Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 8 (24.2.1921)
- Date
- 1921-02-24
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Aeuillelon-Veilaae zu Ar. 8 des „Zsraelit Des Kaisers Alkolaus letzte Landfahrt. In einer eiskalten Septembernacht erhob sich Kaiser Nikolaus aus dem Bette. Zum Fenster des Winterpalastes sah die schwarze Nacht mit langen drohenden Schatten hinein. Kälte, grimmige Kälte wohnte auch in seinem Herzen und raubte den Schlaf aus seinen Augen. Einsam, so ganz Mutterseelen allein fühlte er sich in dieser kalten finsteren Nacht. Wo waren noch die tausend Lichter, die den jungen König auf den Thron geleuchtet, da die Mafien ihm zu Füßen jubelten? Es soll damals schon Blut geflossen sein. Aber es war Huldtgungsblut, Opfer der Liebe und der Treue. So sagten damals seine Minister, seine Diener . . . O, diese Minister, diese Diener! Wie er sie haßte, allesamt. Es waren wieder Tausende, Hunderttausende, Millionen, die seit Kriegsbeginn ihr Blut, ihr Leben brachten. Ihm erzählte man von Sieg und Freude und Jubel allenthalben in den weiten Landen . . . Bis der Moment kam, da man ihm mit trockenen Worten sagte, er sollte Kaiserin und Kinder nach dem Süden schicken ... Und nun mußte er sich selbst zurückziehen ... Hier sei der Boden nicht mehr fest... Die Nie-erlagen waren groß, das Elend unbeschreiblich und Zeit war es, daß er Petersburg verließ und sich m eine ruhigere Gegend begab.. Doch mußte es rasch geschehen, rasch und unauf. fällig . . . Und d i e Diener und Berater, die sich sonst am tiefsten vor ihm bückten, ließen sich nicht mehr blicken. Einsam und allein war der mächtige Kaiser aller Reußen, und die grimmige Kälte im Herzen bewegte den ganzen schlanken Körper wie im Schüttelfröste. Um die Mitternachtsstunde verließ der Zar den Wiaterpalast. Die Newa rauschte ihm entgegen, als sänge sie ein wehmütiges Abschtedslied, schrie sie „Hurra" oder „Fluch über" . . .! Oben am Himmel jagten graue und schwarze Wolkemiffe, und es schien, als wollten sie den blaffen, erschrockenen Mond in ihrem Wettkampfe zerdrücken. Die Straße war in der tiefen Dunkelheit noch breiter und endlos lang. Mit großen Schritten bog er die Newskistraße ein. Der Wind rüttelte an seinem langen grauen Mantel und lange Schatten hefteten sich an seine Ferse, einmal vor, einmal hinter ihm her, sich gespenstisch reckend und krümmend. Dröhnend langte er mit seinen schweren Stiefeln auS und die stille Nackt zählte die wuchtigen Schritte auf dem harten Pflaster. Schon winkte von der Ferne die goldene Kuppel der Kathedrale. - Er trat an das Tor. Der aus dem Schlummer aufgeschreckte Wachtposten öffnete den schmalen Gang und in der Tiefe oes Hofes erwachte plötzlich Leben. Am mehreren Fenstern leuchtete Licht auf. Die Ehrenpforte zur Kirche wurde geöffnet und der Kaiser trat mit seiner Angst und semer Sorge in den dunklen Raum, kniete nieder und betere mehrere Stunden ganz allein. Dann bestieg er aberden Autowagen, der vor dem Portale wartete, und mit den zwei Letbiakaien und dem treuen alten Kutscher jagte er in das Dunkel hinaus, durch das Moskauer Tor, gen Weiß-Rußland. Sie fuhren und fuhren durch Nacht und Morgen, ohne Halt, ohne Rast. Hie und da wurden an einer Poststation die Benzinbehälter aufgefüllt, dann ging es weiter, immer weiter, ängstlich die Bahnstrecken weidend. Noch am dritten Tage wollten sie in Paßkow sein und von da sollte der Weg wettergehen, nach Smolensk. Ueber graue Stoppelfelder führte der Weg. Aus den Lehmhütten der Bauern kam dünner Rauch, und frierende hungernde Menschen standen vor den Türen und starrten in die kalte graue Lust. Feld und Mensch, Tier und Vogel, alles war grau, ohne Freude, ohne Farbe, ohne Leben, ohne Lied . . . Unterhalb des BergeS sah man das Dorf T s ch ap ol i. Vor Eingang des Ortes geisterten die sttüstehenden Flügel einer Wind- und Wafsermühle. Auf dem verfaulten und durchlöcherten Stroh des Daches schrieen die Raben und hackten aufeinander um ein paar Körner. Das Wasser unter der Brücke stand still und leblos. Türen und Fenster der Mühle waren mit Brettern zugenagelt, und das R a d, dieses Rad, daS lange Jahre sich Tag und Nacht drehte und so vielen Menschen ihren Lebensunterhalt gab, war stumm und tot. „Warum geht die Mühle nicht?" fragte der Kaiser einen heraufkommenden Bauer, der nicht ahnte, wer ihn angeredet hatte. „Hier", berichtete der Bauer treuherzig, „hatte ein Jude gelebt, Jenkel Kamecht mit Namen, ein großer Mensch mit rötlichem Bart und dicken Augenbraunenhatte einen Rock an, der immer weig von Mehl war. Sonst aber ein guter, braver Mann, dieser Jenkel, und er ließ einem gern was zukommen. Wie ich vor 35 Jahren tnS Dorf kam, war Jenkel bereits hier in der Mühle, und hundert Menschen waren hier und in der Umgegend bei ihm und mit ihm, die von ihm lebten. Aber eines Tages kam der Pristaw. m!t einem Befehl vom Gouverneur, und Jenkel muhte in zwei Tagen die Mühle räumen, das Dorf verlassen, „im Namen des Kaisers" hieß es . . . Seitdem, Herr, ist es öde ringsherum und düster. Das Wasser ist tot, das Mühlrad steht. Nur die Raben krächzen . . ." „Weg von hier, weiter, immer weiter!" trieb Nikolaus den Führer an. Am zweiten Morgen fuhr der Wagen am Gute P o g o r o l j a vorbei. Das Gut gehörte dem Fürsten Nasimof. Vom Hügel winkte in hellen Farben das prachtvolle Palais des Fürsten. Unterhalb des Hügels sah man aber eine ganze Reihe von Bauten, lang und schwarz, mit hohen Schornsteinen, die still und rauchlos in die Lust starrten. Kein Lebenszeichen kam auS dieser ganzen Häuserreihe. «Was sollen diese toten Häuser?" fragte der Kaiser einen daherkommenden Gutsbeamten. „Hier", antwortete der Mann, „hatte noch vor wenigen Jahren ein Jude gelebt, man nannte ihn Abraham aus Pogorolja, weil er hier geboren war, er hatte eine Branntweinbrennerei betrieben. Neben seiner zahlreichen Familie unterhielt er et le ganze Kolonie, einen Lehrer, einen Schächter, ein eigenes Bethaus, in dem man täglich Gottesdienst abhielt. Dort, das kleine Häuschen ... Da kam eines TageS die Polizei deS Gouverneurs, und, „im Aufträge deS Kaisers", sagte man — über Nacht war die ganze Niederlassung verödet . . „Weg von hier, weiter, fort, weiter J“ . . . trieb der Kaiser zur Eile. Weiße Schneefelder, zwischen denen sich wie ein Stlberfaden der Fluß htnschlängekte. Links der Brücke ein baufälliges Häuschen, Türen und Fenster nach dem Felde geöffnet. Sttohhaufen davor. Ein zerbrochenes Bettgestell, eine Backmulde und anderes Ueberbleidsel von Hausrat, Zeichen einstigen menschlichen Lebens. Der Kaiser fragte nicht nach dem einsamen Hause und fuhr weiter. Jenseits der Brücke kam aber bas Auto an einer großen Leiterfuhre vorbei, die von zwei Ochsen gezogen wurde. Der Wagen war vollbeladen mit Hausrat, Bettzeug, Küchengeräten. Hinten schleppte sich eine muhende Knh, an den Wagen gebunden, nach. Hoch oben auf dem Hauegerümpel saß eine F,au mit verhülltem Gefichre, zitterte vor Kälte und weinte händeringend. Der Kaiser sprach den Mann, der vorne die Ochsen am Zaume führte, an. . „Wer bist du, wohin willst du?" „Ich bin Jude, im Dorfe geboren. Unsere Famllte wohnte seit Menschengedenkm da unten. Gestern kam die Polizei des Gouverneurs, „im Aufträge des Kaisers" . . . sagte sie . . . Und wir muffen mit Kind und Rind das Haus verlassen. Wohin? Wir wissen eS nicht. In die Nacht, in die Fremde . . „In die Nacht, in die Fremde! . . wiederholte dec Kaiser wie im Traume. Dann aber erwachte er: „Weg von hier, weiter, weiter! ... * (HerrnfeldS „letzte Ehre"). Wir lesen im Kölnischen „Stadianzetger"! Am Samstag abend hat daS Berliner Herrnfeld-Theater ein auf mehrere Wochen berechnete- Gastspiel ei öffnet. (fine Stritt! über die künstlerischen Leistungen soll hier nicht gegeben werden) wogegen man sich aber mit Entschiedenheit wenden mutz. daS ist der Anhalt des einen der ausgeführten beiden Stücke: „Die letzte Ehre" genannt. Aehnlich dem üblichen „Jahrgedächt. iS", schreibt die jüdische Religion vor, datz zum Andenken an die verstorbenen Eltern alljährlich an deren Sterbetag ein Licht — das Jahrzeirlicht — anzuzünden ist, das einen vollen Tag von einem Sonnenuntergang bis zum nächsten, zu brennen hat. Dteser religiöse Brauch wird in allen südlichen Familien, wögen sie religiösen Vorschriften sonst noch so glerchgürig gegenüberstehen, als Akt der Pietät gegen die Eltern, hejlig gehalten. Man kann es daher nur als den Gipfel der Geschmacklosigkeit bezeichnen, um einen solchen pietätvollen Akt eine im übrigen inhaltlose Groteske zu gruppieren, die lediglich dem Hauptdarsteller Gelegenyeit zu einigen ebenso unnatürlichen, wie widerwärtigen Possen geben soll. Gegen eine solche Gefühl»- roheit mutz im Namen aller rechrdenkenden Juden, denen ein ritueller, der Pietät gegen die Verstorbene gewidmeter Brauch Herzenssache ist, entschieden Einspruch erhoben werden". — Dem haben wir nichts hinzuzufügen. inderecke. Die EchabbeSlampe und der Glühstrumpf. Lin MSrcken. „Das ist mir auch nicht an meiner Wiege gesungen worden", sagte seufzend die alte SchabbeSlampe zu einem von den vielen Glühstrümpfen, die ein Händler aus einer Konkursmasse gekauft hatte und die nun ruhig in der Eckeines Magazins lagen, „daß ich in einem Trödlerladen in so gemischter Gesellschaft meine alten Tage zubringen muß." „Gemischte Gesellschaft?" erwiederte der Glühstrumpf entrüstet, „dafür muß ich denn doch danken. Weißt Du denn nicht, daß wir hundertmal heller und schöner wie Ihr alten Oeüampen leuchten?"