Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 18 (5.5.1921)
- Date
- 1921-05-05
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Von Cordowa nach Chasarien. Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Tine Stunde später waren alle Gelehrten und würdigen Männer Cordowas im Lehrhaus deS Rabbi Moscheh ben Chanoch versammelt. Auch die zwei slawonischen Gesandten, Saul und Joseph, waren unter den Versammelten. Der Nässt verlas das kaiserliche Schreiben von Byzanz. Romanus schrieb in verbindlichen Worten, daß er bereitwilligst dem Wunsche Chasdais zu willfahren gedachte und seinem trefflichen Boten Boten Jzchak, Sohn Nathans, den Weg nach Chasarten bahnen wollte. Doch wären die Umstände bis jetzt nicht günstig gewesen. Und nach einer halbjährigen Wartezeit mußte er wohl den Plan als gescheitert ansehen und Jzchak unverrichteter Sache wieder hetmkehren lasten. Der Weg nach Chasarien über den Kontinent führte über die Länder an der Küste des Schwarzen Meeres, in denen überall blutige Kriege wüten und die Grenzen gesperrt halten, und eine Seereise sei zur Zeit noch wett gefährlicher infolge von Stürmen und Seeräubern. Darum und aus noch vielen anderen Gründen ... Der Nässt las nicht weiter und warf in höchster Erregung das Schreiben auf den Tisch. „Eine Lift und ein^echt byzantinische" ereiferte sich Chasdai. „Romanus mißtraut Unserer Verbindung mit Chasarten, er wittert ein., andalusisches Unternehmen gegen seine Ziele und so hält er uns — listig wie er ist — hin, daß sich Unser Unternehmen langsam in dem Sand verlaufe. Der Begleitbrief Jzchaks bestätigt unsere Vermutung, wenn er sich auch, aus naheliegenden Gründen nicht so deutlich ausspricht." Menachem ben Saruk verlas das Schreiben Jzchaks. Er hätte, schrieb Jzchak, den kaiserlichen Brief selbst überbringen sollen, denn er wurde aus Gründen, die nicht schwer zu erraten sind, nach sechs Monaten des Hangens und Bangens heimbeordert. Aber er mochte nicht mit diesem Mißerfolg vor den Nässt und seine Gemeinde treten. So zog er es vor, das kaiserliche Schreiben mit der ersten Gelegenheit nach Cordowa geleiten zu lassen. Cr selbst wollte aber noch an der Völkergrenze ausharren, bis günstige Winde wehen... Er hatte ja gelobt und geschworen... Wenn das kaiserliche Schreiben Bestürzung und und Erbitterung erweckte, so lösten doch die schlichten, kurzen Worte Jzchaks allgemein ein Gefühl hoher Befriedigung aus. Hundert Hände streckten sich Rabbi Nathan entgegen, um ihn ob des tapferen Mutes seines Sohnes, seines einzigen Kindes, zu beglückwünschen. Alle stimmten der Meinung des Nässt bei über die Absichten und dunklen Pläne des Byzantiners. Was nun tunk Bevor noch eine andere Ansicht geäußert wurde, erbat sich der ältere der fremden Gesandten, Saul, dessen hohe Gestalt in slavonischer Landestracht alle überragte, das Wort. Er sprach ein klares Hebräisch, sodaß ihn trotz der abendländischen Aussprache jeder verstand. „Es sei mir, einem Fremden, der im Aufträge seines Königs und seines Landes hergekommen, gegeben, zunächst den Gruß der Glauvensdrüder Siaoontens der erlauchten Gemeinde Cordova, ihrem Nassi und ihren geistigen Führern zu überbringen. Was die Chasaren betrifft, so wußten wir auch in Slavomen von diesen neuen Brüdern, ohne daß wir etwas Bestimmtes feststellen konnten. Eload der Dantte war auch bet uns, aber seine Berichte klangen zu kraus und unglaublich. Allein ein anderer trefflicher Mann, namens R. Amram, weilte bet uns, der wiederholt bei dem jüdischen König der Ehasaren zur Tafel geladen war und er konnte nicht genug von der Pracht und der Frömmigkeit dieses Königshauses erzählen. Auch bet uns spricht man von den „zehn Stämmen" und von der bevorstehenden Erlösung Israels durch die Ehasaren, doch weiß keiner etwas Sicheres! . . . Wir in Slavonien wie auch in den fränkischen und germanischen Landen sind auch zu wenig an Zahl und Kraft und unser Leben ist zwischen -er Gunst und Ungunst der Fürsten zu unsicher, um die Verbindung mit Chasarten herzustellen. Diese Aufgabe fällt der Stadt und Mutter in Israel, Cordowa zu und dem jüdischen Fürsten Chasdai eben Schaprut, und wir sehen, wie warm hier das Herz für die Brüder in allen Fernen schlägt. Darf ich, der niedrigste und geringste unter den Tausenden Jehudas, einen Vorschlag wagen?" „Wir bitten unseren lieben Gast und Bruder Saul, uns seinen Rat hören zu lassen." Saul setzte seine Rede fort: „Der Fürst in Israel, auf den sich ein Abglanz des alten dawidischen Köntgstums Herabgelaffen, möge ein Huldtgungsschreiben an Chasarien s Kö-nig abfassen und mit eigner Hand und Fürstenwappen unterzeichnen. Wir in Slavonien wollen es übernehmen, das Schreiben weiter zu geleiten, zunächst nach Ungarn, mit der Bitte an die dortigen Brüder, es weiter nach Bulgarien zu bringen, damit es von dort durch all die russischen Lande immer weiter und weiter von jüdischer Hand zu jüdischer Hand wandere, bis es sein Ziel erreicht hat." Feierliche Ruhe herrschte, als Saul sprach und auch wie er geendet hatte, hielt noch eine Weile die Stille an. Aller Augen waren auf den Nassi gerichtet. Dieser sagte nun mit gehobener Stimme: „Gesegnet seid ihr, Boten des Herrn, die Er hergesandt, um uns auf den rechten Weg zu weisen." Und zu Menachen ben Saruk gewendet, fügte er noch hinzu: „Du, Menachem, wirst mir mit der ganzen dir gegeben Kraft der Sprache bei der Abfassung des Schreibens an den König Joseph von Chasarien beistehen. Wir gehen heute noch an die Arbeit." Nur Wenige beachteten es, wie sich bei diesen Worten ein Gesicht verfärbte. Dunasch ben La brat zitterte vor Erregung ob der seinem Rlvalen zugefallenen ehrenvollen Aufgabe, und sein Zorn richtete sich nicht gegen den Nassi, der ihn übergangen hatte, sondern gegen Menachem, dem er in seinem Innern in verletztem Dichterstolze Rache schwor. VII. Menachem ben Saruk, der die ihm widerfahrene Ehre wohl zu schätzen wußte, saß bis in d!e tiefste Nacht an Hand des Nassi, dann noch bis am Morgen an der Ausarbeitung des Entwurfes und am folgenden Tage konnte er seinem Fürsten ein fein säuberlich und kunstvoll angeferttgtcS Schreiben vorlegen, das das höchste Entzücke r des Nassi fand. Die Anrede an den König nahm etwa ein Fünftel des Schreibens ein, eine in Reim und Rhytmus woh-geordnete Huldigung an den mächtigen König, dessen Pracht und Macht an die einstige Glanzzeit Judas erinnere und in Israels Ueberreste, Hoffnung auf Wiedererrichtung des Thrones Dawids neu austeben laffe. Kunstvoll reihte sich. Satz an Satz, dnrchwirkt mit heißen Segenswünschen für Chasariens Heil und den Steg seiner reinen Waffen, und das glühende Sehnen nach Erlösung des gesamten Israels aus allen Nöten der Zeit, leuchtete aus jedem Worte. Dann folgten Sätze voller Demut und Hingabe, in denen sich Chasdai als der Führer der Juden in Cordowa und der „Zerstreuung in Spanien" einführte, der sich „aus weiter Ferne vor dem Throne des mächtigen, huldvollen Herrs cherS zur Erde beugt." -- Daran schloß sich in großen Zügen und saftiger Sprache, die stellenweise prophetischen Schwung annahm, eine Schilderung der Drang- und Mühsale, die über die jüdische Gemeinschaft seit Zerstörung des Reiches gegangen sind." „Als nun Gott unser Elend sah, da ließ er hinter den Pyrenäen einen Wandel eintretett, indem er mich, Chasdai eben Schaprut, der Geringsten einen, Gunst finden ließ in den Augen des Regenten des Landes, nicht um meiner Gerechtigkeit willen, sondern infolge seiner Gnade und seines Bundes mit dem Reste Israels". — „Es sei meinem Herrn und König kundgetan,, daß der Name des Landes, in dem wir in Frieden wohnen, Sefarad ist und in der Sprache der Jsmaeliten, der Herren des Landes, Andalusiender Name der Hauptstadt heißt Cordowa, in einem Umfange von 25000 Ellen in der Länge und 10000 Ellen in der Brette. Andalusien ist am linken Ufer des großen Meeres gelegen, das in Verbindung mit eueren Meeren steht." Nach genauer Schilderung der geographischen Lage und der kt mattschen Verhältnisse des Landes, sowie der herrlichen Eigenschaften des Kalif Abdul Ahram, der „seinesgleichen unter den Regenten Spaniens und der Welt nicht hat", heißt eS dann weiter: „Unser Land ist fruchtbar und reich an Quellen, an Getreide, Most und Oel, alle Kulturen gedeihen auf das Beste, besonders auch die Seidenwurmzucht. Alldem tiefen Schacht der Berge werden Silber und Gold und kostbare Erze geholt. Kaufleute aus allen Weltteilen und den Inseln aller Meere strömen hierher, um Waren gegen andere Kostbarkeiten einzutauschen. Der Reichtum des Staates hat eine früher nie gekannte Höhe erreicht. Unser Handel beträgt jährlich hunderttausende Gulden. Alle politischen, wie Handelsgeschäfte gehen durch meine Hand, Lob und Dank dafür dem Herrn, der mir gnädig war! Die Könige der Erde suchen die Freundschaft meines Herrn und huldigen ihm mit Geschenken. Sowohl der Kaiser des römischen Reiches, wie die Könige von Slawonien und Bulgarien, nicht minder auch der Kaiser von Byzanz. Alle ihre Huldigungen, Geschenke gehen durch meine Vermittlung, und ihre Friedensbündniffe werden von mir unterzeichnet. Lob und Dank dem Herrn, der mir all' diese Güte erwiesen hat, nicht um meiner Frömmigkeit wegen, sondern aus Liebe und Gnade zu seinem Volke!-" „Ich aber, der Knecht des Herrn, weiß, welche heilige Pflicht mir der Schöpfer mit diesen Vorrechten übertragen hat. So erkundige ich mich bei den Sendboten, mit denen ich verhandele, zu allernächst über die La ge unse cer Glaubensbrüder in aüenLändern, und ich ruhe und raste nicht eher, als bis ich, wo es nottut, Hilfe und Erleichterung verschafft habe.-" „So erfuhr ich auch durch die Sendboten östlicher Länder von dem Reiche der Juden unter dem Namen Chasarien. Ich traute meinen Ohren nicht' und glaubte, sie wollten sich mit solchen Vorspiegelungen nur in meine Gunst einschmeicheln. Da gelangten aber die Sendboten aus Konstantinopel hierher und sie bestätigten, daß in Wahrheit ein solches jüdisches Reich unter dem Namen Chasarien bestehe und daß die Entfernung zwischen diesem Lande und Konstantinopel auf dem Seewege bet guten Winden nur fünfzehn Tage betrage, während aus dem Festlande s? viele wilde und kriegerische