Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1920-12-23 · Heft 51 (23.12.1920) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
61 (1920)
Issue
Heft 51 (23.12.1920)
Date
1920-12-23
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2446951-2450088-2450136--68635-2525757
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

*’1 *• h 1 ^' - 'J'U ■ -«WIK Wi,a , i.»'-fP, j, . .1 l„v ■,.,M'Uui.-^.r.-.. J m„ + 1 t Feuilleton-Veilage zu Är. si des „Israelit" Ser erste Oberrabblner von Jerusalem. Hin Stück aus derLeöerrsgeschichte des„Scheloh". In diesem Jahre sind drei Jahrhunderte verflossen, seitdem Rabbi IesajasHaleviHurwitz den Boden Europas für immer verließ, um nach dem Lande der Väter auszuwandern. Allen Schwierigkeiten trotzend, führte er im Winter des Jahres 5381 sein Vorhaben aus und wurde Begründer des alten Jischuw der Aschkenasim> Der Anlaß des Gedenkjahres rechtfertigt eine Würdigung dieses Unternehmens des großen Gaons und Pcüästinafreurides, zumal in einer Zeit, da die gesetzestreue Judenheit sich wie kaum je zuvor der praktischen Arbeit für und in Erez Jisroel zuwender. Im 17. Jahrhundert war eine nennenswerte Auswanderung nach Palästina nur im Orient unter den sefardtschen Juden bemerkbar. Im Jahre 5282 zählt die deutsche Gemeinde in Jerusalem, nach dem Berichte eines Reisenden, nur 1§ Familien, die fast ganz unter den Sefardim aufgingen. DieMohamedcmer, die in den Sefardim Stammesverwandte sahen und sie als solche gut behandelten, konnten sich lange nicht mit dem Gedanken befreunden,daß auch die aus Deutschland kommenden Juden „Söhne Abrahams" sind und begegneten ihnen mit Mißtrauen, ja mit Haß. So konnten ^beispielsweise die Aschkenasim keinen eigenen Schlachthof eröffnen, weil die Mosltms sich nie dazu verstanden hätten, die unrituellen Fleischteile den Fremden, die sie für „Unreine" hielten, abzukaufen. Unter diesen Umständen mußten die Aschkenasim, ungeachtet aller abweichenden Riten und Bräuche, sich vollkommen den Sefardim unterordnen. Weder konnten sie ein eigenes Bethaus, noch einen eigenen Friedhof, noch sonstige Institutionen erhalten. Sie mußten sich sogar den religiösen Entscheidungen der sefardtschen Rabbinen' fügen. Erft später kamen einige bedeutende Gelehrte aus Deutschland und dem Osten Europas, die sich aber in ihre Lehrhäuser zurückzogen und außer ihrer ausgedehnten Lehrtätigkeit keinerlei Einfluß auf das öffentliche jüdische Leben ausübten. Es fehlte mit einem Wort in Jerusalem oer Mann der starken Hand, der mit ragendem Geiste alles um sich einigte. Und dieser Mann kam im Winter des Jahres 5381 mit Rabbi Jesaja Halevi Hurwitz, um eine ganz neue Aera mt Gemetndeleben der heiligen Stadt einzuletten. Rabbi Hurwitz ist unter dem Namen „Scheloh", auch „Scheloh Hakkadausch", allbekannt. Er ist einer der ganz Großen, die für alle Zeiten gelebt und gelehrt haben, der, wie ein Zettgenoffe von ihm schreibt, „durch das Feuer zu seinem Volke spricht". Von seiner Gastlichkeit und Hilfsbereitschaft erzählt uns dessen Sohn in seinem Vorworte zu dem „Wowe haamudim", daß er täglich nm seinen Tisch 80 Gelehrte vereinigt sah, die bet ihm aßen und tranken und volle Verpflegung fanden. Ein gütiges Schicksal fügte es aber, daß die reiche zentralisierende Tätigkeit des „Scheloh" nach dem heiligen Lande verpflanzt wurde. Daß fromme Gelehrte und Rabbiner im vorgerückten Alter nach Palästina auswanderten, um ihren Lebensabend in der heiligen Stadt zu verweilen und in heiligem Boden begraben zu sein, war damals keine seltene Erscheinung. Die Beweggründe, die aber den „Scheloh" bet seiner Ausreise leiteten, waren anderer Natur. Es waren nicht Motive des Sterbens und des Todes, sondern des kräftigen Lebens. In seinem Briefe, der zuerst in einer hebräischen Zeitschrift im Jahre 5617 veröffentlicht wurde, gibt er der Hoffnung Ausdruck, daß es, ihm gelingen werde, „an Ort und Stelle die Gemeinde der Aschkenasim in der heiligen Stadt, wie überhaupt den jüdischen Jischuw in Erez Jisroel auszubauen und auszugestalien und durch sein Vorbild auch viele andere zur Auswanderung anzuregen". Aus dieser Erkenntnis und diesem Vertrauen heraus konnte er, so schreibt sein Sohn, Rabbi Scheftel, in dem erwähnten Vorwort das bald von aller Welt anerkannte Recht für sich ableiten, der gegebene Führer Israels im „Lande Israels" („Moro dearoh Jisroel") zu sein. Nicht zuletzt hatte der „Scheloh" die allgemeine Anerkennung auch seiner adeligen Abstammung zu verdanken. Sein Großvater, Rabbi Schabst Hurwitz, war Führer und Dajan der Gemeinde Prag und dessen Vater war wiederum „Fürst und Führer" der Juden in der Stadt Hurwitz in Böhmen, woher die Familie auch den Namen ableitet. Der Stammbaum geht noch weiter zurück, bis aus die größten bedeutensten Männer des Mittelalters. Der „Scheloh" trägt den Namen seines Urgroßvaters, überragt aber durch seine Größe und seine Bedeutung alle seine Borahnen. : Schon in frühester Jugendzeit setzt er die Welt mit seinen Erklärungen und Bemerkungen zu dem Werke semesVaters„En beracha" in Verwunderung. In jungen Jahren besteigt er die Rabbinersitze in angesehenen Gemeinden in Rußland und Wolynien. Von dort wird er nach Posen, damals der bedeutensten jüdischen Gemeinde Westpolens! j berufen, und nicht lange darauf nach der angesehendften Kehillah Deutschlands, nah Frankfurt am Main. Hier hielt er sich aus, seinen rabbinischen Funktionen ohne jedes Entgelt ausfuhren zü dürfen und lehnte jede Bezahlung für religiöse Entscheidung, auch für Vergleiche in Zivtlprozessen konsequent ab. Mit ein Grund für seine Auswanderung nach Erez Jisroel ist, nach dem Zeugnis seines Sohnes, dort Sühne dafür zu erwirken, daß er sich in Jugmdjahren religiöse Entscheidungen bezahlen ließ. Andere Verehrer wußten aber eine Reihe von kabbalistischen Gründen für diese Wanderung anzuführen. Die wenigsten dachten daran, daß der „Scheloh", gleich Anderen und Früheren, wie etwa Nachmanides, neben den religiösen auch wirtschaftliche und soziale Zwecke mit seiner Reise verfolgte. Die Reise ging nicht direkt von Frankfurt a. M. nach Palästina, sondern über Krakau, Wien und Prag, wo er sich noch aufhielt und vorübergehend sogar rabbinische Funktionen ausübte. Aber der Drang seines Herzens führte ihn unaufhaltsam seinem heiligen Ziele entgegen. Bor seiner Familie hielt er zunächst seinen Reiseplan geheim, in der Befürchtung, sie könnte Versuche unternehmen, ihn mit Rücksicht auf sein hohes Alter daran zu hindern. Durch Zufall hatte sein Sohn, Rabbi Scheftel, von dem Vorhaben erfahren. Er läßt es nicht an Bemühungen fehlen, den Vater auf die Gefahren seines Unternehmens hinzuweisen. Seine Antwort lautet kurz sund bündig: „Was kann ichmacher^ mein Sohn? Es ist höhere Bestimmung". (Siehe Vorwort zum Gebetbuch: „Schaar haschomajim".) Auch verschiedene Legenden knüpfen sich an diese Palästinareise. Eine Ueberlieferung erklärt die Verzögerung der Reise mit einem unliebsamen Vorkommnis. Einer seiner Schüler und ständigen Begleiter bestahl den Rabbi um die gesamte für die Reise bestimmte Barschaft. Ohne Willen und Zutun des Rabbi kam die Sache an die öffentlichen Gerichte, die den Dieb zum Tode verurteilten. Der „Scheloh" verwandte sich aber bei den Behörden unter Aufbietung seines ganzes Einflusses für den ungetreuen Schüler, mit dem Erfolge, daß die Todesstrafe in eine mildere Strafe umgewarrdelt wurde. Dem Dieb wurde, nach der damaligen Gerichtsbarkeit, das rechte Ohr abgeschnitten. Der Rabbi aber mußte nun feine Reise auf einige Jahre hinausschieben, bis er den nötigen Betrag wieder beisammen hatte. In späteren Jahren unternahm der.„Scheloh" von Palästina aus eine Reise durch den Orient, um dort die jüdischen Gemeinden kennen zu lernen. Kurz vor dem Pesachstst» kam er in Konstantinopel an und wurde von einem der Führer der Gemeinde eingeladen, mit ihm das ganze Fest zu verleben. Als er nach Festesausgang sich mit Dankesworten entfernen wollten, führte ihn der Hausherr in ein einsames Zimmer, kam mir gezücktem Messer auf ihn zu und sagte kurz: „Deine Stunde, Rabbi, hat geschlagen, du mußt sterben!" Alles Bitten und Flehen des Rabbi nützte nichts, es blieb ihm nur noch knappe Zeit, sein Sündenbekenntnis abzulegen. Wie dieses geschehen war und der Rabbi todeskereit vor seinem Richter stand, trat dieser plötzlich an ihn heran und sprach: „Kennst du mich denn nicht, ich bin dein früherer Schüler und Diener. Ich hatte es dir all die Jahre nicht vergessen, daß ich deinetwegen litt und du meine Verstümmelung damals nicht verhindert hast. Nun hast du durch die ausgestandenen Todesängste deine Säuld gebüßt und kannst in Frieden deines Weges ziehen". Das von ihm gesprochene Sündenbekenntnts, so sagt der Bericht, sei identisch mit dem in seinem Werke „Schne Buchaus habbris" zum Truktake „Peffochim" enthaltenen „Vidui". Man weiß aber in Forscherkreifen nichts davon, daß der „Scheloh", nachdem er sich in Erez Jisroel ansässig gemacht hatte, jemals das heilige Land noch verlassen hätte. (Fortsetzung folgt.) Ein Kleinfiadtphilosoph. Eine Sichouette von S. Anski.*) Einige Jahre vor dem Kriege bereiste ich die litauische Provinz, um an Ort und Stelle das Emigrationsproblem zu studieren. Ich besuchte eine Reihe litauischer Meinstädtchen und fand sie in einem schrecklichen Zustand. Schon damals, vor dem Kriege, vor dem BolschewisinuA, vor den Pogromen und Jadenschlächtereien, waren die Städtchen krank und tot. Wer nur ein wenig Kraft und Energie hatte, ging eilig nach Amerika. Es blieben nur Greise, Weiber und Kinder. Mit jedem Tage ging der Handel, der alte Erwerb, mehr ein. Das innere Leben der Städtchen war zerbröckelt, gedrückt uns hoffnungslos,. Im Städtchen Besch enkowitschi, wo ich einige Tage verbrachte, traf ich das gleiche tragische Bild wie in anderen Städtchen. Dort fano ich einen Verwandten, bei dem ich einen Abend verbrachte. Einige junge Leute kamen hin, Vertreter der jüdischen pvlitischen Parteien, und unser Gespräch drehte sich die ganze Zeit um die Emigrationsfrage. Mein Vetter legte dar, die einzige Ursache der Emigration sei die furchtbare wirtschaftliche Lage der jüdischen Bevölkerung. Die jungen Leute fanden noch eine Ursache: Die unerträgliche Lage, welche nach dev Unterdrückung der Revolution von 1905 entstan-- den war. Einige fliehen aus Furcht, arretiert zu werden, andere können in der schrecklichen russischen Atmosphäre nicht mehr etmen und drängen hinaus in hie Länder der Freiheit. Ins Zimmer trat ein alter Mann, fast zwerghaft klein, aber dabei breit, so daß er beinahe viereckig aussah. Er war ein hoch-betagter Greis mit tiefgefurchten Falten im Ge- *) Aus dem „Moment" in Warschau.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.