Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 7 (17.2.1921)
- Date
- 1921-02-17
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Feuilleton-Beilage zu Ar. 7 des „Hraeki". Auf Treu und Glauben. Von Heinrich EinftSdter. „Gute Nacht.' Gute Nacht!" So hatten die Kinder nochmals gerufen und sich zum letzten Male an Vater und Mutter geschmiegt, um dann endlich ihre Schlafstätte aufzusuchen. Zu früh war ihnen die Aufforderung gekommen, zur Ruhe zu gehen. Das war allerdings fast an jedem Abend der Fallaber heute hatte es ihnen geschienen, als ob die Mutter noch eher als sonst gesprochen hatte: „Kinder, nun ^geht zu Bette!" Nur flüchtig hatten sie darüber nachgedacht, warum sie wohl so bald schlafen gehen sollten - als folgsame Kinder hatten sie jrdoch nicht gefragt. Jetzt schliefen sie bereits und träumten von allerlei guten und schönen Dingen. Wie glücklich sind doch Kinder in ihrer Harmlosigkeit! Wieder war ihnen ein Winterabend in Luft und Freude vergangen. Sie ahnten nicht, welch drückende Sorge indes ihren lieben Vater peinigte. Die gute Mutter hingegen hatte längst in ihres Mannes Mienen gelesen, der am späten Nachmittage nach Hause zurückgekehrt war und vor ihren liebevollen, teilnehmenden Augen nichts zu verbergen vermochte, daß sein Sinn heute nicht bei dem munteren Gespräche weilte, das die Kleinen führten. Jetzt waren die Gatten alleinnun konnten sie sich aussprechen. „Lieber Mann!" begann die Mutter. „Was ist dir heute begegnet? Fühlst du dich nicht wohl? Oder hattest du Unannehmlichkeiten im Geschäft? Verbirg mir nichts, denn du weißt, daß mir die Hälfte gehört von allem, was dein Herz bewegt." Ein inniger Blick aus des Mannes Augen flammte zu ihr hinüber. „Dü bist mein bester Kamerad. Dir will ich nichts verheimlichen. Und selbst wenn ich wollte, du würdest doch meine geheimsten Gedanken erraten. So wisse denn: Morgen ist der 1. November und ich kann die Fristen nicht zahlen.? Der klugen Frau war sofort klar, was das bedeutete. — Philipp Wernherr hatte in den letzten Jahren Feld und Wiesen gekauft. Der Preis war in Raten, in sogenannten Zielfristen zu entrichten und zwar nicht an die früheren Besitzer, sondern an Personen und Genossenschaften, die das Geld beim Abschlüsse des Kaufes gegen einen entsprechenden Abzug gegeben hatten. Wenn der Schuldner die Zahlung nicht an den verabredeten Terminen leisten konnte, so lief er Gefahr, des ganzes Grundstückes verlustig zu gehen. Durch unvorhergesehene Ümstäude war diesmal Wernherr in Verlegenheit geraten. Geschäftsfreunde waren mit ihren Zahlungen in Rückstand geblieben, und ein plötzlicher Preissturz hatte es ihm unmöglich gemacht, Waren zu verkaufen, die er in größerer Menge aufgestapelt hatte. Ruhig und sachlich besprachen sich die beiden Eheleute. Wcrnherr wollte es gerne vermeiden, von Bekannten Geld zu borgen, da er sich dessen schämte und auch befürchten mußte, daß fein Geschäft dadurch leiden könnte. Wohl hatte er in einem benachbarten Orte einen reichen Verwandten. Der hatte aber ein hartes Herz, und es war nicht sicher, ob er auch helfen würde. Da sich aber gar kein anderer Ausweg fand, wurde beschlossen, daß Wernherr anderen Tages den Vetter aufsuchen sollte. Vor seiner Abreise wollte er seine Barschaft, die ungefähr der Summe entsprach, die das katholische Pfarramt aus Stiftungsurkunden vorgeschoffen hatte, dem Pfarrer überbringen, um wenigstens einen Chillul Haschern, eine Entweihung des göttlichen Namens, zu vermeiden. Sobald wie es die Sitte erlaubte, fand sich denn auch Wernherr anderen Tages im Pfarrhofe ein. Der Geistliche empfing ihn freundlich. „Sie haben es aber eilig, Ihr Geld los zu werden, Herr Wernherr. Weshalb kommen Sie so früh?" „Ich muß noch verreisen, Herr Pfarrer", antwortete der Andere, und mit niedergeschlagenen Augen frtzte er hinzu: „Ich bitte Sie auch um Nachsicht, daß noch hundert Mark fehlen. Ich hoffe, sie morgen bringen zu können". Der Geistliche wurde aufmerksam. Er bat den Besucher, Platz zu nehmen, und sprach dann mit ruhiger Freundlichkeit zu ihm: „Wir kennen uns schon lange, Herr Wernherr, da nehmen Sie mir altem Manne eine Frage nicht übel. Haben Sie die übrigen Gläubiger schon befriedigt?" „Nein, Herr Pfarrer, ich bin durch allerlei mißliche Zufälle in Verlegenheit geraten und muß darum Geld aufnehmen, bis ich selbst wieder größere Zahlungen erhalte". „Das kann ich wohl begreifen. Wissen Sie schon, wer Ihnen den Betrag vorstreckt?" „Ich will es zunächst bei eine.n Verwandten versuchen". Da legte der Pfarrer ihm die Hand auf die Schulter: „Wenn Sie es erst versuchen müssen, da » ist der Erfolg noch recht fraglich. Dagegen sitzt hier jemand Ihnen gegenüber, von dem Sie die Summe ohne Weiteres haben können." Erstaunt und sichtlich gerührt schaute Wernherr dem Pfarrherrn ins gütige Angesicht: „Woraufhin und gegen welche Sicherheit dürfte ich eine so große Gefälligkeit von Ihnen annehmen?" „Darüber will ich Sie aufklären. Zunächst kenne ich Sie als einen ehrlichen, fleißigen Mann. Dann aber stehen in meinem Buche noch mehrere Posten zu Ihren Gunsten." Wernherr wußte nicht, wie er das verstehen sollte, da fuhr der würdige Geistliche lächelnd fort: „Der Jude, der stets feinen christlichen Mitbürgern gegenüber so mildtätig und hilfsbereit ist, bleibt auch dem Pfarrer nicht gleichgül ig. Der jüdische Dienstherr, der seinen katholischen Dienstboten so gewiffenhaft die Gelegenheit bietet, ihre religiösen Pflichten zu erfüllen, dessen. Familie an kirchlichen Fasttagen selbst den Fleischgenuß vermeidet, damit jene nicht in Versuchung geraten, der wird auch von dem Seelsorger nicht übersehen. Darum gebe ich Ihnen gern das Darlehen, das Sie benötigen." Mit Tränen in den Augen dankte Wernherr. Dann fragte er, welche Sicherheit er bieten müsse. Da sprach der Geistliche lächelnd: „Die Sicherheit gewährt der 37. Psalm, in dem es heißt: „Der Böse leiht und zahlt nicht, aber der Gerechte ist wohltätig und verschenkt." Zvm Kippur kotvn. Bon H. E. I. Im kleinen Landstädtchen ist Viehmarkt. Der weite Marktplatz ist seit dem frühen Morgen das Ziel vieler Laudleute und Händler, die zumeist in kleinen Korbwagen vor den zahlreichen Gast- Hausern anfahren. Nach und nach ordnet sich ein ganzer Wagenpark aus der einen Seite des Platzes, während sich auf der anderen um den alten Marktbrunnen herum eine stattliche Anzahl von Verkäufern mit ihren Oäsen, Kühen und Kälbern gruppiert. Allenthalben herrscht muntereres Leben. Ldute Zurufe tönen, klatschender Handschlag fällt. Hier wird das verkaufte Vieh hinweggeführt, dort anderes hinzugetrieben. Die Bauersleute, die ihr Geschäft abgeschlossen haben, besuchen die Schenken und Kaufläden, die selten so gefüllt sind wie heute. Zwischen den Bauern und den Handelsleuten aus dem eigentlichen Markte bewegen sich zwei Herren, die offenbar nicht zu beiden Berufsarten gehören. Der eine, städtisch gekleidet, hält eine dicke Ledermappe unterm Arm und spricht bald diesen, bald jenen Besitzer oder Viehhändler an. Er ist ein Bankier aus der nächsten größeren Stadt und besitzt im Städtchen eine Filiale, die sich besonders an Markttagen regen Zuspruchs erfreut. Soeben begrüßt er den anderen, einen angesehenen, im Städtchen ansässigen Kaufmann. „Guten Tag, Herr Landstein! Was führt Sie hierher? Ich sah doch soeben, daß Ihr Laden kaum die Käufer faffen kann und glaubte, daß Sie alle Hände regen müßten, um die Leute zu bedienen? Suchen Sie jemand?" „Wohl, Herr Fröhlich! Ich suche Glaubens, genossen, die fasten." — Herr Fröhlich machte ein erstauntes Gesicht, denn er wußte nicht, wie er diese Antwort verstehen sollte. Er stand dem religiösen Leben nicht so nah, daß er sofort hätte orientiert sein können, aber er besaß tiefes religiöses Gefühl und empfand hohe Achtung vor allen, die gewiffenhaft und unter großen Opfern in den Bahnen des Religionsgesetzes wandelten. Niemals hätte er sich so wett vergessen, über religiöse Gebräuche, die ihm fremd waren, zu spotten oder über Leute, die sie übten, billige Witze zu reißen. Er war eine durchaus vornehme Natur, und alles, was die Religion betraf, wurde von ihm ernst behandelt. Darum klärte ihn auch Herr Landstein sogleich aus. Es war Erev Rosch-Chodesch, und er wollte versuchen, ob er nicht ein Mtnjan zu Jom Kippur koton versammeln könnte. Die kleine Ortsgemeinde umfaßte nur wenig Mitglieder, aber vielleicht fanden sich unter den Viehhändlern, die heute aus den Dörfern der Um- ' gebung zum Markte gekommen waren, einige Leute, die fasteten, und da wollte Landstein nicht die gute Gelegenheit Vorbeigehen lassen, einen Gottesdienst abzrchalten. Kaum hatte der Bankier das gehört, so unterstützte er auch schon eifrig Landstetns Bemühungen, und beide hatten dann auch nach kurzer Zeit die Befriedigung, das Minjan als gesichert betrachten zu können,. II. Die Uhr aus dem alten Rathausturm hatte gerade Eins geschlagen, als sich in dem Betsaale ihm gegenüber zwölf Männer versammelten, um in andächtigem Gebete um Verzeihung ihrer Verfehlungen zu Gott zu flehen. Auch Herr Fröhlich befand sich unter ihnen. Er hatte früher noch nie von Jom Kippor koton gehört, und Herr Landstein reichte ihm ein Buch, das auch die Uebersetzung der Gebete enthielt. Die Fastenden umhüllten sich mit dem Tallts und legten Tefilltn, und ein älterer, würdig aussehender Mann trat vor die heilige Lade. Mit ang nehmer Stimme und tiefem Gefühl trug er die herrlichen Gebete vor, um den anznflehen, der die Monatsansänge als Zeichen der Sündenvergebung eingesetzt, das Gewicht aller Vergehungen zu mindern gleich der Gestalt des abnehmenden Mondes und das Mtnchagebet, in Aufrichtigkeit gesprochen, als fromme Gabe wohlgefällig aufzunehmen. Mit sichtlichem Verständnis und inniger Andacht beteiligten sich die Anwesenden an den Wechselgrsängen derSelichaus,in aufrichtiger