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Der Israelit · 1921-02-17 · Heft 7 (17.2.1921) · page 9

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 7 (17.2.1921)
Date
1921-02-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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17. Februar iWl Der JSraelU. Nr. 1 Gelte Zerknirschtheit und in tiefster Demut sprachen sie das Bekenntnis ihrer Schuld, mit gehobener Stimme, aus reinster Ueberzeugung bekannten sie sich zu dem Einzigen, Ewigen, und in froher Zuverficht, mit heiteren Gottvertrauen schloffen sie mit den Worten Davids: „Wir werden bestehen und dauern, denn Gott hilft / der König wird uns erhören, wenn wir ihn anrufen." — Auf Fröhlich hatte der schlichte Gottesdienst zu dieser ungewohnten Stunde einen nachhaltigen Eindruck ausgeübt. Nur zögernd trennte er sich von der heiligen Stätte. Dankend reichte er Landstein, der als letzter noch zurückgeblieben war, um die Synagoge übzuschlteßen, das Gebetbuch zurück, und indem er ihm warm die Hand drückte, sprach er ergriffen: „Nächstens werden Sie mich am Jom Kippur koton auch zu den Fastenden zählen können." Mlifche Poesie. Die Bibel hat von je die künstlerische Phantasie fast in gleichem Maße befruchtet, wie das ihr zur Seite stehende andere Gotteswerk, die Natur. Maler und Musiker, Erzähler und Dichter aller Zeiten und Zonen verdanken dem biblischen Worte in all seiner schmucklosen, wahrhaftigen Schlichtheit die mannigfachsten Anregungen, deren Summe allerdings weder der Menge, noch der Wesensart nach heranreicht an die monumentalste künstlerische Verklärung des biblischen Textes, den Midrasch. ES ist kein Zufall, weun gerade in Deutschland jetzt nach so gewaltigen Katastrophen die Sehnsucht nach Licht und Kraft, wie sie in den Worten der Bibel wohnen, neu erwacht und auf die literarische Produktion etnwirkt. Eine köstliche dichterische Gabe hat, aus diesem Gefühle heraus, Max BrunS mit seiner „Arche" dem deutschen Leser geschenkt.*) Mil feinem psychologischen Verständnis hat sich der Dichter in die Seelen der Helden, -es Noah, seiner drei Söhne und deren Frauen, sowie der frei erfundenen „Urmutter Jiska" versenkt, aus jedem von ihnen eine starke und reiche Individualität gemeißelt, um dann in einer packenden (oft vielleicht etwas allzu phantastischen) Darstellung vom Augenblick des Archenbaues an durch all' die endlosen Nächte der Vernichtung bis zur endlichen Erlösung auf dem Boden der verjüngten und gereimgten Erde hindurchzuführen. DaS innere Erleben der mit der Tierwelt in den schwimmenden Kasten gezwungenen Menschenfamilie ist von einer Lebendigkeit und einem Reichtum, daß trotz aller Eintönigkeit des äußeren Geschehens der denkende Leser keinen Augenblick die Spannung verliertwer gewohnt ist, Jahr um Jahr sich selber immer neu in das Bibelworr zu versenken und die jüdischen Kommentare kennt, wird vielmehr — unbeschadet manches tremdartigen — -och auf viele neue Gedankensfociattonen stoßen und für die Anregungen des BrunSschen Buches dankbar sein. Während Bruns eine völlig freie Seelenmalerei in den weilen Rahmen der biblischen Erzählung hinein» gestellt hat, bietet uns Arno Nadel**) in seinen biblischen Szenen: Der Sündenfall, Abraham, RahelS Tod, MofeS Berufung, Samuel, Ruth, Jona metrische dichterische Bearbeitungen in ziemlich engem Anschluß an die Charakterzeichnung der Bibel. Stellenweise erhebt sich Nabels Diktion zu hoher poetischer Schönheit und frappierender Wirkung, so z. B. in der Sündenfaü-Szene und in der schlichten, rührend-anmutigen Darstellung von Rahels Tod. Dagegen versagt seine Kraft an anderen Stellen, wo, wie z. B. in dem großen Monologe Abrahams, der unseres Erachtens ästhetisch verfehlte Versuch gemacht wird, Reltgionsphtlosophie im Rythmus zu dozieren. Auch in der Berufungsszene des Moses bleibt das Können hinter dem Wollen zurück. Warum Nadel darauf verzichtet hat, die gewagte Ruth-Szene durch die Verwendung des historisch gegebenen religiösen Motivs erträglich zu machen, ist uns nicht verständlich. Alles in allem verdient Arno Nabels Versuch, jedenfalls dankbarste Anerkennung, und wir sind sicher, daß seine Dichtungen in manchem jüdischen Kreis die verdiente szenische Wiedergabe erleben werden. Die Ausstattung ist glänzendschade nnr, daß irgend ein hypermoderner „Geschmack" das Buch durch ein für unser Empfinden abscheuliches Titelbild verunziert hat. Wir glauben, daß nicht nur Eva, sondern sogar die Schlange den Zeichner vor jedem Gericht wegen Beleidigung belangen könnte. *) D i e A r ch e. Bon den Nächten der Flut, der Vernichtung und des Traumes. Bon Max BrunS. Minden (Westfalen), Verlag von I. £. S. BrunS. Geh. IS Mk., geb. IS Mk. **) Der Gün de «fall. Sieben biblische Szenen von RrnoNadel. BerltnlM). JÜdischerBerlag. mderecke Die Lampe ohne Oel. (Aus atteu Nücheru.) Einer der großen Toffaphisten, (das sind die Männer, die nach Raschi den Talmud erklärt haben) war Rabbi Jechiel von Paris, der alle Gebiete der jüdischen Lehre beherrschte und außerdem im Rufe stand, in die Geheimnisse der Kabbalah eingedrungen zu sein. Unter vielen anderen Wundertaten, die man sich im Volke von ihm erzählte, erstaunte am meisten die von der Wunderlampe, die stch der Rabbi selbst angefertigt haben sollte, und die in seinem Arbeitszimmer immer brannte, ohne daß sie Oel oder anderen Brennstoff enthielte. Die wurdersame Mär ging durch die ganze Stadt und gelangte auch bis in den Palast des Königs, wo man auf die Sache neugierig wurde. Der König ließ alsbald auf Umwegen anfragen, wie es. sich mit dieser geheimnisvollen Lampe verhielte. Rabbi Jechiel hatte aber allen Grund zu befürchten, daß ihn die Sache Unnehmlichkeiten eintragen könnte und schwieg sich darüber aus. Nun rieten die Minister dem König, er möchte zur Feststellung der geheimen Lampe sich einmal nächtlicher Weise unangemeldet bet dem Rabbi selbst umsehen, was^der^König auch zusagte. An Judenfeinden hat es zur damaligen Zeit auch in Paris nicht gefehlt, die keine Gelegenheit versäumten, Juden zu kränken und zu verspotten. Zuweilen ' pflegten auch Gassenjungen nachts an Türen und Läden der jüdischen Häuser zu klopfen, um sie zu erschrecken und zu ärgern. Um sich vor solchen Störungen und Belästigungen zu schützen, hatte Rabbi Jechiel ein Instrument erfanden, das mit großer Sicherheit funktionierte. Ein Nagel aus seinem Arbeitstische stand in dünner Drahtverbindung mit der Türe draußen, so daß wenn sich jemand in nächtlicher Stunde dort zu schaffen machte, der Nagel in Bewegung geriet. Der Rabbi drückte dann auf den Nagel und der Mann draußen wurde wie von einem Strome ersaßt und fiel halbbetäubt zu Boden. « .»!t Im Einvernehmen mit seinen Räten und Ministern machte sich der König nachts auf und ging in Begleitung von einigen Dienern, die sich im Judenviertel gut auskannten, bis an das Haus von Rabbi Jechiel. Da die Begleiter das Geheimnis nicht erraten sollten, ließ sie der König weit zurücktreten, er selbst aber klopfte mit fester Hand an die Türe des verschlossenen Hauses. Rabbi Jechiel, ganz vertieft in seine Bücher, konnte um diese ungewöhnliche Stunde an nichts anderes als an einen losen Gesellen denken, der ihm einen Streich spielen wollte. So drückte er denn rasch auf den Nagel. In dem Momente fiel draußen der König zu Boden und blieb unbeweglich liegen. Nun aber ereignete sich im Zimmer des Rabbi etwas ganz Seltsames. Der Nagel, der so fest im Tische saß, fing an zu zittern und bewegte sich, als wollte ihn eine geheime Hand aus dem Holze reißen. Rabbi Jechiel ahnte den Wink und eilte auf die Straße hinaus. Wie erschrocken stand er nun, als er den ihm wohlbekannten König von Frankreich da liegen sah. Mit Hilfe von ytnzugekommenen Männern trug er ihn ins Haus und bald gelang es, seinen LebenSgetst wieder zu wecken. Auf die Frage des Rabbi, waS den König dazu verattlaßte, bei Nacht und Nebel in dieser Gasse, am Hause eines armen Juden zu klopfen, antwortete der König, er sei nur vom Wunsche getrieben, das Rätsel von der Lampe ohne Oel zu erraten. Jetzt konnte Rabbi Jechiel die Sache nicht mehr bestreiten, umsoweniger, als die Lampe vor ihnen stand und, obwohl ganz leer, ein helles, prächtiges Licht von sich gab. Er mußte nun die Wahrheit erzählen, wie er mit Hilfe der geheimen Wiffenschaften sich diese Lampe angefertigt hatte, um an ihrem Lichte in den Nachtstunden ungestört dem Thorastudium obliegen zu können. In langen Stunden der Unterhaltung erkannte der König Rabbi Jechiel als einen Mann, der nicht nur in der Thoragelehrsamkeit, sondern auch in allen weltlichen Wissenschaften sich gut auskannte. Und er bat ihn, mit in den Palast zu ziehen und ihm als erster Berater zur Seite zu stehen. Rabbi Jechiel war von diesem Anerbieten nicht sehr entzückt, da ihm nicht der Sinn nach Ehren und Aemtern stand. Das Studium der Thora stand ihm viel höher als alle äußeren Würden und Porteile. Dennoch konnte er den Wunsch des Königs nicht zurückwetsener bat stch jedoch aus, nicht mehr als drei Stunden im Tage Dienst tun zu müssen, damit der große Rest des Tages ihm fär die Thoralehre übrig bliebe. Am zweiten Tage erschien ein königlicher Befehl, in dem strenge Strafen für all diejenigen vorgesehen waren, die es wagen sollten, noch fernerhin Juden irgendwie zu erschrecken, zu belästigen oder zu verspotten. Auf die Kränkung von Juden war die Todesstrafe gesetzt. Vermischtes. Berlin, 8. Febr. Alles Dagewesene wurde.'gestern abend durch den Verlauf einer demokratischen Versammlung in Dahlen in den Schalten gestellt. Mbwohl auch ein deutschnationaler Redner dem demokratischen Referenten, Chefredakteur Nuschke, das Zeugnis ausstellte, streng sachlich gesprochen zu haben, störten die anwesenden Kunze-Jünger von Anfang an das Referat durch die geistlose Wiederholung de» Zwischenrufes „Die Juden, die Juden"! Der Referent geißelte die antisemitischen Exzesse als Teilerscheinung des allgemeinen sittlichen Verfalls. Als er darauf hinwies, daß die Polen besonders antisemitisch gesinnt seien, »wurde diese Feststellung von den Antisemiten mit frenetischen! Bravo begrüßt. Auch als der Referent daraus den Bestand einer „antisemitischen Internationale" folgerte, stimmten die DeutschvöMschen zu. Nur mir Mühe konnte die Versammlung zu Ende geführt werdenlrdigltch die Tatsache, daß die weitaus größte Mehrheit diesen Radauantisemttismus entschieden ablehnte, ermöglichte es, die antisemitischen Schreier einigermaßen in Schach zu halten. Die Agitation der Dentschvölkischen im Wahlkreise Potsdam U zeitigt auch sonst duftige Blüten. Die Eisenbahnabteile werden mit antisemitischen Inschriften beschmiert, auf die Fahrpläne drückt man die Hakenkreuzstempel und überall an Zäunen, Häuserecken und Masten sind diese antisemitischen Spuren zu sehen. Wirs fich die Bevölkerung des Wahlkreises Potsdam ll am Wahltage von dem dentschnmionalen Mobantisemitismus endlich freimachen? Hohenau, 7. Febr. Rabbiner und Prediger K. R. Noteles aus Wien, wurde von unserer Gemeinde als Vorsteher des Lehramtes ernannt. Herr Rabbiner Noteles ist ein streng konservativer Judeseine Studien genoß er auf ungarischen Jeschiwos und als außerordentlicher Hörer an der Wiener Nniversttät. Schmalnau, 7. Febr. Am Freitag, den 28. Januar, kehrte nach fast sechsjähriger Gefangenschaft in Ostsibtrien Jakob Katz, Sohn des hiesigen Gemeindemiiglieds Moses Katz, als letzter seines Ortes in die Heimatgemeinde zurück. Es war erhebend, mit welcher Feierlichkeit der Heimkehrende von den jüdischen und nichtjüdischen Bewohnern seines Heimatortes und der Umgebung empfangen wurde. Znm Empfang am Bahnhof waren erschienen der Bürgermeister, sowie Vertreter verschiedener Vereine der Umgegend. Ein Gemeindevertreier hielt eine rührende Begrüßungsansprache, alsdann wurde der Hetmkehrende mit Musik in einem Festzug durch eigens errichtete Ehrenpforten kurz vor Sabbateingang in das Elternhaus geleitet. Auch der katholische Pfarrer des Ortes erwähnte bet einer Ansprache das gute Verhältnis der Konfessionen am hiesigen Orte im Hinblick auf dieses Ereignis. In der Synagoge, wo der Hetmkehrende um Sabbat zum ersten Male seit langer Zeit wieder zur Thora aufgerufen wurde, waren WillkommStafeln mit finnigen jüdischen Sprüchen angebracht.

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