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Der Israelit · 1920-12-30 · Heft 52 (30.12.1920) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 52 (30.12.1920)
Date
1920-12-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Der erste S-erra-biner von Jerusalem. KinStück ans derLeöensgefchichte des„SchetsH". II. Die Verhältnisse, die der „Scheloh" im heiligen Lande vorfand, waren im Vergleich zu dtznen in Deutschland geradezu ideale. In Frankfurt, Wien und Prag, wo der Rabbi zuletzt wirkte, gingen die Wellen des Judenhasses hoch, und mehr denn einmal traten sie über die Ufer, um jüdisches Gut und Blut zu zerstören. Im Hinblick auf diese Verfolgungen wohl schrieb der „Scheloh" in seinem „Buche der Tschuwah" die Wortspiele: 'ntse naa ntT x^2 ,,-iüvL» px;tex nmn x^>2 ,bw px„;nßnnpxi ,“120x^2 nsipjipx;n;ybi pjn xte ,rw-px;iww *?ip xh pav px;t**np rmuri x^2 ,V-in px jrto» vb2 px;awn nm x*72 pp px;y:ö xf?2 ,j«vpx;njn xd2 iw px;nnjxP ,nnvV ^2;nn«ft .nnten?2 a ... . ntepb ,n b&üti d2 * .n^'b (,n'3>2 S2 Ganz anders lagen die Dinge im Oriente. Die spaniolischen Juden wurden von den Mohamedanern und den türkischen Herrschern mit offenen Armen ausgenommen und recht brüderlich behandelt. Die politische Lage der Juden hatte sich noch wesentlich verbessert durch das Auftreten Joseph des Nässt, der eine hervorragende Vertrauensstellung beim Sultan der Türket einnahm und seine Macht ausschließlich dazu benutzte, seinen Brüdern zu helfen, die in Liberias und Umgegend sich einer Art jüdischer Autonomie erfreuten. Unter der Nachwirkung dieser von Joseph geschaffenen günstigen Verhältnisse kannte sich „Scheloh" von vornherein in Palästina ein fruchtbares Feld für seine Aufbau-Arbe-'t versprechen. Seine Reise geht, nach seinem eigenen Zeugnis, unter einem günstigen Stern vor sich. „Gott war mit mir auf'dem Meere auf dem Festlande und hielt alle Störungen und Hindernisse von mir fern." Auf dem Schiffe nach Tripolt fand er Gunst in den Augen des Kapitäns und erhielt sogar eine eigene Kabine, wo er ungestört seinem Gebete und Thorastudtum obliegen konnte. Kurz vor dem Sukkausfeste gelangte er in Aleppo an und wurde von der Gemeinde mit großem Jubel empfangen, sodaß er dort längere Zeit verblieb, begleitet vom Vertrauen der Gemeinde, wii er es vorher in Prag und anderswo genossen hatte. Die Thoragelehrten der Stadt hielten, wie er selbst schreibt, sein Haus von Morgen bis Abend besetzt, und er »bürde nicht müde, ihnen aus dem Born seines Wissens zu spenden. Die meisten Vorträge hält er in klassischem Hebräisch, entsprechend seinen vielfachen Aussprüchen in seinen verschiedenen Schriften, über die Heiligkeit und Weihe der hebräischen Sprache- .die der des heiligen Landes gleichkomme. Aus seiner Weiterreise erreichte er auch Darüaskus, damals eine Mutterstadt in Israel. Auch hier bildete er den Mittel- und Eingangspunkt der widerstreitenden Kreise und Gemeinden. In Damaskus empfing er Delegierte der Gemeinde Saffed, die ihm die ersten Grüße aus Palästina überbrachten und ihn zu bestimmen suchten, sein Domizil nach Saffed zu verlegen, m«t Hinweis auf viele Aeußerungen von Kabbalisten, die dieser Stadt heute den Vorzug vor allen anderen geben. Den Rabbi zog es indes, wie er in seinem Briefe sagt, nach Jerusalem. Er nahm aber den Weg über Saffed, wo schon Boten aus Jerusalem seiner harrten. Sie überreichten ihm eine Adresse und baten ihn flehentlich, die Stelle des Vorsitzenden des Bes- Dtn und der Jefchiwa in Jerusalem „bis zur Ankunft des Erlösers" zu übernehmen. Die Boten hatten auch eine Generalvollmacht, alle Wünsche des Rabbi bezüglich seines Gehaltes zu L erfüllen. Der „Scheloh" folgte dem. Rufe nach Jerusalem, lehnte aber jede Annahme ^von Gehalt ab und hielt sich nur aus, daß ihm von der Gemeinde eine gute, schöne und angemessene Wohnung überlassen werde. Am Mittwoch in der Woche zu „Chaje Soroh" betrat er in Saffed Palästinas Boden und küßte mit Tränen die heilige Erde. Der Anblick der Ruinen erweckt in ihm tiefe Trauer und er ruft: „Wie lange, 0 Gott, willst du dich der Stätte Judas nicht erbarmen?" Dann aber dankt er Gott, daß er „ganz an Leib und Seele" sein heiliges Ziel erreicht hatte, wenn auch nicht „ganz an Vermögen", da seine Barschaft durch die Reise ganz aufgezehrt wurde. Schon am zweiten Tage seiner Ankunft besuchte er die alten heiligen Gräber in der Nähe der Stadt. Am Grabe von Rabbi Josua, Sohn Chananjes hält er vor versammeltem Volke eine begeisterte Rede über Tschuwah. Nachdem er nacheinander all die dort befindlichen Gräber der Tanatm besucht und noch vieles in der Stadt geordnet hatte, geht er über Liberias und Sichern weiter nach Jerusalem, wo er am Rüstetag zum Sabbat „Wajeze" glücklich anlangt. (Siehe Vorwort zum Gebetbuch „Schaar haschamajim".) Die Lage in Jerusalem war erfreulich. Die Sefardim-Gemeinde zählte 590 Familien, die Zahl der Aschkenafim war doppelt so groß, als in Saffed. Auch die materiellen Verhältnisse waren durchaus günstige, die Nahrung war gut, der Wein vortrefflich und alles sehr billig. Frieden und Eintracht überall. All' dieses schildert der „Scheloh" in seinem ersten Briefe an seine Söhne mit den hellsten Farben und mit der Bitte, es denjenigen mitzuteilen, die Lust hätten, nach Palästina auszuwandern und sich in Jerusalem ansässig zu machen, wo es ihnen an nichts mangeln würde. Die Ankunft des „Scheloh" in Jerusalem wirkte befreiend und einigend. Auch die Sefardtm, die immer noch auf die „Deutschen" etwas stolz herabsahen, empfingen ihn mit Vertrauen und zollten ihm große Verehrung. In Hellen Schaaren strömten sie zu dem Rabbi, in dem sie eine ganz, neue Welt von „Heiligkeit und Reinheit" erkannten und seiner Jeschiwa, in der sie eine ganz neue Lernmethode fänden, eine Lehrmethode, der ein großer Teil seines Hauptwerkes „Scheue Luchaus habbris" gewidmet ist. Vom ersten Augenblicke an war er der gegebene und berufene Führer der Judenheit Palästinas, und die Aschkenasim-Gemeinde wuchs unter seiner Leitung numerisch wie geistig von Tag zu Tag. Drei Jahre der Ruhe und des Wohlergehens genügten, die Gemeinde von Grund auf zu reorganisieren, zumal unter der milden Regierung des Mohamed Pascha, der auch auf seine Kosten den Anbau am Grabe Rachels ausführen ließ. Ein Berichterstatter teilt mit,, daß aus allen Gegenden der Welt damals Juden nach Jerusalem strömten und daß die, heilige Stadt zu dieser Zeit von Juden mehr Gewohnt war, als je zu einer anderen Zeit des Golus. „Und viele waren es, die sich Häuser und Felder erwarben und die Trümmer wieder aufbauten." „Scheloh" sieht darin Vorzeichen der Geula und setzt seine ganze Kraft darein, seine Brüder auch religiös, geistig und moralisch für die Erlösung fähig und würdig zu machen. Da tritt ganz plötzlich ein Rückschlag ein mit der Übernahme der Verwaltung durch den neuen Pascha Iben Paruch, eines Intriganten, der, der von Haß und Habgier geleitet, eine Schreckens-Herrschaft ausübt. Er läßt auch bald Rabbi Hurwitz mit noch anderen fünfzehn Rabbinen der heiligen Stadt, S^fardim und Aschkenafim, ins Gefängnis werfen. Natürlich hätte er damit nur Erpressungszwecke. verfolgt und auch erreicht. Denn die Gemeinde ließ | sich ein für damalige Verhältnisse ganz gewaltiges Vermögen kosten, um den Gefangenen die Freiheit zu erkaufen. •, ' Die Läge des „Scheloh" bleibt aber^ öon dieser Zeit an unsicher:., . Der habgierige Pascha sieht beständig nach einem gegebenen Vorwand., aus, um mit dem allverehrren „Rabbi" Exp'reffungen an der Gemeinde auszüüben. So flüchtet. „Scheloh" endlich nach Saffed. Auch dort findet er nicht die erwünschte Ruhe und geht bald nach Liberias, wo er fein geniales Hauptwerk „Scheue luchaus habbris" zu Endeschreibt. Hier . bleibt er bis zu seinem Tode, und sein Grabhügel befindet sich außerhalb der Mauer nordwestlich der Stadt, unweit vom Grabe des Rabbi Jochanan, Sohn Sakkris und Rabbi Moses ben Maimon. Die Kuckucksuhr. Aus dem Ungarischen des Julius Fodor übersetzt von Jakob Kraust. I.. Der alte Graf Mizislaw Darovskt saß im Erkerzimmer seines Palais, vertieft in das herbstliche Landschaftsbild. Er blickte wehmütig über die Weinhügel hinweg, die er einst besungen, über die sandige Ebene, die jenseits der Hügel begann und sich weiter hinausstreckt als sein Blick reicht. In dieser Ebene hatte Mizislaw Darovskt jene Wunde erhalten, deren Narbe auch jetzt noch auf seiner Stirne glänzte wie ein feuriger Stern unter den dichten Silberlocken. Darovskt war nämlich einst Dichter und Revolutionär, polnischer Dichter und polnischer Freiheitsheld. Aber mehr als ein halbes Jahrhundert ist seitdem vergangen, da er noch mit Reimen spielte und sein Blut bei Rtmirnoff vergoß. Bon der Poesie und der Revolution ist k ihm nichts geblieben als die Erinnerung, aber wenn man achtzig Jahre auf den Schultern trägt, wird man bescheiden und begnügt sich auch mit Erinnerungen. Graf Darovskt pflegte immer zu sagen, das Leben sei nur dazu gut, um schöne Erinnerungen zu sammeln. Sein Sohn Kasimir, Major bei den Siebenerulanen, stand vor ihm. Sie sprachen miteinander, langsam und gezogen. „Hast du anspannen lassen?" — „Jawohl, Vater. Wir müssen jedoch noch ein wenig warten. Dem Braunen werden die Hufe gerichtet. Wollen Sie m die Stadt, Vater?" „Ja. Wir fahren in die Stadt. In die Schwanengaffe." „Ins Ghetto? Was führt Sie dorthin?" „Ich lasse ein . . . Kwittel schreiben". „Ein Kwittel? Was ist denn das?" „Eine in Schrift gefaßte Bitte. Ein Bittgesuch.. Eine Petition. Mit solchen Knütteln pflegten die frommen Juden mit ihrem Wunderrabbi zu verkehren." „Nun? Sucht denn mein Vater auch eine .Verbindung mit dem Wunderrabbi?" „Ja. Mit dem Wunderrabbi!" „Und wer ist denn dieser Wunderrabbi?" „Er heißt Reb Mendel Torem." „Wo ist seine Wohnung?" „Auf dem Rimanower Friedhof, 1. Parzelle, 1. Gasse, Grab Nr. 27. Fluter dem Schatten einer großen Eiche. Dort ist seine Wohnung." „Und Sie, mein Vater . . ." „Dorthin will ich ihm mein Bittgesuch bringen." „Verzeihen Sie, Väter, daß ich Ihnen so viel mit meinen Reden zur Last falle. Aber was geht uns denn dieser Rabbi Mendel eigentlich an?" „Du, mein lieber Sohn, hast sicherlich nicht viel mit ihm zu tun. Mich jedoch geht er sehr nahe an. Ich habe ihm nämlich mein Leben zu danken." „Aber! Wie können Sie so etwas sagen?

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