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Der Israelit · 1921-05-12 · Heft 19 (12.5.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 19 (12.5.1921)
Date
1921-05-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Nun erzählt der Brief ausführlich, wie Jzchak mit kostbaren Geschenken nebst einem Huldigungsschreiben an den Kaiser von Byzanz cruszog, wie der Bote nach einem halben Jahre unverrichteter Sache zurückkehrte, mit einemBriefe des Byzantiner- Kaisers, die See sei zu stürmisch und der Weg durch das Festland zu gefährlich. Es wird der Kummer und die Erregung des Nassi geschildert ob dieses Wortbruches des Kaisers. . „Da schickte uns Gott in seiner Gnade mit einer Gesandtschaft aus Slawonien zwei von unseren Glaubensbrüdern, mit Namen Saul und Joseph. Die übernahmen es, diesen Brief mit nach ihrewLande zu nehmen und ihn von dort mit Hilfe der Glaubensbrüder allenthalben von einem Lande zum anderen zu leiten, bis er in die Hand meines Herrn und Königs in Chasarien gelangt ist. Möge der Schöpfer von Himmel und Eroe dieses Werk gelingen lassen.-" „Gott, der den Menschen aus Herz und Nieren prüft, weiß es, daß ich all' dieses nicht mir zu Ehren unternommen habe, sondern einzig aus dem Drange, die Wahrheit zu erforschen und zu erfahren, ob auch wirklich noch irgendwo auf Gottes Boden ein Rest Israels in Ruhe und Selbständigkeit lebt, ohne von Anderen beherrscht zu werden. Und wüßte ich gewiß, daß dem so fei, ich ließe Haus und Hof, Ehren und Axmter im Stiche und wanderte über Berg und Tal, durch Meer und Wüste, bis zum Ehrenfitze meines Königs, um seinen Glanz und! seine Größe und das Glück eines Restes von! Israel zu bewundern. Im Anblick seines j Glanzes würden sich meine Augen erhelle», j mein Inneres aufjauchzen und meine Lippen \ würden Lob künden dem Herrn, der sein Volk nicht verläßt.-" „Und nun, wenn es dem Herrn wohlgefällt und er seinen Diener gnädig ist, so möge er doch den Schreibern vor ihm aufj tragen, mich, seinen Diener einer Antwort j zu würdigen, in der alles nach Wahrheit! und Treue geschildert ist."! Es werden dann noch all die verschiedensten Vermutungen und Mären, die man sich in Spanien von der Entstehung und der Art der Chasaren erzählte, wiedergegeben, „um an den Herrn und König die Bitte zu wag?n", durch seine Schreiber kundzutun, von welcher Art Land, Stamm, Sprache und Regierung in Chasarien seien. Auch über Entfernung, geographische Lage, klimatische Ver- 8 hältnifse, die Landesgrenzen, Stärke des Heeres, z die Zahl und die Namen der Länder, die Chasarien? tributpflichtig sind, das Gerichtswesen, den | Gottesdienst und die Kriegführung werden Miiteil-! ungen erbeten. Ob untz wie im Kriege die ß Sabbatheiligung beachtet werde, wollten sie in S Spanien wissen. Ebenso die Namen der Könige, « die vorher in Chasarien regiert haben.! „Es liegt uns aber auch sehr am Herzen! zu erfahren, ob dort vielleicht mehr Anhaltss punkte für die Rechnung des Golus § und für das erhoffte Endziel der Erj lösung vorhanden sind. Wie sollte das s * jüdische Volk es in der Zerstreuung noch z länger ertragen können, indem ihm täglich? vorgehalten wird: „Jede andere Nation hat 8 ihr Heim, nur ihr seid fremd auf Gottes- » baüen 1" Umso inniger freuten wir uns, als wir von der jüdischen Heimat und vom jüdischen Staate in Chasarien hörten und von der Kraft und Größe unseres Herrn und Königs, auf die wir unsere Feinde verweisen könnten. Gäbe es Gott, daß die I Nachricht sich bewahrheitet, womit auch! unsere Kraft und unsere Größe wachsen! wird. Gelobt^ sei der Gott Israels, der ' uns einen Erlöser erstehen und nicht die letzte Spur von Größe aus den Stammen Israels verschwinden läßt. Es lebe unser Herr und König in ewigen Zeiten!-" Daß im Briefe nicht der Fragen noch mehr | enthalten sind, wird damit erklärt, daß „die Ehr-? furcht vor dem König uns Schweigen auferlegt." j Und muteten die Worte verworren an, so I bedenke der große König, daß sie van einem 8 Manne kämen, deffen Augen bis jetzt nur die IE Leiden der Zerstreuung, die Niedrigkeit des Golus gesehen hätten, die die Gedanken verwirren, und das Auge trüben. „Und so möge nun reicher Frieden meinem Herrn und König beschieden sein, wie seinen Nachkommen, seinem Hause und seinem Thron bis in Ewigkeit, und möge er lange jj Tage in seinem Reiche verharren, er l undseine Söhne in der Mitte Israels!" 8 Als man das Schreiben im Lehrhause ver-? las, wurde fast jedes Wort mit Jubel und r Beifall von den Versammelten begleitet. Der r Nassi wie Rabbi Moscheh ben Chanoch entboten 8 noch einmal den slavonischen Gesandten bei der Ueberreichung der kvstbaren Urkunde den Gruß und den Dan! der Gemeinde Cordowa. — Dunasch ben Labrat fehlte an diesem Abende im Lehrhause. VIII. Wochen und Monate waren verflossen, seitdem Slavoniens Gesandte das Schreiben in die Welt hinausgetragen hatten. Es sollte dieses Dokument ein neuer Prüfstein für die Einheit Israels in der Zerstreuung sein. Ein Gruß aus jüdischem Herzen, der auf den Schwingen j der jüdischen Liede alle Entfernungen über- | winden und den Zerstreuten zugleich sagen sollte,! daß die jüdische Zusammengehörigkeit immer noch Meere überbrücke und Welten und Länder verbinde. 1 Die Boten versprachen, den Brief nach! Ungarn bringen zu lassen, samt der Bitte, ihn von dort nach Bulgarien wejter zu geben, auf daß er von dort weiter nach Rußland und so weiter bis ans Ziel geleitet werde .... > Man durfte schon auf das Brudergefühl allenthalben vertrauen. Bon Jzchak ben Nathan hörte man nichts mehr, indes Woche auf Woche, Monat auf Monat vergingen. In Parke des Nassi fegten rauhere Winde durch die gelben Aeste, die Regenzeit kam und ging. Die Mhrtenblälter schimmerten in feuchtem Grün wie naßgeweinte Menschenaugen. Auch der Schimmer im Auge Hadaffas entging dem Vater nicht, und er gedachte seine Tochter, die von frühester Kindheit her in hohem Geistesfluge über die Dinge des Lebens hinauszuflattern pflegte, so bald wie möglich dem geruhigen Hafen eines eigenen Hauses zuzuführen. Des Landes beste Söhne aus Granada und Toledo hielten um ihre Hand an und schickten ihre Beauftragten mit Geschenken und Werbebriesen in das Haus des Fürsten. Selbst bis zum Gaonate in Babylon war der Ruf von deS Fürsten einziger Tochter gedrungen und mit eigenhändigem Schreiben fragte R. Gcherira, der Gaon von Pumpeditha, ob er, der Nassi Chasdai, bereit wäre, seine Tochter nach Babylon ziehen zu lassen. Es war offensichtlich, daß er dabei an keinen anderen dachte als an seinen eigenen. Sohn R. Hai, deffen Namen damals schon durch alle Lande ging und der in aller Augen als der künftige Gaon von Babylon galt. Dunasch ben Labrat wiederum bemühte sich für den Sohn des Fürsten Jechiel'aus Bagdad, der seinen Stammbaum bis auf Hillel und König Dawid zurückführte und der sich bereit erklärte, mit Hinblick auf den Verfall des Geisteslebens in Bagdad feinen Wohnsitz nach Cordowa zü verlegen. Da Chasdai keine männlichen Nachkommen hatte, so sah vielleicht das weitgerichtete Auge Dünas' den Fmstensohn aus seiner Heimat Bagdad schon auf dem Fürstensitze Cordowas als Schwiegersohn und Nachfolger Chasdais von königlichem Blu-:e. Zwischen Pumpeditha und Bagdad fiel Chasdai die Wahl schwer. Das Gaonat, die höchste Krone, die das Judentum zu vergeben hatte, war verlockend genug. Aber die Ehre ging um einen hohen Preis: um die Trennung von seinem geliebten einzigen Kinde. Zudem würde der Kalif Abdul Rhamann eine Verbindung mit Babylon eben so wenig gern wie mit Bagdad sehen. Was das Bagdader Fürstenhaus anlangte, so hatte man übrigens von den persönlichen Eigenschaften des Bewerbers bisher noch so wenig Kenntnis, daß Chasdai Vorsicht mehr als geboten schien. Durch all diese Erwägungen zog Hadaffa. einen Strich mit ihrem ablehnenden Verhalten. Allem gütigen Zureden des Vaters blieb ihr Ohr taub, ihr Mund stumm. Still, fast teilnahmslos hörte' sie all die schönen Worte über das erlauchte Gaonat oder über die Ehre, mit einem Sproß aus dawidischem Stamms vermählt zu sein. In der stillen myrtenumrankten Laube saug sie strll vor sich hin: „Zieh mich hin, , Daß ich dir nach eile-/ Und brächte der König in seine Gemächer mich, So bleibe ich froh und freudig nur dein.. Chasdais Sinne gehörten zu sehr seinem Kalifen, seinen Staatsgeschästen und seinem Volke, als daß er Zeit, Ohr und Auge gehabt hätte für die leisen seelischen Regungen seines Kindes. Darum stand er, wenn er ihr verändertes Wesen gewahrte, vor einem Liefen Rätsel, deffen Lösung er auf falschen Wegen suchte. Und es fehlte nicht in der Umgebung des Fürsten an Leuten, die Interesse hatten, ihn auf der falschen Fährte zu belassen und noch weiter zu führen. Eines Morgens lag ein von geheimer Hand mit verstellten Schriftzügen angefertigtes Schreiben auf seinem Arbeitstische, das nur wenige Zeilen enthielt: „Wenn der Fürst an seiner Tochter etwas merkt und sie vor weiterem schweren Unheil schützen will, so nehme er einen seiner Ratgeber, der sich in des Fürsten Gunst geschlichen, um sie gröblich zu mißbrauchen, mehr ins Auge. . . Er, der Ungetreue ist es, der die Seele seines Kindes vergiftet. Der Fürst mag sie selbst vor Sonnenuntergang an der Myrtenlaube im Garten belauschen-w * Der Nassi erbleichte. Mit zitternden Fingern zerknüllte er den Zettel und warf ihn in den Kamin. (Fortsetzung folgt.)

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