Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 25 (23.6.1921)
- Date
- 1921-06-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feullleioil-Veilage zu Ar. 25 des „Israelit". Von Lordowa nach Lhafanen. Htstortfcher Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) XIV. Die Kunde vom Tode Rabbi Nathans brachte in Cordowa alles in Bewegung und ließ für Tage alles Andere zurücktreten. Der Nassi, Rabbi Moscheh ben Chanoch und die Aeltesten und Weisesten der Gemeinde umstanden voller Wehmut das Totenbett des Halbvergessenen. In gehobenen Worten sprach man von der reichen Gelehrsamkeit des großen Mannes, seiner segensvollen Tätigkeit in früheren Zeiten, vor allem aber von der Reinheit und Heiligkeit seiner letzten Lebensjahre. Die Jünger hielten, Bibelverse rezitierend, die Totenwache und nur die dem Toten geistig Nächststehenden durften, gemäß dem letzten Willen des Rabbi, die letzten heiligen Handlungen an dem Körper vornehmen. Man grüßte stumm den heimgekehrten Sohn, der in Begleitung zweier fremdartig ousschauender Gestalten an der Bahre stand, ohne daß Jemand in dieser Stunde um das Wie und Wann seiner Heimreise zu fragen gewagt hätte. Hadassa sah weinenden Auges vom Garten aus dem Trauerzuge nach. Auch Rabbi Nathan Ü. Wer sollte ihr noch ferner in ihres Herzens beistehen, zu wem wollte sie jetzt noch gehen, daß er das aus fernen ewigen Höhen hergeholte Wort wie Balsam in ihr verwundetes Herz streue? „Mutter!" schrie es in ihrem Innern. Sie war noch ein Kind, als sie die Mutter aus dem Hause hinaus getragen hatten. Aber so oft ihr seitdem der Too irgendwie in den Weg trat, sah sie jene Szene wieder und beweinte sie ihre Mutter von neuem. Was hatte er gesagt, wie sie letzhtn bet ihm war? „Es gibt kernen Haß und keinen Schmerz, der nicht irgendwie in das große Becken der Weltenliebe flösse! . . Auch der Tod? . . . Dicht hinter der Bahre schritten drei Männer, der Nassi auf der einen und Rabbi Mosche auf der anderen Seite. Und in der Mitte? Hadassa schrie auf. Unter Tausenden erkannte sie ihn, Jzchak, auch wenn er ihr das Gesicht abgewanot hielt. War Jzchak da, und keiner sagte es ihr? War er von des Vaters Tod herbeigeholt worden und keiner sprach davon? . . . Alles fließt in das große Becken der Liebe. Auch der Tod.- Erst als nach der Schließung des Grabhügels der Sohn das Kaddischgebet anstimmte, wurde die Gemeinde aufmerksam. Man fing an zu tuscheln. Die Jünger erzählten flüsternd, wie Jzchak Plötzlich in mittertiächtltcher Stunde an das Bett des sterbenden Vaters trat, andere wußten von seinen zwei sonderbaren Begleitern allerlei Wunderliches zu berichten. Und bald hatte man es heraus: Die dretMänner, die mit dem Schreiben des deutschen Kaisers Otto von Magdeburg aus, wo sie gefangengehalten waren, den Weg nach Cordowa nahmen, waren keine anderen als Jzchak ben Nathan und seine Begleiter, lebendige Zeugen aus dem Lande der Chasaren. Noch sieben volle Tage mußte sich die Gemeinde gedulden; in den sieven Tagen der Trauer, da Jzchak im alten Hause zu Boden saß, sprach r man von nichts anderem als vom großen Toten und seinen Verdiensten, oder sonst von Dingen des Todes und ewigen Lebens. Als sich aber Jzchak am siebenten Morgen vom Boden erhob, galt sein erster Gang dem Hause des Nassi Chasdai ben Schaprut. Der Garten war leer, als er durch die Alleen schritt. Einen verstohlenen Blick tat er nach der Laube, es war kein Ton zu hören, die Myrte an der Laubenwand rankte sich empor, grün und ungebrochen, wie er sie verlassen hatte . . . Chasdai hatte Jzchak schon erwartet und er empfing ihn mit all der Liebe und Herzlichkeit, die der Nassi für die jüdische Gesamtheit hatte und für Jeden, der Brudergruß von derselben brachte. Jzchak überreichte das Schreiben des Kaisers Otto, das sich auf das neue Bündnis zwischen Andalunen und Deutschland bezog. „Ist dies alles?" fragte der Nassi. „Nein!" Jzchak zog behutsam ein versiegeltes Schreiben aus der Tasche, die er an der Brust trug und legte es vor den Nassi auf den Tisch. Chasdais Gesicht erstrahlte. „Sehe ich recht? Ecn eigenhändiges Schreiben des Königs Joseph, mit seinem Siegel versehen? Warst du in Chasarien?" „Ja", sagte Jzchak einfach, „und dies die Frucht meiner dreijährigen mühevollenWanderung." Chasdai hörte noch die Worte kaum. Er hatte schon das Siegel erbrochen und las mit pochendem Herzen und glänzenden Augen. Man sah, wie seine Seele von der Lektüre des Briefes ganz in den Bann genommen war. Als er beendet hatte, umarmte er in Aufwallung heißer Gefühle Jzchak. „Gesegnet war dein Ausgang und gesegnet sei dein Kommen!" „Durch Nöte und Gefahren ohnegleichen, ging die Hinfahrt, durch Nöte und Gefahren der Heimweg. Nun sei es Gott gedankt, der mir bis hierher geholfen hat", erwiderte Jzchak. „Als uns der Byzantinerkaiser so schnöde hinter das Licht geführt, schicktest du uns seinen heuchlerischen Brief durch die slavonischen Gesandten, du aber gingst an die Grenze Ungarns. Wie ging es weiter? Erzähle Jzchak." „Es gab langes Harren und Bangen und Qual und Gefahr allerorts. Am unteren Kaukasus kam ich aber in einer Berggemei, de an, just als dort der Wanderbrief CordowaS öffentlich in der kleinen Synagoge verlesen wurde. Wie es mir ums Herz war, als ich da nach langer Wanderung die Heimatworte vernahm, vermag ich nicht zu schildern. Aber ich will mich kurz an die Tatsachen halten. Ich sah in d'esem Zusammentreffen einen Fingerzeig Gottes, nahm den Brief zu mir, trug ihn weiter durch Berg und Wald und fand überall jüdcsche Herzen wach und jüdische Hände offen, die mir halfen. Bis daß ich kurz vor demPcssachfeste mit dem Schre ben, anderthalb Jahre nach meiner Ausreise aus Konstanttnopel, in Chasarien anlangte und es mit eigener Hand dem jüdischen König der Chasaren, Joseph, überreichen konnte. Es wurde dort wie eine himmlische Botschaft gefeiert . . ." „Ueber das Leben unserer Brüder in Chasarien, den Hof des jüdischen Königs, seine Macht und Größe wirst du uns, Jzchak, im Lehrhause vor versammeltem Volke berichten. Doch sage, wie kamst tu wieder, wie war es auf dem langen Heimweg, wie kamst du nach Magdeburg?" „Nachdem ich ein.halber Jahr in Chasarien geweilt und mich in die Art und Sitten unserer dortigen Brüder ganz etngelebt hatte, machte ich mich mit dem königlichen Schreiben auf den Heimweg. Zwei Chasaren, mit Namen Obadja und Josua, treffliche junge Männer, vom Wunsche beseelt, ihre Brüder in der großen Welt kennen zu lernen, schlossen sich mir an. Die Reise ging, mit Empfehlungen des Chakan glatt von statten auf dem mir bereits bekannten Weg über Rußland, Bulgarien, Ungarn und Slavonten. Hier aber stießen wir auf die Heerestruppen Ottos, die als Sieger von Ungarn zurückkehrten und wurden gefangengenommen. Auf dem Marsche wie in der Festung trafen wir mit noch mehr Juden aus allen Ländern zusammen. Wir wurden nicht schlechter behandelt als alle anderen Gefangenen, aber es wurde uns von den Soldaten alles abgenommen. All mein Besitz, auch die Geschenke des Königs Joseph von Chasarien für den Nassi büßte ich ein. Allein das Schreiben des Chasarenkönigs trug ich allezeit wie ein Heiligtum an der Brust, hütete es wie mein Leben. Und eines Morgens hieß es ganz Plötzlich, die Juden seien aus 0er Festung zu entlassen und könnten sich frei den Weg nach der Heimat oder anderswohin wählen. Ich mit meinen beiden chasartschen Freunden erhielten freies Geleit bis zur italienischen Küste. Hier das Schreiben, und in meines Vaters Hause harren Obadja und Josua der Gnade, vor dem Nässt Zeugnis von unserem Erfolge abzulegen". „Das soll morgen im Lehrhause in Anwesenheit aller Gelehrten und vor allem Volke geschehen", beschloß der Nassi bewegten Herzens die erste Begrüßung. (Fortsetzung folgt.) Die bucharischen Juden. Einer Schilderung des Herrn Tr. Reiser in der „W. Mzt." entnehmen wir folgende Stelle: Interessant ist ein Spaziergang im JudenviertÄ von Lanrarkand. Tie Stadt selbst zerfällt in zwei Teile: die Neu- und Altstadt. Tie erstere ist kaum vierzig Jahre alt und zeigt ein ganz modernes Gepräge. Trotzdem verweilt der Fremde nicht gern itt der Neustadt, vielmehr zieht ihn der Zauber der Altstadt an. Schon von ferne begrüßen uns die gewaltigen Türme und Minaretts, die großen Königsschlösser und die prachtvollen Moscheen. Die Stadt ist jetzt wegen der hier herrschenden typhösen Malaria stark entvölkert, die Einwohnerzahl von 300 000 auf 93000 gesunken, von der Neustadt gelangen wir längs einer alten Zitadelle in die Altstadt. Kleine, enganeinandergereihte, niedrige Lehm- Häuschen mit flächen Dächern, ]ct)ma[e, schmutzige Straßen, die von kaum zwei Meter breiten Gassen durchquert werden. Im Sommer dagegen wird in einen, „Kiosk" Tee getrunken. Hier spielt sich auch das ganze öffentliche Leben ab, hier werden die merslen Eeschäsleavgeschtossen. Es isrvteeu'vpäische Börse Von, Registan, der alten Königsburg Tamerlans führt eine schmale Gasse ins Judenviertel. Tiefes ist von zahlreichen Längs- und Quergassen durchzogen und bqn einer Lehmmauer umgeben. Dabei darf mau nicht cm das mittelalterliche Ghetto denken. Tie Inden wohnen hiev freiwillig abgesondert viou den mohammedanischen Sarten. Längs der Straße fallen die großen Wasserreservoirs auf. Knaben und Mädchen tragen in abgezogenen Widder pellen oder in großen Karaffen Wasser in ihre Wohnungen. Ta kommt eine Karawane gezogen, hier ein schwer beladener Esel mit seinem Treiber, dort sprengen Reiter in vollem Galopp heran. In dieses Gewirr mischt sich das Knarren der riesigen zweirädrigen Lastwagen. Hier wird Baumwolle verladen, dort werden Südfrüchte in den Hof getragen — ein Einfahrtstor besitzen die Häuschen der bucharifchen Juden nicht. Bald tritt ein schwerbeladener Esel durch eine kleine Pforte auf die Straße, bald kündet uns der monotone Gesang der Treiber die Ankunft einer Maultierkarawane. Tie großen Geschäfte befinden sich außerhalb des Judenviertels, ebenso die Bankinstitute, welche auch mit Nichtjuden in geschäftlicher Verbindung stehen und es daher vorzirhen, an, großen Basar sich niederMlassen. Das Haus der bucharischeu Juden ist — wie überhaupt bei den meisten Orientalen — von der Straße durch eine hohe Lehmwand abgeschlossen. Durch ein kleines, niedriges Pförtchen gelangt man in den Hosrauin. Zur Straße hat das Haus gar keine Fenster. Auffallend ist das Fehlen jeglicher Möbel. Ter ganze Fußboden ist mit feinen Tekrinen- und Perserteppichen belegt. In dev Mitte befindet sich ein rundes, kaum 30 Zentimeter hohes Tischchen, das über einem ebenso großen runden Loch im Fußboden steht. In den Wintermonaten wird in diese Vertiefung Kohle hineingeschüttet und auf. diese Weise das ganze Zimmer geheizt. Diese Heizvorrichtung hat noch eine andere sehr wichtige Bedeutung. Ta man um Sabbat nicht kochen darf, so werden in diesen Ofen schon Freitag Speisen hineingetan, damit sie für den Sabbat warm seien. Die Mahlzeiten bestehen größtenteils ans orientalischen Gerichten. Palan — eine ans Hammel-