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Der Israelit · 1921-01-06 · Heft 1 (6.1.1921) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
62 (1921)
Issue
Heft 1 (6.1.1921)
Date
1921-01-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite S Nr. 1 Der Israelit. 6. Januar 1921 „Me Deutschen und Juden sollte mau hängen," oder ob französische Studenten die Schuljugend an die Trümmerstättcn Nordfrankreichs geleiten, um den Kinder!celeu einzuprägen: „Äo sind die Boches": es ist das Gleiche, was deutsche Studenten gegen jüdische Kommilitonen unternehmen oder was man überhaupt gegen jüdische Bürger Deutschlands tut. Dabei darf e i n n> esentli ch e r U u t e r s ch i e d nicht vergessen werden. Niemals kann ein Staat innerlich so nt 11 dem Völke rbund verschmolzen lverden w i e der B ü r g e r m i t seine m B a t e r l a n d, mit dem er Freud und Leid trägt seit Jahrhunderten, dessen' Sprache er spricht, dessen Boden die Ruhestätte seiner Lieben bildet, dem er täglich und stündlich seine Arbeitskräfte weiht und auch sein Leben zur Stunde der Gefahr. Eine Zurücksetzung der eigenen Landeskinder intö deren Unterdrückung wird darum als z e h n m al k r än k e n d e r e in - pfunden und muß als zehnmal schmachvoller gewertet werden, als der Ausschluß vom Völkerbund. Wir kennen hier keine Zwiespältigkeit des Gefühles'. Als Juden protestieren wir mit jedem geradedenkenden Deutschen gegen den Ausschluß unseres — trotz Antisemitismus — doch immerhin kulturell hochstehenden Vaterlandes vom Bunde der Volker. Ten Judengegnern aber sprechen wir jedes Recht ab, sich über die Ausschließung Deutschlands zu entrüsten. In ihrem Munde ist das Wort von Gewalt, Unrecht, Kulturschande, Rückschritt und Rachsucht nichts als Blasphemie. WochenrnnWaii. Endlich! >scit Jahren, insbesondere seit dem Ende des Krieges, ist voll orthodoxer Seite, namentlich von den Organisationen der „Aandas Jiöroel" der verschiedenen Länder des Ostens unermüdlich ans die himmelschreienden Mißbräuche Hingelviesen worden, die sich bei der Verteilung der Spendengelder des amerikanischen Joint im Osten herausgebildet Haben. Immer wieder mußte man erleben, daß die Parteiisch! zusammengesetzten, Zuerst ausschließlich unter zionistischem Einfluß stehenden Komitees sotoohl die orthodoxen Institutionen als auch gelehrte und sonstige gesetzestreue Arme von der Unterstützung ganz oder teilweise ausschlossen, während eigens geschaffene neue Gründungen zur Vertretung der zionistischen Parteiinteressen reichlich finanziert wurden. Die nach Amerika gerichteten Beschwerden nützten manchmal, scheiterten aber auch sehr häufig an der außerordentlichen Geschick-; lichkeit, mit der die hauptsächlichen Faiseure den Goldstrom immer wieder durch ihre eigenen Hände zu lenken wußten. Nunmehr hat mau in den orthodoxen Kreisen Amerikas anscheinend doch erkannt, daß es aus diese Weise nicht weitergeht. Tie Joint- Vertreter in Europa veröffentlichen folgende Mitteilung: „lieber Drängen der Exekutioausschüsie des Central Relief Committee und des Peoples Relief Committee hat das Joint Distribution Committee in New- Jork beschlossen, daß kulturelle Arbeit fernerhin ausschließlich durch direkte Zuwendungen seitens des Central Relief Committee und des Peoples Relief Committee an die in Betracht kommenden Institutionen unterstützt werden soll. Das Central Relief Committee und das Peoples Relief Committee werden, um dieser Verpflichtung gerecht weckien zu können, einen gewissen Teil der von ihnen aesammelten Beträge behalten. Das Central Relief Committee versteht unter KuUurzwecken: Rabbiner, Talmud Thoras, Jeschiwos und alle andere religiöse Arbeit. Das Peoples Relief Committee faßt als Ku'tmarbeit auf, was nicht unter den Begriff des Aufbaues fällt, wie Arbeirerschulen, Bibliotheken, Kurse, Ktuvs und dergleichen. Die ausschließliche und direkte Förderung der kulturellen Tätigkeit durch das Central Relief Committee und Peoples Relief Committee beginnt mit dem 15. Jänner 1021. Die Zuwendungen werden direkt durch die genannten Komitees erfolgen und weder das I. D. C. in New-4)ork noch irgendeine Stelle desselben in Europa oder Asien passieren. Gesuche sind direkt an die aenannten Komitees und nicht an das I. D. C. in Rew-Aork oder irgendeine seiner Vertretungen zu richten. Alle Unterstützungen für Kulturzwecke, welche das I. D. C. in New-Iork, beziehungsweise feine Vertretungen in Europa und Asien direkt oder den Komitees, Kultusgemeinden und dergleichen bisher gewährt haben, werden mit 15. Jänner 1921 eingestellt - I. D. C.-Gelder können fernerhin keinesfalls für solche Zwecke verwendet werden. In Schulen, welchen Lebensmittel oder Geld bewilligt wurden, um Kinder auszuspeisen, sollen die Kinder auf derselben Grundlage wie bisher ausgespeift werden. Es wird genauestens darauf geachtet werden, daß die bisher gewährten Lebensmittel nicht für andere Zwecke verwendet werden sollen." Erläuternd sei bemerkt, daß das Central Relief Committee gesetzestreue Krei.se, das Peoples Relief Committee die radikal-sozialistischen repräsentiert. Beide hatten bisher ihre Gelder restlos tu die gemeinsame Joint-Kasse abgeliefert. Es ist null allerdings tief bedauerlich, daß die Eiltscheidung erst itt einem Augenblicke kommt, in dein die schlechte amerikanische Wirtschaftslage die Spendeneingällge zweifellos in verhängnisvoller Weife herabgedrückt hat. Immerhin ist es an und für sich eilt moralischer Fortschritt, wenn die thoratrenen Kreise Amerikas daran gewöhnt werden, sich selber um!das Schicksal der ihnen nahestehenden Institutionen und Gesinnungsgenossen zu kümmern und deren Förderung als ihre ureigellste Pflicht zu betrachten. Das Verlangten nach unparteiischer Zusammensetzung der I o i n t - Committees (für nicht kulturelle Zwecke) bleibt darum natürlich dennoch unverändert bestehell. Me polnische Rechiseriignng. Erst jetzt kommt ein Schreiben zur Kenntnis der Oeffentltchkett, das die polnische Delegation am Völkerbunde in Genf zur Rechtfertigung ihrer Politik, im November an ein englisches Komitee, das Aufklärung über die Judenverfolgung in Polen wünschte, gerichtet hat. Die Herren Padercwskt und Askenazy sprechen von der schlechten Ernte in Polen, der allgemeinen Unsicherheit, der Auswanderung der Juden und sagen dann inbezug auf die antisemitische Agitation im Lande: „Wir bedauern ernstlich die angeführten Tatsachen, aber wir haben das feste Vertrauen/daß sie nur einen vorübergehenden Charakter tragen. Diese Auswanderu ng kann nicht als die Folge einer Beunruhigung oder einer Verfolgung irgendwelcher Art angesehen werden. Sie rührt vielmehr aus einer Ursache her, für die weder die polnische Regierung, noch das polnische Volk verantwortlich gemacht werden können. Die wirtschaftlichen Bedingungen in Polen sind höchst beunruhigend. Die Hungersnot bedroht unsere Städte. Trotzdem fliehen täglich Tausende von Juden aus Rußland, wo die Bedingungen noch schlechter sind, und suchen in Polen Zuflucht. Diejenigen die etwas Geld haben, bleiben im Lande, während die aller Mittel Entblößten weiter nach Westen wandern. Die polnische Regierung ist sich des Ernstes der Lage bewußt, und tut alles, was in ihrer Macht liegt, um sie zu verbessern. Sie wird Protest einlegen gegen das Vorgehen einer gewissen Regierung, die die Ausweisung einer großen Zahl aus Galizien stammender Juden beschlossen hat, ohne ihnen das durch den Frtedensvertrag garantierte Optionsrecht (?) zu gewähren." Das Dokument schließt mit der Versicherung: „Die polnische Regierung wird keine Anstrengung und keine Opfer scheuen, um im ganzen Umfang der Republik jenen sozialen Frieden herzustellen, nach dem alle guten Menschen so ernsthaft streben und der für die Wohlfahrt der Menschheit unentbehrlich ist," und knüpft daran die Ankündigung, „daß das Problem im Einklang mit den glorreichen Traditionen der polnischen Vergangenheit, im Geist der Duldung und gegenseitigen Achtung und auf einem die ganze zivilisierte Welt befriedigenden Wege gelöst werden wird." Die glorreichen Traditionen der polnischen Vergangenheit in Ehren! Auch mögen es die Herren Delegierten gut und ehrlich meinen. Aber im Vergleich zu den Drangsalierungen, die die polnische Judenhett in Stadt und Land heute über sich ergehen lassen muß, ist doch diese Antwvrt und „Aufklärung" gar zu matt und nichtssagend. Warten wir die angekündigten Taten ohne Vorurteil ab. Kleines Feuilleton. Pantheon «nd Ghetto. So lautet die Ueberschrift über einem Kapitel des ebenso geistreichen wie frisch geschriebenen Buches Alexander Moczkowskis, „Das Geheimnis der Sprache"*) das sich über die Berechtigung der Fremdwörter, die er Weltwunder nennt, verbreitet. Für den jüdischen Jargon, den die Puristen, welche im Nebenberuf sich die Völkischen betiteln, bespötteln, setzt sich der Verfasser ein. Man würde diesen Jargon ganz anders werten,wenn man bedächte, daß inNew-Uork allein „eine Million von den 1‘4 Millionen dortiger Juden leben, die sich nur auf Jiddisch verständlich machen kann. Die jüdischen Tageszeitungen in New-Jork mit einer Auflage von 600000, verteidigen einen Jargon, der bei allem Uebelklang doch zahllose Bestandteile aus deut cher Sprachheimat aufweist". Dafür bringt der Verfasser nun einige Beispiele, die sich auf das Hundertfache dürsten vermehren lassen. Aus seinen Betrachtungen zieht nun der Verfaffer folgende Schlüffe: „Erstlich, daß es nicht angeht, eine Mischsprache zu verlästern, die sich in ausgedehnten Gebieten des Ostens als der stärkste, auf weiten Strecken sogar als der einzige Wegebahner des Deutschen erwiesen hatwie sie auch im Westen unter schwierigsten Bedingungen noch immer Reste deutscher Kulturarbeit leistet. Zweitens, daß es noch weniger angeht, sie in ihrer Wirkung auf „„ *Jt Hamburg und Berlin 1920. Hoffmann u. Co. uns Deutsche zu beschimpfen, denn diese Wirkung ist eine vorwiegend erhaltende: viele sprachliche Vortrefflichkeiten, die nahezu verloren sind und sonst wahrscheinlich unwiederbringlich verschwinden müßten, werden einzig im Jüdischen erhalten, das als ein Lebendiges den Berwcsungskeimen entgegenwirkt. Sonach müßte gerade der Völkische durch sein eigenes Interesse auf die sorgsame Erkundung einer Sprache hingewiesen werden, die bei allem äußern Mißklang doch im Innern so wertvolle echtdemsche Sprachgüter verwaltet". Daß damit gesagt sein soll, das Jiddische müsse als Dialekt gehütet und geschützt werden, darf man nicht vermuten. Dieser Jargon hat kein Anrecht auf Schutz, wie ein Dialekt, dieser ist bodenständig und aus dem Volk hervorgesproffen und darum ist seine Erhaltung ein wohlbegründetes Recht, es ist ein Teil der Lebenskraft eines Volkes, ein Teil seiner Geschichte. Der Jargon ist in die Juden von außen hineingetragen, kein Teil ihrer selbst und darum wird er nach und nach verschwinden, wie er schon aus Deutschland verschwunden ist. Darum sollten aber diejenigen, die Liebe zur deutschen Sprache haben und man dürfte wohl glauben, die Völkischen seien die ersten dazu, eifrig nach dem alten Sprachgut in dem so verlästerten Jargon suchen, so lange die Zeit ihm nicht das Ende bereitet hat und es von einer höheren Warte aus beurteilen, als es bisher ihrerseits geschehen ist. S-ch. (Wir möchten die Bemerkung nicht unterdrücken, daß wir in der Bewertung des Jüdischen mit unserem geschätzten Herrn Mitärbeiter durchaus nicht einig gehen - wir glauben vielmehr, daß man nach der ganzen geschichtlichen Entwicklung dem Jüdischen die Anerkennung als Sprache eigenen Rechtes nicht versagen kann. Red.) (Hebräische Urkundenfunde aus alter Zeit). In der Allgemeinen Zeitung des Judentums bespricht Dr. S. Jampel auf Grund der Untersuchungen Eduard Meyers, die vor einigen Jahren in der Genisa zu Kairo gefundene hebräische Schrift, die zum Urheber anscheinend eine vor dem Hellenismus aus Erez Jisroel entflohene jüdische Gemeinschaft hat. Jampel wendet sich gegen die Auffassung, daß es sich bei dieser Gemeinschaft um saduzätsche Kreise gehandelt habedies erscheine schon angesichts der scharfen Betonung der Gesetzestreue auf Grund der überlieferten Deutungen unmöglich. Die Schrift enthält eine Art Statut der nach Aegypten ausgewanderten Gemeinschaft und wird eingeleitet durch eine Mahnrede in prophetischem Stil. Verboten wird in der Gesetzessammlung die Ehe mit einer Bruder- oder Schwestertochter, sodaß man annehmen kann, die Stelle im Talmud, welche die Ehe mit der Tochter der Schwester ausdrücklich empfiehlt, gegen die Anschauungen jener neuen Gemeinschaft gerichtet war. Noch andere Stellen klären uns über die Veranlassung mancher talmudischen Polemik auf. (Entwicklung des orthodoxen Pressewesens). Hand in Hand mit der fortschreitenden politischen Erziehung der Orthodoxie, wie sie die Ausbreitung der Agudas Jisroel-Bewsgung zur Folge hat, mehrt sich erfreulicherweise auch die Zahl der journalistischen Organe, die sich die Verbreitung unserer Ideen und der Thora-Interessen zur Aufgabe machen. So liegen uns die ersten Nummern des von der polnischen Jugend-Organisation der Agudas Jisroel herausgegebenen neuen Organes „Diglenu" (Unser Banner) vor, die von dem guten Geiste im Kreise der orthodoxen Jugend Polens Zeugnis ablegen. Einen bemerkenswerten Aufschwung hat auch die anfangs in

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