Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 62 (1921)
- Issue
- Heft 3 (20.1.1921)
- Date
- 1921-01-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Feuilleton-Mage zu Ar. 3 des „Zsraellt" 3m Iriihzuge nach Berlin. WomenLaufnaymen. ,B>p3D TIS' Ich habe im Zuge, der mit dem Morgengrauen über Bebra nach Berlin dampft, einen Eckplatz erhascht. Zwar keine Fensterecke, aber immerhin ein Eckplatz, der mir einen gut gedeckten Hintergrund sür mancherlei Beobachtungen bietet. Wir sind im Halbdunkel des Wagens zunächst unserer Fünf. Ob die vier Mitmenschen, mit denen mich ein unbekanntes Schicksal zum ersten und vielleicht auch zum letzten Male, meines Lebens zusammengeführt hat, Glaubensgenosien sind, würde mich höchlichst interessieren. Es kann doch nicht gletchgiltig bleiben, mit wem man zwölf Stunden eines denkwürdigen Tages — Reisetage sind für einen Stubengelehrten immer Gedenktage — gerüttelt und geschüttelt werden soll. Aber es ist zu dunkel im Raume, um Gesichtszüge zu studieren, fo müssen es denn andere Merkmale lehren. Am Fenster rechts sitzt eine ältere Frau, die Ellenbogen auf das aufgefchlagene' Fensterbrett gestemmt und den Kopf schwer in die Hände gestützt. Sie ist ganz aufgelöst, und ein jüngeres, zierliches Mädchen ihr gegenüber bemüht sich uw die Dame mit Tropfen, Riechfläschchen und guten Worten. Offenbar Mutter und Tochter, beide in Schwarz, beide von unruhiger Erwartung geschüttelt. Die ältere Dame weiß, daß sie Mittelpunkt des allgemeinen Interesses ist und erzählt ohne Aufforderung. „Eine Trauernachricht, ganz Plötzlich erhaltenwir fahren nach Gotha . . „Wohl ein Kind?" fragte ich teilnahmsvoll und hielt mitten im Satze inne, um nicht mit unbefugter Hand in fremdem heiligem Schmerz zu wühlen. „Nein", seufzte die Dame, „mein Vater, ein Siebziger, ist sterbenskrank. Ich finde ihn wohl nicht mehr am Leben . . Da wußte ich: Die Worte kamen nicht aus jüdischem Munde . . . Neben mir links ein kleines, behendes Fräulein, kurz und schick in Kleidung und Haltung, mir flinken, tänzelnden Bewegungen. Sie hat am Zuge vor Abgang desselben von ihm schwer Abschied genommen, mit vielen Tränen und Küssen,- ich hielt ste für echt und ehrlich und empfand sie fast mit. Nun sitzt sie still zwischen mir und dem Mädchen in Schwarz, und die Augen bleiben feucht — bis Offenvach. In Hanau sucht sie Trost in einer großen Tafel Schokolade, der andere Kostbarkeiten und Leckereien in bunter Reihe folgen, sie ißt und schleckert noch bei Gelnhausen und bei Fuldaschon schallt ihr lautes Lachen vom Gange her, wo sie lustig tändelt — mit einem, der früher beim Abschied am Zuge nicht mit dabei war . . . Ich denke unwillkürlich an Heinrich Heines Verse von „Spitzbub und Spitzbübin" : „Und morgens um achte Trank sie roten Wein und Lachte! . . Eine Jüdin war sie nicht . . . Dm Eckplatz mir gegenüber hält ein im Sitzen sich riesig ausnehmender Herr mit welligem Schnurrbart und glattem, vollem Gesichte besetzt. Er zieht eifrig an den Schnurrbartecken und gähnt melodisch ins Halbdunkel. Da bekommt er plötzlich Leben. Der Kellner huscht mit Präsentierbrett an der offenen Tür des Abteils vorbei: „Kaffee gefällig?" „Nein, Bier! gleich zwei!" ruft der Schnauzbart. Morgens um halb achte! ... Es war kein Jude! In Fulda steigen drei Männer.ein und besetzen umständlich die noch drei leeren Plätze im Abteil. Ohne Gepäck, aber etwas längliche Stöcke in der Hand. Die weiten formlosen Mäntel und die Mützen auf dem Kopf deuten aus zum Markt fahrende Viehhändler. Der Große mit dem Schnauzbart rückt verächtlich und unwillig in seine Ecke und verbirgt das Gesicht wie schutzsuchend hinter seinem Bierglase. Die drei Männer tuen bescheiden und zugleich ungeniert, legen die Stöcke nicht ab, zünden ihre Pfeifen an und fragen erst, nachdem der Rauch in blauen Wolken schon aufgestiegen ist, ob es erlaubt sei zu rauchen ... Dann unterhalten sie sich, da sie verteilt sitzen, über aller Köpfe hinweg, laut und ungestört als wären sie unter sich. Sie sprechen von Vtehpreisen und Marktaussichten, von dem und jenem, von Bauern, die nicht zahlen und Metzgern, die falsch wiegen, vom Kommunalverband und vom Notopfer. Dann nimmt einer ein kleines Büchelchen hervor — man könnte es auch für ein zusammenlegbares Taschenspiegelchen halten —, dessen Deckel in Goldlettern den Namen einer Frankfurter jüdischen Firma tragen, und sieht sttllsinnend eine Weile hinein. Es wandern die ausg eschlagenen.Täfelchen von Hand zu Hand bis zur Dritten, der wie die Andern die Pfeife aus dem Munde tut, um das „Wegegeber" zu verrichten. Die Leute scheinen mir — ist es nur Sinnesanschauung? — auf einmal anders, sympathischer,- ein schöner Zug, der sich in harten, sorgenschweren Runen des Gesichtes versteckt hielr tritt hervor. Auch ihre Reden klingen auf einmal anders. Der eine spricht von seinem Aeltesten der vor dem Examen steht, der andere von seinem I üng st en, der schon lacht und ihm heute früh dre Tefellin vom Kopfe reißen wollte ... Es war freilich noch etwas früh, aber er mußte doch noch vor Tag von E. zu Fuß nach. Fulda wandern, um den Zug nach Bebra zu erreichen ... Der Dritte hofft, rm Thüringischen etwas billiger Eier zu bekommen. Seine Frau hat es ihm so sehr ans Herz gebunden und er möcht ihr doch gar zu gern dle Freude machen .... Ich habe meine Freude an diesen braven, fleißigen Familienvätern und Juden. In Bebra steigen sie mit höfllichem Gruße aus und an ihrer Stelle kommen ohne Gruß zwei jugendliche Männer. Ste haben kurze, helle Pelzmäntel mit modernen Rückenschnallen an, dicke Zigarren im Munde und sehen sehr weltmännisch aus, sie kommen scheinbar von weither und reisen über Berlin noch wett in die Oftlande hinaus. Die Herren sprechen gedehnt und gedämpft, vornehm und gemessen und im Tone uegt leise Trauer. Thema: Gold, Devisen, Valuta, sitzende Waare, schlechte „Amerikaner" ... Was hätte man alles verdienen können, wenn die „Amerikaner" d. h. die Dollar so ständen und oer Stand der anderen Valuta so wäre! Wenn die Waggons statt nach L. nach B. gegangen wären . . . wenn sie August 1919 überhaupt nicht abgegangen wären, sondern bis 1920 gestanden hätten! Uno so weiter und so weiter, bis ins Unendlich^, mit „Wenn" und „Aber" und „Hätte" und „Wäre" . . . Ich denke im Stillen unwillkürlich an eine gute Skizze des russischen Tschechow, in der von einem Sargmacher die Rede ist, der in sein Nottzbuche oie schweren Verluste einzeichnet, die er tagtäglich erleidet. „Heute", jammert er, „habe ich faktisch viel Geld verloren. Hätte doch heute Mikita Lukitsch sterben müssen, Kaufmann erster Gilde, und sein Sarg hätte mir fünfzig Rubel eingebracht, bare fünfzig Rubel! Wie zum Trotze lebt er aber noch und ich bin um meine fünfzig Rubel gekommen. Der Holzhändler Andronow hatte heute bankrottieren können, und ich hätte seine Bretter um geringes Geld angekauft. Fünfhundert Rubel Verdienst wie in der Tasche. Jetzt hat er aber nicht Bankrott gemacht — der unverschämte Kerl -- und verlangt für die Bretter noch höhere Preise ... Wiederetnmal fünfhundert Rubel verloren!" Ich höre heute, in einer Zeit da nicht nur die Geldvaluta im ewigen Wanken ist, viel von jüdischen Geschäften, Verdiensten und Verlusten, öie sich in den des Sargmachers Jdeengängen bewegen! . . . Die zwei Herren, denen oer Dollar immer anders gestanden und die Waggons immer anders gelaufen sind als ihnen dienlich, sind leider auch Juden . . . In Gotha leert sich der Wagen zur Hälfte Die Damen in Schwarz steigen aus. Wir wünschen ihnen, den Alten noch am Leben anzutreffen. Sie danken, glauben aber nicht daran ... Es wäre auch schade um das schöne kleidsame Schwarz. . . In Halle stürzen noch in letzter Mksiute zwei Herren und eine Dame in den Zug. Ste scheinen im eifrigen Diskurs den Abruf überhört zu haben und gelangen auch wie Nachtwandler, abwesend in unser Abteil, ohne die Unterhaltung zu unterbrechen. Der eine Herr ist schlank, mit schönem durchgeistigten Gesichte und schwer umränderten Brillengläsern vor den dunkelfeurigen Augen. Im glatten runden Gesichte ein schwarzer gutgestutzter Schnurrbart, der dem Lächeln in den Mundwinkeln einen melancholischen Zug verleiht. Der andereHerr ist älter, korpulenter, mtr einem schönen Kopse, gemeißeltem Gesichte, das mit einem halbergrauten Spttzbärtchen seinen harmonischen Abschluß findet. Beide Herren sind gut, aber einfach gekleidet. Der jüngere Herr spricht unheimlich fließend mit berlinischem Anklang, der ältere aber drückt sich zu gewählt und gedrexett aus, um Deutscher von Geburt zu sein. Die Dame etwas ältlich und untersetzt, aber lebendig in Haltung und Bewegung und von einer geradezu herausfordernden Einfachheit in der Kleidung. Ich höre sie mit einem Namen angereden, den man in Verbindung mit jüdischer sozialer und phtlanrropischer Arbeit öfters nennen hört. Mählich ergibt sich aus der eifrigen Unterhaltung die Situation mit voller Klarheit. Der Jüngere ist ein bekannter Berliner Rechtsanwalt und Zionist, der Aeltere ist vom Verbände der Oftjuoen in Berlin und die Dame vor der Weiblichen Fürsorge. Ste kommen von einer Sitzung aus Leipzig, wo es etwas stürmisch zugegangen sein mag. So sind sie denn vom Sturm tm Sitzungssaal direkt in den Zug, in unser Abteil hmemgefegt worden und sind noch voller zitternder Bewegung. Auch sie sprechen von Millionen und von ganzen Waggons, von Geld und „Amerikanern", guten und schlechten — von Millionen jüdischer Flüchtlinge, die in vollgestopften Waggons über alle Grenzen sich wälzen, vom schlechten Stande des Geldes, der die Armen im fremden Land völlig mittellos macht und von „Amerikanern", guten und schlechten, guten die Lebensmittel und andere Hilfe schicken und schlechten, die so herzlos, sind, den Heimatlosen die Tore ihres Landes zu sperren . . . Ich bin nicht mit allen Ideen und Ansichten, die hier entwickelt werden, einverstanden, auch hätte ich gar manches gegen die Anträge und Beschlüsse emzuwenden, aber ich freue mich aufrichtig, daß man aus dem Wege nach Berlin auch solchen Juden begegnet . . . (Schluß folgt.)