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Der Israelit · 1921-01-27 · Heft 4 (27.1.1921) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 4 (27.1.1921)
Date
1921-01-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10 Nr. 4 Der Israelit. 27. Januar *.321 einem im Nebel ganz ertrinkenden Flämmchen zusammengeschrumpfte Winteräpfel und Feigen verkauft, erinnert mich mit seinem Warenlager an die Obsthändlerin, die ich 1912 in Wilna gesehen und deren Kram mich in seiner armseligen Aufmachung damals als das Symbol für das Elend der Wilnaer Gasse anmutete . . . Wo ist das strahlende, saubere, schöne Berlin von dazumal? Gewiß, die Bars und Varietes sind geöffnet und von jedem dritten Cafe ergießt sich weiche Streichmusik über die Straße. Vor Kinos sammelt sich viel Volk. Hinter einer Bude auf einer verkehrsumbrandeten Straßeninsel dreht sich mit vielem Tingtang ein Karusell in der Runde. Und Autos sausen über den Straßendamm, daß der Kot in ganzen Wellen oufspritzt und der Straßenübergang im Halbdunkel zur permanenten Lebensgefahr wird. Aber all dieses kann über das Elend auf der anderen Seite nicht hinwegtäufchen, die Sorgenrunen der Frau vor der Lebensmittelauslage nicht glätten, die Blößen an der Kleidung der vor den Cafes hungernden Kinder nicht zudecken, die finsteren Mienen der Männer, in denen „Volk in Not" geschrieben steht, nicht aufheitern ... Und die Streichmusik aus den Cafes erklingt . . . Ein grausiges Bild steigt in meiner Erinnerung auf. In einer Heilanstalt sah ich vor einem Jahre einen Irren, der eine Stunde lang tobte und wütend um sich schlug, dann aber ganz unvermittelt, müde des Wütens, die Hände schloff herunterhängen ließ, den Kopf senkte und abwechselnd finster vor sich hinbrütete oder schrill auflachte. Das Auflachen war weit erschütternder als das trübe in sich gekehrte Hinstarren. Fünf Jahre lang hat der Weltwahnsinn getobt und wild um sich geschlagen. Nun ist er müde des'eigenen Tobens und läßt — überall in der Welt — den Kopf hängen, schlaff die Hände sinken, oder grinst und lacht schrill auf — aus hundert Tingeltangels, Kinos und nächtlichen Vergnügsstätten . . . Und doch gewinnt man auch hier in manchen Industrievierteln den Eindruck, als wäre der Gesundungsprozeß schon im Gange, als wollte sich der Kopf wieder mählich heben und die Hände wieder zu regen beginnen . . . Wird die völlige Gesundung bald eintreten und was wird uns, dem deutschen Judentum, dem Judentum der .Welt, der Uebergang bringen? Wir fahren mit dem Zuge vom Anhalter Bahnhofe aus immer weiter, immer tiefer in die schwarze Nacht hinein. Endlos scheint die Nacht und undurchdringlich. Aber je tiefer wir in die Nacht dringen, um so näher sind wir dem Morgen gekommen. Und wenn sich die Schatten geteilt und von Osten her neue Strahlen silbern heranlichten, sind wir in Frankfurt wieder . . . Mmderecke. König Salomo und der Server. (Ans allen Schriften.) Der König Salomo liebte es, mit seinem Volke in Zeichen und Rätseln zu sprechen und seine Räte auf ihren Geist und Witz zu erproben. Eines Tages ging er mit seinem Hofstaat zur Winterzeit über eine Brücke. Da sah er einen Gerber, der ein Fell im eiskalten Wasser wusch. Der König rief den Mann herbei und fragte: „Was ist mehr, sieben oderfünf?"^ Der Gerber antwortete mit einer Gegenfrage: „Und ist nicht zweiunddretßig mehr als zwölf?" Der König fragte weiter: „Me oft ist dir schon das Haus abgebrannt und wie oft soll es bei dir noch geschehen?" Der Gerber gab zur Antwort: „Viermal bin ich bereits abgebrannt und noch dreimal steht mir dies bevor". Zuletzt fragte der König: „Und wenn ich dir eine Taube aus meinem Schlage schicke, wirft du es verstehen, sie richtig zu rupfen?" „Schicke nur, ich werde es!" gab der Gerber zur Antwort. Wie König Salomo weitergtng, fragte er feinen ersten Minister, ob er die Fragen und Antworten verstanden hätttz.. „Nein", antwortete der Minister. „Schämst du dich nicht", fragte der König, „als mein erster Ratgeber nicht einmal so viel Geist und Witz zu besitzen, wie der schlichte Gerbersmann, der auf all meine Fragen einging und immer die richtige Anwort gab? Ich wünsche, daß Du mir nach drei Tagen wiedererzählst, was ich zu dem Manne gesprochen und was er mir geantwortet hat." Der Minister ging betrübt nach Hause, rief all seine Freunde und Mitarbeiter heran, aber auch ihnen blieben die Worte unlösbare Rätsel, Es blieb nichts anderes übrig, als den Gerber zu holen und von ihm Aufschluß zu verlangen. Der Gerber erklärte sich wohl bereit, des Rätsels Lösung zu geben, verlangte aber dafür einen Lohn von tausend Schekel. Das schien dem Minister zu hoch und er jagte sehr erzürnt den anspruchsvollen Gerber aus dem Hause. Als aber der letzte Tag zur Neige ging und die Frist bald abgelaufen war, eilte der Minister selbst in die Hütte des Gerbers und überbrachte ihm das geforderte Geld, mit der Bitte, ihm alsgleich die Sache aufzuklären. Der Gerber sagte: „Der König sah mich mitten in der Winterszeit im Waffer stehen und meine Arbeit verrichten, und da fragte er: „Ist nicht sieben mehr wie fünf? Das heißt: Sind nicht die sieben Sommermonate mehr als die fünf Monate des Winters und bringen sie dir nicht so viel ein, daß du dir in den kalten Tagen die Arbeit im gefrorenen Wasser ersparen könntest? Ich aber sagte: „Zweiunddreißig ist mehr als zwölf", das heißt, Zwetu nddreißtg Zähne, die täglich die Nahrung für den Magen zu mahlen haben, verlangen mehr, als was ein schwacher, armer Mensch wie ich, in zwölf Monaten verdienen kann. Der König hatte weiter gefragt, „wie oft ich schon abgebrannt wäre und wie oft dies noch geschehen müsse". Ich verstand ihn wohl, wie er es meinteer fragte nämlich, wieviel Töchter ich bereits verheiratet habe und noch zu verheiraten hätte. Und ich gab ihm die richtige Antwort. Er hatte mich zuletzt gefragt, „ob ich eine Taube zu rupfen wüßte, wenn er sie mir schickte" Ich sagte: Ja! Nun hat er mir dich geschickt und du kannst ihm erzählen, wie wohl ich mich aus das Rupfen verstehe ..." Am achtzigsten Geburtstage. Von Heinrich Einstädter. Selma steht schon vor neun Uhr zum Ausgehen bereit im Wohnzimmer. Sie wiederholt nochmals das Gedicht, das sie sich an den vorausgegangenen Tagen eingeprägt hat, um die Großtante zu ihrem achtzigsten Geburtstage damit zu erfreuen. Ungeduldig wartet sie auf die Mutter, die ihr noch ein Geburtstagsgeschenk und einen Blumenstrauß mitgeben will. Endlich ist alles bereit, und nach einer weiteren Viertelstunde befindet sich das Kind am Orte seiner Bestimmung. Schon früher als die meisten der sie heute Beglückwünschenden hat sich die Greisin von ihrem Lager erhoben. Sie ist von Jugend an ans Frühaufstehen gewöhnt. Ohne jede Hilfe hat sie wie. an jedem Tage Toilette gemacht, dann gebetet kund gesrühstückt, und nun sitzt sie in ihrem Lehnstuhle am Fenster, ein altes Andachtsbuch vor sich auf den Knieen haltend. Ihre ganze Umgebung zeigt peinlichste Sauberkeit und Ordnung. Noch nie hat sie ein Besuch, selbst wenn er noch soffrüh ins Zimmer „schneite", unfrisiert oder chne sorgfältig geordnete Kleidung gesehen. Mit Wohlgefallen ruht ihr Auge auf. dem kleinen Mädchen vor ihr, das seinen Glückwunsch ruhig und sicher vorgetragen hat u«d sich nun ein Stück des Geburtstagskuchens schmecken läßt, das die Tante ihm geschenkt hat. Kaum ist Selma damit zu Ende, da spricht die alte Frau: „So lieb Kind, jetzt sollst du mir noch etwas vortragen: die Nachbrocho." Das Mädchen gerät nicht in Verlegenheit. Deutlich und mit wichtiger Betonung dringen die Worte des Gebetes zwischen den jugendlichen Rosenlippen hervor. Die Augen der Greisin glänzen. Liebevoll faßt sie des Kindes Rechte und behält sie lange zwischen ihren dürren Händen. Dann ist es, als ob sie den Blick in sich kehre, und endlich öffnet sie ein Kästchen und reicht es dem Mädchen zum Zugreifen, indem sie fragt: „Weißt du auch, was das ist?" „Gewiß! Das sind Feigen. Die esse ich s o gern!" Da lächelte die Achtzigjährige. „Euch ist diese Frucht nicht fremd. Ich aber habe mich gerade daran erinnert, in welche Verlegenheit sie mich einmal gebracht hat. Das will ich dir erzählen. Ich war ungefähr in deinem Alter, als mich eines Tages meine gute selige Mutter mit nach der Stadt nahm. Ich war noch nie aus unsrem Heimatsdörfchen herausgekommen und staunte nicht wenig über all das Neue, was ich zu sehen bekam. Nach dem Mittagessen brachte mich die Mutter zu einer ihr bekannten Familie, bei der ich bleiben sollte, bis sie ihre Besorgungen erledigt hatte. Schüchtern setzte ich mich auf den mir angewiesenen Platz, und meine Augen richteten sich bewundernd auf die prächtige Ausstattung des Zimmers und auf die vielen vornehm gekleideten Leute, die sich munter und zwanglos mit dem Hausherrn und der Hausfrau unterhielten. Diese warteten ihren Gästen Wein und Früchte auf und reichten auch mir ein'.Tellerchen mitFeigen. Ich dankte, ließ sie aber unberührt. Endlich fragte mich die freundliche Frau: „Warum ißt du denn nicht, mein Kind?" Und ich antwortete zögernd t „Ich weiß nicht, ob sie minnig sind." Etn schallendes Gelächter war die Folge dieser Worte. Ich wurde über und über rotdenn ich schämte mich, weil ich sichtlich etwas recht Dummes gesagt hatte. Aber ich fand sofort einen Annehmer an dem Hausherrn, der ein braver, frommer Mann war und auch kein Kind beschämen wollte. „Da ist kein Grund zum Auslachen", rief er: „Das Kind hat gewiß nie Feigen gesehen und hält sie für Gebäck. Vielmehr sollten wir seine Grwiffenhaftigkeit loben." Er erklärte mir freundlich, daß ich nicht Plätzchen, sondern Früchte vor mir hätte, und um mir mein Selbstvertrauen wieder zurückzugeben, fragte er mich, welche Brocho man darüber spreche. Obwohl ich noch nie Feigen gegessen hatte, wußte ich recht wohl, daß sie zu den gepriesenen Fruchtarten gehörten, die das heilige Land trug, und ich sprach nicht nur den kurzen Segensspruch vor dem Genüsse, sondern auch den größeren nach dem Essen vor. Das trug mir dann die allgemeine Anerkennung aller Anwesenden ein und außerdem eine schöne Tefillo, die mir der Hausherr beim Abschied schenkte. Dort auf dem Tische liegt sie, und nach mir sollst du sie haben." „In hul dertzwanzig Jahren", rief das kleine Mädchen, und für diesen Ausspruch, den es anderen abgelauscht hatte, erhielt es noch einen Extrakuß.

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