Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 22 (2.6.1921)
- Date
- 1921-06-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preiserhöhung jeder;, vorbeh. Jnseratenannahme durch den Verlag des Israelit G. m. b. H., Frankfurta M., Gr. Eschenheimerstr. 23Tel. 5843, AmtHansa, sowie sämtl. Annoncen-Exped. des In- und Auslands. Platzvorschriften ohne Verbindlichkeit. Zahlungen außer direkt an den Verlag — Postscheckkonto Frankfurt a. M. Ro. 19 802 — erfolgen an: Postsparkasse Wie» No. 79 095 Postsparkassenamt Budapest No. 18 424 Postscheckamt Zürich ATv. Till 7254 Postscheckamt Amsterdam No. 84 869 Böhmische Unionbauk in Prag Itanca Mavmarosc.lt Blank & Co. in Bucarest Filiale des Wiener Bankvereins in Agram. Der Hachdruch der Rrflhel und Correfpondenjen des „Israeli!“ ist nur unter genauer Quellenangabe, und, soweit es lick um gröbere Duffäfce handelt, nur nach vorheriger Genehmigung gestattet. Inhaltsübersicht. 1. Leitartikel: Rettet! — 2. Homiletik: Dr.A.Neuwirth: Betrachtungen zum Sefirohgebvt. — A. Mannheimer: DieBölker und die Offenbarung. — .3. Wo chenrund sch au r Nationaldeutsche Juden. — Zur Ostjudenfrage. —4. Aufsätze: Israel Hildesheimer und S. N. Hirsch. — Lehreridealismus. — Der neue Gemeindebund und die Orthodoxie. — 5. KorrespondenzenundNach richten: München, Maßnahmen gegen die antisemitischen Ausschreitungen. — Allenstein. Wien, (Jüdische Welthilfskonferenz). — London, (Die arabische Anklageschrift). — London, (Ein Sieg der Duldsamkeit). — Jerusalem, (Das Einwanderungsverbot). — Jerusalem, (Weitere Einzelheiten über die Vorgänge in Palästina). — 6. Personalien. 7. Frankfurter Berichte. — Verein skalender. — Gebetzeiten. — Familtennachrichten. — 8. Feuilleton Beilage: Von Cordova nach Chasarien. Vom jüdischen Leben im Kriege. — 9. Kinderecke: Aus den Kindheitstagen eines Großen). — 10. Vermischtes. — Rettet! Die Hiobsbotschaften aus der Ukraine »lehren, wiederholen und überstürzen sich in einer Weise, daß die Gefahr einer Abstumpfung des Mitgefühls mehr als gegeben erscheint. Gegen diese Gefahr hat die jüdische Presse mit allen ihr gegebenen Mitteln zu kämpfen. Man überhöre nicht durch die vielen toten Worte und Zahlen und Daten den einen erschütternden aus hunderttausend jüdischen Kehlen dringenden Schrei: Rettet! Ist dies alles wahr? Entspricht es alles, was man da hört und liest, den Tatsachen? Nein. Die wirklichen Tatsachen sind so, daß man sie weder aussprechen noch niederschreiben kann. Um es zu schildern, was in der ukrainischen Hölle vorging und noch täglich vorgkht, fehlt uns ein Dante/ um die Katastrophe in gesprochene Worte zu fassen, fehlt uns ein Jtrmijahu. Was da berichtet, gezählt, geschildert wird, das ist nur ein ferner schwacher Widerklang von Menschenleiden, von denen sich ein in Kulturbahnen wandelnder Mensch gar kein Bild zu machen imstande ist. i Und zur Stunde, da wir über Einzelheiten erschauern, liegen diese Vorgänge schon Monate zurück, sind sie dort nur noch Erinnerungen, die durch neuere und schrecklichere Fälle schon wesentlich verblaßt sind. Keine Minute unseres Tages, an der nicht der Maffenchor des Jammers an unser Ohr dringt: Rettet! Warum hören wir ihn nicht? Warum gehen wir unserer täglichen Beschäftigung nach, warum leben wir unseren alten Gewohnheiten, als wäre nichts geschehen? Warum freuen wir uns des Friedens unserer Häuslichkeit, ohne die aus Lausend stürzenden Häusern sich uns stehend entgegenstreckenden Kinderhändchen zu sehen? Warum kommen wir zu Sitzungen, Verhandlungen und Beratungen zusammen und sprechen über Dinge, die uns, unsere näheren und weiteren Anliegen betreffen, als würde nicht aus tausend Kellern und Dachböden, aus hundert Landstraßen der Hilferuf zu uns dringen: Brüder, rettet, rettet! .... Was tun? Wohin mit dem Jammer? Nie war diese Frage so leicht zu beantworten, wie diesesmal. Es gibt kein „Wohin", nur noch ein „Heraus", heraus aus der Hölle Wenn das Hans in hellen Flammen steht, so wagt man auch den Sprung ins Dunkle und fragt nicht viel nach dem Wohin. Es kann nicht mehr schlimmer werden. . . Und wehe über die, die dabei stehrn und nicht zur Rettung mit Hand anlegen! Wohin? Rach Amerika, nach Australien, nach Kanada, nach Palästina oder sonstwohin, nur heraus, heraus aus den Flammen, wo jede Minute des Lebens hundertfache Todesnot ist. Und stauen sich vorerst die Massen da und dort, Bruderliebe muß ihnen „mit Brod und Wasser" auf halbem Wege entgegenkommen. Ziellose Wanderung? Panikartige Flucht? Katastrophe? Laßt ihr Sozialpolitiker und Statistiker euere Weisheiten, klugen Berechnungen und schönen Zusammenstellungen für eine andere Zeit. Nicht Zahlen dürfen reden, sondern lediglich das jüdische Herz, wenn dreihunderttausend Brüder nachdem deren ebensoviele elendiglich zugrunde gegangen sind, die Gräber ihrer Habe verlassen und sich durch Nacht und Not und Gefahr auf die Landstraße schleichen. Kommt ii-nen nicht mit! eueren weisen Ratschlägen und -/großzügigen Plä-! nen", sondern reicht ihnen Brod für die unfreiwillige Wartezeit und Geld für die Weiterreise und nehmet ihnen die Last der Versorgung von 600000 Waisenkindern ab, die sie mit sich führen oder daheim vor dem gezückten Schwerte des Hooligans gelassen haben. Es sind durchwegs tüchtige Menschen, durch Erfahrung gewitzigt, durch Leiden gestählt. Sie werden schon hie und da ihr Fortkommen finden, so wir sie nur vorerst aus den Flammen retten. Die Welt ist sehr arm geworden an Händen und Arbeitskräften.. Mit diesen notgejagten Menschen retten wir ein gewaltiges Kapital für uns und die Welt. Helfen wir ihnen wieder irgendwie in den Sattel, sie werden schon von selber retten. Noch nie ist dieses alte Btsmarckwort für eine bessere Sache gebraucht worden. Und dann die Kinder, die Kinder . . . Jüdische Eltern Deutschlands — denkt an euere Kinder. Wir laufen zum Arzte, wenn sich unser Kind den Fuß verstaucht, wir greifen nach dem Tehillimbuch, wenn es im Fieber liegt. Wie freuen wir uns, wenn wir in diesen Tagen eine neue Frucht den Lieben vorsetzen und sie anhalten, den „Schehechejonu-Segen" darüber zu sprechen . . . Dort verschmachten 600000 Kinder in ihren Kellerwohnungen — weil sie sich nicht auf die Straße wagen, um zu betteln, weil die Straße vom Mordbetl beherrscht ist, das ihnen den Vater, die Mutter genommen. Aus ihren halberloschenen Augen schaut der Jammer eines Erlebens, wie es kein Kind eines anderen Volkes je gekannt. Und sie gehen alle in Hunger und Elend zu Grunde, wenn wir nicht sofort helfen. Die jüdischen Kinder Deutschlands sollten zur Hilfeleistung für ihre unglücklichen Altersgenossen und Altersgenossinnen aufgerufen werden. Es giebt noch bei uns hunderttausende glückliche Kinder in kin der armen wohlhabenden Häusern, die sich nach Geschwistern und G spielen sehnen. Es sage ein solches Kind zu seinen Eltern, .'s möchte kein kostbares Rad zum Geburtstag oder zur Barmizwoh, es verzichte auf allen weiteren Tand und Luxus, auch auf kostbare Bände, die man nie liest, es habe keine Freude an größeren Spareinlagen auf seinen Namen, es möchte mit einem Brüderchen oder Schwesterchen aus der Ukraine beschenkt werden, dem es Liebe, so viele Liebe schenken wolle, als es nörir