Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 21 (26.5.1921)
- Date
- 1921-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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26. Mat 1921. Der Israelit. Nr. 21 Seite Kalifat an^den Ungläubigen und Feinden der Kirche anderer Länder haben", fragte er. Chasdai, auf solche Fragen eingestellt, antwortete richtig und gewandt: „Der Kalks Abdul Rhaman sieht seine ihm von Gott,^dem Lenker der Staaten, gestellte ,heilige Aufgabe darin, den Frieden unter seinen Landes- Undern zu erhalten und das Glück und Wohlergehen aller, ob Moslim, Christ oder Jude, zu fördern. Aber sein höchstes Ziel ist: Friede und Wohlfahrt allen Menschen auf dem Erdenrund. Darum schließt er Freundschaft mit allen Staaten, die ihm die Hand bieten, den Gedanken der Menschlichkeit aus dem Grunde der Mlkerfreundschaft noch weiter zu bringeu. Die Juden, Menschen wie wir, sind allenthalben die entrechtetsten und gedrücktesten, darum muß das Werk der Liebe an ihnen beginnen." (Fortsetzung folgt.) Eine Schreüenssahrt durch die Likraine. In dem in New-Nork erscheinenden „Hatbri" schildert Jzchak Spektor seine Reise aus der Ukraine nach Palästina. Aus den Schilderungen seien hier nur einige Schreckensbilder, die die Tragödie unserer Brüder in der Ukraine wiederspiegeln, wiedergegeben. Am 10. August 1919verließ ich Krementschung. um über Charkow nach Teodotzja zu gelangen. Ich war der einzige Jude im Eisenbahnwagen, der vollgefüllt war mit Bauern, die Lebensmittel ins bolschewistische Gebiet fuhreu und Soldaten. Bauern und Soldaten befanden sich in lebhafter Unterhaltung, die sich ausschließlich um die Juden drehte; was da nicht all für Schauermärchen erzählt wurden! Da geschah es mit einem Juden, der ein kleines Maschinengewehr in seinem langen Barte versteckte und damit russische Geistliche beschoß . . . Eine Jüdin hielt ein Geheimtelephon unter den Kleidern versteckt, mit welchem sie Signale an die Bolschewisten ergehen ließ . . . Dann wandte sich das Gespräch auf die Rache an den Juden und die anzuwendenden Ausrottungsmitteln. Ein Soldat rühmte sich, daß er in Gemeinschaft mit zwei Kameraden in einem kleinen Städtchen 50 Juden, Mann und Frau, Greis und Kind, getötet hätte. Ein anderer sagte von sich, daß er grundsätzlich keine Juden töte, sondern sie nur quäle und verstümmele. Freilich erreichte er selten sein Ziel, denn sie starben schon vor der Zeit. Dieses verdammte Judenpack ... I Ganz verwirrt machten mich diese Berichte, mein Herz krampfte sich zusammen wie unter einer glühenden Etsenzange und ich wurde von einem Weinkran,pf befallen, den ich mit aller Mühe nicht zurückhalren konnte. Im Wagen entstand eine Erregung. Viele Männer und Frauen umringten mich mitleidsvoll und ein Kosake reichte mir sogar ein Glas Wasser mir einem Stückchen Zucker. Keiner hielt mich für einen Juden. Frauen gaben der Meinung Ausdruck, daß ich wahrscheinlich einer von den Vielen sei, die von den jüdischen Kommunisten mißhandelt wurden. Ich verhüllte das Gesicht und betete in meinem Innern, wenigstens unversehrt nach Charkow zu gelangen. Meine Angst und Erregung sollte aber noch manche Steigerung erfahren. Der Zug hielt etwa sechs Stationen von Krementschung entfernt inKoweljak, da wurde ich von einem erschütternden Schrei aufgeschreckt. Am Perron stand eine jüdische Frau in mittleren Jahren mit zerschundenem Gesicht und blutenden Händen. Ihre Hilfeschreie in allen in der Ukraine üblichen Sprachen durchschnitten die Luft. Kosaken hatten sie mit ihren beiden Töchtern aus drm Zuge gezerrt, mißhandelt und die beiden Mädchen forlgeschlepvt. Ein großer Menschenauflauf entstand um die unglückliche Frau. Aber die Bauern und Soldaten beantworteten die Hilferufe mit Spott und Beschimpfung. Der Zug fuhr ab und ich konnte das weitere Schicksal der Frau nicht abwarten. Noch erschütternder war der Anblick, der sich mir in Poltawa bot. An der langen Mauer vor dem Wartesaal stand eine Reihe jüdischer Soldaten, Gefangene aus dem Lager der Bolschewisten, darunter drei Juden in Kaftan und Pejos und drei Frauen, die eine mit einem Kind auf dem Arm. Der Bahnkommandant befahl, den Zug halten und alle Reisenden aussteigen zu lassen, damit sie „mir eigenen Augen sehen, wie in der Ukraine jüdische Kommunisten bestraft werden". Nach wenigen Minuten trat eine Kompagnie mit drei Maschinengewehren an. Ein kurzes Kommando und die jüdischen Opfer sielen eines nach dem andern wie die reifen Aehren unter der Sense. Der „Schma Israel-Ruf" stieg zum Himmel hinauf und grub sich in unsere Seele so ein, daß wir ihn nie im Leben mehr vergessen werden. Gegen Abend kamen wir endlich in Charkow an. Ich war glücklich, wieder Juden zu sehen, die öffentlich die Straße passieren durften. Ich getraute jedoch nicht, nachts in die Stadt zu gehen und zog es vor, im Bahnhof bei einem Gefangenentransport zu übernachten. Mit 17 Chaluzim verließ ich dann am Morgen Charkow, um meinen Weg nach Teodotzja fortzusetzen. In unserer Gruppe befanden sich Männer im Alter von 18 bis 47 Jahren, zum größten Teil Palästina-Reisende, die sich für den Ackerbau in ihrer Heimat vorbereitet halten. Es befand sich darunter auch ein Kaufmann höheren Alters, namens Schneiersohn, der englischer Staatsangehöriger war und eine namhafte Geldstrmme mit sich führte. Absichtlich verteilten wir uns in verschiedene Wagen. Aber es nützte nichts. Auf der Station Sinlanikow hielt der Zug und sofort standen vor den Wagen kubanische Kosaken unter der Führung eines jungen Offiziers, die schrieen: „Heraus mit drn Juden aus allen Wagen"! Es ertönten Schüsse und einer von uns fiel sofort blutüberströmt zu Boden. Auch an den alten Schneiersohn traten sie heran und forderten ihn auf, aus dem Wagen zu steigen. Es nützte ihm nichts, daß er sich als englischer Untertan legitimierte. Schneiersohn, ein Mann von eminenter Kraft, setzte sich zur Wehr und stieß zwei Kosaken hinunter, obwohl er in der Hand nichis anderes hatte, als ein Gebetbuch. Nun hieß es, die Juden würden die Kosaken angreifen. Es kamen neue Kosaken und nach wenigen Minuten lag Schneiersohn buchstäblich in Stücke zerrlffen auf dem Perron. Wie wir hörten, entging aber der christliche Mitreisende, der Schneiersohn in die Hände der Kosaken ausgeliefert halle, seiner Strafe nicht. Er wurde, als er nachts aus die Plattform trat, von einem der Chaluzim bei voller Fahrt hinuntergeschleudert. Eine kurze Strecke vor der Station Alexandrowsk sollte sich auch das Schicksal an mir vollstrecken. Zusammen mit fünf Koll7gen wurde ich vom Wagen gestoßen. Wir konnten nicht einmal unser Gepäck mit hinunter nehmen. Außer den spärlichen Barschaften besaßen wir nichts. Nachdem wir uns ein wenig erholt hatten, tiüten wir den Weg, etwa 80 Kilometer, bis Alexandrowsk zu Fuß an. Wie erschüttert waren wir aber, als wir vor dem Wartesaal in Alexandrowsk auf drei verstümmelte Leichen stießen, in denen wir unsere Freunde ei kannten. Auch uns wäre es beinahe nicht brsstr gegangen, denn als wir den Zug besteigen wollten, stürzten sich Kosaken mit ihren Lanzen auf uns. Zwei meiner Freunde gerieten unter die Räder. Ich wurde dadurch gerettet, daß im letzten Momente, da sich die Mörder an mich heranmachen wollten, der Zug abfuhr. So kam ich allein, verwundet an Leib und Seele, nach einer wahren Höllenfahrt endlich in Teodoßja an. inderecke. Eine Mark. Von Heinrich Einstädter. ___ ___ * Glück und NnglückZwohnen oft nebeneinander und kennen sich nicht — manchmal so nah wie Jda Blatt und Karl Lahn. Die waren nämlich in dem gleichen Hofe zu Hause/ aber in den Großstädten sind in manchem Hofe vierzig Wohnungen und noch mehr, und die Leute gehen wie Fremde aneinander vorbei und beachten sich nicht. Jdas Vater war Buchhalter in einem Geschäfte und heute hrtte er von seinem Prinzipal eine schöne Aufbesserung erhalten. Munter war er heimgekommen und hatte freudig der Mutter die Nachricht direkt in die Küche gebracht. Für Jda war es schon eine große Freude, wenn sie ihre Eltern so vergnügt sah. Sie wußte, daß man mit dem Gelde sehr sparsam umgehen mußte, denn alles war ja sündhaft teuer. Aber heute erhielt sie — eine ganze Mark zur freien Verfügung. Sie mußte ja so oft zusehen, wie andere Kinder sich Spielsachen und Näschereien kauften, ohne daß sie ihnen gteichtun konnte. Diesmal sollte sie sich ebenfalls kaufen, was sie wollte. Vergnügt lief sie die Treppe hinab und bemerkte gar nicht, daß hinter ihr hier ein Maun mit einem kleinen Knaben kam, ein Mann mit so traurigen Augen, wie sie noch niemals gesehen hatte. Es war Lahn mit seinem Söhnchen. Die Frau war ihm kürzlich gestorben, und fast gleichzeitig hatte er seine Stellung verloren. Nun suchte er eine andere. Auch heute war er den ganzen Tag unterwegs gewesen und hatte in allen Geschäften vorgesprochen, die ihm in einem Vermittlungsbüro ausgeschrieben worden waren, aber vergeblich. Nirgends wollte man ihn nehmen. Seine Zuversicht war dahin. Völlige Mutlosigkeit befiel ihn. Was sollte er anfangen? Etwa nach dem fernen Stadteil gehen, woselbst ihm noch ein Geschäft namhaft gemacht worden war? Es würde ihm doch nichts Helsen. Man würde ihn gewiß ebenfalls abwetsen. z Darum ging er heim zu seinem kleinen Jungen, den er inzwischen in der Wohnung hatte einschließen müssen. Armer Bub! Er saß traurig in einer Ecke. Er hatte Langeweile und Hunger. Der Anblick seines zärtlich geliebten Knaben brachte den unglücklichen Vater in helle Verzweiflung. Sein Verstand umnachtete sich fast. Inzwischen schritt Jda vergnügt von einem Laden zum anderen. Sie betrachtete die Waren in den Schaufenstern und konnte sich nicht entschließen, was sie für ihr Vermögen erstehen sollte. Schließlich kam sie an den Fluß. Da erinnerte sie sich daran, daß außerhalb der Stadt ein kleiner Dampfer von einem Ufer zum anderen fuhr. Schon oft hatte sie sich gewünscht, wenn sie nur auch einmal mttfahren könnte. Heute war sie in der Lage, ihren Wunsch zu verwirklichen. Es ging gegen Abend. Schräg fielen die Strahlen des sich neigenden Tagesgesterns auf das Wasser und gossen die herrlichsten Farben darüber hin. Eine wohltuende Ruhe trat hier an die Stelle des Lärms in den verkehrsreichen Straßen der Stadt. Das feinsinnige Kind empfand die Schönheit der Natur, die sich mit dem Jubel in seinem Herzen mischte. Es klatschte vor Freude in die Hände, als sich der Dampfer nahte und Musik von seinem Verdeck ertönte. „Mit dem will ich fahren!" rief es laut. Da hörte es neben sich eine schüchterne Stimme: „Hast du denn Geld?" Es war der kleine Karl, der ganz verwundert so fragte und das Mädchen dabei aus seinen tiefliegenden, traurigeil Augen ansah. Sein Vater saß indessen auf einem Stein in der Nähe und stützte das Haupt mit beiden Armen. Jda wandte sich nach dem kleinen Frager um. „Gewiß Hab' ich Geld. Mein Vater hat mir heute eine Mark gegeben. Aber du, warum bist du denn so traurig?" „Wir haben so argen Hunger." Dabet zeigte Karl nach seinem Vater hin. Einen Augenblick schien Jda zu überlegen. Ihr Blick streifte das sich nahende Schiff und und den unglücklichen Mann. Dann drückte sie rasch ihren Geldschein dem Kinde in die Hand, und in der nächsten Minute war sie verschwunden. Schwerfällig erhob sich Lahn. Es währte einige Zeit, bis seine Gedanken, die sich mit den schrecklichsten Dingen befaßt hatten, weil ihm jedes Vertrauen zu der Menschheit abhanden gekommen war, die Tatsache fassen konnte, daß ein fremdes Mädchen auf das ersehnte Vergnügen verzichtet hatte, um seinen lieben Karl satt zu machen. Lange schaute er nach der Richtung, in der das gute Kind entschwunden war. Dann rang sich ein befreiender Seufzer aus seiner Brust. Bei dem nächsten Bäcker kaufte er ein Brot und ging sofort mit seinem Knaben nach dem Geschäfte, das ihm noch bezeichnet worden war. Und diesmal hatte er Glück. Schon am nächsten Tage konnte er seine neue Stelle antreten. Liebe junge Freunde! Das Schowuaus-Fest, dem wir uns nähern, erinnert uns an die Gesetzgebung am Sinai. In den Gebeten, die wir verrichten, waren häufig die 9 8 7 6 5, 4 3 2 1 erwähnt, deren Inhalt wir uns täglich einprägen. Wir stellen uns im Geiste vor, wie das ganze 4 8 6 Israel, 9 8 7 6 2, 4 2 6 5, 4 2 8 3 5 3, 9 8 3 5, um den Berg Sinai stand und sind stolz darauf, daß Gott zu unsrem Führer Mosche sprach: 9 4 5—8 7 8. Wie wunderbar hatte er für das Volk gesorgt! Durch das 9 8 führte er es und ließ ihm 9 3 1 vom Himmel und 9 8 9 nus dem Felsen kommen. Er baute gleichsam 4 2 9 2 3 um seine Kinder, um sie vor dem 18 3 ihrer 9 8 6 8 2 5 zu schützen. Und dennoch gab es Unzufriedene, die sich nach Aegypten zurücksehnten, dem Lande, worin es kein 4 8 6 gegeben hatte, in dem nicht ein 4 9 war, in dem man ihnen selbst das 7 8 4 verweigerte, das sie brauchten, um 9 8 7 61 herzustellen, aus denen sie 9 8 4 6 für ihre Zwtngherren bauen mußten. Wir aber wollen die Thora als das. herrlichste 2786 5, 4137 betrachten und uns mit ihr freuen aus ganzem 6 1. Beste Grüße sendet Euch Euer Onkel irr der Kiuderecke. —n