Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1921)
- Date
- 1921-06-09
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 38. welch ungeheuere Allsgabe für die Ortsgruppen und jedes ihrer Mitglieder! Die unmittelbare Anknüpfung an bie .^Qta^ strophe des Jahres 70, aber nicht nur in ihrer Erscheimrngssorm, sondern in ihrern tiefsten geschichtlicheir Gehalt, die Aktualisierung des geschichtlichen Bewußtseins der jüdischen Nation tu jedem einzelnen ihrer Glieder: das ist letzten Endes das Wesen des Agudismus. In diesem Sinne erheischt der Agudismus von seinen Bekenncrn - zunr mindesten irr Westeuropa eine völlige Umgestaltung ihres Innenlebens. Der Agudist hat die Lösung der Aufgabe des Agudisnms zunächst an sich selbst ztc beginnen. Die volle Verantwortung für die Fortdauer des Golns hat er persönlich zu übernehmen und bett Wert seines Lebens, den Wert jedes Tages seines Lebens danach zu bemessen, ob er sich und durch sich die Nation und das Land der Erlösung näher gebracht. Im. Frankfurter Programm ist die Tätigkeit der Ortsgruppen, tote sie sich aus der Idee des Agudismus unmittelbar ableiten läßt, unter Be- Berücksichtigung der Frankfurter Verhältnisse skizziert. Die Verwirklichung dieses Programms hängt davon ab, ob es — Menschen findet. „Unvergleichlich groß ist jener Tag. Eine Zeit der Not ist's für Jaakauw. ' Zu neuem Sein Soll Jaakauw durch sie erstehn." - — Nur die Idee des Agudismus, wie sie im bisherigen entwickelt, vermast den Zionismus wirklich zu überwinden; nur sie kann die Pseudonation, die der Zionismus in buntem Flitterstaat vor die Augen der Völker der Erde und vor die Augen unserer Brüder gestellt, durch die echte Nation verdrängen, die einst Gott geschmückt hat. Nur sie endlich vermag auch unserem Lande in. unserer Betätigung diejenige Stelle anweisen, die ihm wirklich zukommt. Der Agudismus verlangt nicht etwa — in törichter Nachahtnung des Zionismus — eine „palästinozentrische" Politik, er „interessiert" sich nicht etwa für Palästina, weil der Zionismus es nun einmal auch tut: Volk und Land stellt der Agudismus als völlig gleiche Faktoren einander gegenüber und will sie beide zu —- Gott bringen. Der Ruf des Agudismus ist der alte Wächterruf vom Berge Ephrajim: I „Ans! Nach Zion wollen nur:! Zn Gott, dem Setzer unseres Rechts!"! Dr. Isaac freuet* Frankfurt. Arbeit der weiblichen Zügen». (Referat, gehalten auf dem Rhein-Mal Gchen Bezirkstag am 29. Mai.*) So oft die Agudvh eine Tagung hatte, so oft wurde auch dieses Thema behandelt, und es ist wohl kaum möglich, hierüber noch etwas treues zu sagen. Wenn man trotzdem auch heute wieder dieses Thema ,aus die Tagesordtutng setzte, so geschah es wohl deshalb, weil gerade der jüoischen Erziehung der Mädchen eine so große Wichtigkeit beizunressen ist. Gehen tvir zu den ersten Anfängen unseres Volkes zurück und wir werden stets finden, daß gerade der jüdische Geist der Frau ausschlaggebend für die Entwicklung des Volkes war. Awrohom glaubte, daß Iischmoel, der von Gott verheißene Nachkoulure, der Vater des von ihm abstammeube.it Volkes sei, bis Gott ihn belehrte, daß es uicht genüge, daß der Vater selbst ein Awrohom sei, wenn die Mutter eine Hogor ist, daß eilt jüdisches Volk nur abstammen könne von einem Iitzchok, der nicht nur einen Awrohom zum Vater, der auch »eine So roh zur Mutter hatte. Wie dies auch tu Hallet ausgedrückt wird, ani awdecho ben amosecho, daß ich mich als Deinen Diener fühle, der sich in allen Lebenslagen in Deinen Dienst stellen will, das *) Ein Bericht über den Bezirkstag eräugt wegen Raummangn erst in nächster Nummer. T. Red. B l ä t t e xJ ). Juni l92i. ist nur dadurch möglich, weil ich ben amosecho, der Sohn Deiner Magd bin, das ist nur möglich, weil ich eine Mutter hatte, die sich selbst stets äls Deine Dienerin fühlte und ihr Kind in diesem Sinne erzog. Sagt doch Rab- Jauch an an ben Sakai von seinem Schüler Jehauschua den Chananjo, Aschrei Jauladcho, Heil der, die ihm geboren, drückt also damit an, daß die Größe des Sohnesj durch die Erziehung, durch 'das Beispiel der Mutter bewirkt wurde mtö wird ja selbst die Genloh aus Mizrojim dem S'chus Noschim Zadkoniaus, dem Verdienst der frommen Frauen, die auch in der furchtbaren Bedrückung Mizroims ihr Bitochon nicht verloren hatten, zugeschrieben. So ließen sich für die Bedeutung oer Frau im jüdischen Leben endlose Beispiele anführen, aber dies ist nicht die Aufgabe meines Referates. Wir wollen sehen, wie mir es auch heute versuchen können, unsere Mädchen so zu erziehen, daß auch ihr Hans ein mit jüdischem Geist gefülltes werde. Man trifft noch immer; Jehudim, und manchmal sind dies gerade unsere besten, die diesen neuen „Stuß", daß auch die Mädels lernen wollen, nicht begreifen. Unsere Mütter, oder wir heute, sagen wohl besser, unsere Großmütter haben auch nicht gelernt, und wir könnten schon glücklich sein, wenn wir alle solch gut jüdische Frauen werden, die es verstehen, ein Haus in so gut jüdischem Sinne tzu führen, wie sie es traten, tote sie es verstanden. Das ist unbedingt richtig. Dann wäre .also mein Referat hiermit beendigt und wir könnten nach Hanse gehen und gut jüdische Frauen werden. — Leider leben wir aber nicht mehr in der guten, alten Zeit. Leider sind heute die Verhältnisse andere, ganz andere. Damals war die ganze Atmosphäre des Hauses eine jüdische und nur durchaus jüdische, oas Mädchen kam doch mit anders Gesinnten kaum in Berührung und wenn es auch selbst nicht lernte, im Hause, da lernten der Vater, lernten die Brüder, da war die ganze Luft mit dem Gelernten, mit jüdischen Dingen angefüllt und das Mädchen atmete die Iüdischkeit mit der Luft ein. Heute lebt das Mädchen nicht mehr ausschließlich im Hanse, heute geht es erst mal meistens in die nichtjüdische Schlnle, ist einett großen Teil des Tages mit Nichtjuden zusammen, hört und sieht sehr viel, was mit 'dem Jüdischen nicht das Geringste zu tun. hat, studiert vielleicht, oder tritt sonst ins Berufsleben, wo sie auch häufig mit anders Gesinnten znsammenkommt. Es lernt die deutsche Literatur kennen, oftmals auch die anderer Länder, es mag vielleicht eine beituftfe, begeisterte Deutsche werden. Ob aber das jüdische Gefühl des Mädchens dadurch geweckt und gestärkt wird? Ich wage es mindestens sehr zu bezweifeln. Allein ans diesem Grunde schon, ist es unbedingt notwendig, daß heute das Mädchen auch ein gründlicheres , jüdisches Wissen bekommt, daß ,es auchunsere Schriften kennt, schon als Gegengewicht gegen die größere profane Bildung, Und wenn es für nötig erachtet wird, daß das Mädchen das kennt und weiß, was man draußen als Bildung betrachtet, dann ist es doch wohl für ein Wisches Mädchen eilte Notwendigkeit, daß es unsere Schriften, aus denen die anderen doch vielfach das Gute, das sie Haben, entnahmen, kennt. Und so komme ich Leun zu meinen praktischen Vorschlägett für die Arbeit in den Mädchengruppen. I ch halte mich da in der Hauptsache an die Besprechungen der Mädchentagung, die im Januar in Cöln stattfand und an das von der Thorakommission aufgestellte Lehrprogramm für Mädchengruppen, das auch den Verhandlungen der Mädchentagung zur Grundlage diente. Ein Lehrprogramm aufzustellen, also die Gebiete zu bezeichnen, die in jeder Gruppe behandelt werden müssen, dies ist wohl gut möglich, dagegen wäre es zwecklos, nun auch vorzuschreiben, wie das Programm ausgeführt werden soll, denn das richtet sich nach den lokalen Verhältnissen und das muß man jeder einzelnen Gruppe selbst überlassen. Aus diesem Grunde hat auch die Thorakommission ein Minimal- und ein Maximalprogramm aufgeftellt; eben ein Programm, das in jeder Gruppe verwirklicht werdm muß und kins für die Gruppen, die durch Reichtum ,an geeigneten Dozenten, durch gründlichere Vorbildung und reicheres Wissen der Mitglieder in der Lage sind, mehr zu leisten. Als ersten und wohl auch wichtigsten Punkt, troll auf ihn sich alles aufbaut, führt das Programm den Din im-Kurs an. Und dieser muß und kann auch in jeder Gruppe, mag sie unter noch so schwierigen Verhältnissen leiden, ab gehalten werden. Gruppen, bei denen es nur irgendwie möglich ist, sollten die Timm nach dem Kizzur Schulchon Oruch lernen. In Orten, wo es nicht möglich ist, nach dem Kizzur zu lernen, wo man vielleicht nicht mal einen Dozenten finden kann, der einen Dinim- Schiur geben kann, können sich die Mädels selbst helfen, indem sie sich an Hand deutsch geschriebener Bücher, z. B. dem Chaurew, vorbereiten und vielleicht immer abwechselnd eine der Teilnehmerinnen die Stunde leitet,, oder es findet sich vielleicht eine Hausfrau, die mit ihnen die Dinim, die im Haushalt vorhommen, vielleicht gar praktisch durchnimmt, die den Mädels zeigt, wie man Geflügel, Fleisch etc. koscher macht und was sonst alles Vorkommen mag. Dann schreibt das Minimalprogramm einen Tesiloh- Knrsns vor. Hiermit ist es nun eine eigene Sache, ein Tefilloh-Kursus kann sehr schön, er kann aber auch unbeschreiblich langweilig sein. Kleineren Gruppen, die keinen geeigneten Leiter eines Tefillohkursus finden können, würde ich empfehlen, wie eben vom Tinimkurs gesagt, die Sache selbst in die Hand zu nehmen, sich vorzubereiten und die Tefilloh übersetzten, möglichst an Hand von Hirschs Erklärungen, ich glaube sogar, daß hierbei mehr 'herauskommt, als wenn man die schönsten Vorträge Mer die Tefilloh mit .den herrlichsten Erklärungen hört, denn wenn man selbst vorübersetzen soll, wird man sich die Sache so gut ansehen müssen, daß sie auch wirklich fest sitzt, während all die schönen Erklärungen, ja selbst die Uebersetzung, wenn sich die ganze Tätigkeit der Teilnehmerinnen des Schiurs auf das Zuhören beschränkt, von einer beträchtlichen Anzahl der Mädels, sicher bald vergessen sind, und es ist sicher schon sehr viel gewonnen, wenn wir die Uebersetzung, den Jtw halt all unserer Gebete kennen, selbst ohne alle Erklärungen. Ueberhaupt halte ich Schiurim, bei denen die Mädels! nicht selbst Mitarbeiten müssen, für nicht sehr empfehlenswert. Gewiß werden in jeder Gruppe einige sein, die auch hiervon sehr viel mit nach Hanse nehmen, aber dies sind bestimmt immer nur einige. Das stete Zuhören ermüdet auf die Dauer und man wird leichter durch jede Kleinigkeit abgelenkt. Manche kommt vielleicht nur zum Schiur, weil sie dort ihre Freundinnen trifft und weils nun mal heute zum guten Ton gehört, sie kann dort auch ganz gut dazwischen plaudern, denn der Redestrom des Dozenten Plätschert ja doch ruhig weiter und sie selbst hat ja weiter keine sichtbare Aufgabe, als das Lokal zu füllen, man arbeitet dagegen selbst mit, übersetzen die Mädels selbst abwecheslndwerden hie Erklärungen in einer Art Diskussion gegeben, so haben die Mädels; die von vornherein etwas' aus dem Schiur mitnehmen wollen, viel mehr davon, sie wissen die Uebersetzung gut und wenn die Uebersetzung keine Schwierigkeit mehr bietet, haften auch die Erklärungen viel besser im Gedächtnis, und diejenigen, die .erst nur so mitgegangen sindsie werden bestimmt Freude am Lernen bekommen, während sie hei der anderen Methode ja nie fühlbar ausgenittelt würden. All das bisher Gesagte gilt auch für den dritten Punkt, den Danach Schiur-Kursus. Einer Gruppe, die nur einen Sidroh-Bortrag hat, würde ich unbedingt sagen, sie hat der Forderung des Lernprogramms nicht Genüge getan. Gewiß; ich gebe zu, das sagte ich ja auch vorher, wertlos ist ein Sidrohvortrag keinesfalls^ ß sind einige