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Der Israelit · 1921-02-10 · Heft 6 (10.2.1921) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 6 (10.2.1921)
Date
1921-02-10
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Feuilleton-Vellage zu Ar. 6 des Israelit". Ser bärtige Held. Gin polnisches WeifeSitd. Fauchend fuhr der Zug m die Station ein. Vier polnische Offiziere, stolz und gravitätisch, bestiegen das Trittbrett und sahen sich nach einem Platz um. % W „Hier in diesen Wagen", rief einer, „da sind noch viel Plätze frei" G §•• „Drinnen sitzt aber ein Jude", wandte der Andere ein, „ein richtiger Jude mit Bart und Seitenlöckchen." „Schadet nichts," ries der Erste gutgelaunt, „und sollte uns der lange Barte stören, so können wir ihn ja ein wenig kürzen ..." Die Militärs stiegen in das Abteil und nahmen herrisch und großspurig ihre Plätze ei>', von den Mitreisenden kaum beachtet. Nur den langbärtigen Juden in der Ecke schüttelte ein unbestimmtes Bangen. Er überlegte, ob er sich nicht besser aufmachen und einen anderen Wagen aufsuchen sollte. Die Offiziere fingen eine laute Unterhaltung an. Sie waren in den Wagen getreten, wie man in ein Nachtbar tritt. Als wäre alles nur für sie bestimmt, und ihre Stimmen beherrschten ganz den Raum. Schon nach wenigen Redewendungen kamen sie von ungefähr auf die Juden zu sprechen. Und einer, er wurde S tatzki genannr, gab zum Erstaunen aller seiner Meinung Ausdruck, daß es doch ein himmelschreiendes Unrecht sei, die Juden auf Schritt und Tritt zu beleidigen und zu verfolgen. „Seit wann bist du Judenfreund?" lachten die Anderen. „Ich weiß es nicht, ob ich Judenfreund bin und seit wann ich es bin. Ich weiß nur, daß ich von Kindheit auf die Juden haßte. Mehr wie einmal fragte ich mich nach dem Grunde dieses Haffes. Ich konnte mir keine Antwort geben. Mir war eben wie so vieles andere auch dieser Haß von der Kinderstube, vom Elternhaus, von der Schule, von der Umgebung in Fleisch und Blut etngehämmert worden. Ich haßte die Juden und haßte oft mich selbst ob dieses Haffes. Bis ich eines Tages lernte, daß cs jüdische Helden gibt, Helden, denen wir Respekt schulden, die uns höchste Verehrung abringen, von denen wir sogar lernen könnten! . . ." „Meinst du, die paar Juden, die, weiße Raben, auf dem einen oder anderen Schlachtfelde für oder gegen uns gekämpft haben?" fragte einer der Kameraden. „Nein", antwortete Statzki mit Nachdruck, „ich meine gerade die echten, die alten, die bärtigen Juden." „Respekt und Verehrung vor diesen langbärtigen Asiaten?" lachten die Anderen. „Ja", antwortete Statzki ruhig. „Siehst du dort, öen Mann in der Fensterecke? Auch dieser ist ein Jude, trotz seiner Bartlosigkeit, und weißt du warum dieser keinen Bart trägt? Aus Angst vor mir, vor euch, daß wir ihn; nicht wehe tun, daß wir ihm das Judentum nicht anmerken. Konnte es der Andere, der Langbärtige in der anderen Ecke nicht gerade so machen? Wie wenig gehört dazu, sich Rock und Bart zu kürzere? Er tat es aber nicht — weil er sein Gesetz, seinen alten Brauch, die Liebe zu seiner Ueberlieferung! über die Angst vor uns stellt. Nun frage ich ' euch, ist das nicht Heldentum, Heldentum ganz eigener Art, die wir noch nicht ergründet haben? Dieser kleine Jude fährt zusammen beim Betten eines Hündchens, erzittert, wenn er eine geballte Faust sieht, aber mutig wie ein Löwe trägt er sein Judentum, seine alten Bräuche durch die feindlichen Reihen. Er begibt sich beständig in Gefahr, fährt in der Eisenbahn und ist auf jeder Station einem neuen Ueberfall ausgesetzt — wegen seines Kaftans, seines Bartes . . . Und er trägt ihn dennoch, der Held! . . ." Die Kameraden lachten nicht, aber stimmten auch nicht bei. Einer sagte: „Trotz! Jüdische Härtnäcktgkeit, nichts anderes als das!" „Meinetwegen", gab Statzki zu, „mag es so sein, aber Hartnäckigkeit ist auch Steifnackigkeit, und diese ist schon Mut, sogar ein höherer Grad von Mut. Am Ende es ist auch dieser Hartnäckigkeit wegen, daß wir sie so Haffen . . . Der Jüngste der Schaar fand seine jugendliche Ausgelassenheit wieder. „Einen neuen Helden hat uns Freund Statzki entdeckt", lachte er laut. „Es geziemt sich also, diesem Helden das Ehrenzeichen anzuhängen. Hier, ein Ehrenzeichen der Oesterreichischen Regierung seligen Angedenkens. Der Jude soll es haben. Eine Auszeichnung für sein Heldentum. Mann, hierher!" rief er dem Juden zu. Der Jude erschrak und wurde kreideweiß. „Ich bitte, gnädiger Herr, habt Erbarmen!" flehte er. „Hierher, es geschieht dir nichts! Du sollst die wohlverdiente Auszeichnung bekommen für dein Heldentum". „Auszeichnung, Heldentum?" zitterte der Jude. „Jawohl, Heldentum. Für deinen Bart und Seitenlöckchen, die du so mutig durch die Welt trägst..." „Für diese Heldentaten", erwiderte der Jude etwas beruhigter, „bin ich bereits zur Genüge ausgezeichnet". „Wieso das?" „Hier", sagte der Jude, „auf der linken Wange trage ich bereits das Ehrenzeichen. Vor Wochen bei einem Ueberfall auf mich aus der Station C. wo man mir mit den Barthaaren. .. »Der Jude zeigte statt weiter zu sprechen eine kaum vernarbte Wunde an der linken Kinnseite. Die Offiziere konnte auf einmal den scharfen Blick des Juden nicht aushalten und senkten die Augen, und der Jude benutzte diese Verlegenheitspause, sich wieder still auf seinen Platz zu begeben. „Was sagt ihr nun zu diesem ganz eigenartigen Heldentum?" triumphierte Statzki. Lehmelend. Von S. Brückheimer in Marktbreit. Irgendwo — in Baden, Hessen, vielleicht auch in Bayern — tft jüngst ein jüdischer Religionslehrer ge» storben. Und das würde als nichts Absonderliches erwähnt zu werden brauchen, wenn nicht diesem jüdischen i'ehrer zum ersten Male in feinem Erdenwallen ein Recht zugekommen wäre: Das Recht — zu sterben .... Sie lächeln über dieses seltsame Recht?, schütteln ungläubig den Kopf? Kommen Sie mit mir! Ich will Sie rückwärts sehen lassen ln ein zürn Stillstand gekommenes Räderwerk, dessen vom Lebenskämpfe müde Federn ausgeschwungen haben. Wir wollen suchen, was ihm sein Dasein lebenswert gemacht haben mochte: Sein Beruf vielleicht? Religiöse Gefühle zu erzeugen in den kleinen, van nebelhaften Märchengebilden noch angefülkten Kinderköpfen, bemühtes Gottsuchen zu veranlassen, damit dieses Hohe sie schutzengelgleich behüte in den Niederungen des Menschsein: Das sind wahrhaft sternenhehre Ziele. Diese Höhenwege werden aber nur anfangs etwas begangen. Wenn die Schüler nicht von selbst — den Widersmuch zwischen Schule und häuslicher Lebenssührnng verspürend — schon avschwenken, so werden sie von den Eltern heruntergezerrt, denen Religionsunterricht unnütze Zeitvergeudung, der Religionslehrer nur eine belanglose Zugabe neben dem Sch och et iit. Und tu dem Schlamme der materialistischen Genußsucht, der leider beutegierig einen Teil der Menschheit würgend zu bedecken scheint, versinken die ArbeilSwerte des jüdischen Religionslehrers. Die Achtung etwa, die man seiner Persönlich, keil entgegenbrachte? Wovon der geschäftsmäßig orientierte Mensch nichts hält, dafür gibt er nichts, das hat bei ihm wenig Geltung Ich weiß im Augenblick keine noch so geringe Dienststellung, die soviel tägliche Demütigung in sich bärge wie die des jüdischen Religionslehrers, an dem ein Jeder in der Gemeinde sein Herrschgelüste befriedigen kann. Die Verträge, die man mit ihm schließt, gleichen nach Fassung und Inhalt jenen in vielen Punkten, die man im ausgehenden Mittelalter mit dem Türmer und Nachtwächter emgegangen ist. Da und dort heißt es: 1. „Item mutz er. 2. Soll er . 3. Darf er . .. und dafür Erhält er: 39 Gulden". Aber! Ich bitte wirklich um Entschuldigung. Ich habe Sie da ein wenig falsch unterrichtet. Die paar lumpigen Gulden sind nur die Bezahlung des Turmwächters in Marktbreit auS dem Jahre 1560. Soweit mir eine Statistik über Religionslehrer aus einem süddeutschen Land zugänglich war, dürfte das Gehalt dieser Beamten in Rücksicht auf die momentane Teuerung sich etwa im Durchschnitt zwischen 200» bis 6000 Mk. bewegen. Und das sind wirklich ganz bedeutende Summen — im Vergleich zu jenen im Mittelalter. Wundern Sie sich jetzt immer noch, daß dieses in Irgendwo gestorbenen Lehrers einziges Recht eben das Sterben gewesen ist? Und denken Sie sich! Niemand hat er darum um Erlaubnis fragen müssen! Und er war doch Zeit seines Lebens an derartige Bitten gewöhnt worden. So, wenn er z. B. zwei Tage Ferien brauchte, wenn seine Gebühren um einige Pfennige erhöht werden sollten, wenn er in der Gemeindeversammlung, (in der doch jeder schreien kann, was ihm gerade einfällt) — wenn er da etwas zu sagen wünschte. Aber am Ende des Lebens wurde er Revolutionär. Er starb — ganz selbstverständlich und — fragte vorher nicht einmal den Parnes! Kurz vor seinem Tode ist aber etwas passiert, das ich des Erwähnens für wert halte. Die jüdische Barmherzigkeit, die allerdings oft fälschlich sich dort zeigr, wo das selbstverständliche Recht ordnend etngreifen müßte, erwachte auch in Irgendwo. Man besann sich und kam zujdem Schluffe, daß dem Lehrer, durch sein längeres Kranksein, wohl größere Ausgaben erwachsen sein dürften, und die Verwaltung trat darum zu einer Sitzung zusammen. „Wieviel beträgt eigentlich sein fireS Gehalt"?, fragte der sehr vermögende Großhändler. „Sechstausend Mark", entgegnete der Vorstand. Da war'S eine kreine, Weile still im Kreise, so, wie dann, wenn in einer Gesellschaft etwas gesagt wird, das alle wissen und doch nicht hören wollen. Und den Frager faßte eine Unruhe, da ihm plötzlich in unwillkürlichem Vergleich die Summe der Rechnung einfiel, die ihm seine Frau kurz vorher allein für Ausgaben an Lebensmitteln präsetttiert hatte. Auch der Vorstand fuhr in nervösen Handbewegungen über seinen Kopf hin. Vor dem Tod haben eben die meisten einen ganz heidenmäßigen Respekt. Ganz besonders die Begüterten. Die Lebensnöte der Andern können sie nicht schrecken. Dagegen sind sie gegürtet- und mit ein paar Brocken von ihrem Tische glauben sie in richtigem Maße menschenfreundlich gewesen zu fein. Aber wenn der Tod sich in irgendwelcher Beziehung zu ihnen setzt, dann kommt gerade über diese Schein-Starken eine beengende Angst, durch die sie mit einem Male wieder erkennen, daß sie auch nur Pächter ihres Besitzes sind. Und in keinem anderen Falle wohl wird mit volleren Händen gegeben, als in der Furcht vor dem Sterben. Diese und ähnliche Gefühle mögen wohl die ganze Versammlung bewegt haben. Denn als der Vorsitzende eine ziemlich bedeutende Summe als Gehaltserhöhung vorschlug-, wurde diese einstimmig gut geheißen. Als am Morgen darauf der Vorstand das HauS des Lehrers betrat, um diesem den Beschluß miizuteilcn, hörte er gerade noch den Schluß der Sterbe-- gebete. Der Lehrer war gestorben. Trotz der ... . oder . ... ohne die Zulage?

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