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Der Israelit · 1921-05-12 · Heft 19 (12.5.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 19 (12.5.1921)
Date
1921-05-12
Page
– (sequence 9)
Language
German
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IS. Mai 1921. ThorgstWllg. Bon Heinrich Einstädter. Der Frühling singt. Jedwedes Auge leuchtet. Eln Freuen zieht in Haus und Hütte ein. Es weckt den Mut zu neuem emsigem Schaffen, Es dehnt die Brust durch neugebornes Hoffen Und strömet Preis und Dank dem Schöpfer dein. Sieh doch, wie an die kahlen Zweig' und Aeste Sich reihen Blüten weiß und Blättchen grün, Wie aus dem dürren Gras sich saftge Büschel, Aus fahlem Laub sich reine Blumen heben, Wie sich belebt, was krank, was tot dir schien. So mög' auch bald ein Frühling sieghaft dringen In Israels Gemeinden groß und klein, Daß dort erblühe frisches, frohes Leben, Daß dort sich zeige reges, edles Streben, Die Kräfte all dem Dienst des Herrn zu weih'n I O möchten sich die Gotteshäuser füllen Mit GotteSkindern voll Begeisterung, Durchglüht vom Heilgen Feuer unsrer Thora, Erfüllt von Priestergeist und froher Hoffnung Auf Sieg des Tagesüber Dämmerung! Dann werden jauchzend wir entgegeneilen Dem lichten Frühlings- und Befreiungsfest. Wir werden singend Herz und Hand erheben Wir werden jubelnd fühlen md erleben, Daß Gott sein Volk aufs neu erstehen läßt. peffach in Sibirien. Von S- I. (Schluß.) In einer Sitzung unseres „Peffach-Komitees" wurden nunmehr die einzelnen Arbeiten verteilt: Zwei Kassierer,^ zwei zum Einkauf der Produkte in der Stadt und zum Hereinschaffen ins Lager. Das im Lager bestehende amerikanische Rote Kreuz-Komitee, in welchem auch ein jüdischer Delegierter saß, kam uns sehr entgegen durch Bereitstellen von Pferden und Fuhrwerken. Wieder andere batten die Einrichtung der Küche, Einrichtung des Speisezimmers, Verwaltung und Herausgabe der Produkte aus dem Magazin, Beaufsichtigung der Küche usw., ferner Einteilung der Küchenarbeiter; denn alle für die Küche notwendigen Arbeiten wie Holzherbeischaffen, Holzsägen mußten die Teilnehmer selbst aussühren und sich jeder Teilnehmer an der Pessachküche verpflichten, außer seinem Kostenbeitrag die auf ihn entfallenden Arbeiten zur heiligen Arbeit zu verrichten. Acht Tage vor Pessach erhielten wir auch einmal aus Tschita die Nachricht, daß die Gemeinde nicht imstande sei, uns Mazzos zu schicken. Große Aufregung. Was geht vor? Wir müssen dK Gründe der Gemeinde einsehen. Die Gemeinde buck in diesem Jahre überhaupt nicht, da sie sich vor dem Heranfahren und Verbacken großer Mengen Mehl im Gemeindehaus in jener pvgromschwangeren Zeit fürchtete. Die Tschitaer Bale battim mußten ihre Mazzos in ihren Häusern backen — die russischen Oefen sind gleichzeitig als Backöfen eingerichtet. Auch wir erhielten unser Mehlquantum und mußten uns unsere Mazzos im Gefangenenlager selbst backen. Aber wo? Noch hatten uns die russischen Behörden keinen Raum für Pessach zur Verfügung gestellt. Da suchten und fanden wir im weiteren Umkreis des Lagers eine seit langem leerstehende Baracke, in welcher ein größerer Raum a!S Speijesaal für 110 Mann geeignet war, während in einem Flügel der Baracke zwei Zimmer waren, in dem einen war ein großer Kochkessel eingebaut und im andern ein Backofen, alles wie vom ersten Schöpfungstage. Wir danken Gott, der uns soweit geholfen. Nun war alles gut. Der Backofen wurde ausgeglüht und in drei Tagen, Sonntag bis Dienstag — der Peffach war 1918 Donnerstag — wurden die vier Sack Mehl verbacken, alles ohne jede Maschine, nur mit unseren Händen. Alle 140 Teilnehmer, auch die Komiteemitglteder legten Hand an, mit Ablösung in drei Gruppen. Am Sonntag früh stand der vorher leere Raum in eine Mazzobäckerei verwandelt da. Die Baukommission stellte uns neue Bretter, die überdies glatt gehobelt als Tisch aufgeschlagen wurden, ferner das Faß mit Wasser, die Knetschüsse.', auf den Tischen die „Walgerhölzer", jeder steht an seinem Platze und Glasscherben zum Abkratzen der Tetgreste von Tisch und Holz daneben; arm neben reich, Feldwebel neben dem Gemeinen, deutscher, ungarischer und galizischer Jude nebeneinander. Berufsmäßige, sachverständige Kneter und Mazzoschießer waren da und nun gings loS: die Schwächeren machten leichtere Arbeiten, wie Mehl zumeffen, Wasser reichen, die meisten waren mit dem AuSwalzen des I Teiges beschäftigt, die „Meiere" (der Mazzeteig) wurde 1 Der Israelit. r entsprechend groß genommen und dann geteilt, jeder holte sich schnell sein Teigkümpchen oder eS wurde ihm gebracht, um es dünn auszuwalzen. Vor Beginn wurden allen die strengsten Verhaltungsmaßregeln gegeben, die Schomrtm achteten darauf, daß der Teig keinen Augenblick unbearbeitet und nicht am Tische kleben blieb oder auf die andere Seite umgelegt wurde und nahmen unerbittlich Verdächtiges, oder was gar auf den Boden gefallen war, fort. Zum Lochen der Mazzos hatte uns die Frau Rabbiner ein Näherinnenrädchen zur Verfügung gestellt, ein zweites wurde aus einem Kupferkopeken hergestellt. Dienstag Abend in später Nachtstunde war endlich die Arbeit getan und die Mazzos standen — vorher ausgebrochen — wohl zusammengepackt im Küchenraum und wurden dieselben während Peffach täglich portionenweise ausgetetlt. Der Tschitaer Raw ließ sich für die beiden Sederabende von unseren im Lager gebackenen Mazzos kommen. Am Rüstetage in der Frühe kamen, also auch in letzter Minute, von Tschita die Wagen mit dem Peffach. geschirr angefahren: Eßschüsseln, Löffeln, Meffer, Schöpflöffel usw., - der Kochkessel wurde gesäubert und gekaschert, indem durch Hineinwerfen eines zur Glut gebrachten Ziegelsteines das Wasser zum Uebersckäumen gebracht wurde, ebenso die an gekommenen Geschirre nochmals gekaschert und dann Chomez verbrannt. Erew Peffach mittags konnte schon in dem blinkend geputzten und eingehetzten Raum an den nochmals abgehobelten Tischen die erste peflachdige Mahlzeit auSgegeben werden, wobei allerdings auch einige Teilnehmer, offenbar große Kinder, die den Sinn des Frstes nicht verstanden — bereits Mazzos aßen. Abends fand in diesem Raum, in welchen man die Seferthora hinübergebracht hatte, der Abendgottesdienst statt und konnten wir aus vollem Herzen Gott danken, daß er uns das Fest der Mazzos gegeben, dafür, daß wir nun den Peffach richtig feiern könnten — da dringt aus dem Zimmer, in welchem der Backofen steht, dichter Qualm! Der Backofen war — ein Beispiel für russische Qualitätsarbeit — vom Bauunternehmer auf einer hölzernen Unterlage errichtet (Holz ist doch billiger als Backsteine) — ähnlich wie eS der König CyruS bei einer Tempelmauer hat machen lassen — und infolge des tagelangen Backens war die Hitze vom Backofenloch durch die Steine allmählich nach unten gedrungen und hatte die hölzernen Balken der Unterlage zur Entzündung gebracht. Zwei Ge» danken durchzucken uns: Der Dank dafür, daß wir wenigstens noch unsere Mazzos haben fertig backen können, bevor der Brand ausbrach und — der Schreck, die Pessachküche und unser schön eingerichtetes Peffach» heim gleich am ersten' Abend zu verlieren. Doch zum Glück wurde das Feuer, noch bevor es sich recht entfalten konnte, von der Lagerfeuerwehr gelöscht und mit einiger Verspätung konnten wir uns, eine Versammlung von 149 Mann zum Seder setzen und mit Recht auf das „Lachmo anjo" hindeuten, aber auch Gott danken, „der uns dieses Fest hat erleben laffen und so möge er uns auch gewähren, noch viele Feste in der Heimat feiern zu können." Ein großer Teil ißt schnell und begibt sich zur Ruhe, der Rest rückt zusammen, um noch zu erzählen vom Auszug aus Aegypten und von den Hoffnungen auf baldigen Auszug aus Sibirien; wie echt klang da das: „Nächstes Jahr in Jerusalem"! Man erzählte und träumte noch, allerdings nicht bis zur Morgenröte, sondern bis zur Polizeistunde und begab sich zur Ruhe in dem Gedanken, daß in eben diesem Augenblick infolge des Zeitunterschiedes durch die geographische Länge, die Lieben zu Hause sich zum — vielleicht infolge des Krieges auch kärglich gedeckten — Sedertische setzten. Die ganzen acht Tage verliefen harmonisch. Die Kost war genügend und gut. Die Natur fing an zu erwachen und lud zu Spaziergängen uach einem anS Lager grenzenden Walde ein. Täglich hatten zwei Mitglieder des Komitees die Aufficht in der Küche und bet der Verteilung der Mittag- und Abendmahlzeiten. An der Türe hing Sie Hausordnung: „Es ist bei Strafe des Ausschlusses untersagt, in diesen Raum Lhomez hereinzubringen. mit eigenen Geschirren zum Effen zu erscheinen oder beim Karioffclschälen und Fischschupper, eigene Meffer zu verwenden, ferner unbefugt die Küche zu betreten usw. usw." Bor jeder Mahlzeit wurden Geschirre und Besteck besonders herausgegeben. Der letzte Tag nachmittags versammelte nochmals alle Teilnehmer zur gemeinsamen Mahlzeit, wo in einer Schlußrede der Freude, daß eS mit Gottes Hilfe möglich war, unter so schwierigen Verhältnissen den Pessach richtig zu feiern und der Hoffnung auf baldige Erlösung, um alle Mizwot wieder halten zu können, Ausdruck verliehen wurde. Der Tschitaer Raw, der zu dieser Schlußfeier erscheinen wollte, aber verhindert war, sprach den Wunsch aus, daß wir in der Heimat vor weiteren Gefahren — es war 1918 — bewahrt bleiben mögen. Erst tm Mai ging der erste Transport von Tschita westwärts ab, ich war auch dabet, aber wir kamen nur 1900 Kilometer weit. Und es erstand ein neuer König in Sibirien, eine politische Umwälzung, eine neue Regierung in Sibirien hielt uns, die wir unter dem Schutz des Roten KreuzeS fuhren, auf, um uns aufs neue zwei Jahre in Transk zu internieren. In diesem Lager bestand noch kein Synagogenverein, kein Minjam, kein Lernen und es war erst nötig, all dieses von neuem zu gründen. Nr. 1» Settr'S. ^inderecke. Von pesach bis Schowuaus. Kon Heinrich Sinftädter. Wenn unsere Boreltern tm heiligen Lande das Pesachsest feierten, da war bereits unter der warmen Sonne des Südens di? Frucht des Feldes der Reife nah. Aus Gerstenkörnern wurde das Omer Opfer im Tempel gebracht, und damit wurde bekundet, daß die Feldfrucht eine Gabe Gottes ist, für die dem Höchsten Preis und Dank gebührt. Sieben Wochen später war schon die Ernte in vollem Gange. Die Straßen Jerusalems schmückten sich mit kostbaren Früchten. Dankbaren Herzens trugen die Männer in prächtigen Körben die herrlichsten Erstlinge zum Tempel hin, und die Priester heiligten Gott nicht mehr durch Darreichung kaum geernteter, rasch gemahlener Körner, sondern durch Opferung fertiger Brote, die aus der edelsten Grtreideart, dem Weizen, hergesteüt waren. Ganz so wie ehedem, als Israel aus Aegypten zog. — In Eile genoß es damals am Vorabend des fünfzehnten Ntsan das am Feuer gebratene Opferlamm, dessen Blut an den Pfosten und Schwellen erzählte: Hier wohnen Menschen, die sich von dem ägyptlschen Götzendienst loSgesagt haben. Am sechsten Siwan, da stellte sich das ganze Volk nach sorgfältiger Vorbereitung um den Sinai, und jeder brachte seinem Gotte sein Edelstes, ein Herz voll Liebe und Treue entgegen. Da sprach Israel einmütig: „Was Gott will, das wollen wir tun, und wir wollen hören." Und wie war eS hier in Deutschland vor einigen hundert Jahren? — Da fragten die Kinder am Sederabend wie jetzt auch : „Warum ist denn der heutige Abend so verschieden von anderen Abenden? Warum sollen wir heute kein Ehomez essen?" Und oer Vater erklärte jedem, je nach seiner A ffissunjSgabe, den Grund. Am Schowuaus dann füllte er u i!a m? fünfjähriges Söhnchen in s u Ta H u■.»*• reu** es in der Synagoge zur Tyora hi , da.? t erzürn ersten Male laut den lobe, rw Mn heilige- Gesetz und dadurch ewiges L 'en ..egeben hat. Nach dem Gottesdienst b cht. . i)en Knaben in die Schule, die e von ii ute besuchen sollte, um zu hören md zu lerr> , damit er später alles verstehe, was er als Ir tun und unterlassen muß. Der Lehrer sprach ihm einige hebräische Sätze vor: „Dis Thor« schrie uns Mosche) sie ist ein Erbe der Gemeinde Jakobs. Höre, mein Sohn, auf die Warnung deines Vaters, und veriu-, nie die Lehre deiner Mutter." Hebräische Buchstaben aus Zucker und Kuchenteig hergk stellt, wurden dem Kinde geschenkt, damit es einen Vorgeschmack von der Süßigkeit der Lehreerhalte. — Heutzutage ist diese Sitte außer Uebung gekommen. Doch auch jetzt noch keimen gute Kinder den Fortschritt, den sie durch das Zählen von Pesach bis Schowuaus andeuten, und den ie erstreben, indem sie willig handeln und hören, wie es Gottes Lehre von ihnen for ert. Die Tage reihen sich zu Wochen, die Wochen zu einem vollen Kreise, und mit ihnen werden auch;)te Menschen vollkommener, geschickt und jetreit, ein neues Opfer, ein Mincho chodoscho darzubringen.

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