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Der Israelit · 1921-04-24 · Heft 16-17 (24.4.1921) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 16-17 (24.4.1921)
Date
1921-04-24
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Von Lorbowa nach Ehasan'en. Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) Hadassa beschleunigte nervös ihre Fingerbewegungen. Es war zu merken, daß ihr ein Gedanke, ein Wort in der Kehle würgte und sie nur nach einem Uebergang zu ihm aus dem gelehrten Gespräche suchte. Da sie diesen Uebergang nicht fand, sprudelte sie in ihrer ursprünglichen Art unvermittelt heraus: „Menachem den Saruk, ihr wißt ja alles und kommt auch eben vom Vater. So saget mir: Warum mußte Rabbi Nathans Sohn, Jzchak von dannen gehen? Wohin ging er? Was läßt er von sich hören? Wann kommt er wieder? . . ." „Das sind der Fragen zu viel auf einmal und jedenfalls mehr als ich oder sonst jemand beantworten kann. Im Hohenliede ist das kürzer und schöner gefragt: „Wo ging er hin, dein Lieber, Du der Frauen schönste) , Wo wandte sich dein Lieber hin? Wir suchen ihn mit dir! . . ." „Doch", brach Menachem ab, „Hadassa wird ernst und will Worte, nicht Lieder hören . . . Mv/"Hadassa: -MW -MthcyH -.Gyhw« Mg 4- . .-weil keMoBessorer und Tapfererer?für.diesen Gang zu finden war. Er gingnach- Konst an tin opel, von wo er mit Empfehlungsschreiben des Kaisers Romanus sich weiter zu den Brüdern nach Chasarien begebrn soll. Man hörte bis jetzt nichts von ihm. Und damit muß die Frage, wann er wiederkommt, fürs erste unbeantwortet bleiben." „Menachem ben Saruk", sagte das Mädchen mit einem Ernste, den der Gelrhrie an dem Mädchen nie gekannt und der ihn darum geradezu erschreckte, „Menachem ben Saruk, ihr seid mein Lehrer, den ich wohl mehr wie einnral geärgert, aber doch immer innerlich verehrt habe. Ich bin halt nicht für Grammatik geschaffen, so wenig wie ihr von der Amsel da oben verlangen könnt, daß sie nach Zeichen und Gesetzen der Tonkunst ihr Lied zirpe. Und da Hab ich oft mit Lachen und leichtfertiger Rede euer Herz gekränkt. In meiner Seele ist etwas, was über Wortbau und Satzstelluna weit, wett' htnausstrebt . . . Das machte dem Lehrer, dem die Aufgabe zufiel, seine Schülerin in die Gesetze der Sprache einzuführen, die Arbeit sauer. „Hadassa" wollte der Menachem unterbrechen, aber das Mädchen ließ sich nicht stören: „Wenn ihr einen Vers in Jesajas so wundervoll zerlegtet nach Satz, Stamm und Bau, sah ich derweil den Propheten, die wollend-n Haarsträhnen auf den geraden Nocken, strickuMkürtet mit flammenden Augen, drohenden Händen in den Straßen Jerusalems, viel Volt um ihn herum, indes die Reichen und Vornehmen sich rasch in ihre tiefsten Gemächer verziehen. Der Propheten Donnerst!« me dringt aber auch dorthin: „Höret ihr Himmel und vernehme Erde, Gottes Mund spricht. . Wie ist zur Buhlerin geworden die Stadt der Treue! . . ." Ihr erklärt mir, wie eine Wendung in Jirm eia s deutlich eine Entlehnung aus Pentateuch darsrellt. Und ich? Ich sehe den Propheten in Sack und Asche auf den Trümmern der heiligen Stätte sitzen, den Kopf schwer in die Hände gestützt und ich wein» mit ihm, ohne Grammatik zu Ar. 16 u. 17 des „Israelit // und Satzbau . . . Diese schwere eigene Konstruktion in den Psalmen, welch neue ungeahnte Anwendungsmöglichkeit dieses oder jenes Wortes, welche neue Maßstäbe für Satzgruppierungen. Was kümmert mich aber Wortbildung und Satzgruppierung? Ich höre nur Töne . . . Ich sehe den Hirten mit der Harfe, den König mit dem Psalter und höre singen und jauchzen und jubeln, daß auch mein Herz singt, jauchzt und jubelt —, ohne Grammatik... Ich kann auch das Hohelied nicht im dunklen Gemach lesen) hier, wo alles singt und blüht und duftet und sich sehnend zu Lrcht und Leben ringt, verstehe ich jedes Wort, jeden Laut dieses heiligen Lretes ... So bin ich, die dumme und unverbesserliche, schwarmgerstige Hadassa . . ." „Warum beichtet Hadassa dieses alles heute?" „Ich muß es heute heraussagen, weit es mir sonst das Hrrz abdrückt. An oer Poesie, der hebräischen und arabischen Metrik, die ich bei Dunasch ben Labrat lernte, hatte ich wohl mehr Freude und Gefallen. Das sagte meinem schwärmerischen Geiste mehr zu. Und dennoch .." „Und dennoch?", drängte Menachem ben Saruk. „Und dennoch hat meine Liebe zu seiner Lyrik wein Vertrauen zu seinem Charakter nicht gestärkt ... In Meinem Herzen fühle ich mich dock meinem trockenen, nüchternen Gramatiklehrer näher. Er wird mich besser verstehen wie der Dichter und wird mein Herzensgeheimnts auch beffer zu bewahren wissen." „Sprich, Hadassa, was dein Herz bedrückt", bat der Gelehrte sanft und herzlich. „Ist es Jzchak, dr r Sohn Nathans, der das Ziel deiner Sehnsucht, der Held deines Hohenliedes ist?" , „Dieser, mein Lehrer und Meister, aber sprechet es nicht laut aus, „die Vögebud^HtMmels tragen Me Stimyie Hin-uM - die Gestügeltey verkünden das Wort") heißt es jm" : ‘ ' | ■ „Jzchak ben Nathan ist ein Name von gutem Klange, man darf ihn laut nennen." „Ja", seufzte das Mädchen, „aber nicht aus meinem Munde und auch nicht in Beziehung zu mir darf dieser Name genannt werden. Man hegt hohe Pläne mit mir. Fürstensöhne, sagt man mir, würden sich um meine Hand bewerben. Sogar der Kalif Abdul Rhamann hat Interesse an meiner Zukunft, richtiger vielleicht an der Zukunft seines Thrones und wird es gern sehen, wenn durch meine Verheiratung eine neue Verbindung mit dem einen oder dem anderen Lande geschaffen würde. Jüdische Fürsten giebt es vereinzelt noch da und dort, in Byzanz, in den Slawenländern. Jzchak, der Sohn Nathans ist aber kein Fürstensohn und hat keine Verdienste ..." Das Mädchen hatte sich in eine Bitterkeit hineingeredet. Ihre Augen funkelien wie Sterne. Noch nie hatte sie Saruk so erregt und so ganz ohne Lachen auf dem rosigen Munde gesehen. Sie sah aus wie eine erzürnte Königin, die sich dem Volkswillen entgegenstemmte. „Ich höre, Hadassa", besänftigte der Lehrer, „ich höre und verstehe alles. Doch wffse, der Geliebte deines Herzens ging in die Welt hinaus und er kommt, wenn es glückt, mit einer Fürstenkrone wieder." Hadassa sah stolz und hoheitsvoll zum blauen Himmel hinauf. Dann aber senkte sie das Haupt und sah wie ein bittendes Kind in des Meisters gütige Augen. „Ja, er wird es. Hier an dieser Stelle, bei der blühenden Myrte, hat er g lobt und geschworen, nicht eher heimzukehren, als bis das Ziel erreicht und das Werk vollbracht sei. Aber sechs Monate sind bereits in die Lande gegangen. Er kommt nicht, und nichts bringt Kunde von ihm, indes die Dränger um den Vater nicht ruhen. Wer denkt noch an den einfachen Mann, der nach einer Fürstenkrone höherer Art ausging?" „Ich werde dir beistehen, Hadassa, ick, der Lehrer der Grammatik, weiß auch die Gesetz?, nach heuen Menschenherzen sich heben und senken. Ich werde dir beiftehen, zum Danke für all die Sonne, die du mir ins alternde Herz all die Zeit geleitet hast." „Ihr beglückt mich und demütigt mich zugleich, verehrter Leh er. Ich habe es bei euch nicht verdient. Aber ich wußte: Hier werde ich Ver. stehen und Schutz finden. Aber nun muß ich euch bitten, das Geheimnis treu zu wahren. Am wenigsten darf der Vater den Namen Jzchakz hören. Das würde ihn nur veranlassen, den Drängern gleich nachzugeben und mich zu binden. Zu ihnen zählt auch Dunasch, der im Aufträge einer jüdischen Fürstenfamilie in feiner Heimat Bagdad um mich wirbt." „Wir werden das Gehe'mniS treu bewahren", schloß Menachem ben Saruk, „und uns gegen, festig -erstehen. Und noch heiliger erscheint mir diese Aufgabe, als es darum geht, einen Plan von Dunasch zu vereiteln . . ." Noch nie hatte Saruk seine Schülerin schöner gesehen als an diesem Nachmittag im Garten des Najst. Und noch nie hatte er sie reiner und inner« licher geliebt, als im Momente, da sie ihm ihr Herz offenbarte und er darin wie in einem offenen Buch all die geheimen Zeichen und Deutungen lesen durfte. Sein Beschluß, dem Mädchen bei seinem Kampfe um sein heilig Recht betzustehen, war so ehrlich und unerschütterlich, wie der Wunsch, den neuesten Plan seines bitteren Feindes Dunasch ben Labrat zu nichte zu machen. VI. des allgemeinen Interesses standen. Fünf riesen große kräftige Männer in hohen, weißen Schaf- Pelzmützen und goldblinkenden Wvffenröcken. Bald wußte alles, woher sie kamen und was sie wollten. Es waren Gesandte aus Slavouten, die im Aufträge, des Königs Muncimir dem Kalif Abdul Rhaman Grüße und Zeichen der Huldigung überbrachten. Das junge Königreich hatte schwere Kämpfe, die ihm die Befreiung aus byzantinischer Gewalt und die staatliche Selbständigkeit gebracht, hinter sich und nun wollte sich Muncimier auch die Freundschaft Andalusiens sichern, umsomehr als der gemeinsame Feind, der raubgierige Doge von Venedig, seine Geieraugen auch auf Slavonien gerichtet hielt. Ein Freundschaftsbund mit Abdul Rhaman, so sagten sich die Slawonier, würde die Stellung Slawoniens ebenso nach Byzanz hin kräftigen wie auch Venedig im Schach halten. „Und euere Gegenanerbtetungen?" fragte Chas« dai, der im Aufträge des Kalifen die Verhandlungen führte. „Wenn die aus dem gemeinsamen Bunde' entstehenden Sicherungen für beide Länder und deren Schutz vor dem fränkischen Kaiserreich, dem Dogen von Venedig und Anderen, nicht genügen", erwiderte der Führer, „so ist unser Flächeland an der Donau und Sarva reich an G treibe, Wein und Wald, und gern geben wir von unserem Heber flusse auch an Gold und Erz her, den unsere Schiffe durch das Adriatische und Mitt Ländische Meer bis an die spanische- Küste für Cordowa bringen werden." Lange wurden die Einzelheiten des Vertrages bespiochen. Und als dieser fertig unterschrieben und mit dem Wappen beider Herrscher besiegelt war, trat der Führer an Chasdat heran und legte ihm eine reich mit Diamanten besetzte Goldkette um den Hals. „Dieses der Dank deS Königs Muneimir von Slawonien an den klugen Berater Abdul

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