hatte Mitleid und sprach zu der Wolke: „Flieg rasch hin und gieße deinen Regen über die Felder aus." Da fielen zahllose Tropfen zur Erde. Sie drangen in den Boden, lösten dte Salze und füllten die gierig geöffneten Mäulchen der kleinen Wurzeln Bald war unser Halm wieder satt, und fröhlich schaute er sich ringsum, im weiten Kreise. Da sah er viele seiner Genossen, dte hatten schon Kinder in der Wiege und schaukelten sie lustig hin und her. Unser Freund wurde ganz ernst, und leise kam es von seinen Lippen: „Wie herrlich muß es sein, wenn man so liebe Kindlein an sein Herz drücken, wenn man sie warten und heranziehen kann! O, wenn ich doch auch so glücklich wäre!" Ganz weh wurde es ihm, weil er sich so nach Kindern sehnte. Tränen flössen über seine Wangen, und er hat nicht einmal dte Hand, um sie abzuwtschen. Doch der liebe Gott schickte den Wind. Der streichelte dem Halm dte Backen und flüsterte ihm ins Ohr: „Geduld, Geduld!" Der Betrübte hörte aus zu weinen. Der Wind schläferte ihn ein, und als er am Morgen erwachte, da lagen an seinem Herzen gleich vier Reihen prächtiger Kindlein. Die Freude, die Freude! Aber der Morgen war kalt und die Kleinen roren. Wieder schaute der Halm flehend zum Himmel empor und wiederum nicht vergebens. Der Allgütige sandte dte Sonne. Dte wärmte die zarten Ktndelein, und sie nahmen zu und wurden mit jedem Tage kräftiger und schwerer. Der Halm war inzwischen alter und vernünftiger geworden. Oester als bisher dachte er: „Woher kommt dies, woher jenes? Wer gibt mir die gute Speise, wenn ich hungrig bin, und wer löscht mir den Durst? Wer läßt meine Kinder so hübsch gedeihen? Wer schickt mir die vielen Freunde, die mein Herz so froh machen?" Und tief neigte der Halm sein Haupt vor dem guten Schöpfer und dankte ihm aus vollem Herzen. H. E.

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