Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 11 (17.3.1921)
- Date
- 1921-03-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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«eite J.« No. 11 ...um I II.Uli . III II 111 iir-TW -Sie probepredigt.*) Der kleine Raw „Der JSraettt." Zwar ist'S für ihn ungefährlich, Wenn sein Taluudwissen spärlich - Doch ist er kein Demosthen, Dann ist es um ihn gescheh'n. 17. Sftfoa 1911 Alle hingen wie gebannt An dem Mann, der Däne fand, Die an Herz und Nieren rissen Und in die Gewissen bissen. Der Rabbiner von N. N. Würd' noch hem' amtieren, wenn Nicht mit neunzig Jahren er Wär' geworden Pensionär. WaS soll man den Leuten bieten, Wo doch der Geschmack verschieden! Was der eine findet prächtig, Scheint dem andern sehr verdächtig. Leuchtend wie ein Meteor Zog die Rede an dem Ohr Der Gemeinde schnell einher, Wenigstens so ungefähr. Die Gemeinde zu N. 9!. War darob sehr traurig denn Tausenden hatte gewiesen Er den Weg zu Paradiesen. Dieser schwärmt für die Natur, Jener für die Flohdressur, Dieser ist für's Windelweiche, Jener kür die knorr'ge Siche. Alle rvaren sich im reinen: „Den da nehmen oder keinen. Der ist Leuchte im Exil, Im Tatar und im Zivil". Neunzig Jahre war er alt, Eine würdige Gestalt: Augen tränend, weißer Bart, Häufig gähnend, hochgelahrt. Go hat man denn inserieret Und wohl fünfmal annoncieret. In den großen Tageöblättern Stand es da mit schwarzen Lettern: „Rabbinatsstuhl unbesetzt, Reisekosten wer'n ersetzt. Melden kann sich, wer nur will, Bis zum zwanzigsten April". Auch der Meier Maatz erblickte Die Annonce, und er nickte. Lächelnd zu sich sprach er still: „Ö, Herr Vorstand, ob ich will"! Schrieb mit Feder und mit Tinte Die Bewerbung hin geschwinde. Mit ihm stellten sich zur Wahl Kandidaten ohne Zahl, Sechzehnhundert oder mehr Machten sich das Leben schwer, Meister hoher Elcquenz — Eine Rednerkonkurrenz! Diese große Ueberschwemmung Sah der Vorstand mit Beklemmung, Gchustete der Stunden dreizehn, Um zu sondern Spreu vom Wetzen. In der Kille zu N. N. War Geläuf und groß' Gerenn', Grüppchen dort und Grüppchcn hier Bildeten sich im Revier, Räsonierten sehr bewegt, Schwatzten laut und aufgeregt - I. der wollte klug beraten Jnbetreff der Kandidaten. Borstar;d und Repräsentanten Schrecklich sich in Nöten wanden, AIS die Leute mit Geschrei Rührten im Gemeindebrei, Und gestützt auf manche Akten, Sich einander wütend hackten. Rur wer glatt war wie ein Aal Hielt im Kampfe sich neutral. Wochen kamen, Wochen gingen, Schon an Bäumen Aepfel hingen, AlS nun endlich fiel der Schuß: Vorstand faßte den Beschluß, Meier Maatzen sehr zu bitten, Daß er nach den Landessitten Durch die Proben seiner Kunst Werbe unr der Kille Gunst. Morgens bei der Morgenwäsche Kam sie an, die Mordsdcpesche: „Unser Auge fiel auf Sie, Antwort durch Telegraphie". Meier Maatze prieS sein Glück, Drahtete sofort zurück: „Werde zur bestimmten Zeit Halten mich für Sie bereit". Mit dem Tallis und Barett, Mit Ornat und Gänsefett In dem Koffer, fuhr er schnelle Nach 9k. N. an Ort und Stelle. Ach, deS Kandidaten Los Ist zu preisen glücklich bloß, Wenn es zu 'nem Ziele führt, Sonste ist man angeschmiert. *) AuS „Von Wiege zu Wiege." Humoristisch satirisches Gebräu von Bero Berlinger. Verlag Louis Lamm, Berlin. Preis 4.50 Maxk. Freunde guten jüdischen Humors werden ihre helle Freude haben an diesem satirischen Büchlein, daS uns den Werdegang eines Rabbiners von der Wiege an ln humorvoller Weise und in schönen, leichtgezlmmerten Versen erzählt. Einer liebt das Pianino, Doch der andre mehr das Kino - Jenen lockt das Zarte, Reine, Diesen zieht's zum Borstenschwetne. Starke Nerven, ruhig Blut, Sind für'a Kandidaten gut. So passierte zum Exempel, Daß da einer in dem Tempel, Welch' Entsetzen, welcher Schrecken, Schon beim ersten Satz blteb stecken, Krampfhaft schluckendaber leider, Leider konnte er nicht weiter. Und ein andrer las im Trab - Seine ganze Predigt ab, Denn sein Hirn war wie ein Sieb, AUwo garmchts hasten blieb. Einer fand in dem Hotel Einen flüssig.getst'gen Quell - Beim Ltlöc und Moselwein Ließ er Predigt Predigt sein. Als nunmehr die Stunde schlug, Fand man sitzend ihn beim Krug- Was tat nun der Mann der Kanzel? Er ward Kellner und hieß Jranzel. Vorstand, manch' Repräsentant, Drückte ihm gerührt die Hand, Und der Schamesch Simon Mauach Sagte laut: Jesascher Kauach. Nun mußt' jede Sorge welchen, Denn eS war ein gutes Zeichen: Wenn dem Schamesch er gefiel, Hatte er gewonnen Spiel. Nach vollbrachtem SchabboSschlaf Hielt in Schul' der junge Raw Eine wohldurchdachte Droscho. Thema lautete: „Der Roscho". Der Lamdonim Angesicht Strahlte wie ein Kerzenlicht, Als, verblüffend schnell der Mann Seine Talmudfäden spann. In den tiefsten Tiefen wühlte, Schwierigkeiten überspüite, Und Gedanken, groß und schwer, Spielend warf im Kreis umher. Als der Droschomann nun schloß, Auf ihn zu -er Schamesch schoß. Alles rief Jejascher Kauach Im Verein mit Simon Mauach. Meier, Meier, fasse Mut! Meter, Meter, ruhig Blut! Hast gezeigt schon dein Genie AlS ein Ktnd dem Federvieh. Mit des Bettluchs weißen Enden Gürtetest du deine Lenden, Senktest tief mit Mutters Hauben In die Herzen frommen Glauben. Ja — und damals bei der Fehde Prunktest du als Wortaihlete, Sprachst mit Pathos, ohne Mühe, Just vom Abend bis zur Frühe. — Kops an Kopf und im Gedränge Stand heur' die Gemeindemenge, Und cs wogten die Zylinder Born im Raume und dahinter, Und die edle Ehasenseele Schmetterte aus voller Kehle, Baß und Alt, Sopran, Tenor Schrien erbarmenswert im Chor. Da auf einmal ging ein Zuck Und ein großer Häise^uck Durch die Menge. Die Pupillen Weiteten fidjg^inier Brillen. ES erschien der Kandidat Würd'gen Schritts und im Ornat, Im Gesicht verdächt'ge Bläffe, Auf der Stirne Näffe, Nässe. Wie er aus der Kanzel stand. Hob er feierlich die Hand. Hörten auf die SchweißeSbäche, Ueberwunden war die Schwäche. Und es redete der Raw UeberS Thema: Lohn und Straf', Dabei zitterten die Wände, Und die Hände sprachen Bände. Wuchtig tönte sein Organ, AlS er mit der Siraj' fing an, Süß und schmeicheln) war der Ton, Ais verhieß er hohen Lohn. Bald zog's hin wie Grabeslust, Bald roch es wie Blumenduft, Je nachdem in diesem Haus Lohn und Straf' er teilte aus. Jedenfalls gab eS kein Gähnen, Staunen nur und Tränen, Tranen. Ganz zerknirscht, sprach er vom Fluch, Sch uchzte man ins Taschentuch. Das Kollegium pflog des Rats Und beschloß, den Meter Maatz Anzustellen als Rabbiner, Der Gemeinde ersten Diener. Dalsen. Was ein „Dalsen" ist, wer wüßte das nicht? Ein Mann, der nichts hat, der es trotz aller Mühe» zu nichts bringt und heute nicht weiß, wovon er morgen leben soll. SS sind wiederholt Versuche gemacht worden, die Herkunft des Wortes in dieser Bedeutung zu erklären, doch nie in befriedigender Weise. Selbstverständlich muß jeder Erklärungsversuch an den Namen des in der Megillo genannten Sohnes des Premierministers Haman, namens Dalfon anknüpfen. Da möchte ich denn folgende, sicher das Richtige treffende, Erklärung geben. Betrachten wir uns die Namen der zehn Söhne Hamaus. Parschadoso, Arposo, Pauroso, Parmaschto, Waisoso — sie haben ein x hinten- Artsai und Aridai haben ein x vorne. Asposo, Adaljo, Aridoso, haben ein X vorn und hinten. Ein jeder hat ein Olaf vorn oder oder hinten. Nur der Dalfon „hat nichts hinten und nichts vornen". Das ist ja das treffendste Eharaktertstikum eines Dalsen. Dr. M. Weinberg, Neumarkt. Literatur. Ministerkrise». Ein Purim spiel aus Anstro-PerstenS Vergangenheit in drei Akten von Kurt Grünemalö. Verlag Sänger u. Jriedberg, Frankfurt a. M. Ein schönes Stückchen, das auch nach Purim ge« spielt werden kann und mit den einfachsten Mitteln auch auf dem Lande leicht in Szene gesetzt werden kann. Neben den aitehrwüudigen Megtllafiguren gehen hier auch solche mit etwas modernem Anstrich über die Bühne, um heitere Purtmsttmmung zu verbreiten. Mordechat ist Prtvatdozent am Rabbinerseminar zu Susa, Haman ist Premierminister, Charbona, KabinetS« kanzler, Btgthan erhält das Portefeuille des Kriegs« Ministeriums, Theresch leitet die Finanzen. Dazu kommt noch. der ehrwürdige Oberbonze und Beichtvater Memuchen und weniger ehrwürdige Tänzerinnen, Sängerinnen, Thronkandidatinnen. Ein Narr spricht einen Prolog. Also echtes, buntes Purimleben, das ein Publikum eine Stunde aus der Not der Zeit in Eine imaginäre Weit heiteren Lachens entführen kann. □SzD