Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 23 (9.6.1921)
- Date
- 1921-06-09
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2450138-2450160--68990-2526147- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
i^Seite 8. Nr. 3ä Her ^Sraelit Daß Verfasser von Sorah nlchr viel mehr als den Titel kennt, beweist der Umstand, daß er, der die Ordnungslositzkeit der Mischna tadelt, hier bei der Buntheit des Inhalts dazu die beste Gelegenheit gehabt hätte. Die Sotah 9 behandelte Sühnehandlung zeigt die tiefe Auffassung der Thora und des Talmuds über die Verantwortlichkeit der Behörden in Bezug auf die Sicherung der Menschen und ihres Lebens. Davon steht bei Fromer nichts. Nun sehe ich im „Organismus des Judentums" S. 248 nach, und da steht ganz richtig: „Das Sühneostfer für einen Mord, dessen Verüber unbekannt ist." Konnte Fromer nicht in seinem „Organismus" Nachsehen? Nach Besseres lese ick an gleicher Stelle in Taanit (S. 244)/ da heißt es zum Schluffe (vom vierten Abschnitte): Die drei nachbiblischen Hauptfasttage: 1. Der siebente Tammus (lies der siebzehnte!)/ der neunte Ab/ der fünfzehnte Ab. — Schon der siebente Tammus würde einem Laien kaum in die Feder kommen. Und der fünfzehnte Ab als Hauplfasttag ist eine echt Fromer'iche Entdeckung/ seit der Mischnazeit bis zum heutigen Tage ist er als Freudentag im Judentum begangen worden. Im „Organismus" werden an dieser Stelle die drei Tage einfach genannt, ohne als Fasttage bezeichnet zu werden. — Wenn nun Fromer in der Vorrede betont, daß er seit seinen früheren Schriften umgelernt hat, so scheint das nicht in günstigem Sinne geschehen zu sein. Umlernen heißt das sairv sa nesoirs in der Absicht, seine alten Fehler zu verbeffern, nicht sich neue anzugewöhnen. (Schluß folgt.) PH -1—« Ser wahre Sohn. Bon Dr. Felix Kanter in Zwittau (Mähren). Ein Gleichnis. Im fernen Morgenlande, so lautet eine alte Sage, lebte einst ein Mann', der über ungeheuere Schätze und Reichrümer verf gie und etn n ausgedehnten Handel auch in überseeischen Ländern betrieb. Er hatte nur einen Sohn, der, ausgestattet mit den besten Eigenschaften des Geistes und des Herzens, alle Sor. en und Lasten des unermeßlichen Besitzes mit dem Vaier teilte und ihm treu und hilfreich zur Seite stand. Als er eines Tages im Aufträge des Vaters eine weite Fahrt auf offener See unternahm, eihob sich ein heftiger Sturm, der das Schiff samt Insassen vernichtete. Es ging zwar die Sage, daß es manchem gelung, ihr Leben zu reiten, aber nieniand wußte mit Bestimmtheit wer gerettet wurde und wo sie sich blfinden. Der Schmerz dks Vaters über das ungewisse Schicksal seines einzigen Sohnes war grenzenlos und sein einziger Trost war — die Hoffnung. Erhoffte mit Bestimmtheit auf die Rückkehr seines Sohnes und erwartete tätlich und stündlich seine Ankunft. Und er hoffte vergebens. Als er sein Ende herannahen sab, lies» er fein Bild von Künstlerhand in Ueberlkbensgröße anser'/igen und rraf folgende letztwillige Verfügung: Sollte nach seinem Tode sich jemand als sein verschollener Sohn und einziger Erbe seines großen Besitzes melden, da n t ade er vo her folgenden unumstößlichen Beweis für die Wahrheit seiner Behauptung zu erbringen. Man gebe ihm eine Waffe in die Hand und stelle ihn vor sein Bild' Wer mit der Waffe d as Herz trifft, der ist der wahre Sohn und dem soll »ein ganzer Besitz gehören. Wer dieses Ziel vcrf.hie, ist unnachsichtig abzuweisen. Bald darauf starb er ohne Erben zu hinterlaffen. Aber schon in kürzester Zeit meldete sich einer als der zurückgekehrie verschollene Sohn des Versiorbenen und forderte deffen zurückgelassenes Vermögen als sein Eigentum. Den Anordnungen des Verstorbenen gemäß sollte er den geforderten Bewris erbringen und er erklärte sich dazu bereitwilligst. Mit der Waffe in der Hand zielte er lange, sorgfältig und bedächtig auf das Bst) des vermeintlichen Vaters und gab sich die erdenklichste Mühe, das Ziel nicht zu verfehlen, das Herz des Vaters zu treffen. Allein — vergebens. Der Schuß ging fehl und tras anstatt dos Herz, den Arm. Dieser war der wahre Sohn nicht. Kurze Zeit darauf kamen noch viele andere, die teils weinend und klagend, teils fordernd und verlangend Vorgaben, Anspruch auf das hinterlaffene Erbe zu haben. Jeder behauptete mit Bestimmtheir, der wahre Sohn zu sein und jeder beanspruchte für sich das väterliche Erbe. Und auch diese wurden auf die Probe gestellt und aufgefordeit, den Beweis mit der Waffe zu erbringen. Und auch sie gaben sich die größte Mühe: sie übten sich lange im Gebrauch der Waffen und zielten gut und scharf, aber ohne Erfolg. Das Herz trafen auch sie nicht. Auch unter ihnen befand sich der wahre Sohn nicht. Endlich kam wieder ein anderer, der vorgab, der wahre Sohn und Elbe zu sein. Er sah sehr arm und elend aus und behauptete, Tag und Stacht ohne Ruhe und Rast gewandert zu sein, um in die Arme des Vaters zu eilen, dessen Kummer er kannte und dessen Schmerz er fühlte. Und auch er sollte die Probe ablegen, den Beweis erbringen. Allein, kaum wurde er des Bildes ansichtig, als plötzlich mit ihm eine Veränderung verging. Eine fahle Bläffe überzog seine Wangen, seine Hände begannen heftig zu zittern, seine Knie wankten und er drohte umzusinken. Lange betrachtete er schweigend das Bild, dann, einem jähen Entschlüsse folgend, schleuderte er die Waffe im Bogen von sich und sprach mit vor Tränen erstickter Stimme: „Lieber soll Rot und Elend, Armut und Pein weiter mein Los fein, bevor ich es wage, auf das liebende Bmerherz zu zielen. Wenn ich auch den Vater selbst nicht treffen und verletzen kann, so ist das Zielen nach dem Va»erherzen so roh und verächtlich, daß ich lieber alle Leiden und Qualen der Armut freudig ertragen will, bevor ich die Hand erhebe, um das Bild des Vaters zu verunglimpfen und zu schänden. Dteser war nämlich der wahre Sohn. Wie oft wurde auf das Vaterherz gezielt, wie oft erhoben ruchlose Hände die vergifteten Waffen, um des Vaters Bild, die heilige Thora, zu treffen und sein Andenken zu schänden! Wurde doch während des ganzen finstern Mittelalters von denen, die da Vorgaben, die wahren Söhne des himmlischen Vaters zu sein, immer wieder versucht, Israel an seiner empfindlichsten Stelle zu treffen, seine Thora zu vernichten — alles scheinbar aus Liebe zum Vater, deffen treue Söhne sie sich nannten. Den Vater selbst konnten und wollten sie auch nicht treffen und verletzen, dafür aber dessen kostbares Biid, für das sie naturgemäß keine Liebe empfanden und auch nicht empfinden konnten, weil sie sich fälschlich als die wahren Söhne bezeichneten. Von falschen Söhnen konnten wir auch keine Rücksicht und Schonkrng erwarten. Nun aber erleben wtr dasselbe widrige Schauspiel in unserer eigenen Mitte. Abermals werden die Waffen auf das Bildnis des Vaters gerichtet und abermals wird sorgfältig und bedachtsam aezielt, um das Ziel sicher zu treffen, das Bild des Vaters im Herzen zu durchbohren.^ Die so verfahren, nennen sich mit Stolz die wahren Söhne und fordern gebieterisch das väterliche Erbe als ihr Eigentum. „Gott, seine heilige Thora und Israel bilden eine Einheit" — so lautet ein bekannter Ausspruch des Sohar. Gott ohne Thora ist ebenso undenkbar und unmöglich, wie Israel orne Thora, ohne Religion und Glauben. Wer den Vater wahrhaft liebt und ehrt, wi,d nie die Hand selbst gegen sein Bild erheben und sein Andenken in jeder Form und Gestalt in Ehren halten. ’iTSa wird Israel genannt, „mein erstgeborener Sohn" und cipob „die Kinder Gottes". Als solche haben wir auch Anspruch auf das väterliche Erbe, aber zugleich eine Verpflichtung: das Andenken des Vaters, fein xostbares Vermächtnis, in Ehren zu halten. Sollte aber das Erbe des Vaters nicht anders zu erreichen sein, als indem wir sein Bild zerstören und verunglimpfen, dann — dann wollen wir die Not und das Elend des Golus weiter geduldig ertragen und das Leben der Armut weiter fristen wie bisher. Als wahre Söhne können und dürfen wtr nicht anders handeln. Nücherbesprechuligen. “"lSD- Das BuchJecheSkel, übersetzt und , rliiurerr von Dr. Joseph Breuer. 412 S. Frankfurt a. M. 1921. Sänger u. Friedberg, Verlag. Broschiert. Preis geb. 47 Mk. Der Verfaffer läßt seinem rasch beliebt gewordenen Kommentar zu Jeremias nunmehr in gleicher Form Uebersetzung und Erläuterung des eigentlichen Golus-Propheten, I e ch e s ke l, folgen. Was das frühere Werk auSzeichnele: geschmackvolle, sprachreine Uebersttzung, einfache, leichtsatzUche und von einheitlichem Geiste getrogene Erläuterungen bildet auch den Vorzug des Jecheskel-Bandes. Der Geist dieses Kommentars ist derjenige Samson Raphael Hirsch's, deffen Worte, so oft sich nur eine entfernte Möglichkeit der Heranziehung bietet, als Zitate gebracht werden. Doch hat sich der Verfaffer offensichtlich in alle hebräischen Kommentare und die zur Erläuterung brauchbaren Midrasch- und Talmud-Partien gründlich verlieft, sodaß er aus dem Vollen schöpft, auch dort, wo eine gewollte Zuiückhaliung ihn zur Knappheit des Ausdrucks veranlaßt. Eine ausführliche Einleitung charakterisiert die geistige Besonderheit des Buches und greift insbesondere die Gedanken heraus, die dem Propheten des babylonischen Exils Aktualität für unsere Zeit verleihen. Das Buch ist eine kostbare Gabe für die jüdischen Häuser und sollte auch in der Hand der Lehrer nicht fehlen. Einer neuen Auflage möchtsn wir besseres Papier wünschen. * * * Theodor Herzls Lehrjahre(1860—1895),von Leon Kellner. Nach den handschriftlichen Quellen. 1920. R. Löwit Verlag, Wien und Berlin. Die schöne und aufschlußreiche Biographie, deren Wert durch viele Bftdbeigaben erhöht wird, umfaßt den Zeitraum von H»-rz!s Geburt 1860 biS zum Beginn - g. Juni 1821. seiner zionistischen Tätigkeit 1895. Sie berichtigt zunächst ungewollt einen weitverbreiteten Irrtum., Herzl war nicht ein Blatt, das der Wind von vornherein in die Fremde und Weite verweht hatte, sondern hat sich, entgegen dem Vorbild und den Gepflogenheiten feines Elternhauses, selbst aus freien Stücken willkürlich vom „Baum des Lebens" losgelöst. Sammelt und rundet man die verstreuten Bemerkungen über seinen Vater, so ergibt sich, daß dieser seiner Erziehung im Cheder stets treugeblieben ist und sie durch innerliche Beseelung, durch ein ttefwurzelndes unwankbar, s Gottver trauen noch bereichert hat. Herzl wurde nicht modisch „konfirmiert", sondern schlicht barmizwoh. genoß noch besonderen hebräischen Privatunterricht und wuchs also in einer Atmosphäre auf, die dem geistig hochentwickelten Jüvg'ing die beste Gelegenheit gegeben hätte, sich in der jüdischen Tradition fest zu verankern. Auch von der Seite der Frau, die er 1889 ehelichte, kann ihm kein Hemmnis im Wege gestanden haben, da deren Vater sich sogar ausschließlich dem „Lernen" widmete. Umso bedauerlicher und verwerflicher ist die sorglose Gleichgültigkeit und Unbekümmertheit um jüdische Dinge, der Herzl zu fröhne« beliebte. Mit den Jahren steigerten sich dieselben zur Abneigung, ein Tagebuchblatt des etwa 17 jährgen Gymnasiasten enthält nicht nur landläufige darwinisiifchaiheistische Pbrasen, sondern auch einen Satz direkter Lästerung. Was Wuunder, daß er auch aus seiner öffentlichen Wirksamkeit das religiöse Moment vollständig ausschaltete und feinen Nachsahren damit ein unheilvolles Beimächtnis htnterließ! Anfangs der 90er Jahre, mithin nicht weit von der Schwelle seiner zionistischen Führerschaft, prägt er die denkwürdigen Sätze, die trotz der kokett aufgeputzten Antithese vom Abendmahl und Mitiagsbrot als Maxime betrachtet werden dürfen: Nein, die Judenfrage, dtzren wir uns heute rühmen und erfreuen, hat mit Theologie und Gottesdienst nichts zu schaffen, Die Zeiten sind vorüber, damanfich wegen der Formen des Abendmahls die Köpfe blutig schlug. Heute handelt es sich nicht mehr um das Abendmahl, sondern um das Mitiagsbrot. Die Judensrage istwedereine nationale noch eine konfessionelle, steift eine soziale." Von zwei Sekten her fesselte und bewegte ihn die Judensrage: historisch, indem er in vertiefter Art zu begreifen suchie, was die Umwandlung der früher „stolzen und großartigen" Charafteie hervorgebracht hatte, seelisch, indem ihn ein heiß auswallendes, ja überwallendes Mitleid mit den Bedrückten erfaßte. Ob späte-hin noch andere Motive hinzuiraien und ob sich m seinen religiösen Anschauungen grundlegendeAenderungen vollzogen haben, könnte nur die Ve öffentitchung seiner 18 Tagebücher und des sehr reichen Briefwechsels dartun. Andere Erbteile seiner Eltern verwaltete er besser. Der Vater überantwortete Ihm einen restlosen, energischen und durch keine Widerwärtigkeit zu unterdrückenden Tätigkeitsdrang, die Mutter eine gewiffe Wahrheitsliebe und vollendete Weltformen. Beherrschtheit seines inneren Wesens teilten ihm allerdings diese Wellformen nicht mit. der junge Herzl erscheint im Gegenteil in den spärlichen Tagebuchblältern und Briefen, die das Buch enthält, als eine ziemlich unausgeglichene und zerrissene Natur. Vibrierende Sehnsucht nach der Bühne zittert viele Jahre nach ibm, selbst die wohlwollendsten und vernünftigsten Ratschläge erfahrener Thealerfachleute vermögen ihn nicht zur Selbsterkenntnis zu bringen. Und doch huldigt er andererseits bei aller Bitterkeit, die ihn auf dieser falschen Fährte seines großen Talentes erfaßt, keinem selbstherrlichen, auf sich pochenden Größenwahn, sondern hat immer ein leidenschaftliches Anlehungsbedürfnis. Mit seinen Bühnengestalten passiert ihm ein eigentümliches Mißgeschick, er war nur ein wirklich begnadeter Feuilletonist, kein so begnadeter Dichter, daß er rein aus der Tiefe seines Gemüts und seiner ahnenden Anschauung ewige Wahrheiten häite in erschütternden Gestalten verkörpern können. Angelesenes Anpehörres, Angeflogenes wollte er zu Seelen umschaffen, er projizierte Lesesrüchte in Menschen hinein. Zwei Eigenschaften sind aus diesen Umrißlinien seiner Persönlichkeit nach rühmend hervorzuheben: ein inniges und ehrfürchtiges Zärtlichieilsverhältnis zu seinen Ellern, das allerdings leider auf das rein menschliche Gebiet beschränkt blieb und sich nicht durch ein religiöses Leben nach dem Willen seiner Ellern in die Tat umsetzte, und eine tiefe, beharrliche Abneigung gegen die moral insanitv, gegen die seelische Fäulnis moderner unsittlicher Literatur. Zwei kleine Randbemerkungen noch zum Sch'uß. Kellner erhebt im Allgemeinen mit Recht den Anspruch, ein objektiver Historiker zu sein. Er überschreitet aber entschieden die Grenzen seiner Kompetenz und mischt ein durchaus subjektives Werturteil ein, wenn er den bereits erwähnten Gymnastostenergutz mit der Bemerkung kommentiert, Herzl habe später die letzten Reste geistlicher Bevormundung ungeduldig von sich abgeschütielt. Ferner ist es Blasphemie, Herzl in einem Atem mit dem Propheten Jirmjohu zu nennen und zu rühmen: „So empfing Herzl ohne sein Wisien, sicher gegen seinen Willen die Weihe zum Dienste für das jüdische Volk. Ganz wie bet den alttestameoiltchen Propheten „Wohin immer ich Dich senden werde, dahin wirst Du gehen, was immer ich Dir gebieten werde, das wirst Du reden." Verzeihung, Herr Profeffor, hier ist doch ein kleiner Unter schied. Zu den Propheten und aus den P.*-