Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 10 (10.3.1921)
- Date
- 1921-03-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zn Ar. 10 des „Israelit". Von Lordolva nach Ehafarlen. Historischer Roman auS dem 10. Jahrhundert. Demnächst erscheint im „Berlage deS JSraellt, G. m. b. H.", Frankfurt a. M., LaS Buch „Im Ju-enstaat der Cba« faren", Historischer Roman in zwei Bänden auS dem 8. und 10. Jahrhundert von G. Schachnowitz. Nur ein Teil dieses in lebendiger Gestaltung deS historischen Materials eine bedeutsame Äuiturepoche unserer Geschichte widerspiegelnden RomanS ist im „Israelit" in Fortsetzungen erschienen. Die hier folgenden Kapitel bilden ein abgeschlossenes Ganzes auS äem zweiten Teil deS RomaneS, der den Fürsten von Cordowa, R. LhaSdai eben Sckavrut und seinen Kreis zum Mittelpunkt hat und die unter schwierigen, romantischen Umuänden hergesteUte Verbindung zwischen dem jüdischen Spanien und dem Judenstaate in Ehasarien schildert. I. In einem Seitenbau des Kalifats zu Cordowa hatte um das Jahr 950, deS KalifS Abdul Rahman Freund und erster Berater Chasdai ben Jsak eben Schaprut seine einfach und n ausgestatteten ArbeitEgemächer, wo er lßten Teil des Tages gemeinsam mit seinen beiden Mitarbeitern, den Schrtftgelehrten und Dichtern Menachem ben Saruk und Dunas ben Labrat, zu verweilen Pflegte. Bei den vielfachen Reglerungsgeschäften, die auf Schaprut in seiner Eigenschaft als erster Vertrauter des Kalifen, als Unterhändler mit den Gesandten aller Mächte, die politische oder geschäftliche Beziehungen zu Spaniens größtem Staate, Andalusien, Pflegten, als Finanzmtmster des Landes und als bevollmächtigter Fürst der Juden im Kalifate Cordowa lasteten, fand er in den beiden gelehrten Männern die größte Unterstützung. Wiewohl unter der immer offener an den Tag tretenden Abneigung dieser nach Art, Abstammung und Raiuranlage grundverschiedenen Gelehrten gegen einander, auch die friedliche Abwickelung der Geschäfte des öftern zu leiden hatte. Menachem ben Saruk war Spanier von Geburt und dank seiner meisterhaften Beherrschung der hebräischen Sprache von Chasdai b. Schaprut aus seiner Heimat Tortosa berufen worden. Dunasch ben Labrat kam aus Bagdad und war als Dichter ebenso geschätzt, wie er infolge der Schärfe seiner Zunge und seiner Feder allgemein gefürchtet war. Diese maßlose Schärfe hatte besonders auch sein Rivale Menachem ben Saruk zu spüren. Im Stillen hoffte' jedoch Schaprut, daß sich die Beiden über alle fachlichen Gegensätze hinweg zur gemeinsamen Arbeit finden und mit ihrer sich ergänzenden Gegensätzlichkeit die jüdische Wissenschaft und Sprachforschung bereichern würden, und er maß daher dem Widerstreite keine sonderliche Bedeutung bet. Da sprach eines Tages im Hause des Nasfi rin sonderbarer Fremder vor, der sich als Weltreisender unter dem Namen Eldad derDantte einführte. In einen weiten Mantel gehüllt, einen phantastischen buntschillernden Turban auf dem großen, wtldhaartgen Kops und den gewaltigen Mander» stab mit dem kunstvoll gedrehten Horngriff in der Hand, verriet er schon rein äußerlich den Welrrrtsenden. Der Mantel war aus persischem Tuche hergestellt, der Turban stammte im Grundstock aus Dama-kuS und hatte fast in jedem Lande noch ein neues Band ausgenommen. Zu dem Knotenstocke aus Marokko hatte er sin in Korea den Hornknauf drr^eln lasten. Der Siegelring stammte aus Phöntzien, der Stein darin aus Jemen. Mit einem Meffer, das er von einer Kaukasusreise her hatte, durchschnitt er ein wohl verpacktes Bündel, aus dem Papiere und Pergamente, beschrieben in allen Sprachen und mit allen Schriftlichen der Welt, auf den Tisch fielen. Und nun fing der sonderbare Mann an zu erzählen. Er erzählte und erzählte, von seinen Reisen über alle Meere, von allen Inseln und Ländern, wo Menschen leben und leiden und Juden auf Erlösung harren. Chasdai eben Schaprut gewann solches Jntereffe an dem Manne, als wollte sich in ihm das ganze Volk in seiner Zerstreuung verkörpern und er ließ ihn nicht mehr aus den Augen. Er gewährte ihm in seinem Hause gastliche Aufnahme und ließ sich täglich lange Stunden von ihm über die Lage der Brüder allüberall berichten. Wo und wie die Ueberreste der von Salmanaffar aus der Heimat gesagten zehn Stämme Israels leben mögen, war die Frage, die die Gelehrten der damaligen Zeit Tag und Nacht beschäftigte, und der Nässt Schaprut, der in der Erkundung und Vereinigung aller versprengten Brüder seine heilige Berufung sah, hoffte auS dem Munde des Weltenforschers Aufschluß über alle ihn quälenden Fragen zu erhalten. Und wie wußte Eldad der Danite all den Fragen des Nasfi entgegenzukommen! Seine Erzählungen wurden immer reicher und schöner und gewannen an Leben und Farbe, je nuhr er sich, ermutigt voM spannenden Jntereffe seines hohen Gastgebers, in seine Berichte hineinredete. Ob der „zehn Stämme" noch Ueberreste vorhanden sind? „Natürlich!" entschied er und beschrieb mit dem marokkanischen Stock einen Bogen in der Lust, dessen Spitze nach Südwesten deutete. Er selbst sei etn lebenoiger Zeuge dieser versprengten Stämme und nenne sich nicht umsonst der Danite . . . Sein Stamm Dan wohne und regiere heute noch mit den dret Stämmen Naphtalt, Gab und Ascher in Aethiopien und Südarabten, und ihr Land sei so groß, daß man sieben Monate brauche, um es von Grenze zur Grenze zu bereisen ... „Und Dau hat die Führung in diesem Staate?" warf Dunasch ben Labrat mit skrptisch ironischem Kopfschütteln ein. „Ja, Dan", bestätigte Eldad unbetroffen. „Mein Stamm ist schon gleich nach dem Tode Salomos, vor Teilung des Reiches, nach Aechiopten hingewandert, von dem drohenden Bruderkrieg zwischen Juda und Israel angeekelt. Die anderen dret Stämme kamen nach Untergang Samarias zur Zeit der Assyrier nach und unterordneten sich dem Bruderftamm Dan willig." „Alte Berichte, auch Midraschim lassen auf eine eigene Niederlaffung der Söhne Mosts schließen. Was weiß uns unser Gast von diesen zu erzählen?" fragte der Nässt. „Ich war auch bereits zweimal bet ihnen, den genannten Bene Mosch eh", antwortete Eldad ohne zu zögern und griff nach dem bunten Turban, als riefe er einzelne Bänder als Zeugen an. „DaS heißt, ganz bei ihnen war ich nicht . . . Man kann zu ihnen nicht hinüber. Ein großer Strom trennt sie von der Welt, ein Strom, der nicht Wasser, sondern Steine in wilder Brandung wirft . . . Man nennt den Strom Sambatjon, vielleicht auch Sabbatjon, weil am Sabat die Steinwogen ruhendafür ist aber an diesem Tage das ganze Bett in einen dichten Nebel gehüllt, daß kein Menschenauge den Weg erspähen kann ..." „Und ihr habt sie stehen, mit ihnen gesprochen?" ließ sich Dunasch'ungläubige Stimme wieder hören. Der Reisende ließ sich nicht irre machen. „Ich habe sie gesehen, mit ihnen verkehrt, wie all ihre israelitischen Nachbarn auS den vier Stämmen mit ihnen verkehren — am Ufer deS Stromes, und ich erfuhr alleüber ihre Art und ihr Leben und ihre Enstehung und Entwicklung als eigenes starkes Volk." „Erzählet!" bat der Na fit so rasch, daß Dunosch eine boshafte Bemerkung in der Kehle erstarb. „Die Chaldäer baten, — Eldad spielte Leim Erzählen mit dem Siegelring auS Phöntzien — wie schon im Psalm erzählt wird, an'den Strömen Babels die Leviten, sie möchten die heiligen Gottesliedcr ansttmmen. Die Leviten hingen aber ihre Harfen an die Weiden und taten den heiligen Schwur, nicht auf fremdem Boden zu singen. Da gerieten die chaldäischen Eroberer in wilde Wut und befahlen den Lewiten unter TodeSdrohung zu singen. Sie gaben nach, aber das Lied klang traurig, matt und doch erschütternd... Der Lewiten ein Teil aber, die aus der Geschlechterfolge MosiS abstammten, btffen sich in w.ldem Weh die Finger wund, daß sie die Harfe nicht mehr mrtstern konnten . . . Schon wollten sich die Chaldäer wutschnaubend auf sie stürzen, da kam eine Wolke, hob die Mosessöhne in die Höhe und trug sie in daS Land Chawilah. Dort leben heute noch die „Bene Moscheh" an der GebirgSgrevze der vier Stämme, geschützt von den Steinenwogen des Stromes ..." Es lag dichterische Kraft in der Art, wie Eldad diese Erzählung nach dem angeblichen Berichte der Mosesiöhae selbst, in reinem Hebräisch, mit allerlei Psalmsätzen und Schrtftzttaten ausgeschmückt, von sich gab. Eldad wurde nicht müde, daS Leben, daS Glück und die Macht im Lande dieser Stämme in allen Einzelheiten zu schildern. Die Leute führten ein Nomadenleben, wußten aber auch sich gegen die Feinde mit der Waffe in der Hand tapfer zu wehren. Der König der Stämme heiße Usi el, ihre Sprache sei Hebräisch, ihr Lieblingsstudtum die Bibel, doch hätten sie weder von Mischna noch vom Talmud irgendwelche Kenutnis." Menachem ben Saruk, der still mit Anspannung aller Sinne den Erzählungen gefolgt war, griff jetzt in die Aussprache ein. „Eloads Berichte, die daS Zeichen der Wahrheit tragen, erstrecken sich auf vier Stämme. Dazu kommen Juda, Benjamin und Lewt, die mit uns die Zerstreuung teilen. So bliebe noch die Frage nach den fünf restlichen Stämmen." Eldad, ermutigt durch diese Worte, antwortete rasch, indem er mit dem Knauf des Stabes auS Korea nach allen Seiten in der Luft Linien beschrieb. „Der Stamm Jsachar lebt an der Grenze zwischen Persien und Medien, ebenfalls glücklich und zufrieden, von Ackerbau und Vieh- „Wart ihr am Ende auch dort?" fragte Dunasch mit kaum verstecktem Spotte. „Natürlich!" — Und Eldad Itc| eine lange abenteuerliche Geschichte loS, von einer unglücklichen Seereise, auf der er in die Hände von Menschenfressern geraten war. Durch die Entbehrungen der Reise war er elend und stark abgemagert. Das war sein Glück . . . Die Wilden wollten ihn noch eine zettlang mästen, während sie seinen feisten Gefährten auS dem Stamm Ascher gleich verspeisten ... Er aber entfloh, schlug sich nach Aegypten, wo er auf einem schwimmenden Baum den Nil hinunterruderte. Dort fiel er wiederum einer Räuberhorde m die Hand, die ihn an einen Mann aus dem Stamme Jsachar verkaufte. So gelangte er in daS