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Der Israelit · 1921-01-27 · Heft 4 (27.1.1921) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 4 (27.1.1921)
Date
1921-01-27
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Zenilleton-Veilage M Ar. 4 des „Israelis. 'Fxm ' .i'jj 3m Frühzuge nach Serlin. Momentaufnahmen. - .L>P2V ws »nx rx II. Es liegt in der Natur der Sache und der nach der großen Flut des Weltkrieges neugeschaffenen Meltordnung, daß der „Frühzug von Frankfurt" in „Berlin bei Nacht" einmündet. Es scheint aber ebenso ein feststehendes Naturgesetz zu sein, daß die Staatsbahn einen in Berlin immer d a absetzt, wo er am wenigsten zu suchen hat. Willst du beispielsweise nach Potsdam, so langst du sicherlich am Stettiner Bahnhof an, und hast du die Absicht, ins Pommerische zu fahren, so mußt du ganz gewiß tm Schlesischen Bahnhof landen, so wie ich an An Halter Bahnhof gebracht werde — weil ich in der Leipziger Straße zu tun habe . . . Dafür gibt es freilich eine Straßenbahn, die — gleich ihrer großen Schwester, der Staatsbahn, — überall, aber immer anderswohi n, fährt... Zum Glücke lebt aber noch von anno dazumal der Omnibus, der liebe gute „Omnibus", dessen Schaffner onkelhaft gemütlich zu allem — egal nach welcher Richtung du fragst, — ja sagt. Die neue Zeit tritt uns aber schon in diesem Omnibus sofort mit großer Erschrecklichkeit entgegen. „Der Fänfer für Omibus" ist außer Kurs geraten. Der Onkel läßt sich mit „Scheinen" die Zehnminutensahrt bezahlen und entläßt mich am Bahnhof Friedrichstraße, wo ich nieim Leben was verloren habe, mit der hoffnungsreichen Aussicht, daß wenn ich eine Zeitlang geradeaus gehe, dann rechts um di? Ecke biege, dann noch links die dritte Straße ganz durchgehe auf einen freien Platz gelange — wo ich uocheinmal fragen könnte. . . Immer geradeaus, rechts um die Ecke und fragen! Immerhin eine weise Lehre fürs Leben, die mit den zwei kleinen schmutzigen Scheinen nicht zu teuer bezahlt ist . . . Im Hotel S. steht unten am Schalter ein Mann der — nach Haltung und Sprache — Ludendorff sein könnte, wenn er nicht anders hieße und Portier wäre. Ich erinnere mich irgendwo gelesen zu haben, daß russische Großfürsten und frühere preußische Punzen heute Dienste als Hotelangestellte täten, und für meine durch zwölsstündtge Fahrt gesteigerte Phantasie ist es ausgemachte Sache, daß ein Großfürst oder Prinz hier am Schalter steht. Ich entscheide mich für den Prinzen, denn er gibt in preußischer Schärfe und Kürze Bescheid, und ich erfahre dreierlei: erstens daß der Herr, den ich suche, noch nicht eingetroffen sei, aber heute noch kommen muß (der Herr befiehlts), zweitens, daß ich das bestellte Zimmer haben kann und drittens, daß dte Trtnkgeiderablösungen den Portier und seinen uniformierten Stab nichts angingen ... Dann wird mir feierlich der goldene Schlüssel zum Zimmer N. . . überreicht mitsamt einer angenehmen Pappdeckelkarte, die Hotelfirma, Ztmmernummer, Preis und Einige Vorschriften „zur gefälligen Beachtung dem Gaste empfohlen" enthält. Ein Satz imponiert mir am meisten: „Wer tm Hotel sein Frühstück nicht einnimmt, hat extra 3 Mk. zu entrichten." Nur 3 Mk. für das nichteingenommene Frühstück! Und da klage noch jemand über hohe Lebensmittelpreise in Berlin! . . . Und ich glaubte doch immer, die bekannte Brückenordnung zu Sedom, wonach derjenige, der die Brücke nicht benutzte, zwei Sus Brückengeld zu zahlen hatte, sei im Talmud nur als schöne Fabel gedacht . . . Die Herren, die aus Wilna, Kowno über London, Paris, Rom/San Remo und Meran nach Berlin zu einer „Besprechung" kommen sollen, haben, wie mir scheint, die ganze Welt und Umgegend auf .die gleiche Zeit ins gleiche Hotel bestellt. Mindestens fragen zusammen mit mir nach ihnen ein Vertreter der zionistischen Organisation, ein Herr vom Ostsudenkomitee, eine Dame von der Weiblichen Fürsorge, ein Herr vom Misrachi, ein „unabhängiger" Poaleztonist, ein Herr vom Zentralverein und was an Vertretern von jüdischen Bewegungen, Parteien und Richtungen in Berlin sonst noch gibt. Auf den gütlichen Vorschlag des Zionisten, er ist Rechtsanwalt — gehen wir ins gegenüberliegende Cafe, um die Wartezeit mit „gemütlicher" Aussprache auszufüllen. Ich konstatiere mit einiger Beruhigung, daß der „Unabhängige" Schokolade mit viel Milch und Zucker bestellt, die Anderen Kaffe oder Tee . . . Aber trotz der frommen Getränke wütet schon nach fünf Minuten ein so heftiger Streit an unserem Tische, daß die „Neutralen" an den Nebentischen aufmerksam .werden. Da ich aber nun meinen Namen und Frankfurt nenne, sind alle vollkommen einig — in der Mißbilligung meines Standpunktes, den ich gar nicht ausgesprochen habe/ ich hatte überhaupt noch kein Wort gesprochen und mich in den Streit gar nicht eingemischr ... Ich darf aber in dieser ungewollt herbeigeführten Einigkeit fürs erste meine Mission hier als beendet ansehen And schleiche mich auf leisen Sohlen hinaus und wieder ins Hotel hin-! über, wo die Herren — wie es der Prinz in Portteruniform befohlen hatte — inzwischen auch wirklich eingetroffen sind. In der Hoffnung, daß drüben die Einigkeit auf der Basis des Frankfurter „Standpunktes" noch anhalt, spreche ich mich mit den Herren in aller Ruhe und Sachlichkeit über unsere Angelegenheit aus und klettere zeitig mit dem goldenen Schlüssel in der Hand die acht halben Treppen hinauf, um mit dem tröstlichen Bewußtsein zu Bette zu gehen, mit jeder Nacht, die ich hier nicht welle, M k. 60 (ohne Zuschlag für nicht eingenommenes Frühstück) zu Verdiener!. . . Wen Gott lieb hat, dem gibt er im Schlafe! ... Wer von Frankfurt Ostend nach Berlin kommt, den tragen dle Füße von selbst nach der Artilleriestraße. Denkt man sich die zwölfstündige Fahrt durch das Thüringerland und das Saalegebiet, den Omnibus, den Hotelportier und manches andere, was dazwischen liegt, hinweg, so könnte man die Artillerteftraße leicht an die Main- oder Friedbergeranlage verlegen . . . Hier durch das große offene Tor gelangst du in das Nervenzentrum der hauptstädtischen Orthodoxie. Frankfurter S ch ü tz e n st r a ß e von früher ins Berlinerische vergrößert . . . Hier konzentriert sich das gesamte gefetzestreue Leben auf ziemlich engen Raum. Die Synagoge, das Rabbinerseminar, das Gemeindebureau, ' die Seminarverwaltung, das Rabbinat/ hier sind auch die Wohnungen der verschiedenen Funktionäre und die des greisen Rektors des Rabbinerseminars. Ueberall, oben und unten, hüben und drüben ein reges Leben und Treiben, daß es einem warm ums Herz wird, und durch alle Räume wandelt lebendig der Geist Esriel Hildesheimers, der in Jahren, da die Wogen der Aufklärung von Berlin aus durch die Lande fluteten, hier in diesem Hofe das Schifflein des überlieferten Judentums im fcstesten Boden verankerte, daß es sich in die neue Zeit hinüberrette ... In den Bibliotheksräumen stehen die endlosen bis zur Decke reichenden Bücherregale, von oben bis unten angefüllt mit alten und neuen heiligen Bänden. Manch einer hat im Laufe der Zeiten seine Weisheit hier geschöpft und die Kraft, sie im eigenen Kreise weiter zu spenden!.. In einem der Säle ist „Coüeg" — das sich aber von einem „Schiur" auf einer besseren litauischen Jeschiwo nur durch den lateinischen Namen unterscheidet . . . Der Rektor hat dagegen sein „Cotteg" (über Traktat Niddah . . .) beendet und st t schon oben in seinem Arbeitszimmer über leine Bücher und Manuskripte gebeugt. Ich darf Einsicht nehmen in die handschriftlichen exegetischen Erklärungen zu den schwierigen Satzrätseln in „Haasinu", lese auch das ungedruckte hebräische Vorwort zu eineur nächsterscheinenden Werke und höre dann seine Meinung über Wert und Bedeutung der wiffenschaftlichen Apologetik. „Wären es Fragen, die nur die Btbelkrtttk aufwtrft", sagt er, „wir könnten sie ignorieren. Es handelt sich aber um alte Fragen, die schon Talmud, Midrasch und die frühesten Kommentare stellen. Sollten wir lediglich darum auf die Ergründung der Wahrheit verzichten, weil auch die moderne Bibelforschung die gleichen Fragen zum Ausgangspunkte ihrer hypothetischen Spekulationen—mmmt?" Und nun folgen Beweise und Proben, schlicht, klargeistig, überraschend und zwingend überzeugend. Ich bin für alle Umstände der zwölfstündigen Fahrt mehr als entschädigt . . . Die Militärmacht ist gefallen, die Militärstraßen sind in Berlin geblieben und die sind — von Juden besetzt. Ich sehe mir auch die G renadier- und Dragonerstraße an, und was ich hier finde, ist nicht Frankfurt, sondern Warschau, Wilna und Krakau in den Teilen, wo sie am dunkelsten sind. Ein kleines Whitechapel. Nur mit dem Unterschiede, daß während ln London und New-Uork sich in aller Nahe und sicheren Ungestörtheit das Kunterbunt aus allen Ghettos der Welt in der Oststadt konsolidieren und eigene feste Formen zeitigen konnte, hier die Luft immer von Razziagefahr geschwängert ist und die durch die belebten nicht gerade sauberen Straßen ewig ziehende Angst ein Leben in geregelten Formen nicht aufkommen lassen kann. Wo sind die Schieberbörsen undSchleichereafes, mit denen uns die Zeitungen gruseln machen? Die sind ganz anderswo, in der Innenstadt, und es sei zugegeben, daß mancher aus dieser». Straßen den Weg dahinfindet, wo er sich vor der Sicherheitspolizei sicher weiß. Was hier herumlungert und hungert und zuweilen den Razzias zur Beute fällt, ist harmloses junges Volk, das Arbeit sucht oder ältere Leute, die kleinen ehrlichen Handel, freilich mit mehr Geräusch als ihnen und uns allen dienlich, treiben. Das sind die jüdischen „Grenadiere" und „Dragoner" von heute! . . . Gegen fünf Uhr legt sich dicker Nebel auch über die Innenstadt und webt um die winzigen Laternenstammen ejne graue Hülle, daß das Straßenleben Gespenstisches erhält. Die Männer, deren suchender Blick über die Straße fährt, erscheinen noch hagerer, finsterer. Die ausgemergelte dünngekleidete Frau, die am Erker des Heringsladens mit sorgenvoller Miene ihre Barschaft zählt, könnte als Modell für die „Germania 1926" dienen. Halbnackte Minder trippeln von Cafe zu Cafe und bieten mit flehender Stimme Streichhölzer und Ansichtskarten feil. Der Handwagen eines Straßenhändlers, der an

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