Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 12 (24.3.1921)
- Date
- 1921-03-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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♦ Aeuilleton-Veilaae zu Ar. 12 des „Israelit" Von Sordowa nach Lhasarien. Historischer Roman aus dem 10. Jahrhundert. (Fortsetzung.) ' Schon zu Beginn der Beratungen war all» gemein kin Manu ausgefallen, der in grauer, grob-r Kutte, mrt Sr» ick um die L ndm und ohne Äopfbedickung nach Art der Sklaven sich ins Lehrhaus geschlichen hatte. Beim Betteten des Lehrhauses hatte chm simand, auf seine Bitte, ein Tuch gereicht, das er um den Kopf band, so daß der halbergraute Hinterkopf ha b bedecke war und sich dre silbernen Settenlockirn bis zu den Schultern ringelten. Und nun saß der Mann auf der hintersten Bank, den verbundenen Kopf in die Ellenbogen gestützt und lauschte, ganz in sich getthri, auf die Borgänge im Hause. Keiner nahm mehr Acht auf thn. Nur d e Nebensttzenden merkten es an seinem regen Mienenspiel. und seinen Bemerkungen im leisen Selbstgespräch, wie innig er bei der Sache war und wie sehr seine Seele im Bann der hier verhandelten Fragen stand.. Nachdem alle Meinungen zum Ausdruck gelangt waren, nahm Rabbi Nathan noch einmal das Wort, faßte alles noch einmal kurz zusammen, suchte Widersprüche auszugletchen und trug noch einmal abschließend den Wortlaut der Entscheidung der Gaoniten von Babylon vor. Da gts'chah etwas ganz Seltsames, etwas, was alle verblüffte. Der Sklave in der hintersten Ecke mit dem verbundenen Kopfe stand auf, trat bis auf den Rabbl heran uno erbat sich das Wort. Der Mann, den der Türhüter zurückwchen wollte, auf oen wie auf einem fremden Eindrmgling die mißtrauischen Bücke aller ruhten, er wollte reden, nnt verhandeln ... Es erhoben sich Proteste, und jagend! che Heißsporne schickten sich schon an, den Fremdling htlmuszudräagen. Ein Btrck aus dem gütigen Auge Rabbi Nathans genügte aber, alle Ei.e^er zur Ruhe zu weisen, uno dieser Blick genügte auch dem Sklaven, die Zunge zu lösen. Er sing, da er in der Sprache des Landes sich Nicht verständigen konnte, in einem reinen Hebräisch an, formulierte noch einmal die zur Beratung stehenden Fragen und trug ausweuoig den Wortlaut der gaomuschen Entscheidung vor, sowie in gedrängier Kürze das Resultat der ganzen von ihm mit angehörien Berhnnolung, wie er sie durch die veibindenden hevräischeu Zitate trotz der ihm völlig fremden kastilijchen Sprache der Verhandlung verstanden hatte. Dann aber fing er an, in einer mirBikulsätzen gr schmückten schönen und klaren Sprache, aus Eigenen auszup'acken. Es sprudelte geradeso aus chm heraus, frisch uno lebendig, 'wie aus einem frischen Brunnen. Ein Dutzend Parallel-Ansichtkn anderer G«omm wußte er noch anzusühren, ihren Gründen und den Quellen, aus denen sie geschöpft, nachzugehen. Ancere Deutungen, zu ässtge und nichtzulässige, klärte und beleuchtete er mit einer Schärfe und Gewalt der Logik, als würoen Llchrstuten auf die ganze angesammeite Materie fallen, um ein jedes Teil an die richtige Sielle zu rücken. Er berührte auch verwandte Fragen, baute Brücken und zerstörte sie, gr ff mir sicherer Hand in die tiefsten Kammern dcr Lehre hinein, um die Sache nach allen Seiten und Richtungen hin abschließend klarzustellen. Eine Todksstille herrschte im Raume. Jüngere Hörer klmenen aus die Bänke, um den Wetien in dem Sklavenrocke, dessen Gesicht beim Sprechen wie in einem höheren Lichte erstrahlte, zu sehen. Minderg-lehite, die den Faden der Abhandlung längst verloren hatten, ergötzten sich an der edlen, schönen Sprache des seltsamen Mannes. Der Sklave hatte seine Rede beendet und wollte sich nun bescheiden in seine Ecke zurückz>ehen. Rabbi Nathan aber, der die ganze Zelt tun Kopf in die Hände gestützt, still dasaß, ohne ein Auge von dem Sprechenden abzuwenden, sprang aber auf und reichte ihm die Hand. „Schalom olecha Rabbi umori!" Und aus dem ganzen Publikum schrie eS auf einmal grüßend; „Schalom, Rabbi umori!. Da nahm Rabbi Nathan den Fremden an die Hand und zwang ihn in einen Siffel, der neben dem seinigen stand. „Wer seid ihr, und woh r kommt ihr?" Der Fremde zögerte. Man sah es ihm an, wie zuwider es ihm war, von sich zu sprechen. Auf wiederholtes Drängen fing er aber mit gedämpfter Stimme, in der der Klang von früher fehlte, seinen Bericht an. „Ich komme vom Sura in Babylon, wo das Lehrhaus des Gaonats noch in seinem Glanze besteht. Mein Name ist Mo sch eh, Sohn CH an ochs. In Begleitung drei anderer Freunde, mit Namen Schemarja, Chuschtel und Nathan ben Isaak zog ich wenige Tage nach dem Pessachstste aus. Wir wollten die Gemeinden an dem mittelländischen. Meere aufsuchen, um dort die Beiträge für Babylon emzusammeln. Allein Gott wollte es anders. Schon zu Beginn unserer Seefahrt wurde unser Schiff von den Mannm des Admiral Romahis angehaiten und wrr wurden mir vielen Anderen gefangen . . ." Der Rabbi überlegt?, bann sprach er weiter: „W.e ich später hörte, wurde Schemarja, Sohn Eichanans nach Alexandrien überführt, Cquschiel wurde nach Katruan verschleppt, Nathan ben Isaak dürfte nach Narbonne gelangt sein. „Und ich? — des Gefangenen Stimme senkte sich und seine Augen füllten sich nur Träum — ich nut meinem Werbe und Sohn, wurden dem Admiral vorg^ führt . . . Der hatte gleich ein lüsternes Auge aus mern junges, rernes Weib geworfen ... Ich merkte es rhm sofort an. Auch sie . . . Uno sie finsterte mlr dre zwei hebräischen Worte „Majtm Chajtm?" . .. zu. Ich verstand dre Frage gleich. Sie fragte, ob die in Wasser Umgekommenen Anspruch auf „ewiges Leben" hätten. Da wir nicht miteinander sprechen durften, betete ich nur halblaut aus den Psalmen: „Aus Basan bringe ich sie, aus des Meeres Tiefen." Sie verstand das Wort und warf sich mit dem Kinde über Bord in die Finten... Ich ihr nach .. . Aber der Admiral l.eß uns mit Rettungsboten nachsetzen. Mein Wtto hatte lhr Zül erreicht, sie hat die Rettung ihrer reinen Seele in den Fluten gefunden . . . Mich und meinen Sohn aber zogen sie lebend aus dem Waffer und brachten uns wieder zur Besinnung. Das Schicksal meines Kindes ist mir unbekannt. Ich wurde hierher nach Cordowa gebracht und als Sklave an den reichen Kardiwan verkauft, der Wohlgefallen an mir fand. Als ich mir heute als Lohn m i er Leistung erbat, für eme Stunde frei ms LchrhauS gehen zu dürfen, wurde sie mir gi währt. Wie danke ich dem Himmel für diese unverdiente Gnade . . ." Stille folgte dem schlichten Berichte des Fremden. Aller Augen hingen gespannt an Rabbi Nathan. Dieser aber stand auf uno sprach kurz und feierlich: „Rabbi Moscheh, Sohn Channochs. Wie ein Himmelsbote kamst du zu uns, geschickt von Gort, der in seiner Liede dm Rest Israels nicht ausgibt und ihm Lehrer und Führer in jeder Zeit auf wundersame Weise erstehen läßt. Und nun lege, Rabbi Moscheh, Sohn Channochs, dein Sklavengewand ab. Du wirst stet sein, und du sollst unser Führer sein, als welchen dich eine weise Vorsehung hergesandt hat - wir alle, auch ich werden uns d^r beugen und aus deiner Wetshelte quelle schöp en. —.-" Auf Anordnung des Rabbi begaben sich sogleich zwei Männer mit einem wohlgrfüllten Beutel zum reichen Kardiwan, um chm das Lösegrld für den Sklaven zu Überbringern Rabbi Moscheh blieb aber hier, und es nützte ihm nicht, daß er sich mit allen Kräften dagegen wehrte, er mußte in den Geichnenmantel schlüpfen, den ihm D.ener bereit h etten und sich den Hut der Weisen auf den K<pf setzen lassen. Den Ehrensitz des Rabbi Nathan gleich ernzunehmen, ließ er sich aber nicht bewegen, sodaß oie Verden Gelehrten an diesem Abend auf ihren Ehrenplätzen nebeneinander dem Lehrhause Vorständen. Um die späte Abend innde erschienen die Gäste, die man schon beinahe vergessen hatte. Der Nässt Chasdat eben Schaprut in Begleitung ferner beiden Sekretäre und des phantastisch gekleideten Weltreisenden Eldad des Dannen. Alle Anwesenden erhoben sich ehrerbietig, bis oie Gäste ün den Ehrenitsch gelangten. Nach dem der Nässt Rabbi Nathan begrüßt hatte wies dieser aus den neben ihm sitzenden Rabbi rNosche, Sohn Chanoch und sprach: „Dleiec soll von heute ab Rabbi und Richter sein in Cordowa. Denn zu höheren Zwecken hat ihn Gott auf seltsamem Wege und nicht ohne Opfer an Liebem Menschenleben hergeschickt. Seme Lehre ist rein wie g lä^tertes Gold und stießt aus der ersten heiligen Quelle in Babylon, »et er Weisheit Born ist unerschöpflich. Der Raffi möge es genehmigen und unseren neuen Ravoi uno Führer begrüßen." Und Chasoai eben Schaprut reichte Rabbi Mosche die Hand uno erhob ihn mit einem lauten „Schalom Rabbi umori I" vor allem Volke zum neugewähiten geistigen Führer der Gemeinde. III. Rabbi Mosche ben Ehanoch und Rabbi Nathan, die zu beiden Seiten des Nässt saßen, hörten schweigend die Berichte Eidads über die Stämme Israels, ihren Wohnptz und ihre Lebensweise an. Während Rabbi Nathan, wte alle Gelehrten Coroowas, durch die Kunoe von den fernen Brüdern in Staunen und unsägliche Freude versetzt wurden, behleil Rabbt Mosche ben Chanoch vollkommene kühle Ruhe. Rabol Nathan, vom Nässt nach seiner Meinung befragt, wies auf Rabbl Mosche, thm das erste Wort überlassend. „Bel uns in Babylon", fing Rabbi Mosche an, „wußte man um dle Stamme, von denen unser Gast spacht, nichts, wohl aber von den Chasaren, ohne daß es jeooch Jemand bisher elttfiei, in ihnen Stmeoniteu oder Angehörige anderer Stämme zu sehen." -„Wie kann das Gegenteil von dem bewiesen werden, was Augenzeugen gesehen, gehört und erlebt haben?" fragte Ben Saruk nicht ohne leisen Borwurf. „Heißt eS doch im Talmud: „Nicht gesehen^', ist tem Beweis-" „!£>en Berichten des tapferen Eldad, der gelegner sei dafür, daß er ausging, seine Brüder zu suchen, den Glauben zu versagen, haben wir keinen Grund", sagte Rabbt Mosche in aller Ruhe, „doch stehen feinen Angaben über die Entstehung des Chasarenvoikes ältere Zeugen entgegen —in den alten Auszeichnungen oer früheren Gaonim." „Kennt der Rabbi sie?" fragten Chasdat und Rabbt Nathan zugleich. „Ja, in den Auszeichnungen des Gaonats unter N, Achat, dem Verfasser des Scheeltoth,