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Der Israelit · 1921-03-10 · Heft 10 (10.3.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 10 (10.3.1921)
Date
1921-03-10
Page
– (sequence 9)
Language
German
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10. März .an Der JSraeM. Nr. 1« Sette » Gebiet Jlacharzwischen Persien und Medien und lernte dort Land und Leute kennen . . Und nun kargte er nicht mit Einzelheiten aus dem Leben, den Sitten und Gebräuchen der Jsuckariten, die ganz ähnlich seien wie die der Stämme Reuben und Sehulun, die er jensiltde- Gebirges Chorasan gefunden hatte .. . nicht sehr abweichend von besten der Stämme Ephraim und Halbmenasfe, die in Mekka und Medina wohnten . . . „Fehlen nur noch Simeon und die zweite Hälite Menass-8", sagte Dunasch mit gemachtem Ernste, war ihm einen verweisenden Blick de- Nässt eintrug. (Fortsetzung folgt.) Me schön sind-eine Wohnungen. Zsrael! Vo» Heinrich VirrLLvter. I. Beim Vorsteher der jüdischen Gemeinde in Gpinnthal erschien eines Tageein Fremder und berichtete: „Ich bin Karuffellbesitzer und war anläßlich de- Jahrmarkts im nahen R. Jetzt steht der Winter vor der Tür, und das Umherziehen nimmt damit ein Ende. Da ich Jude bin, möchte ich gern bis über Peßach hier bleiben, und ich bitte Cie, mein Gesuch beim Bürgermeister zu unterstützen." Ec gewährte dem Vorsteher Einblick in seine Papiere und versicherte, daß er niemanden zur Last fallen werde. Der Eindruck, den der Bittsteller machte, war ein recht guter, und so versprach ihm der Vorsteher, für ihn einzutreten. Er hatte auch Erfolg. Es wurde dem David Singfreund gestattet, seinen Wohnwagen den Winter über auf dem Schafrasen aufzustellen. Der Platz war nicht ungünstig. Nach dem Dorfe war eS nicht allzuweit, ein klarer Bach floß dicht vorbet, und der nahe Wald bot Holzabfälle in Hülle und Fülle. Wenige Tage später traf denn auch die Familie des Spielers mit ihrem wandernden Hause in Sptnnthal ein. Die Pferde wurden noch in der nämlichen Woche verkauft. Wozu sollte man den Winter über das teure Futter bezahlen? Im Frühjahr konnte man ja wieder andere anschaffen. Die jüdische Schule bekam einen neuen Schüler, Leopold Stngfreund, den Sohn des Karuffellbefitzers, und die Ktrder hatten damit ein Erlebnis, das ihnen reichlichen Stoff zur Unterhaltung lieferte. Der zwölfjährige Lcopöld war ein aufgeweckter Knabe, abgehärteter und gewandter als die meisten Dorfkinder. Aber in den Schulfächern war er zurück, denn durch das Wanderleben während des ganzen Sommers war fein Wtffen lückenhaft. Doch gab er sich redlich Mühe, da- Versäumte nachzuhol.n, und seine neuen Kameraden halfen ihm gern, wo sie nur konnten. II. Die Kinder der Gemeinde verkehrten ohne Vorurteil mit Leopold, der allerlei Spiele kannte, und, sie seine Kameraden lehrte. Da er bescheiden war und niemals der Anführer zu fein beanspruchte, obwohl er am geeignetesten gewesen wäre, gewann er sick bald Freunde. Am liebsten verkehrte er mit Eugen Blatt, der Sohn dereichsten Manneim Dorfe. Eugen besaß eine starke Einbildungskraft. Er laS viel und schuf vermittels deS Lesestoffes Traumbilder, die ihn nicht nur bet Tage, sondern auch vor dem Einschlafen lebhaft beschäftigten. Leopold hatte ein schönes Stück Deutschland gesehen' und trotz seiner Jugend schon mancherlei erlebt. Begierig, das alles zu hören, schloß sich ihm Eugen an. Einmal sprach er zu ihm: „Wie gern möchte ich mit dir tauschen! Wenn du an den Winterabenden in eurem Wagen sitzest und ringsum alles verschneit ist, wenn draußen die Raben. krächzen und innen das Feuer knistert, w e schön muß es sich da träumen laffen! Da könnte ich mir Geschichten ausdenken von einer Retse durch russische Steppen, vom Kampfe mit Wölfen und Bären und vielen anderen Dingen. Und dann erst das.Reisen im Sommer durch unbekannte Gaue, durch dichte Wälder und malerische Täler, das muß ganz herrlich sein!" Doch wehmütig entgegnete Leopold: „Wie kannst du nur so sprechen! Du hast es doch so schön, wohnst in einem großen Hause, kennst alle Leute im Dorf, kannst etwas Tüchtiges lernen und jeden Tag in die Synagoge gehen. Dafür allein möchte ich alle Freuden der Wanderschaft hingeben. ' Ich komme manchmal einen ganzen Monat lang in kein Gotteshaus, ja nicht einmal an einen Ort, wo Juden leben. Da müssen wir viel entbehren. Oft liege ich abends im Bette und singe leis den Lecho daudi, die Keduicha, das Ausheben und was mir sonst noch einfällt, und dann sehne ich mich so sehr^nach dem Leben in einer Gemeinde. Aber daS Hilst ja allenicht." Traurig senkte er den Blick, und sein Freund dachte: „Ach wenn ich dir nur helfen könnte!" III. Es war tiefer Winter. Der Schnee krachte unter den Füßen. Schon bereitete die Dämmerung dem kurzen Tage sein Ende. Da belustigte sich eine Schar munterer Knabe«' durch Eislauf auf dem Bache. Helles Lachen ertönte, und laute Rufe hallten über die glatte Fläche. Doch plötzlich ein kurzer Schrei, und der Jubel verstummte. Eugen hatte eine Baumwurzel, die etwas über dem Eise hinausragte, nicht gesehen und war zu Fall gekommen. Sein Bein schmerzte heftig, und es war ihm nicht möglich, sich zu erheben. Seine teilnehmenden Genoffen stützten ihn und hoben ihn auf. Da stöhnte der Knabe noch mehr. Vergebens versuchte er aufzutreten und mußte wieder auf den Boden niedergelaffen werden. Aengftlich und ratlos schauten sich die Kinder einander an. Zum Glück war Leopold unter ihnen. Er lies rasch zu seinem Wagen und rief den Vater. Dieser bereitete schnell aus einer Zeltbahn eine Bahre, und nach Wenigen Minuten lag der Verunglückte im warmen Wagen. Der Karuffellbesitzer erkannte sogleich, daß Eugen ein Bein gebrochen hatte. Er schindelte es sofort und versah es mit einem kunstgerechten Verbände. Inzwischen schickte er seinen Sohn nach Eugen- Vater und nach dem Arzte. Dieser war gerade von seiner Tour durch die Dörfer der Umgebung zurückgekehrt und fuhr sogleich mit dem erschrockenen Herrn Blatt hinaus auf den Schafrasen. Zu seinem Erstaunen sah er, wie richtig der Knabe inzwischen von dem Spieler behandelt worden war. Er spendete ihm sein aufrichtiges Lob. Eugen wurde vorsichtig in den Wagen gehoben-und nach Hause gebracht. Unter der sachgemäßen Pflege heilte sein Beinbruch bald. Er konnte sich nach wenigen Wochen wieder, ohne Schmerzen zu fühlen, wie früher bewegen. Tiefe Dankbarkeit fühlte er den Fremden gegenüber, und auch seine Eltern sprachen oft untereinander davon, wie sie sich dem Karussellbesttzer erkenntlich zeigen könnten. Ein Geldgeschenk hatte er zurückgewtesen. Nun erzählte ihnen Eugen, daß Leopold so gern das Wanderleben aufgeben würde, und sie sahen, wie regelmäßig und pünktlich er den Gottesdienst besuchte. Selbst im härtesten Winter ging er früh zur Synagoge, und kein Spiel konnte ihn daran hindern zum Mtnchagottesdienst zu kommen. Da beschlossen Eugens Eltern, den braven Jungen bei sih zu behalten. Sehr schwer gab der Karussellbesitzer hierzu seine Einwilligung. Er und seine Frau hingen mit inniger Liebe an ihrem Kinde. Aber da sie einsahen, daß es so Leopolds Vorteil war, ertrugen sie willig die Trennung von ihm. So blieb Leopold in Spinnthal. Er lernte fleißig und machte durch seine religiöse Führung seinen Pflegeltern viel Freude. Später wurde er ein tüchtiger, angesehener Handwerker, und als seine Eltern alt wurden, nahm er sie zu sich und bereitete ihnen einen ruhigen Lebensabend. Die Saatkrähen. An einem Spätnachmittag flog aus einem kleinen Feldgehölze ein dichter Schwarm von Saatkrähen auf, schwirrte mit lautem Geschrei um eine Waldecke und ließ sich dann auf einen Acker in weitem Halbkreise nieder. Im Mittelpunkte des Bogens befand sich ein Busch, und auf dem saß eine alte Krähe. Sie war so alt, daß ihr am Grunde des Schnabels schon alle Federn ausgegangen waren, und sie wackelte beständig mit dem Kopfe, genau so wie es oft alte Leute tun. Alle richteten mit großer Aufmerksamkeit ihre Augen zu ihr hindenn sie genoß infolge ihrer reichen Erfahrungen großes Ansehen. „Liebe Freunde", begann sie. „Ich habe Euch zusammengerufen, um Euch vor einer furchtbaren Gefahr zu warnen. Seitdem die Aecker im Herbste umgepflügt sind, lewen wir arme Tiere schwer unter Fletschmangel. Die Engerlinge sind tiefer in den Boden htnabgezogen, die Mäuse haben sich verkrochen, und der Schnee wehrt uns oft den Zugang zu unseren Futterstellen. Da fanden wir heute zu unserer Ueberraschuin dort aus dem Acker den Tisch mit herrlichen Leckerspeisen gedeckt, und morgen wird Euch gewiß schon gleich nach Tagesanbruch der gleiche Anblick entzücken. Bleibt weg davon, bleibt fern! Berührt ja nichts! ES wäre Euer Verderben." ,- Betroffen und unangenehm berührt schauten sich die Schwarzröcke einander an und wußten nicht, waS sie von dieser Warnung halten sollten. Sie spürten noch auf der Zunge den feinen Geschmack der Mahlzeiten. Da fuhr auch schon die Alte in ihrer Rede fort: „Da uns die Fleischkost fehlt, müssen wir uns die Saatkörner aus den Aeckern holen, um nicht zu verhungern. Die werden uns aber von den Menschen mißgönnt, welche bet der Ernte auf jedes Körnlein hoffen, das sie gesät haben. Sie wollen uns darum vergiften. Heute haben sie Kehrblut gestreut, um uns anzulocken. Jetzt rechnen fie darauf, daß wir morgen in noch größerer Zahl den Acker besuchen. Dann aber werden wie vergiftetes Blut finden und elend hinsterben." Ein Angstschretging durch die ganze Gesellschaft. Als alle vor Gruseln ihr Gefieder geschüttelt hatten, fragte eine Krähe, die nicht so schnell auf die Leckerbissen verzichten wollte: „Woher wissen denn aber die Menschen, daß wir auch von dem vergifteten Blute effen werden?" Da lächelte die Alte: „DaS schließen sie aus ihrem eigenen Verhalten. Genuß und Gewinn locken fie. Je mehr sie genießen und gewinnen, desto mehr steigert sich ihre Gixr. Viele überhören Warnung und Verbot und bereiten so selbst ihren Untergang. Wer aber weise ist, der ist genügsam". Mit diesen Worten schwang sie sich auf und verschwand. H. G.

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