Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 52 (30.12.1920)
- Date
- 1920-12-30
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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80/Dezember^MI' ' Sollte etwa mein. teurer Vater abergläubisch sein? Der Aufgeklärte,v der Schüler.Voltaires? Womit vermochte wohl jener Wünderrabbt Sie in solchem Maße zu verwirren, etwa mit Zauberei^ mit Hokuspokus oder mit Taschenspielkunst?" „Mein lieber Sohn, ich bin durchaus nicht abergläubisch. Man hat mich auch durch keinerlei Hokuspokus getäuscht. Höre nun, wie es gekommen ist. Ich erzähle dir so, wie ich es von meiner lieben Mutter gehört habe. Dann wirst dn selbst urteilen." _ V : II. v „Als Kind erkrankte ich Plötzlich schwer. Wochen hindurch lag ich in. hohem Fieber. Ich aß nicht und trank nicht. Ich war bereits so entkräftet, daß ich nicht mehr die Straft besaß, im Bette aufzufitzen und erkannte nicht, einmal mehr meine teure Mutter. Meine Eltern waren verzweifelt. Ich war das einzige Kind, der letzte Darovski. Man holte eineru»Arzt aus Krakau und ließ auch den berühmtesten Warschauer Professor kommen. Drei Lemberger Aerzte wohnten bei uns ' eine ganze Woche hindurch. Aber keiner hat mir geholfen. Mein Vater ward immer mehr in sich gekehrt, meine Mutter hatte die Verzweiflung aufs Krankenbett geworfen. Der Tod lauerte schon am Kopfende meines Weites. Da kam die Frau des Ritters Täddäus Gntewosz zu uns zu Besuch. „Hier kann nur noch ein einziger Mensch helfen" — sagte der Gast —-„wenn überhaupt noch eine Hilfe möglich ist, da kann nur-noch Mendel, der Rimanower Rabbi helfen." Mein Vater ließ sofort einspannen, und meine Mutter war mit einem Mate wieder gesund. Mein Vater war zur Zeit des Dirrktv' riums bevollmächtigter Minister in Paris und ein Freund des Abbee Siehes. - Du kannst dir denken, daß auch er nicht ^an Geister glaubte. Meine Mutter hatte die „Neue HeloiseS ins Polnische übersetzt. Sie war kein zurückgebliebenes Dorfweib, aber welche Mutter wird nicht abergläubisch, wenn das Leben ihres Kindes aüf dem Spiele steht? Es kann ja sein,» daß sie von Rabbi Mendel nichts erhoffte/ aber Tatsache ist, daß sie noch in jener Nacht sich auf den Weg machte, um zu ihm zu gelangen. Die Landstraße war mit Schnee bedeckt, der Vollmond beleuchtete den Weg des Schlittens. Morgens fünf Uhr kam meine Mutter im Hause des Rabbi von Rimanow an. Damals waren bereits eineinhalb Tage vergangen, seitdem ich in Bewußtlosigkeit verfallen war und ohne Nahrung dalag. In der Küche des Rabbi wurde eben Brot gebacken. Das heißt viele Brote für die Armen. Man versprach meiner Mutter, sie. nach dem Morgengebet in das Empfangszimmer des Reb Mendel zu führen. Ihre Begegnung mit dem Rabbl erzählte meine Mutter folgendermaßen. III. „Der Rabbi empfing meine Mutter, in einem einfachen, hellen, geräumigen Zimmer. Auf seinem Gesicht lag ein melancholisches Lächeln, aus seinem Auge glänzte Güte und tiefes Verständnis. Seine Stimme war ruhig, aber hellklingend, beruhigend und warm. Als meine Mutter ihm meinen Zustand erzählte, antwortete er: „Lassen Sie, liebe Frau, den Krakauer Feldscher zu Ihrem Sohne kommen. Er ist bet bedeutendste Arzt in ganz Polen." „Wir hatten ihn schon bet uns", seufzte meine Mutter. „Aber er vermag meinem Sohn nicht zu helfen." ' „Auch er nicht?" „Auch er nicht." Meine Mutter brach nun in Tränen aus / „Sie sind unsere letzte Hoffnung." Mit Milder, trauriger Stimme frug nun der Rabbi: „Ste glauben wohl von mir, liebe Frau, daß ich ein Zauberkünstler sei?" ,-Nein, antwortete Mutter, „das glaube ich nicht! Aber jedermann, die ganze Gegend kennt. ' - Der Israelit. Sie und weiß,-was für ein Leben -Sie führen: 7 Wie gut Sie sind Und wie fromm und wie edelmütig. Und ich glaube, daß Sie unserem lieben Herrgott näher stehen als ich. iFhr Gebet findet vor dem Herrn eher Erhörung als das weinige. Und meinen Sohn kann nur noch das Gebet retten." Der Blick des Rabbi war wie in die Ferne versenkt. Einige Sekunden dachte er nach, dann sprach er: „So werde ich denn beten für Ihren Sohn." Und er betete. Durch die Spalten des Vorhanges sah meine Mutter, wie er drei Stunden lang betete, begeistert und demütig, vertieft und aufgelöst in der Heiligkeit des Gebetes, erhaben über die Alltäglichkeit des irdischen Lebens, geläutert in dem Feuer eines alles an Gewalt übersteigenden, alles ausfüllenben Gefühls. Tiefe Stille. senkte sich auf das Zimmer herab, nur das Ticken der Uhr war hörbar, und als die beiden Zeiger sich bei 7 zwölf trafen, sprang aus dem Käfig der Uhr der Kuckuck hervor und verkündete mit zwölf Rufen den Mittag. Da unterbrach Rabbi Mendel das Gebet und kam aus seinem Gemach heraus. ,-Gehen Sie heim, liebe Frau", sprach er zu meiner Mutter. „Mit dem zwölften Kuckucksrus hat sich der Zustand Ihres Sohnes zum Bessern gewendet." Meine Mutter legte einen schon früher vorbereiteten, mit Tatern gefüllten Geldbeutel auf den Tisch, aber der Rabbi winkte ab: „Wenn Ihr Sohn ganz Herqestellt sein wird, bringen Sie ihn zu mir", sagte er. „Ich werde meinen Lohn von ihm verlangen." Klopfenden Herzens, mit aufgewühlten Nerven kam meine Mutter zu Hause an. "7,Lebt er? Lebt er? Lebt er?" rief sie schon vom Schlitten dem Lakai zu, der ihr entgegeneilte, um ihr vom Schlitten herunterzuhelfen. „Er lebt, Gott sei Dank!" antwortete der Diener. „Und sein Zustand . . . Hat sich sein Zustand nicht geändert?" frug atemlos meine Mutter weiter und dachte, daß - ihr - das Herz auf der Stelle springen müsse. „Als die Uhr zwölf schlug, hat der junge Herr das Bewußtsein wieder erlangt und Wasser verlangt", meldete der Leibdtener. IV. Dorovski hielt einen Augenblick inne. „Der Rabbi streichelte wohlwollend mein Haupt, als mein Vater mich zu ihm brachte, segnete mich und entließ mich mit einer Bitte. Er bat mich die Juden zu lieben, denn sie sind am meisten auf Liebe angewiesen." Nach einigen Minuten nahm der Major das Wort: *; Vater!" ^Was wünschest" du, mein Kind?" „Welche Bitte haben Sie jetzt an den Rabbi von Rimanow, Vater?" „Was ich von ihm bitte? Daß er meiner nicht vergesse! Sein Gebet hat mich einst den Händen des Todes entrissen und mir ein neues Leben geschenkt. Aber der große Rabbi ist, scheint es, vergeßlich. Er hat das Leben bei mir vergessen. Aber das Leben bietet mir — verzeihe, mein Sohn — keine Freuden mehr. Seitdem deine liebe Mutter gestorben ist, ist es nur voller Traurigkeit. Ich sehne mich nach ihr, ich möchte ihr folgen. Und ich gehe nun hin, um Mendel Torem das Leben zurückzugeben ..." „Auf dem Kwiitel, welches Graf Mizislaw Darovski im September 1883. auf dem Rimanower Friedhof auf das Grab Reb Mendel Torems legte, stand geschrieben: „Geist Abrahams, Jsaks und Jakobs! Betet für das Seelenheil des verewigten Reb Mendel Torim! Du aber, Mendel, der du oben im Himmel nunmehr von Angesicht zu Angesicht vor dem Herrn stehst, bete für das unglückliche polnische und jüdische Volk, bete für mich, Mizislaw Dorovski, und bitte den lieben Nr. SS Seite S Gott, der mir das Leben geschenkt hat, daß er sein Geschenk .wieder an sich nehme. Und bete auch für. meine Kinder und für meine Enkel, du, Reb Mendel Torem! Mizislaw Darovsti, - Sohn der Viktoria." Im Oktober 1883, an einem schönen herbstlichen Vormittag, ist Graf Mizislaw Darovski mit glückseligem heiterem Lächeln auf dem Gesicht eingefchlummert, und als in seinem Gemach die Kuckusuhr Zwölf schlug, hat sein Herz zu schlagen aufgehört. V. Im Frühling 1916 zog ein Reiterkorps durch Rimanow. Zwei Reiter lösten.sich vom Stabe ab. General Graf Kasimir Darovski und sein Adjutant. Sie ritten zum alten jüdischen Friedhof und machten vor einer alten Eiche Halt. Der Divisionär stieg ab und legte ein zusammengeknülltes Blatt Papier auf das moosbedeckte Grab, welches 'sich unter der Eiche wölbte. Der Adjutant sah verwundert mit verständnislosem Ausdruck zu, was sein Vorgesetzter tat, wagte aber nicht, um Aufkärung zu bitten . . . (Das Hakenkreuz als Firma-eichen). Die Höchster Farbwerke, vormals Meister, Lueiuö u. Brüning, — bekanntlich eine der größten deutschen cheniischen Fabriken — haben, wie der Retchsanzeiger ausweist, als Firmenzeichen für ihre gesamten Fabrikate das Hakenkreuz beim Patentamt ein- .tragen lassen. Die Höchster Farbwerke gehören, s» meint dazu Stefane Großmanns Zeitschrift „Das Tagebuch", zu unseren tüchtigsten Jndustrteunternehmungen. Ihre Geschäftsmatznahmen sind der Konjunktur allezeit wohl angepaßt gewesen. Sie müssen also der Ansicht sein, daß das Hakenkreuz eine hervorragend rentable Sache entweder bereits ist oder doch werden wird. Das ist als politisches Signal nicht uninteressant, namentlich dann nicht, wenn man bedenkt, unrer welchen Gewissenskämpfen die Prozedur vor sich gegangen sein mutz. Denn es ist ja doch nicht anzünehmen, daß etwa die Aufsichtsratmilglieder Karl und Arthur von Weinberg — zwei sehr maßgebliche Ausstchtsratsmitglieder! — ihre Einwilligung bedenkenlos erteilt hätten! Sie find zwar, wie es sich für anständige Rennstallbesitzer, Geheime Regierungsräte und Generalkonsuln gebührt, seit langem treu zahlende Deutschnationale; immerhin ist das Taufwasser auf ihrem Scheitel sozusagen noch nicht trocken geworden. Auch macht man sein bestes Geschäft seit vielen Jahren mit einem Präparat namens Salvarsan, dessen 'Erfinder ja schließlich auch einer von denen war, die, hakenkreuzerischer Theorie zufolge, mit all ihren Erfindungen nur Unheil stiften. Welcher Zwang in den Verhältnissen, welches Verantwortungsbewutztsein gegenüber den Aktionären müssen also hier obgewaltet haben, da sie stark genug waren, selbst derart primitive Takt- und Geschmackshemmungen zu überwinden. Sprechsaal. Für unsere jüdischen Aerzte. Es ist eine erfreuliche Tatsache, daß Deutschland den weitaus größten Teil gesetzestreuer Aerzte stellt. Daß die Gesetzestreue mit dem Beruf an sich nichts zu tun har, brauche ich wohl nicht zu erwähuen. Worauf ich aber in diesem Werk Hinweisen möchte — es gibt keine Fachschrift für jüdische Aerzte — und waS schon mancher Kollege erfahren haben dürfte, ist, daß manche Gesetzesvorschriften vielleicht ihrem Wesen entsprechend therapeutischen Wert haben können. Bekanntlich ist daS Krankheitsbild der Nervosität für den Arzt eine Alltäglichkeit. In letzter Zeit befanden sich unter meinen jüdischen Patienten einige Frauen, deren Klagen über Nervosität ihren letzten Grund in einer ausgesprochenen Willensschwäche hatten. Diesen Kranken, denen zur Willensbetätigung jede Gelegenheit manchmal fehlt, empfehle ich, ihrem Wollen ein Betätigungsfeld zu suchen. Um Hilfe dazu gebeten, habe ich in letzter Zeit u. a. insbesondere die rrü w herangezogen. Ich gehe hier nicht weiter darauf ein, bemerke aber kurz, daß gerade bei dieser therapeutischen Anwendung eines Gesetzes der Ursprung und der Wert desselben an Bedeutung gewinnt. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, daß unsere Rabbiner heute vielfach nicht die"' nötige Betonung auf die Schwere des Gesetzes legen, sobatz gerade dieses Gesetz leichtfertig umgangen wird. So komm» es zu der betrübenden Erscheinung, daß z. B. im Rheinland in letzter Zeit viele rituelle Bäder gebaut wurden, die aber mehr oder weniger alle unbenutzt bleiben. Daß hierbei der gesetzestreue Arzt beruflich helfen kann, darf ich aus meiner Erfahrung berichten und zu helfen, möchte ich deshalb jedem Kollegen empfehlen. Dr. med. Dr. phil. Erich StmouS, Arzt für innere Krankheiten u. Nervenleiden. Köln a. Rh.