Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 61 (1920)
- Issue
- Heft 51 (23.12.1920)
- Date
- 1920-12-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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. >ä| " i ';;1 ,M. Dezember 1900 sicht, breiter Nase, zahnlosem Mund und unsicheren, aber nicht erloschenen Augen, um die rote, wimpertose Lider lagen. Auf den Lippen lag ein bittendes, hilflos und zugleich doch giftig-ironisches Lächeln. Um den Leib des Alten schlotterte ein fettiger Kaftan; auf dem Kopf stülpte sich über das Käppchen, ein' verfetteter Samthut, unter dem schüttere, wirre, eisgraue Schläfenlocken herahhingen. „Das ist mein Hausherr. Er ist. über Achtzig" — -flüsterte mir mein Vetter zu —, „in der Stadt hält man ihn für einen Sonderling und beinahe für verrückt. Aber er ist kein Narr/ Bring ihn zum Reden..." „Nun, was gibt es Neues, Reb Ber?" — wandte sich mit ironischem Lächeln einer von den jungen Leuten an den Alten, und das gleiche Lächeln trat auf einmal auf alle Lippen. Der Alte, antwortete nicht auf die ironische Frage, als hätte er sie nicht gehört. Er trat nahe an mich heran und ohne Gruß stellte er, hart und abgerissen, mit heiserer Stimme, eine Frage: „Woher? Aus Petersburg?" Dabei warf er einen sonderbaren Blick aus seinen rotumränderten, seltsamen Vogelaugen aus mich,. „Ja, aus Petersburg. . ." „Nun? . . . Was gibt es dort in Petersburg? Muß lustig dort fein, he? — Man tanzt wohl auf der Gasse?" — fragte er weiter int selben Ton und wandtk den Blick nicht von mir. „Woraus schließt ihr, daß es in Petersburg so lustig ist?" „Wenn es dort picht lustig wäre, wozu liefe man denn hin? Einst sind die jungen Leute alle nach Mir.gelaufen? Warum? Weil in Mir eine berühmte Ieschibah war. Und in Petersburg ist doch keine Ieschibah; warum laufen fte denn hin?" „Wer läuft denn von hier nach Petersburg?" „Wenn nicht nach Petersburg, also in eine andere Gegend, nach Amerika — ist das nicht einerlei? Aber gerannt wird, von Jung und Alt, wie zu einer Hochzeit." „Also ihr glaubt, Großvater, daß man nach Amerika nur des lustigen Lebens wegen fährt?" — fragte ich. Der Alte wurde auf einmal, sehr ernst und begann dann heftig, in zornig-zänkischem Ton: „Mas habt ihr denn geglaubt? . . . Die Jungen da haben euch wohl gesagt, daß man nach Amerika aus Not und Hunger rennt? Pfeift drauf. Hört ihr — pfeift drauf. Ah! Tun gerade so, als wäre Armut etwas Neues für einen Inden. Wann, — sagt mir doch — wann waren die Juden keine Bettler? Wir, unsere Väter, unsere Großväter — wir alle sind fast Hungers gestorben — und deswegen ist doch keiner von uns nach Amerika gerannt." „Damals hat man von Amerika noch nichts gewußt. Mas war damals Amerika?" — warf mein Vetter ein. „Mars nicht Amerika, so waren es andere lustige Orte" — antwortete der 91 tte — „damals war es „Jnnerrußland", wo. die Leute das Gold mit Schaufeln aufgehoben, habeil, und deshalb ist doch keiner hingerannt. Warum? Weil die Inden Juden waren, Menschen waren. Damals hat man nicht begriffen, wie Ulan so ohne weiteres aus seiner Heimatstadt weglaufcn kann. We kann ich aus Beschenkowitschi weg. Hier bin ich geboren, hier bin ich ausgewachsen, hier ist mein Haus, meine Schul, nreine. Familie, hier auf dem Friedhof liegen meine Eltern, meine Großeltern und Urgroßeltern. Hier femte ich feben und jeder mich. Kurz, hier bin ich ein Mensch. Me 'könnte ich von hier fort? Aber die heutige Jugend ist mit all dem fertig Thora?' Was ist Thora? Eltern? Wer kümmert sich um sie? Wer hört auf sie? Es gibt keine Eltern! -Es gibt nichts, gar nichts! Und da es nichts gibt — kann man rennen, wohin einen die Mße tragen. Der Israelit. Mieder warf er einen fixierenden Blick aus < seinen Vogelaugen auf mich. und feine kleine, untersetzte Gestalt mit dem lvirren, grauen Haar in achte einen sonderbaren Eindruck. In ihr mär etwas, kindhaft Unbeholfenes und zugleich ließ sie die unbeugsame Härte der tief in die .Erde eingegrabenen Wurzeln einer hundertjährigen Eiche ahnen. „Ihr seid böse auf Amerika, Reb Ber, weil eure Frau euch hat sitzen lassen und hingesahren ist" — rief lachend einer der jungen Leute. , „Sie ist noch nicht wLggefahren. Sie sitzt indes in Wiitebsk und wartet auf die Schiffskarte" — antwortete gelassen der Alte und indem er sich an mich wandte, setzte er hinzu: „Ich habe zwei Söhne in Amerika, es geht ihnen dort ganz gut, da haben sie angefangen Briefe zu schreiben und rufen mich und die Alte zu sich dach Amerika. Meine Alte ist ein kluges Weib — so hat sie. sich zusammengepackt und ist weg. Ich aber bin ein Narr — so bin ich dageblieben. Mein Haus ist groß und leer, und ich bin sehr klein — so spaziere ich den ganzen Tag von einem Ziminer ins andere und wenn mir das Spazierengehen ziwider iuirD> so gehe ich in die Schul', Tillim sagen... Wäre ich aber kein Narr und ginge nach Amerika, so würde ich dort ganze Haufen Gold machen. Ich bin ein altes, kleines Männchen, also ginge ich auf die Straße hinaus, täte mich auf ein Faß stellen, damit alle mich gut sehen könnten, begänne zu tanzen, mit den Füßen zu stampfen und zu singeu: Tralala! Tralala! So würden sich eine Menge Leute herumstellen, mich begaffen, sich schütteln vor Lachen und inich mit Geld überschütten. . . Aber ich bin ein Narr und habe kein Verständnis für dieses Glück. So sitze ich in der Schul', sage Tilttrn und keiner gibt mir dafür einen zerbrochenen Heller! Ha, ha, ha!" Er lachte das schüchterne Lachen eines Greises und in dem Lachen klang krankhaftes Verletztsein uild giftige Ironie. Plötzlich hörte er auf zu lachen und begann ruhig und ernst: „Wenn ich euch jetzt sagen werde, daß die Welt sich unrdreht, den Kopf nach abwärts, so werdet ihr euch wohl denken: „Geschwätz eines alten Narren!" Aber ich will eß> euch beweisen. Einst Hai man höher als alles den Kops geschätzt. Ist nichts Geringes, der Kopf! In ihm liegt doch die heilige Thora! So hat man den Kopf wohl gehütet und dazugesehen, ihn, so schön es nur ging, zu schmücken. Man hat ihn mit einem Paar.gekräuselter Schläfenlocken bekränzt, ihn nicht nux bei Dag, sondern auch bei Nacht mit einem Käppchen bedeckt und darüber noch mit einem Hut. Und mit was für einen Hut!? Mit einem Strejmel, für lvelches man schweres Geld gezahlt hat — zwei, zwanzig, dreißig Rubel und noch mehr. Man hat sichs was kosten lassen! Der übrige Körper aber — wer hat sich um den gekümmert? Zerrissene Hosen — ist schon was! Stiefel? Wer hat Stiefel getragen! Man, ist in Pantoffeln herumgegangen, die zwei, drei Gulden gekostet haben. Jetzt aber ist alles genau verkehrt, die Schlafenlocken sind abgeschoren., das Käppchen tveg. Für einen Hut gibt man. kaum zwanzig Kopeken aus und den setzt man nicht auf. Wozu soll man auch jetzt den Kops hüten,? Thora ist ohnedies keine drin! Dafür aber hat inan, begonnen, den ' Bauch zu ehren nutz zu schmücken. Der Leib ist die vornehmste Persönlichkeit geworden. Man denkt nur nn ihn! Mail schmückt ihn zuerst mit einem Riemen,, dann mit einer Weste und noch nicht genug dainit — hängt inan ihm eine goldene Kette mit." Jäh brach der 9llte ab. Seine Angen erloschen und dann sprach er traurig: „Sie stirbt aus, eine Welt stirbt aus. Bald wird man mit der Laterpe einen Juden suchen und — wicht sinpen . . ." Einer von den. jungen Leuten, welcher dem Alten aufmerksam zugehört hatte, sprang auf und antwortete erregt: Nr. fei Seite 9 . pJhr irrt, Großvater! Das jüdische Volk stirbt noch nicht!" Der Alte richtete seine Vogelaugen auf den jungen Mann und sprach im .früheren Tone: „Wer sagt, daß das jüdische .Volk stirbt? Ich habe das nicht gesagt! Im Gegenteil, ich bin der Meinung, daß die Juden noch fruchtbar sein und sich mehren werden! Nein, die Juden werden nicht aussterben^ sie werden leben." Der Alte trat nahe aus den jungen Mann zu, beugte sich zu ihm nieder und setzte mit beißendem Sarkasmus hinzu: „Aber es gibt allerlei Leben. Ein Mensch lebt, eine Katze lebt und es lebt auch ein Schiv ... inr Schmutz . . . Verstehst du? . . ,. Wir wollen aber als Juden leben." (Goethe und die jüdische Musik). Am 2. Ok. tober brachte die „N. F. P." ein Feuilleton von Julius Korngold „Musik", in dem gegen die. Ansicht Max Brods polemisiert wird, als ob in Mahlers Musik, Anklänge jüdischer Motive sich nachweifen ließen. Korngold meint, das Wesen der jüdischen Musik sei nicht recht erforscht oder gesichert. Dazu schreibt Prof. Dr. Kahn in der „Wiener Wahrheit": Interessant wäre es, der Anregung Goethes hierin zu folgen. In der italienischen Reise, zweiter Aufenthalt in Rom, den 1. März 1788, sagt Goethe von Kayser: Er ist ein großer Verehrer der alten Musik und studiert sehr fleißig alles, waS dazu gehört. „So haben wir eine merkwürdige Sammlung Psalmen im Hause; sie sind in italienische Verse gebracht und von einem venetianischen Nobile Benedetto Marcello zu Anfang dieses Jahrhunderts in Musik gesetzt. Er hat bet vielen die Intonation der Juden, teils der spanischen, teils der deutschen, als Motive angenommen, zu anderen hat er .alte griechische Melodien zu Grunde gelegt und sie mit großem Verstand, Kunstkeuntnis und Mäßigkeit ausgeführt." Goethe kennt also nicht nur die Intonation der Juden, sondern weiß genau die Weisen der spanischen von denen der deutschen Juden zu unterscheiden. ^Würde es sich nicht der Mühe lohnen, diese Tatsache an der Hand der Psalmen Marcellos festzustellen? Nach Goethes Angabe sind sie 1721 in Venedig gedruckt. Sie sind 1803 und 1825 wieder erschienen. Eine schöne Aufgabe für jüdische Musiker. inderecke. .MM Lebe junge Fremde! Ihr seid gewiß in der biblischen Geschichte gut bewandert. Ich nehme sogar an, daß Ihr sie nicht nur aus deutschen Büchern, sondern aus den Quellschriften, aus der hebräischen Bibel gelernt habt. Darum werdet Ihr mir auch folgende Fragen beantworten können: 1. Wie heißt der Richter und Prophet, der von seiner Geburt an ein Geweihter war, von Jugend auf Gottes Gesetz sich zur Richtschnur seines Tuns machte und durch keine, schlechten Vorbilder sich vom rechten Weg abbringen ließ, den er verfolgte bis ins höchste Alter? 2. Aus welchem Stamme war der größte aller Propheten, der treueste Führer unseres Volkes, der bescheidenste aller Menschen? 3. Wie hieß die persische Königin, die in Ungnade fiel und ihren Thron einer Tochter Israels überlassen mußte? 4. Welchem Enkel des ersten jüdischen Königs erwies David Wohltaten, der innigen Freundschaft eingedenk, die ihn mit dessen Vater verband? Wenn Ihr die vier Namen unteretnanderstellt, so ergeben die Anfangsbuchstaben den schönsten Gruß, den Euch hiermit entbietet Eurer Onkel in der Ktnderecke.