Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 43 (27.10.1921)
- Date
- 1921-10-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Teile 4. No. 42 27. Oktober 1931 In Ler Ausspruche kamen VrUnter der verschiedensten Berufe und Altersstufen zum Wort. Dr. Naumann, der Vorsitzende des Verbandes, berichtete über die Aufnahme, die dessen bisherige Arbeit in der politischen Oeffentlichkeit gefunden hat. Der Verband habe bereits mit maßgebenden Faktoren des öffentlichen Lebens Fühlung genommen und werde, unbeirrt durch Angriffe von jüdischer und von nichtjüdischer Seite, seine Arbeit fortsetzen. Srfiulbefreiung an Feiertagen in Hessen- Darmstadl, 11. Okt. Tum hiesigen orthodoxen Rabbinat ist es nach jahrzehntelangen Bemühungen endlich gelungen, eine Erweiterung der Ministerialverfügung vom 31. Oktober 1876 über die Befreiung der israelitischen Schüler an den Feiertagen dahin zu erwirken, daß nunmehr auch an den letzten beiden Peffachtagen, am Schmini Azeres und Simchas Thauro die Schüler dem Unterricht fernbleiben dürfen. Damit ist einer in allen gesetzestreuen Kreisen Hessens von jeher überaus schmerzlich empfundenen Notlage abgeholfen worden. Ungarn. Kontribution auf jüflifcfie öemeinUen in Ungarn. Wien, 8. Oft. (I. C. B.) Wie die „Wiener Morgenzeitung" aus Ungarn berichtete, erschien dieser Tage der berüchtigte Ofsizieröbandensührer Hejas beim Vorstand der jüdischen Gemeinde in Raab und erpreßte ihm unter schwersten Drohungen einen Betrag von 3 Millionen ungarischer Kronen als Kontribution der Raaber Juden für „patriotische Zwecke." Die jüöifcfien Beisein öer ungarifcfien Räferegierung- Budapest, 15. Oktober. In Budapest erschien vorige Woche ein historisch interessantes Buch über die Geiseln, welche die Regierung Bela Kuns aus der bürgerlichen Gesellschaft aushob und in Haft hielt. In dem Buche wird neben den Namen auch die Konfession der Verhafteten angegeben. Daraus kann die Zahl der jüdischen Geiseln während der Kommune festgestrtlt werden. Dieses Material ist auch deshalb lehrreich, weil es beweist, wie wenig stichhaltig die Behauptung des christlichnationalen Kurses gegen die Juden ist, daß der Kommunismus in Ungarn ausschließlich die christliche Bevölkerung verfolgt habe. Auf Grund dieser authentischen Darstellung kann festgestellt werden, daß unter den im Budapester Sammelgefängnis verhaftet gewesenen 386 Geiseln 54 Juden waren. Unter ihnen sind sechs, die während der Tauspanik aus dem Judentum ausgetreten sind. Auch in dem Gefängnis des Revo'lutionsgerichtes, in welchem die Beschuldigten einige Tage gehalten wurden, gab es mehrere Juden. Jn Besprim wurden zahlreiche Geiseln genommen, unter ihnen nenn Juden. In Satoraljaujhely befanden sich unter den 46 Geiseln 14 Juden. In Hatvan waren von dreizehn Verschleppten drei Juden. In Hodmezövaserhely wurden zwölf Geiseln ausgehoben, unter ihnen vier Juden. In Gyoma mußten zwölf Personen als Gegenrevolutionäre in den Kerker wandern, unter denen drei Juden waren. Dasselbe Verhältnis bestand in Gyöngyös. Von elf Geiseln waren drei Juden. Ebenso ging die Räteregierung in allen anderen Städten vor und aus dern Verzeichnis kann konstatiert werden, daß auch Bela Kun sich nicht an den Xuvaerrw clausus hielt und die Juden ohne Rücksicht auf das Zahlenverhältnis als Geiseln aushob und sie in den Kerker warf. Daß auch unter den Opfern Samuelys und seiner Henkersknechte sich verhältnismäßig zahlreiche Juden befinden, wurde bereits rachgewieseu. Der JSraeM. Noten. Kriegsroaifen aus Ongali?ien- Lemßerg, 14. Okt. Am letzten Montag schickte die Lemberger Agudas Jisroel-Zentrale 25 Kriegswaisen nach Wien, die aus verschiedenen Gegenden Oftgaliziens stammen. Es handelt sich um Kinder, deren Väter entweder im Kriege, oder als Pogromopfer gefallen sind. Die Lemberger wie die Krakauer Ägudavereine versorgten die Kinder mit Nahrung und Kleidern. Von Wien aus wurden die Waisenkinder nach einigen Tagen gutrr Verpflegung in dem von der Aguda in Baden errichteten Waisenhause untergebracht. 0er Sfreih öer öemeinöebeamfen- Warschau, 13. Okt. Der Streik der Gemeindebeamten dauert mit ungeschwächter Schärfe an, und es sieht noch nicht danach aus, als würde es zu einer Einigung kommen. Sehr ernstlich klingt die Erklärung der Fried Hofs beamten, für den Fall, daß die Gemeinde nicht nachgibt, auch ihrerseits aus Solidaritätsgründen in den Streik zu treten. Rußland- Die Bolfcheruifien gegen öie jüöifch-religiölen flnftaifen- Uiga, 15. Okt. In letzter Zeit gehen die Bolschewisten gegen alle jüdischen Anstalten vor. Kürzlich löste die Sowjet-Regierung alle jüdischen Gemeinden auf und übergab die Leitung der Gemeindeunternehmungen den lokalen Sowjets. Jetzt erließ das Kommissariat für Nnterrichtswesen, wie die „Voss. Ztg." berichtet, den Befehl, alle jüdischen Schulen zu schließen. Vermischtes. New 4)ork, 18. Okt. Prof. H. Deutsch in Eincinnmi ist gestorben. Deutsch, der aus Oesterreich stammt, war eiuer der radikalsten Reformer aus der Breslauer Schule und vertrat seine religiösen Ideale mit großer Entschiedenheit und reichem liteiari'chen Wissen. Ein eifriger Leser des „Israelit", reagierte er häufig auf die darin enthaltenen Aussätze, wie er denn überhaupt bis ins hohe Aller eine lebhafte journalistische Wilktamkeit entfaltete. Arankentvinheim (Unte.fr.), 26. Okt. Am 7. November feiert der in weiten Kreisen bekannte und hochgeachtete Lehrer H. Jos. Kissing er fein 50 jähriges Dienstjubiläum, wovon gewiß seine zahlreichen Freunde gerne Kennints nehmen. Berlin, 20. Okt. Am Dienstag, den 15. November, veranstaltet der Israelitische Fortbildungsverein „Mortestore" Berlin, im Kaisersaal des Zoologischen Gartens sein 67. Stiftungsfest. Es ist dem Verein gelungen, sich die Mitwirkung erster Kräfte zu sichern und wiid ein reichhaltiges Programm für gute Unterhaltung der Gäste Sorge tragen. Der Verein ladet hierzu alle Freunde und Gönner höflichst ein. Nonnenweier (bei Lahr). 10. Okt. In der letzten Zeit mehren sich die Sachbeschädigungen bei jüdischen Einwohnern. Dieser Tage wurde nun der jüdische Friedhof geschändet, indem zahlreiche Gr absteine um - geworfen, beschädigt oder vollständig zertrümmert wurden. Frankfurter Kerichte. Das jüdische Wealer im Löwenhof. Im „Löwenhof" er öffnete am Dienstag abend eine neue Londoner jüdische Schauspielertruppe ihren Winter spielplan mit einem Drama von Jakob Gordin, „Der Fremde". Wer da hinkam, um etwa Dialekttheater mit den üblichen Schnurren und Schwänken zu sehen, kam nicht aus seine Rechnung. Was hier geboten wurde, war wirklich Theater, Kunst im besten Sinne. Gegen die von Gordin zusammengebraute Fabel liehe sich zwar manches vom literarischen, künstlerischen und auch vom jüdischen Standpunkte aus, sagen. Aber es kommt hier — wie übrigens auch auf der modernen Bühne — weniger auf das Was, als aus das Wie des Spieles an. Einer schönen Frau braver, gutgesitteter, aber leicht erregbarer Manu, erschlägt im Affekt einen der ins Haus seiner Schwiegereltern eingedrungenen Plünderer und wird zur Zwangsarbeit nach Sibirien verschickt. Er läßt viele Jahre nichts von sich hören, man erfährt nur. daß es ihm gelungen sei, zu flüchten und über die chinesische Grenze zu kommen. Die arme „Aguna" (Verlassene), sitzt mit ihren zwei Kindern im Hause der Eltern und wird hier mit viel Liebe behandelt, nicht nur von der klugen, umsichtigen und aufopfernden Mutter und dem guten, wenn auch immer polternden Vater, sondern auch vonseiten des edlen Pin e, eines Vetters. Diese letztere Liebe ist, wenigstens auf seilen des Mannes, nicht ganz und rein geschwisterlicher Natur. Der Konflikt beginnt. Das jüdische Gesetz kann nicht die Hand dazu bieten, die alten unsichtbar gewordenen Rande zu lösen und die neuen seelischen, legal zu knüpfen. Es liegt auch dies nicht in der Absicht der Frau, die ihrem Manne Liebe und Treue auch in dessen Verbannung und Verschollenheit bewahren möchte. Aber der Vetter, der schon längst Vater den Kindern und Ernährer der ganzen Familie ist, drängt. So wandert die Fami ie nach Amerika aus. Eine neue Welt, neues Leben, neue Gesetze. Wir sehen das Paar im zweiten Akte verheiratet und wissen nicht wie. Am meisten frappiert, daß die frommen Eltern mit dabei sind und sich scheinbar mit der illegalen Ehe so leicht abgefunden haben. Im übrigen spielt sich aber ein Stück amerikanisch-jüdisches Leben in diesem zw iten Akt vor unseren Augen mit solcher Plastik ab, daß man ganz im Banne der Geschehnisse ist, besonders da mitten ins neue Familienglück schattenhaft und hohlwangig das Gespenst des Unheils in der Gestalt des ersten, von keinem mehr gekannten Gatten hinetnkeucht. Auseinanderprall von Gefühlen, Worten und Situationen bis zum Entsetzen. Ein wenig Anzengruber, ein wenig Ibsen und mancherlei vvn Tolstois „lebendem Leichnam" . . . In einem an sich gänzlich überflüssigen dritten Akte bringt ein Herzschlag des eigenen „Fremden" nach einer sehr theatralischen Versöhnungsszene die nötige Lösung und Erlösung für alle Teile. Wir wollen nicht aus Einzelheiten eingehen, gesagt sei nur, daß uns keine Lektüre bis jetzt soviel über der, jüdischen Emigrantenamerikantsmus zu sagen vermochte, wie dieses einstündige Vühnenleben des zweiten Aktes. Der alte Griesgram, der alles Amerikanische am Maßstabe der kleinen, lieben Heimat mißt und polternd, verwirft, der junge Enkel ein Produkt der amerikanischen Schule, (die Herren Pinko rnik und Bergmann), kehrten den Gegensatz zwischen Jung und Alt in Amerika mit köstlichem Humor plastisch hervor. Und der „Fremde" des Herrn Epstein war von Anfang bis zum letzten „Herzschlag" eine Leistung wie sie einer modernen Bühne höchsten Niveaus zur Ehre gereichen würde. Nicht unerwähnt darf die , Sure Henje" des Frl. Weiner bleiben. Es war viel Schönes, Echtes und jüdisch Herzerquickendes in der Art, wie sie ihre Aufgabe löste und das Ganze wie mit einem Goldfaden milder Liebe zusammenhielt. Alle anderen Mitwirkenden standen auf gleicher Höhe. Das volle Haus spendete den Darstellern reichen Beifall. Der deutsche Staat und die deutschen Inden. Auf Veranlassung des Zentralverbandes deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens erörterte Dr. Paul Nathan, Berlin, in einer stark besuchten Versammlung im Volksbildungsheim „Das Verhältnis der deutschen Juden zum deutschen Staat". Mit dex Zurückweisung des Antisemitismus erfüllen wir, so sagte der Redner, nicht nur eine Pflicht g gen uns Juden selbst, sondern auch gegen das Deut'che Reich, da jede innere Zerreißung der Bevölkerung das Reich selbst in Gefahr bringt. Jeder politische Fortschritt in Preußen und im Deutschen Reich war von einer reaktionären Hetze gegen die Juden beg'eitet Das war bei der Opposition der preußischen Junker gegen dieStein-Hardenbergsche Gesetzgebung ebenso der Fall wie 1818 und beim Aufschwung des Deutschen Reiches nach dem Kriege gegen Frankreich, als die antisemitische Bewegung der Stöcker, Ahlwardt und Genossen entstand. Jetzt wiederholt sich das gleiche Schauspiel in der von dem deutschnationalen Abgeordneten Hergt freudig begrüßten neuerlichen antisemitischen Welle. Von den deutschen Parteien ist die Deuischnaiivnale Volkspartei ausgesprochen antisemitisch, während die Deutsche Völkspartei zum Teil den Antisemitismus fördert, zum Teil ihn ablehnt. Das Zentrum dagegen hat in seiner Gesamtheit sich stets gegen den Antisemitismus erklärt, wenn sich auch Antisemiten in seinen Reihen befinden. Als die stärkste Schmähung für das deutsche Volk von 60 Millionen Menschen muß man es ansehen, wenn die Antisemiten behaupten, daß cs sich von den 600 000 in Deutschland wohnenden Juden beherrschen lasse. Der Redner wandte sich sodann gegen die Bestrebungen der von Dr. Naumann ins Leben gerufenen sogenannten deutschnationalen Judenbewegung. Dadurch werde man den Antisemitismus nicht beseitigen. Das deutsche Judentum aber will nicht zu dem System des Schutzjudentums zurückkehren, sondern in der Eigetlschaft des freien Staatsbürgertnms an der Größe und am Aufblühen Deutschlands Mitarbeiten. Wittterptan des Wekor Gyazim. Der Winierlehrplan des „Mekor Chajtm" tritt mit diesem Sabbat hwd 's voll in Kraft. Am Sabbat mittag findet jetzt anstelle des Tesillohkurses s'x» Vortrag statt, und zwar um 4 Uhr, dem sich um fl- 5 Uhr „Mincho" anschließt. An diesem Sonntag um 6 Uhr, nimmt Herr Rabbiner Dr. Jos. Breuer seine Jecheskel-Vorträge wieder aus.