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Der Israelit · 1921-03-03 · Heft 9 (3.3.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 9 (3.3.1921)
Date
1921-03-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Nr. 9 -es „wmf. V > Auf der „Seeland." (Sjimmuvgsöitd aus dem Aew-Narker Kafeu ) Kaum war die „Seeland" in den Hafen eingefahren, bestieg ich das Schiff. Und sofort hatte ich das ganze Zwischendeck um mich herum. — „Ihr kommt von der Stadt?" fragten etliche Stimmen auf ein mal. Und als ich mich mit einem der Emigranten in ein Gespräch einlaffen wollte, stürmten die Fragen wild auf mich ein. Jeder und Jede hatte etwas zu fragen, zu klagen und aus» zusetzen.- „Ich depeschierte an meinen Sohn und er kommt nicht", beschwerte sich eine alte Frau. „Mein Onkel ist immer noch nicht da." „Mein Bruder kommt einfach nicht." „Mein Mann hätte schon längst da sein müssen", jammerte eine junge Frau. Ein junges Mädchen trat an mich heran und bat mich, ich möchte zu ihrem Schwager hingehen und ihm sagen, daß sie da sei. „Wo wohnt Ihr Schwager", fragte ich. In Brucklin auf Hundsdolee. Ich bedeutete ihr, daß solche Wege in der amerikanischen Großstadt sehr wett seien, wollte aber einen Brief für sie an die genannte Adresse herzensgern auf die Post geben. Im Nu war ich von Dutzenden Männern und Krauen umringt,» die alle den gleichen Wunsch an mich hatten. „Können auch wir Euch einen Brief mitgeben?“ „Ja." Nun wurde es lebendig rings um mich herum. Von allen Seiten regnete es Briefe. Eine alte Jüdin wollte mir eine rumänische Münze für Porto in die Hand drücken, ein Anderer hielt mir einen polnischen Fünfmarkschein hin. Natürlich verweigerte ich die Annahme, mit dem Bemerken, das fremde Geld habe hier keinen Wert, und ich erbot mich, das Porto selbst zu tragen. Ein junges Mädchen aus Warschau wollte von mir ausgerechnet eine deutsche Zeitung haben. Sie begnügte sich schließlich .auch mit einem jüdischen Blatte, auf das sich die Leute stürzten, wie die Bienen auf den Honig. Einer kam auf mich zugestürzt und überbrachte mir einen Brief, der an der Oeffnung mit einem schwarzen Faden zugenäht war. „Warum habt Ihr den Brief vernäht?" fragte ich. „Ich fürchtete, er könnte aufgehen." Wer weiß, welche diplomatischen Geheimnisse mir der Mann an vertraut hat für seinen Schwager, den Pedler auf Pitstreet. Ein Jude aus Poltosk von würdigem Aussehen kam auf mich zu und sprach: „Ihr seid aus New-A^rk? Was mußten wir alles zu Hause überleben. Ein Brand komme über die Bolschewiki! Waren sie bet uns in Poltosk und haben uns, mit der geladenen Flinte in der Hand, alles weggenommen. Ein Brand komme über die Bolschewik!" „Danket nur Gott, daß Ihr in Amerika seid", beruhigte ich ihn, um der Schildeung ein Ende zu machen. „Versteht sich, daß ich Gott danke", fing er von Neuem an, „ich habe garntchrs zu fürchten." Werde auch Englisch erlernen. Warum auch nicht? Ich habe doch auch „Gemoro" gelernt, was doch viel viel schwerer ist . . . War ich zu Hause Kaufmann, werde ich eS auch hier fein. Gott wird mich schon nicht verlassen . . . Wenn man nur einmal auf der Straße nicht die Haare aus dem Bart reißt, danke ich schon dem Schöpfer dafür"- „Wie war eS auf der Reife?" stellte ich eine Frage, worauf ich aber hundert Antworten bekam. „Was eine schwere Reise, was eine schreckliche Reise!" riefen sie durcheinander. „DaS Schiss war schon beim Untergehen", erzählte einer, „eS fing schon an zu finken. Die Matrosen hatten schon ihre Rettungsgürtel angelegt. Es wurde geblasen und trompetert, wie am jüngsten Gericht, und oben auf der Kommandobrücke saß-der Kapitän bereit mit dem Revolver in der Hano. . „Was wollte er mit dem Revolver?" fragte ich. „Natürlich sich selbst erschießen, nachdem er das Schiss nicht retten konnte." „Habt Ihr es selbst mit eigenen Augen gesehen?" fragte ich. „Nein, gesehen habe ich es gerade nicht, aber man sagte es . .. Das Schiff hat ja auch furchtbar geschaukelt..." „Einen schrecklichen Unglücksfall hatten wir auch", erzählte ein Anderer. „Eine Frau, sie fuhr zu ihren Kindern, wurde plötzlich krank und starb. Sie wurde ins Meer hinunter gelassen. Was ein bitterer Schmerz . . Der Mann nannte auch den Namen der Frau, und alle bedauerten die Verstorbene aus tiefstem Herzen. Ts dauerte aber nicht lange und eine Frau in den sechziger Johren kam auf uns zu. Die ganze Gesellschaft sprang erstaunt auf. „Da ist sie ja!" „Wer?" fragte ich. „Die Frau, die gestorben ist und die man ins Wasser hinuntergelassen hat ..." Jawohl, sie stand lebendig vor uns. Und die Leute? Keiner hat lügen wollen, keiner war schuld, man hatte eben so erzählt . . . Eine jüngere Frau lief von einer ESe zur anderen und steht r um Streichhölzer. „Wozu braucht Ihr Streichhölzer?" Da zeigte sie mir zwei kleine Kerzen und sagte: „Morgen ist Freitag, ich muß Licht benschen." Andere Frauen sahen neidisch zu ihr hinauf. Diese hatte noch Lichter, die Glückliche, sie aber nicht. „Nächste Woche werde ich auch benschen", tröstete sich eine Frau. Ewige ukrainische jüdische Frauen wollten wissen, wo sich verschiedene Straßen befinden. „Und wo ist die Cherif Street?" fragte eine alte Frau, „mein Sohn wohnt dort und ist Millionär." Sie hielt mir seine gedruckte Firma hin. Ich tat ihr den Gefallen und versicherte, daß, wenn dies die Firma ist, ihr Sohn gewiß einer der größten Magnaten Amerikas ist. . . Möchte sich die -alte Mutter noch ein paar Tage freuen, mit ihrem Sohne dem Millionär. Es werden wohl drei oder vier Tage dauern, bis daß sie in den Palast ihres Sohnes, in die kleine Schneid erwerkstäite, auf Cherif Street, einziehen kann. Möge sie sich derweil freuen.. . . Und die arme Frau bildet keine Ausnahme, alle wollen sie zu ihren Verwandten, die „Millionäre" sind . . . Die Mssiasträume unter Napoleon. BW Bon Ahron Markus.*) Einer jener Himmelsschwärmer, welche, aller Gesetzmäßigkeit spottend, die Astronomen in Ver- *) Zum JahrzeitStage deS rmvergehllchen jüdischen Belehrten Ah.on Markus VSft am 's *m n"i entnehmen wir auS dessen grundlegendem Werke „Der Chassidismus" obige heute doppelt interessante kulturgeschichtliche Studie. zweiflrmg setzen, war am politischen Firmament aufgrtau.cht, um mit feurigem Besen die Trümmer des durch die französische Revolution zu krachendem Etnstuz gebrachten mittelalterlichen Kerkers der Menschheit auszukehren, den Traum deS Weltreiches zu verwirklichen, den in der langen Rächt vor ihm Alexander, Caesar und Karl der Große geträumt. Klein von Geburt der Insel Corsiea entstammend, die lediglich als Heimat der Blutrache einen Namen hat, trat er die * Weltherrschaft an, als Verwirklichung des dem Nebuchadnezar zugerufenen Traumwortes (Daniel 4,14), daß die Lebenden wissen, daß ein Höherer herrscht über die Regierung der Menschheit und sie ihm gkebt, wenn Er will, und den Niedrigsten der Menschen über sie setzt. Unter den Rabbinern war es Er greise R. Rafael Cohn y'üf, der nicht, wie seine Kollegen auf dem Bilde des napoleonischen Synedrtn, überr seinen Büchern eingeschlafen war, der dieses Phänomen mit Aufmerksamkeit beobachtete. Er wandte sich damals dem ausschließlichen Studium des Tractates Kodoschim zu, denn, sagte er, die Lar-loGllok (das Glück) dieses Mannes ist eine so wunderbare, daß ich mich darauf vorbereiten muß, als „Laken Sodaul" die nTOtf zu tun. Ein Vorgänger des Balschemtow, Verfasser der merkwürdigsten kabbalistischen Schrift „Dan. jadin" unb„Karnajim", R.Schimschon von Ostropolje, der im Jahre 1648 den Märiyrertod erlitt, hatte in jener Zeit in dem letzten Kapitel eine merkwürdige Prophezeiung niedergeschrieben r „In der Zukunft wird der unter der kabbalistischen Formel „Armilus" benannte Herrscher unter dem Namen „Napel", ein Massenmörder vom Zweige Kain's, des ersten Mörders, auftauchen und sich mit JSmael verbinden wollen, wie eS bet Letzterem in dem Verse angedeutet ist: „a! pne ko! «chaw napol." Um jene Zeit hatte Bonaparte seinen aberteuerlichen Zug nach Aegypten ins Werk gesetzt, um durch Regeneration der türkisch-arabischen Macht den Traum des Weltenreiches bis nach Indien, mit Konstantinopel als Schlüffelpunkt, zu verwirklichen. In sein Programm hätte er die Ansiedelung sämtlicher Juden in Syrien mit eingeschlossen. Obwohl persönlich Judenfeind — pflegte er doch als Schüler Fackeln in daS Judenghetto zu schleudern, — waren Juden genug unter seinen Heerführern. Und um die Traumgebilde der Zeitgeschichte in ihrer blutigen Ironie zu vervollständigen, war der Jude So ult nahe daran (vgl. ll?kiers, Histoire de l’Empire), sich die Krone von Portugal aufs Haupt zu setzen, während Bernadotte im Tausche gegen den Glauben seiner Väter die Krone Gustav Adolfs aus seiner Hand bekommen und durch den Abfall in der Schlacht bei Leipzig auf seinem Haupte befestigt hat. Wie Alexander, führte ihn sein Fuß nach Palästina, aber nicht als Freund wie Jenen — denn er ließ sämtliche Palmen des Landes umhauen, als Akko seinem Heere Halt gebot und seinem ersten Traum durch die Pest ein Ende bereitet wurde. Von seinem Welteroberungszuge nach Aegypten ist nichts geblieben, als eine geistige Errungenschaft, die Erschließung einer ungeahnten Geschichtswissenschaft, Entziffenung d.r Keilschrift die ihrer!etts den Steg der Wahrheit, der heiligen Bücher des Judentums über die Abirrungen herbeigeführt hat, mit welchen die neuen Usurpatoren der Bibel im Vereine mit boshaften Renegaten seit Spinoza und Reimarus ihr Licht zu verdunkeln trachteten. Obwohl moderner Heide und als Feind der Gottestdee geboren und erzogen, hat auch diese unheimliche Erscheinung unbewußt dem verborgenen Ziele entgegenstrebt, dem Endpunkte der geheimnisvollen Aera der Weltgeschichte. Es war eine großartige Zeit, wie kaum eine zweite vor ihr, um die kühnsten Hoffnungen auf dir so treu erwartete endl.che

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